Apartheid gegen Garnelen

«District 9», der Überraschungshit des Sommers, ist realitätsnahe Science-Fiction.

Nach Immanuel Kant sollen sich alle Menschen gleich behandeln – und zwar als Zweck und nicht als Mittel. Hollywood setzt seit Jahr und Tag das Mittel dialektisch ein. Aliens, aus denen hochoktaniger Hass brennt, führen in Science-Fiction-Horrorfilmen vor, wie sie – grausam und gierig uns brave Menschen als Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele benutzen und scheitern. Jetzt gibt es einen Sci-Fi-Film, der aus diesem Schema ausbricht und uns mit den Aliens einen realistischen Spiegel vorhält.

«District 9» heisst das Opus, kommt nicht aus Hollywood, sondern aus Südafrika und ist das, was man früher B-Picture nannte: klein, aber fein. Der Neuseeländer Peter Jackson («Herr der Ringe») hat das Sci-Fi-Kleinod produziert und der südafrikanische Werbefilmer Neill Blomkamp inszeniert. Es kostete gerade mal 30 Millionen Dollar, entpuppte sich alsbald als Sommerhit und spielte inzwischen 105 Millionen ein. Hilfreich waren nicht nur die Youtube-Trailer, sondern auch die Kritiken, die es erstaunlich übereinstimmend euphorisch lobten. Und das mit Recht!
«District 9» ist die intelligenteste, witzigste und unterhaltsamste Gesellschaftsparabel über Südafrika, und die geht so: Irgendwann in den achtziger Jahren ist ein Trumm von Raumschiff über Johannesburg zum Stehen gekommen. Dort rostet es, in der Luft schwebend, majestätisch vor sich hin. Die Besatzung, insektoide Aliens, ging runter und wurde von der Polizei in einer Slum-Township, dem District 9, untergebracht. Der Witz dabei: Die Aliens haben sich weder in pädagogischer Hinsicht der Erde genähert (Motto: Warnung vor dem Weltende) noch in böser Absicht (als Mittel zum Zweck), sondern weil einfach ein Defekt ihr Schiff manövrierunfähig machte. Die Insekten sehen zwar eklig aus und lassen einen fauligen Atem vermuten, sind aber nicht bösartig. Den Behörden sind sie trotzdem zuwider. Sie sollen umgesiedelt werden, weit weg vom menschlichen Anblick.
Eine Aufgabe, die Wikus Van De Merwe übernehmen muss. Ein netter Bürokrat, der Gewalt scheut, sich gegen Reaktionäre wehren muss, bald aber selbst von den Schuppenviechern infiziert wird und zur «Garnele» mutiert, wie die panzrigen Allesfresser genannt werden. Zwischen den Militanten, die kurzen Prozess machen wollen, und den Insekten mit ihrer röchelnden Sprache und dem armen Tropf Wikus gibt’s bald gewaltigen Zoff. Semidokumentarisch erblüht eine wilde Story, pures Genrekino, das zugleich sehr nahe an der Wirklichkeit eine schwelende Apartheid-Mentalität sichtbar macht.

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