Gutgelaunter Enkel

Die offene Version des Fiat 500 ist ein Glücksversprechen und bringt die Menschen zum Strahlen.

Das neue Fiat-500-Cabrio hat eine Art von Begeisterung ausgelöst, die selbst jene Menschen, die gerne auch in ungewöhnlichen Autos durch die Stadt und über das Land rollen, kaum kennen. Bisher verschlossene Nachbarn laufen auf der Strasse dem Einparkenden entgegen, und der Mann fragt mit dem Wissen des notorischen Automagazinlesers: «Den gibt es doch noch gar nicht, oder?» Und die Frau daneben schämt sich ein bisschen und schmilzt doch dahin. «Welcher Motor ist das?» – «Der grosse», antworte ich gross im Sinne wie die grosse Koalition, der 1,4-Liter-Motor hat vernünftige 100 PS und ein eher bescheidenes Drehmoment von 131 Newtonmetern, aber trotzdem macht das hochtourige Kurbeln Spass. Von null auf hundert beschleunigt der Wicht in nur elf Sekunden.

Aber deswegen fährt man keinen Fiat 500. Denn er ist ein Glücksversprechen, auch wegen seiner unaffektierten Form der Entschleunigung. Allein die wunderbare graue Farbe in Kombination mit dem hervorragend verarbeiteten Stoffverdeck bringt Mailänder Sprezzatura auch in brandenburgische Brachen. Ist dann der Sommer so, wie dieser war, erscheint einem die eigene Stadt wie ein Urlaubsort. Jedes Detail des Fiats folgt dem Kindchenschema: Von aussen blinzelt einen der runde Knirps freundlich an. Im Inneren könnte alles auch ein Spielzeugentwurf von Fisher-Price sein. Nur Ältere erinnern sich an die runden Tachos und das altvertraute Faltdach, das auch den Ur-Fiat-500 sonnentauglich machte. Der neue Fiat 500 ist der gutgelaunte, hochbegabte und ziemlich gut aussehende Enkel des alten. Die DNA wirkt vertraut, der Fortschritt innerhalb zweier Generationen beeindruckt.

Die Strassenlage ist gut, der Verbrauch akzeptabel, nur der Wendekreis erscheint angesichts der Winzigkeit des Autos zu gross. Dafür winken und strahlen die Menschen einem zu. Viele Männer werden das Auto kaum nutzen können: Die Damen des Hauses drängen auf den Fahrersitz. Aus welchen Gründen auch immer: Selbst kritische weibliche Feingeister werden vom Fiat 500 C gewissermassen zur Euphorie genötigt. Im Strassenverkehr geniesst der kleine Italiener Narrenfreiheit. Weil er sich von jeder Statuspanzerung distanziert, wird ihm manches verziehen. Scheinbar versetzt der Fiat die Umwelt in so gute Laune wie auch die Menschen, die in ihm verreisen.

Auf der Autobahn wird es ab Tempo 140 etwas laut. Auf der Landstrasse erfüllt er seinen Transportzweck jedoch weitgehend schmerzlos. Der Kofferraum reicht für den Einkauf im Biomarkt und für die kleine Tasche von Hermès. Dieses Luxus-Dropping sei an dieser Stelle erlaubt, weil es einen Hinweis auf die künftige Karriere des 500 C gibt.
Das ist auch ein Verdienst der wirklich exzellenten Farbpalette, die Fiat für den 500 entwickelt hat. Man wünschte sich bei deutschen und noch mehr bei asiatischen Kleinwagenproduzenten etwas mehr Sensibilität in dieser Hinsicht.

Leistung: 100 PS, Hubraum: 1368 ccm
Höchstgeschwindigkeit: 182 km/h
Preis: ab 24 500 Franken

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