Sternstunde der Schweiz

Im Mai 1940 war die Lage verzweifelt. Die Schweizer fürchteten um ihre Existenz, manche hielten den Kampf gegen die Nazis für aussichtslos. Mit dem Rückzug in die Alpen wagte General Guisan alles – und gewann.

Am Apparat meldete sich Oberst Masson: «Sind die Deutschen gekommen?» «Nein, Herr Oberst», erwiderte Hauptmann Hausheer – und es war unklar, ob der Oberst und Chef des schweizerischen Nachrichtendienstes nun enttäuscht oder erleichtert war. Ein paar Stunden später klingelte das Telefon wieder im Kommando des zweiten eidgenössischen Armeekorps, das im Norden an der Grenze zu Deutschland lag. «Und jetzt? Sind sie da? Sehen Sie etwas?» «Nein, Herr Oberst», sagte Hausheer, der bereits recht müde war. Inzwischen war es tiefe Nacht geworden. «Wir haben keine verdächtigen Truppenbewegungen ausgemacht. Alles ruhig im Schwarzwald.» Masson hängte auf. Wenig später rief er noch einmal an: «Aber jetzt sind sie da!» «Nein, Herr Oberst», meldete Hausheer. Ob Roger Masson nach diesem dritten Telefongespräch sich noch ins Bett legte, ist unklar, auf jeden Fall hatte er schon in aller Frühe einen Termin beim schweizerischen Aussenminister Marcel Pilet-Golaz. Der Bundesrat notierte in sein Tagebuch: «Masson fand ich in einem Zustand beunruhigender Aufregung. Er war übrigens nicht der einzige, leider.» Die deutschen Truppen kamen nicht.

In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 1940 rechnete die schweizerische Armeeführung mit dem Angriff der Nazis. «Seit heute früh», schrieb Major Barbey in sein Tagebuch, «mehren sich die Nachrichten und Gerüchte der verschiedensten Herkunft, die sich alle auf die gleiche Formel bringen lassen: ‹Es ist heute Nacht zwischen zwei und vier Uhr.› Ich habe meinen Offizierskoffer gepackt.» Bernard Barbey war Chef des persönlichen Stabes von General Henri Guisan, dem Oberbefehlshaber der Schweizer Armee im Zweiten Weltkrieg.

Einige Tage zuvor, am 10. Mai 1940, war die Wehrmacht in den Niederlanden und Belgien eingebrochen. Mit unheimlichem Druck hatten die deutschen Panzer ihren Gegner vor sich hergetrieben, bald drangen sie in Frankreich ein. Die Schweiz hatte schon einen Tag nach Beginn der Offensive im Westen ihre Armee erneut vollständig mobilisiert, am Pfingstsamstag, den 11. Mai, einem besonders schönen, sonnigen Frühlingstag. 450 000 Mann Kampftruppen, 250 000 Hilfsdienstpflichtige standen im Feld. «Unsere Armee ist bereit, ihre Pflicht an allen Grenzen zu erfüllen», schrieb General Guisan an alle Soldaten. «Mit der letzten Energie wird sie die Freiheit unseres Landes verteidigen gegen jeden Angreifer, wer es auch sei. Wir werden alle, wenn es sein muss, uns für unsere Kinder und für die Zukunft unseres schönen Vaterlandes opfern.»

Am Abend des 14. Mai, als im Dienstquartier des Generals in Gümligen bei Bern der Pikettoffizier Abschiedsbriefe schrieb, während die anderen Offiziere wie befohlen sich ins Bett begeben hatten, war auch der Oberbefehlshaber schlafen gegangen. Nicht im Schloss aus dem 18. Jahrhundert, das man bezogen hatte, sondern in einer Kaverne eines Steinbruchs, den man erst vor kurzem für den General als bombensicheres Notquartier eingerichtet hatte. Am nächsten Morgen erschien er um zehn vor acht wieder im Schloss. Wie gut er geschlafen hat, entzieht sich den Kenntnissen der Nachwelt. Jedenfalls war ihm zugetragen worden, dass einige hohe Offiziere nur unruhigen Schlaf gefunden hatten, so dass er noch am gleichen Tag in einem Befehl an die Soldaten schrieb: «Ich erinnere an die hohe Pflicht des Soldaten, an Ort und Stelle erbittert Widerstand zu leisten. [. . .] Die Schützentrupps, die überholt oder umzingelt sind, kämpfen in ihrer Stellung, bis keine Munition mehr vorhanden ist. Dann kommt die blanke Waffe an die Reihe. [. . .] Solange ein Mann noch eine Patrone hat oder sich seiner blanken Waffen noch zu bedienen vermag, ergibt er sich nicht.»

Der Mai 1940 war die schwierigste Zeit in der Geschichte der Schweiz: Nie schien das Land bedrohter. Was niemand für möglich gehalten hatte, trat im Juni ein, als Frankreich, das im Ersten Weltkrieg vier Jahre lang den Deutschen getrotzt hatte, nach nur sechs Wochen zusammenbrach. Erschüttert beobachteten die Schweizer, wie ihr letzter demokratischer Nachbar, Hitler um Waffenstillstand bat. Manche verloren den Glauben an die Überlebensfähigkeit des Landes. Was hatte die eidgenössische Armee auszurichten, deren Soldaten in schlechtgeschnittenen grauen Uniformen steckten und deren Geschütze zum Teil aus dem 19. Jahrhundert stammten? Panzerabwehrwaffen fehlten, um dem deutschen Blitzkrieg zu stoppen. Flugzeuge standen wenige bereit. Es gab mehr Piloten als Maschinen.

 

Unzeitgemäss zur rechten Zeit

In diesen kritischen Wochen, als selbst der Bundesrat und viele hohe Offiziere wie betäubt nach Berlin blickten, fiel ein Mann auf, der unentwegt von Widerstand sprach, der den Auftrag der Armee unverdrossen wiederholte, dessen kriegerische Sprache manche für unzeitgemäss, ja provokativ hielten. «Solange in Europa Millionen von Bewaffneten stehen», sagte General Guisan, «und solange bedeutende Kräfte jederzeit gegen uns zum Angriff schreiten können, hat die Armee auf ihrem Posten zu stehen.» General Guisan stieg im Sommer 1940 zum Helden auf. Klarer als jeder Bundesrat sprach er aus, was die verängstigten Menschen hören wollten. Den Eigensinn, an dem die Schweizer von jeher hingen, verkörperte keiner besser als dieser patrizisch anmutende Sohn eines Landarztes aus dem Waadtland. Ein charmanter Herrenreiter, der sich viel auf seine Pferde einbildete, wurde zum Idol der eingefleischten Demokraten.

Als Henri Guisan (18741960) im August 1939 von der Bundesversammlung zum General gewählt worden war, nahm ein Fotograf sogleich ein offizielles Bild auf, das bald überall zu sehen war. Was schon im Ersten Weltkrieg üblich gewesen war, als ebenfalls Bilder der obersten Armeeführung kursierten, entwickelte sich im Fall von Guisan zu einem für schweizerische Verhältnisse beispiellosen Kult. In dem Land, das misstrauisch keinen Regierungschef duldete, hingen noch bis in die sechziger Jahre Bildnisse des Generals: Seine schönen Augen ruhten auf dem Familientisch, sein Profil wachte über dem Stammtisch. Er galt als Retter des Vaterlandes. Guisans Aufstieg war nicht zwangsläufig. Wenig deutete darauf hin. Ein eher durchschnittlich begabter Offizier, den man in deutschen Armeekreisen noch in den dreissiger Jahren als wenig brillant einschätzte, ein militärischer Führer, der nicht als entscheidungsfreudig bekannt war und dem es schwerfiel, Leute abzusetzen und ihnen die schlechte Nachricht zu überbringen, ein Berufsmann auch, der früh kaum mehr für seine Karriere kämpfen musste, weil er eine sehr reiche Frau geheiratet hatte, die ihm ein Leben als Gentleman-Farmer am Genfersee ermöglichte, zeichnete Guisan eine Eigenschaft aus, auf die es im Sommer 1940 ankam. Er war unabhängig. Finanziell sowieso, konservativ, aber keiner Partei angehörend und mit grosser Mehrheit an die Spitze der Armee gewählt, konnte es sich Guisan leisten, zu sagen und zu denken, was ihm beliebte. Er war populär – und er wusste es. Er sah gut aus – autoritär, vertrauenerweckend, väterlich –, und sein feiner französischer Akzent machte sein sonst perfektes Deutsch warm und edel. Die dreissiger Jahre waren die Zeit der grossen Männer – selbst Demokraten sehnten sich nach der ruhigen Hand eines virilen Führers. Es ist ironisch. Gerade in alten Demokratien wie England oder Amerika schien die Regel zu heissen – je aristokratischer, desto besser. Roosevelt stammte aus einer der reichsten Familien seines Landes, Churchill gehörte dem Hochadel an. Guisan hielten manche für einen welschen Patrizier. Tatsächlich waren seine Vorfahren Bauern gewesen, wenn auch wohlhabende.

Im Sommer 1940 entschied Guisan das Schicksal der Schweiz. Wochenlang hatte er mit sich gerungen, er war unsicher, veranstaltete Diskussionen in der Armeespitze, selbst die Idee stammte nicht von ihm, ja anfänglich hatte er sie gar abgelehnt. Doch am 10. Juli 1940 befahl Guisan der schweizerischen Armee den Rückzug ins Réduit, einen engumgrenzten Raum in den Alpen zwischen Sargans im Osten und St-Maurice im Westen. Das Mittelland sollte nur mehr von ein paar Grenzbrigaden verteidigt werden, während der Grossteil der Armee in den Bergen sich verschanzte, um, wie ein Offizier schimpfte, der damals den Schritt bekämpft hatte, «Gebirgsstöcke und Gletscher» zu bewachen. Industrie, Alte, Kinder und Mütter: Kaum wären die Nazis eingedrungen, hätte man sie fast schutzlos zurückgelassen. Das war der Armeeführung bewusst – deshalb hatte man gezögert. Doch kaum war der Entscheid gefallen, vertrat Guisan diesen kühnsten Strategiewechsel der Schweizer Militärgeschichte mit einer Selbstsicherheit, als wäre er im Réduit geboren.

Heute muss man sagen: Guisan wagte viel. In der Bevölkerung und in der Armee war die Idee kaum populär. Wäre Guisan keine dermassen charismatische Persönlichkeit gewesen, dem man vertraute, hätte es vielleicht mehr Proteste und Widerstand gegeben. So vollzog sich der Schritt still und rasch. Dem Bundesrat teilte er die Umwälzung, die einer Preisgabe von drei Vierteln des Territoriums gleichkam, kurz mit. Um Erlaubnis fragte er nicht. Hätte die Strategie nicht verfangen: Guisan wäre nach der Niederlage mit Schimpf und Schande verjagt worden.

Tatsächlich war es eine Verzweiflungstat. Man hatte keine Wahl. Da Frankreich wider Erwarten so rasch zusammengebrochen war, erwiesen sich alle Planungen der Schweiz von einem Tag auf den andern als wertlos. Noch vor dem Krieg hatte Guisan als Oberstkorpskommandant in geheimen Gesprächen eine mögliche Zusammenarbeit mit den Franzosen im Kriegsfall sondiert. Guisan kannte die französische Armee gut, Generäle zählte er zu seinen Freunden. Regelmässig hatten er und seine Frau sie in ihr schönes Landhaus in Pully am Genfersee eingeladen, wo man auf der Terrasse im Park die französischen Alpen betrachten konnte, die auf der anderen Seite des Sees funkelten. Selbst die Franzosen schwärmten bald vom Wein des Lavaux.

In der Limmatstellung

Nach Ausbruch des Krieges wurden die Absprachen intensiviert. Vorgesehen war, dass, sobald die Deutschen die schweizerische Grenze überschritten, französische Truppen in den Raum Basel vorstossen sollten, um die Schweizer zu entlasten. Im Wissen, dass die Schweiz ihre lange Grenze zu Deutschland nicht verteidigen konnte, weil sie dazu zu wenig Truppen aufwies, hatte man sich von Beginn weg in die sogenannte Limmatstellung zurückgezogen, um hier auf der Linie Sargans–Walensee–Zürichsee–Limmat–Bözberg–Hauenstein–Basel auf den Feind zu warten. Selbst für das Halten dieser ersten Armeestellung fehlten Kräfte, weswegen die Franzosen die Verteidigung der linken Flanke bei Basel übernehmen sollten.

Dazu kam es nicht. Ohne die Schweiz zu berühren, hatten die Deutschen Frankreich überrannt und hätten nun von hier aus in den Rücken der Limmatstellung wenden können. Seiner Abwehrstrategie beraubt, starrte der schweizerische Armeestab hilflos nach Norden, Westen, Osten und neuerdings auch Süden, da Italien kurz vor dem Untergang Frankreichs in den Krieg eingetreten war. In dieser finsteren Lage entwarf Oscar Germann, ein Generalstabsoberst, der zivil ein angesehener Strafrechts-professor an der Universität Basel war, die Idee des Réduits, der einzigen Stellung, wo das unwegsame Gelände einem Angreifer, der mit modernen Panzern und Flugzeugen eindrang, maximale Schwierigkeiten bieten konnte. Mit einem Sieg gegen die Deutschen rechnete niemand, doch es ging darum, sie so lange hinzuhalten wie möglich. Wüssten die Deutschen erst um die «Alpenfestung», deren Erringung viele Truppen binden würde, so hoffte man, dürfte sie das abschrecken. Die Sprengung der Eisenbahntunnels am Gotthard und Simplon wurde vorbereitet.

Als man ihm am 24. Juli 1940 auftrug, das Schiff «Stadt Luzern» zu untersuchen, um jede Sabotage zu vereiteln, stellte Korporal Lützelschwab keine Fragen. Mit einem Sprengstoffspezialisten ging er an Bord, schaute unter die Sitzbänke, kontrollierte den Maschinenraum des Raddampfers und prüfte die Rettungsringe. Nachdem er nichts Verdächtiges entdeckt hatte, verliess er das Schiff und postierte zwei Heerespolizisten als Wachen. Vermutlich war ihnen nicht bewusst, welche Verantwortung sie trugen. Am nächsten Morgen sollte die «Stadt Luzern» rund 420 Offiziere mitsamt dem General aufs Rütli bringen: alle Kommandanten der schweizerischen Armee hinunter bis auf Stufe Bataillon hatten sich auf der Wiese zu versammeln, um vom General den Réduit-Befehl entgegenzunehmen. «Ich wollte selbst mit ihnen sprechen», erzählte Guisan nach dem Krieg. «Auge in Auge, als Soldat zu Soldaten. Ich hätte das ja in irgendeinem Lokal oder auf irgendeine andere Weise tun können, bei Morgarten vielleicht oder bei Sempach – doch, nein, es musste hier geschehen, auf der Rütliwiese, an der Wiege unserer Unabhängigkeit, auf dem Boden, der jedem so vieles vor dem geistigen Auge heraufbeschwören musste.»

Der sogenannte Rütli-Rapport, der am 25. Juli stattfand, ging in die Geschichte ein. Mit einer kurzen, improvisierten Rede gelang es Guisan, den Widerstandswillen des Landes zu wecken und die Offiziere, darunter viele Skeptiker, vom Sinn des Réduits zu überzeugen. Wo vorher Defaitismus sich verbreitet hatte, herrschte nun die Gewissheit vor, gegen die Deutschen etwas ausrichten zu können. Für das Selbstbewusstsein der Schweiz, die als eines der wenigen Länder Europas den Krieg unversehrt überstehen sollte, kann die Bedeutung des Réduits kaum überschätzt werden. Ganz gleich, wo man politisch stand: Praktisch die gesamte Bevölkerung glaubte nach dem Krieg, dass sich die Schweiz – auch – dank eigener Anstrengung gerettet hatte. Willi Gautschi, der die Standardbiografie über Guisan verfasst hat, die nach wie vor massgebend ist, schreibt gar von einem «Rütli-Wunder»: «Der Rütli-Rapport ist zu Recht zum Begriff eines historischen Wendepunktes geworden.»

Überleben auf dem Vierwaldstättersee

Mitten in der Nacht vor dem Rütli-Rapport kehrte Korporal Lützelschwab zur «Stadt Luzern» zurück, um die Wachen zu überprüfen. Mit einem Boot ruderte er zum Schiff. Beide Heerespolizisten waren eingeschlafen. «Ich erinnere mich, dass ich damals zu mir selbst sagte: Wir alle sind Waisenknaben, dass wir einen solchen Rapport in aller Öffentlichkeit machen; aber die Nazis sind es auch, sonst hätten sie zugepackt. Das ist gleichsam ein Trost.» Die Überfahrt von Luzern zum Rütli dauerte rund 87 Minuten. Viel Zeit für die Nazis, um die gesamte Führungsspitze der schweizerischen Armee mit einer Bombe auszulöschen.

Die Deutschen kamen nicht. Epische Debatten haben darüber stattgefunden, warum die Nazis die Schweiz nicht kassiert haben. Angriffspläne wurden zwar im Sommer 1940 ausgearbeitet, die die Deutschen mit dem Decknamen «Fall Tannenbaum» bezeichneten, und die Forschung hat gezeigt, dass es sich dabei um dringliche Entwürfe handelte, nicht um Fingerübungen unterbeschäftigter Stäbe. Auch später erwogen deutsche Generäle eine Invasion, doch jedes Mal wurde das Ansinnen verworfen oder durch die Ereignisse überholt.

Was Hitler vom Einmarsch abhielt, ist bis heute umstritten, sicher ist es eine Kombination von verschiedenen Ursachen. Einmal war die unversehrte schweizerische Industrie, die Deutschland belieferte, ein Grund, das Land in Ruhe zu lassen, dann die Eisenbahntunnels durch die Alpen, die man nutzen wollte; oft gab es schlicht dringendere Dinge zu tun, als die kleine Demokratie mit dem mühsamen Gelände zu erobern – selbst wenn die Nazis sich oft masslos ärgerten über das eigensinnige Land.

Interessanterweise wurde Guisan als Symbolfigur des Widerstandes auch von linken Historikern geschont. Man verlegte sich eher auf die Dekonstruktion des Réduits. Indirekt traf das Guisan. Der Zürcher Historiker Jakob Tanner behauptete gar, das Réduit sei nichts anderes als eine «Demutsgeste» gegenüber Deutschland gewesen (siehe nebenstehenden Text).

Schreckliche Berge

Militärisch, das belegen ihre Berichte, hielten die Deutschen eine Eroberung der Schweiz für rasch machbar: In ein bis zwei Tagen wären Zürich und Bern besetzt, in vier bis sechs Tagen stünden sie am Alpenrand, glaubten sie, je nach Planung. Weil sie jedoch die Schweizer für kriegstüchtig hielten, wollten sie recht viele Truppen einsetzen: Zwischen 11 und 21 Divisionen, was je nachdem über 200 000 Soldaten bedeutet hätte. Dänemark hatten die Deutschen mit zweieinhalb Divisionen überrannt, Norwegen mit sechs. «Kampfkraft und Kampfmoral des Schweizer Heeres sind zweifellos gut», schrieb der deutsche Generalstabsoffizier Bodo Zimmermann, der im Herbst 1940 eine Angriffsstudie verfasste. «Die Eigenart des Landes hat zu guter Geländeausnützung und zu besondern Fähigkeiten im Kleinkrieg geführt. Auch die technische Ausbildung des Schweizer Heeres ist beachtlich. Es ist also anfänglich mit zähem Widerstand zu rechnen.» Immer aber ging es den Deutschen darum, die schweizerische Armee auszuschalten, bevor sie sich in die Berge zurückziehen konnte. In allen Studien, auch späteren, wird betont, dass ein Kampf im Gebirge «unkalkulierbar» wäre. Die Berge schreckten ab. Als Zimmermann seinen Bericht ablieferte, war ihm nicht bewusst, dass die Schweizer sich daran machten, sich ins Réduit in den Alpen zurückzuziehen. Vom «Réduit national» hatte Zimmermann zwar vernommen, glaubte aber, dass es im Mittelland liege.

Ohne Zweifel erschwerte das Réduit die Eroberung der Schweiz. Doch die grösste Leistung Guisans bestand darin, einem Land, das an sich zweifelte, die Zuversicht zurückgegeben zu haben, Herr des eigenen Schicksals zu sein. 1945 trat Guisan als General zurück. 1960 starb er.

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