Schwarzwälder Klippe

In der Kunst ist weniger manchmal mehr. Einst waren ja sogenannte summits grosse Mode, Gipfeltreffen von Stars des gleichen Instruments. Sie hatten immer etwas Sportives, waren im besten Fall ausgelassene Kräftemessen. Wenn z. B. in einem Perkussionsorchester auf jeden Zweiunddreissigstel ein Akzent fällt, hat der geneigteste Hörer Mühe, Strukturen zu erkennen und auseinanderzuhalten. Besonders heikel ist die Summierung von orchestralen Instrumenten. Das Klavier ist sich selbst genug, sieben Klaviere (auch das gab’s schon) sind im Prinzip sechs zu viel. Gleiches gilt für kumulierte Gitarren: die Trios etwa, in denen John McLaughlin mit Vorliebe agierte. Pleonasmus droht oder der Killer-Effekt der Schwarzwälder Torte: ein Zacken mag ja hingehen, aber was der Patissier kunstvoll geschichtet hat, wird in grösseren Quantitäten selbst einer schwangeren Diabetikerin im Unterzucker schnell zuwider.

So pellte ich mit gemischten Gefühlen eine CD aus dem Plastik, welche der Wiener Wolfgang Muthspiel im heiklen Gitarrentrio aufgenommen hat – mit dem in Kasachstan geborenen Slava Grigoryan und einem Gross- und Altmeister seines Instruments, Ralph Towner. Der ist berühmt geworden für ein einziges Solo auf «I Sing the Body Electric» von Weather Report, danach für viele majestätisch rauschende Soloalben für ECM. Und mit der Gruppe Oregon, die auf dem westöstlichen Diwan ihren eigenen Sound entwickelte.

Allein, Muthspiel weiss um die pleonastische Klippe; er ist auf Differenzierung aus zwischen seinem elektrischen Instrument, Gri-goryans klassischen Gitarren und Towners zwölfsaitiger. Das Ziel ist Durchsichtigkeit, und das kommt dieser komponiert-kontrollierten und doch fliegenden Musik zugute. Grosse Transparenz. Drei Originale von Muthspiel, nicht weniger als sechs von Towner (darunter ein Klassiker wie «Icarus» und eine Novität wie «In Stride»), ein Standard von Miles Davis («Nardis»). Drei Duette, sieben Trios – MGT macht Appetit auf mehr. Wir verlassen den Tisch gesättigt, aber mit leichtem Magen.

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