Flower-Power-Piraten

Eine britische Komödie zelebriert eine vergessene Ära des Pop-Hörfunks. Kenneth Branagh ist umwerfend.

Mein Gott, sie werden uns aus der Stadt werfen, wenn sie das hören», entfuhr es Scotty Moore, dem Gitarristen von Elvis Presley, nach der Studioaufnahme von «That’s All Right, Mama». Das war 1954. Aus der Stadt wurden sie nicht gejagt, dafür begann der Siegeszug der Popkultur. Etwa zehn Jahre später allerdings, als britische Bands die Jugend aller Kontinente eroberten, war das konservative Albion not amused und hätte die Pilzköpfe sehr gerne von der Insel gejagt. Ging natürlich nicht, dafür wurde die Musik im Radio verboten. Die öffentlich-rechtliche BBC, dem Bildungsauftrag verpflichtet, spielte die «Affenmusik» zwei Stunden pro Woche. Dabei war die Jugend aller Schichten fröhlich dabei, aus der Wertewelt der Väter zu emigrieren. Politiker und Moralapostel konnten die Massenflucht hinein ins musikalische Shangri-La der Stones, Beatles, Creams, Beach Boys usw. nicht aufhalten. Es war die Stunde der «Piratensender», die ausserhalb der Hoheitsgewässer vor der britischen Küste dümpelten und mit ihrer Musik und ihren verrückten Moderatoren, den ersten DJs, das neue Lebensgefühl vermittelten. Radio Caroline gehörte zu den populärsten.

Die Geschichte dieses Senders erzählt, mit Flower-Power-Effort, die hinreissende Komödie «The Boat That Rocked», besetzt mit einem gutgelaunten Ensemble, dem unter anderem Philip Seymour Hoffman, Bill Nighy, Nick Frost und Kenneth Branagh angehören. Mit sichtlichem Genuss lassen sie einen Hedonismus aufleben, dem noch kein lähmender Gesundheitsterror den Garaus machen konnte. Sex, drugs and rock ’n’ roll auf einem stampfenden, knarzenden, schaukelnden Schiff.

Im Ensemble-Gewirr bizarrer, verschrobener Luftikusse findet sich auch eine Handlung. Carl (Tom Sturridge), ein Cherubim-ähnlicher Jüngling, gerade dem Knabeninternat entwachsen, wird von der Mama zum Patenonkel Quentin (Bill Nighy), einem Ausbund an britischer Exzentrik, aufs Schiff geschickt, damit er dort «erwachsen» wird. Er plumpst (und mit ihm der Zuschauer) mitten in eine liebenswerte DJ-Hippiebande. Und während die Teenies in London heimlich an ihren Transistorradios den rasanten Spassvögeln mit den eroti-schen Brunft-Bariton-Stimmen verzückt lauschen, versucht die Regierung, den widerlichen Verderbern die Mittelwelle zu kappen. Vor allem Minister Sir Alistair Dormandy, bigott bis zum akkurat gezogenen Scheitel in der Klitschfrisur, hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Hörfunkgeschwür auszumerzen. Kenneth Branagh mit Krankenkassenbrille ist umwerfend! Gesellschaftssatire, Burleske, Musik- komödie. Ein wilder Nostalgiespass.

Lesen Sie auch

«Die reissen mir den Kopf ab»

Physiker Vince Ebert wechselte mit grossem Erfolg zum Kabarett. Er bringt s...

Von Dirk Maxeiner

Monster auf Zehenspitzen

Sie galt als weiblicher Kurt Cobain und Elvis in Frauenkleidern. Jetzt legt...

Von Albert Kuhn

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Die Redaktion empfiehlt

Frieden durch Stärke

Nach dem geglückten Gipfel in Singapur drückt sich die Welt um lo...

Von Urs Gehriger

Indiskrete Einblicke

Ein Referendum will den Einsatz von Sozialdetektiven verhindern. Schon heut...

Von Alex Baur (Text) und Ennio Leanza (Bilder)

Stolz aufs Wallisertiitsch

Der Walliser Dialekt floriert. Gerade bei den Jungen, die ihn pflegen und l...

Von Luzius Theler