«Jede Verhunzung des Deutschen tut mir weh»

Der Berliner Wolf Schneider kämpft als Stildozent und Buchautor für gutes Deutsch. Er liebt alte Wörter und ärgert sich über den Niedergang des Duden und über Kindergelalle im Internet.

«Von nun an ging's bergab», sang die Knef 1967. Herr Schneider, wie geht es der deutschen Sprache?

Schlecht. Die Hälfte aller Siebzehnjährigen hat noch nie ein Buch gelesen, stösst beim Mailen und erst recht beim Chatten fröhlich alle Regeln um und bekommt als Sprachmodell statt der Bücher das Mik-rofongestammel schwitzender Sportler ins Haus geliefert. Obendrein ist schlech-tes Englisch weithin beliebter als gutes Deutsch. Den ärgerlichsten Beitrag zum Niedergang des Deutschen leistet der Duden: Im Sog von 1968 hat er es sich ja abgewöhnt, das korrekte Deutsch zu erfassen und als Vorbild hinzustellen - er registriert vielmehr den statistisch überwiegenden Sprachgebrauch, auch wo er nach bisheriger Vorstellung grammatisch falsch oder stilistisch bedenklich ist, und eine Warnung fügt er grundsätzlich nicht hinzu. Benutzt aber wird der Duden wie eh und je: als Massstab für das Richtige. De facto also hat er die Fehlleistungen der sprachfaulen Mehrheit zur Norm erhoben; er hat eine Teufelsspirale in Gang gesetzt, die die Sprache in die Tiefe zieht.

Ärgern Sie sich noch über Sprachfehler?

Ja und nein. Ja, weil jede Verhunzung des Deutschen mir weh tut. Nein, weil es neben dem Bücherschreiben mein Beruf ist, jungen Journalisten sowie Öffentlichkeitsarbeitern, Redenschreibern, Werbetextern eben solche Fehler auszutreiben, und ein grosses Angebot ist da hilfreich.

In «Deutsch für Kenner» zitieren Sie unter anderen Churchill: Die alten Wörter seien die besten und die kurzen die allerbesten. Ihre schönsten zehn Wörter?

Dürfen es 26 sein? Dann der Schluss von Goethes Ballade vom Fischer, den die Seejungfrau auf den Grund des Sees locken möchte: «Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm, da war's um ihn geschehn; halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn.»

Man spricht vom «hässlichen Deutschen». Gibt es, einmal abgesehen von der Nazi-Terminologie, hässliche deutsche Wörter?

Ja. Rein akustisch zum Beispiel die «Nasshaftkraft» aus der Gebiss-Werbung. Dann vor allem die Modewörter des Soziologenjargons (zum Beispiel «Motivationsstrukturen», wo man auch «Gründe» sagen könnte) und des gehobenen Feuilletons, in dem sich die Befindlichkeiten mit den Paradigmenwechseln um den Vorrang streiten.

Verändert das Internet die Sprache?

Gewaltig - und zwar zum Schlechteren. Beim Mailen gilt Grammatik als nicht mehr so wichtig und Stilistik als reiner Luxus. Das Bloggen ist eine Einladung zu unendlich geschwätziger Selbstbespiegelung und Wichtigtuerei. Beim Chatten werden alle Regeln und Sitten sowieso verachtet, und oft feiert das reine Kindergelalle Triumphe: «Luftschnapp» oder «Megaknuddel». Die Fähigkeit, ja auch nur der Wille, einen sauberen, gar einen schönen oder kraftvollen Text zu schreiben, liegen im Sterben.

Was bewirkt mehr, das Bild oder die Sprache?

Scheinbar das Bild. Das von Napalm zerstörte Kind in Vietnam, Uwe Barschel in der Genfer Badewanne, den Kniefall Willy Brandts in Warschau vergisst man nicht, sie wühlen auf, sie sind Ikonen. Mehr Einfluss auf die Weltgeschichte aber haben die Wörter: Freiheit und Gleichheit, Glasnost und Perestroika, Öko und Bio.

Was halten Sie von der Sprachpflege des Stilkolumnisten Bastian Sick?

Viel. Mit Witz und Erfolg kämpft er für das korrekte Deutsch - und schliesst damit die Lücke, die die an unseren Schulen dominierende Spasspädagogik aufgerissen hat. Meine Arbeit fängt dort an, wo Bastian Sick aufhört: Ich weise Journalisten und Werbetextern nach, welchen gespreizten, leser-ohrfeigenden Unfug gerade gebildete Deutschsprachige auf der Basis völlig korrekter Grammatik anzurichten lieben.

Welche Titel haben Sie abonniert?

Seit Jahrzehnten die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine und den Spiegel. Seit fünf Jahren die Weltwoche.



Die Fragen stellte Jürg Zbinden.

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