Ende einer Monarchie

Ein Gespenst geht wieder um in Asien. In Nepal stehen Kommunisten vor der Machtübernahme.Sie beschönigen ihre Ziele nicht, berufen sich auf Mao und Stalin und wollen die Diktaturdes Proletariats.

Es scheint wie ein Treppenwitz der Weltgeschichte: Während ein Drittel der Menschheit - von Magdeburg bis Hanoi mühsam versucht, mit mehr oder weniger Erfolg das verheerende Erbe kommunistischer Diktaturen zu überwinden, steht ein Häufchen hartgesottener Kaderkommunisten vor der Rückkehr an die Führung eines verarmten Drittweltlandes: in Nepal, einem Bauernstaat von 24 Millionen Einwohnern am Fusse des Mount Everest.

Alles lief ab wie nach dem Handbuch für kommunistische Revolutionen: ein unterentwickeltes Land mit feudalen Kasten, einem gottgleichen König, Grossgrundbesitzern und Leibeigenen. Es gab 1950 und 1990 bürgerliche Revolutionen, die zwar kurzzeitig zu einer demokratisch-konstitutionellen Form der Monarchie führten, jedoch wegen der Streitsucht und Korruption der Politiker sowie aufgrund einer fehlenden bürgerlichen Mittelschicht bald wieder scheiterten. Sie wurden aufgehoben durch königliche Gegenputsche: zuerst durch denjenigen des «guten» Königs Birenda, unter dem von 1962 bis 1990 alle Parteien verboten waren und der eine parteilose Honoratiorenversammlung (Panchayat) als Beratungsorgan gewähren liess. Dann durch den seines Bruders, des «bösen» Königs Gyanendra, der 2005 wieder die absolute Macht an sich riss. Da sich die Sicherheitslage ständig verschlechterte, wurde 2006 der Waffenstillstand ausgerufen. Seither treiben die militanten Maoisten die Politiker der Übergangsregierung - eine Koalition der eher bürgerlichen Kongresspartei, der relativ gemässigten Vereinigten Marxisten-Leninisten und fünf kleinerer Koalitionsparteien vor sich her. Schrittweise wurde der König entmachtet, es wurden ihm die politischen Befugnisse und der Oberbefehl über die Streitkräfte entzogen, die Paläste und Ländereien verstaatlicht und Wahlen zu einer Nationalversammlung abgehalten, mit der Vorgabe, eine republikanische Verfassung zu schaffen.

Ultimatum an den König

In der Vorwoche wurde schliesslich unter dem Jubel der militanten maoistischen Jugendliga die Republik ausgerufen. König Gyanendra, der sich unter dem Schutz einer 1500 Mann starken, loyal gebliebenen Truppe in seinen Palast zurückgezogen hatte, erhielt ein Ultimatum. Innert 15 Tagen müsse er delogieren, damit sein Palast zum Museum werden könne. Zur Not, so wurde gedroht, müsse Gewalt angewendet werden. Der Maoistenführer Prachanda meinte ominös, oft habe der Sturz einer Monarchie mit der Enthauptung des Königs geendet. Doch mittlerweile liess Bürger Gyanendra verlauten, er werde freiwillig gehen, sobald er eine angemessene Residenz in Kathmandu gefunden habe.

Die Maoisten waren bei den Wahlen im April mit dem Gewinn von 30 Prozent der Stimmen, 50 Prozent der Wahlkreise (die sie meist vorher schon militärisch kontrollierten) und 217 von 601 Parlamentssitzen klarer Wahlsieger geworden. Dazu verfügen sie über 5000 Guerillakämpfer und 20 000 Milizionäre sowie eine kommunistische Parallelverwaltung, die mittlerweile etwa 80 Prozent des Landes beherrscht. Das zerstrittene bürgerliche Lager der Kongresspartei (110 Sitze), die feindlichen Brüder der Vereinigten Marxisten-Leninisten (103 Sitze) oder die Monarchisten haben kaum noch eine Chance. Angekündigt ist nach der aktuellen Phase der «bürgerlichen Demokratie» und des Sturzes der Monarchie die Diktatur des Proletariats durch die maoistische Kommunistische Partei Nepals.

Die beiden 53 Jahre alten Anführer der Maoisten, Militärchef Prachanda («der Zornige»), ein ehemaliger Schullehrer und Agrartechniker, und sein Chefideologe Dr. Baburam Bhattarai, der zeitlebens nur als Revolutionär agitierte, haben an ihren Zielen nie Zweifel gelassen. Nach dem Ende der Monarchie und des «Feudalismus» soll zunächst ein Präsidialsystem mit Prachanda als Präsident eingeführt werden. Auch das Amt des Ministerpräsidenten beanspruchen die Maoisten. Der Widerstand der 7-Parteien-Koalition der Übergangsregierung unter Premier Koirala (Kongresspartei), die eine parlamentarische Demokratie anstrebt, ist nur noch ein hinhaltender. Zwar sind in der 50 000 Mann starken ehemals königlichen Armee die monarchistischen Sympathien weiter wirksam, doch sie ist durch die Niederlagen während des letzten Jahrzehnts empfindlich geschwächt. Der Druck der Guerillas, die sich entgegen den Waffenstillstandsbedingungen keinesfalls entwaffneten, ist in dem unzugänglichen Gebirgsland so massiv, dass an eine effektive militärische Gegenwehr kaum noch zu denken ist. 13 000 Tote hat ihr Partisanenkrieg bisher gekostet.

1996 hatten die Maoisten ihren Aufstand lanciert. Sofort vertrieben sie in den von ihnen terrorisierten Landstrichen die Grossgrundbesitzer, Behörden und Schullehrer, zogen eigene Schulen und Verwaltungen auf, nahmen Zwangsrekrutierungen vor, zogen «Revolutionssteuern» ein, konfiszierten Ernten und richteten Umerziehungslager ein. Für ausländische Journalisten wurde Pfadfinderromantik mit Lagerfeuer, Gesang und emanzipierten jungen Frauen vorgeführt. Die alte Masche Maos und seines Propagandisten Edgar Snow mit den harmlosen Landreformern also. Tatsächlich sind die Parallelen zu anderen kommunistischen Guerillabewegungen in Ostasien unübersehbar. So sind wie schon bei den Roten Khmer Wucher, Glücksspiel, Alkohol und Rauchen in den «befreiten Gebieten» verboten. Frauen haben eine besondere Kleidungsordnung zu befolgen. Verstösse werden streng bestraft. Vermeintliche Spione und Kollaborateure der ehemaligen königlichen Regierung werden erschossen.

Obwohl Prachanda und Bhattarai beide zur führenden Brahmin-Kaste gehören, stützen sich die Maoisten auf jene wie Untermenschen behandelte Mehrheit der Angehörigen der niedrigen Kasten, wie etwa der Unberührbaren (Dalits) und der Eingeborenen-Stämme. Zu ihnen gehören das 1,2 Millionen zählende Volk der Tharu im Flachland oder die Magar, ein Mongolenstamm im Bergland, denen die Regierung in den letzten Jahrzehnten nach und nach das Land wegnahm, um es brahmanischen Günstlingen als Lehen zu übergeben, die die landlos gewordenen Ureinwohner dann als Leibeigene behandeln konnten. Es handelte sich bei der Aufstandsbewegung in Nepal daher sowohl um einen Kastenkrieg wie um ethnische Konflikte, die von den Maoisten für ihre Zwecke missbraucht wurden. Dank ihrer Rücksichtslosigkeit konnten sie sich gegen die meist friedlichen, oft fatalistischen Nepalesen durchsetzen.

Nach Ansicht des Chefideologen Bhattarai haben China nach Mao und die Sowjetunion nach Stalin den Sozialismus verraten. 1989 fand für ihn eine grosse Konterrevolution statt. Mit der Revolution in Nepal aber werde sich das Blatt wieder wenden.

China und Indien sind beunruhigt

Die Nachbarn China und Indien, die sich normalerweise misstrauisch beäugen, beobachten das maoistische Unruhenest mit grosser Sorge. Indien, weil die nepalesischen Maoisten mit der naxalitischen Untergrundbewegung in Ostindien verbündet sind, die mit einem ähnlichen Programm vor allem die Bundesstaaten Bihar, Assam, Westbengalen und Andhra Pradesh terroristisch heimsucht. Beide erhalten von den tamilischen Befreiungstigern, die Sri Lanka destabilisieren, Militär- und Ausbildungshilfe. China, weil es Agitation unter seinen unterdrückten ethnischen Minderheiten vom benachbarten Tibet bis nach Yunnan und unter seinem verarmten, vom Wirtschaftsboom ausgesparten Landproletariat fürchtet. Als die USA, England und Indien nach dem königlichen Putsch vom April 2005 die Militärhilfe an Nepal einstellten, lieferten die Chinesen weiter Waffen und Munition an die Armee.

1996 hatten sich Prachanda und Bhattarai nach ideologischen Zerwürfnissen von den Vereinigten Marxisten-Leninisten abgespalten und im verarmten westlichen Bergland den bewaffneten Kampf aufgenommen. Anfangs galten sie nur als lokales Ärgernis. Ihre terroristischen Überfälle blieben auf drei Randprovinzen beschränkt. 32 Tote gab es im ersten Jahr ihres sektenhaften Aufstandes, ohne dass sie ihrem Ziel, das Land zu destabilisieren, nähergekommen waren. Ihr Ende schien nur eine Frage der Zeit.

Doch gelang es ihnen durch eine geschickte Finanzierung, die sich von organisierter Kriminalität nicht nennenswert unterschied, zu überleben. Raubüberfälle, Entführungen und Schutzgelderpressungen gehörten dazu, ebenso wie grosszügige Spenden, die durch Parteizellen Nepalesen im Ausland (700 000 Nepalesen leben im Exil) mehr oder minder abgenötigt wurden. Als soziale Basis des Aufstandes halfen die absolute Armut auf dem Lande und die Diskriminierung der niedrigen Kasten und der einheimischen Volksstämme. Ohnehin waren viele Stämme, wie etwa die Tharu, schon vor dem Aufstand feindselig gegen die Regierung. Sie akzeptierten die Maoisten als Bundesgenossen, die ihnen Land und Gleichberechtigung versprachen. Befestigte Polizeiposten und vereinzelte Armeestreifen wurden zur Waffenbeschaffung überfallen, Regierungsbedienstete und Lehrer vertrieben, ihre Gebäude zerstört. Gegenangriffe der zehnmal stärkeren Armee liefen ins Leere. Oft beschoss sie unbeteiligte Bauern oder Strassenarbeiter. Auch schuf die Unterbindung von Getreide- und Arzneitransporten, die nicht in Rebellenhände fallen sollten, unter der hungernden und kranken Bevölkerung in den Aufstandsgebieten böses Blut.

Als die Maoisten im September 2002 einen Generalstreik ausriefen, wurde er aus Angst vor Repressalien nach Terrordrohungen selbst in der bis dahin sicheren Hauptstadt Kathmandu befolgt. Durch periodische Offensiven, bei denen es den Maoisten gelang, scheinbar unaufhaltsam ihre «befreiten Gebiete» auszudehnen, wurde in der Anfangsphase die staatliche Infrastruktur lahmgelegt: Kraftwerke, Brücken, Trafos, Telefonmasten und Regierungsgebäude wurden gesprengt.

Touristen, die sich in die Rebellengebiete verirrten, wurde eine Spende als «Revolutionssteuer» abgenommen. Zunächst bestand sie aus einer Packung Zigaretten, sie steigerte sich aber im Lauf der Zeit auf 100 Dollar pro Person - gegen Quittung. Da dieses «Spendenwesen» den Maoisten ein lukratives Einkommen garantierte, wurde ihnen, solange sie prompt zahlten, meist kein Haar gekrümmt. Dennoch dürften die Tage des einstigen Hippie-Paradieses Kathmandu gezählt sein. Das Schicksal von Phnom Penh, das in den sechziger Jahren in Südostasien einen ähnlichen Ruf genoss, ist Menetekel genug.

Albrecht Rothacher ist Botschaftsrat bei der Delegation der Europäischen Kommission bei den Internationalen Behörden in Wien. Er ist Autor verschiedener Bücher über Asien und Herausgeber des «Asia Europe Journal».

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