Massive Überdosis

Die Sängerin Amy Winehouse schrieb den Song des Sommers. Ihr Leben schwebt zwischen grosser Kunst und Selbstzerstörung. Ihre Fans beten für die wilde Londonerin.

In einem Gebiet kann ich, ohne rot zu werden, behaupten, ich stehe an vorderster Front der angesagten Londoner Musik: Ich bin Amy Winehouse’ verwüsteten, melodischen und unvergesslichen Klängen verfallen. Beim Fest einer Freundin legte jemand ihre erste CD «Frank» auf, diese durchtriebenen Oden an weibliche Verführungskraft und Enttäuschung. Sofort bekehrt, bestellte ich ihr nächstes Album, «Back to Black». Nach zwei Wochen hatten wir es im Auto so oft gespielt, dass die Kinder den Refrain mitsangen, wenn Amys rauchige Stimme ihre trotzige Lebenshymne knurrte: They tried to make me go to rehab / I said no, no, no. Alle pfiffen «Rehab». Es war der Song des Sommers 2007 – und Amy war unser Schmuddelkind, das It-Girl, das sich der vernünftigen Mehrheit einfach nicht anpasste. Im Standard schrieb ein Kollege eine Kolumne und tadelte sie, weil sie «all den rührseligen Losern, die ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen», noch Ausreden liefere, was wahrscheinlich stimmt. Aber wen juckt das?

Nur Amy bringt uns alle zusammen

Winehouse ist eins mit ihren Songs – sie besingt fast nur ihre eigenen Erfahrungen als wurzellose junge Städterin, die aus einer alkohol- und drogenbedröhnten Katastrophe in die nächste stolpert. Dieser schuldbewusste Unschuldsengel kann sogar aus der Klage über einen unwillkommenen Hausgast, der ihr die ganzen Drogen wegsnifft, einen munteren Ohrwurm machen. Sie ist von verwegenem Glamour, trägt dicken Eyeliner und lose hochtoupierte schwarze Haare, die sich ständig in ein heilloses Durcheinander aufzulösen drohen, hat tätowierte Pfeifenreinigerarme und Gazellenbeine. Nicht einmal im Pop, wo sämtliche Varianten eines extremen Äusseren inzwischen ausgereizt sein sollten, hat irgendjemand je so wie Amy ausgesehen. Mit ihren Luchsaugen und dem Schönheitsmal kann sie wunderschön sein – und dann wieder völlig derangiert aussehen, je nachdem, was sie am Vorabend getrieben hat. In einer Stadt, die für jeden Musikstil eine eigene Schublade hat, überschreitet Winehouse mühelos alle Grenzen: eine geschickte Neuerfindung des Motown- und Soul-Sounds mit Texten für die nuller Jahre.

Wir waren bei ihrem Konzert im wogenden Parkett des «Astoria». Die Mischung der Fans war grotesk. Zwei jungen Lesben vor uns bescherte die Nähe ihres Idols und des Cuba Libre (Amys Lieblingsdrink) eine solche Reizüberflutung, dass sie zu raufen anfingen. Mir ging auf, dass nur Amy uns alle zusammenbringen konnte. Auf der einen Seite junge Frauen mit blassen Gesichtern und schmutzigen Jeans, die sich alkoholisiert darüber ausweinten, dass der neuste Freund genauso war wie der davor, auf der anderen Seite stabile Akademiker, die Erinnerungen an ihre wilde Zeit nachhingen und unter der Bürokluft gelegentliche Anflüge von Gewissensbissen, Kummer und Weltschmerz verspürten.

Wie konnte die Tochter eines Taxifahrers aus den öderen Vororten der Hauptstadt im zarten Alter von 23 zum Status einer unreinen Ikone aufsteigen? Sie ging zur Schauspielschule, flog aber raus, weil sie sich nicht an die Vorschriften hielt und durch schlechtes Benehmen auffiel. Sie steht ihrem Vater nah, ist fast schon abhängig von ihm, und hat ein reserviertes Verhältnis zu ihrer Mutter, die ihre Lebensweise lauthals missbilligt. In Interviews zeigt sie keinerlei Anzeichen einer intellektuellen Neugier, aber ihre Songtexte haben die Sparsamkeit der Reife, sei’s auch mit einem villonesken Hang zum Gottlosen. Niemand hat den Spass an Drogen je so abschätzig über den Spass am Sex gestellt: It’s got me addicted. Does more than any dick did... Ihre Exzesse sind selbstverständlich ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen. Glasige Augen, leichtes Schwanken mit angesoffener Sinnlichkeit – ihre Auftritte wären undenkbar, wenn sie völlig nüchtern wäre.

Über ihr Judentum spricht Amy grundsätzlich nie; sie ist nicht religiös. Kulturell ist sie aber bis ins Mark ein Produkt des jüdischen Nordens von London, zäh, zumindest die Schale, geistreich und zotig. Ihre eigenen Schwächen nimmt sie gnadenlos auseinander: «Der Kiffer ist defensiv», sagt sie, «bei der Schnapsnase läuft es nach dem Muster ‹Weh mir, ich werde dich ewig lieben›.» Die unter den Tätowierungen verborgenen Narben an ihren Armen bekunden eine Geschichte der Selbstverletzung. Sozial ist sie schwer einzuordnen. Aufgewachsen ist sie in geregelten Verhältnissen bei ihrem Vater, und ihre Lebenswelt war die Londoner Bohème der unteren Mittelschicht.

Blake Fielder-Civil ist als Mann und vor allem als Freund von Winehouse so offenkundig ungeeignet, dass man ihm eine staatliche Gesundheitswarnung auf die Stirn kleben sollte. Ihre Freunde werfen ihm vor, er verschlimmere ihre Rauschgiftsucht – er ist ein ausgewiesener Süchtiger ohne bekannten Lebensunterhalt. Und ihr Drogenkonsum gipfelte kürzlich in einer massiven Überdosis aus Heroin, Kokain und Ketamin, die sie, wie sie hinterher zugab, ohne weiteres hätte umbringen können. Das Paar heiratete im Sommer in Las Vegas. Ihre Mutter zeigte ihr Missfallen, indem sie ihr Hochzeitsgeschenk auf einen Wasserkessel beschränkte, weil Amy es irgendwie nie geschafft hatte, sich selbst einen zu besorgen (wenn man in England keinen Wasserkessel hat, kommt das einer offiziellen Erklärung der eigenen Asozialität gleich).

Vom Durchbruch zum Zusammenbruch

Schliesslich sagte sie doch ja zur Rehab, unter Gebrauch der alten PR-Lüge der «massiven Erschöpfung», aber schon nach 48 Stunden machten Fielder und sie sich wieder aus dem Staub. In der Woche danach brachte das Boulevardblatt The Sun ein erschreckendes Foto von ihr, wie sie im Morgengrauen durch die Strassen taumelte, die Füsse in rosaroten Ballettschühchen, die blutgetränkt waren, weil sie sich Drogen zwischen die Zehen gespritzt hatte, das Gesicht zerkratzt und blutüberströmt von einem Anfall der Selbstverletzung oder Zoff mit Fielder.

Wie viele Londoner hatte ich damit allmählich genug von Amy. Sie steuerte geradewegs auf den «Idiotenklub» zu, wie die Mutter des verstorbenen Kurt Cobain einmal all die Stars nannte, die entschlossen waren, jung zu sterben. Ihr nächstes Konzert (die abgesagten nicht mitgezählt) bestand aus besoffenem Gefasel und vergessenen Texten. Vom Durchbruch zum Zusammenbruch in wenigen Monaten nach dem Abend im «Astoria», als ihr ganz London zu Füssen gelegen hatte.

Und als die Medien sie dann schon als Paradefall der Selbstzerstörung behandelten, tauchte sie plötzlich bei der Mercury-Preisverleihung für neue Musik auf, liess sich nichts anmerken, als jemand anders den Preis bekam, kippte wie üblich eine Flasche Champagner und verblüffte mit einer stimmlich einfach vollkommenen Version von «Back to Black». Ein Saal voller Menschen, die das Schlimmste erwartet hatten, bekam das Allerbeste zu hören. Im Kampf zwischen ihrem Talent und der Harakiri-Mission zu dessen Zerstörung ging diese Runde an ihr Talent. Gott helfe Amy, dem seltsam wilden Kind unserer Zeit. Ich möchte ihre Musik nicht als Nachruf hören. Also drück ich ihr die Daumen und dreh die Lautstärke auf.


Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach

Anne McElvoy ist stellvertretende Chefredaktorin des Evening Standard.

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