Aufstieg und Fall des Ozonlochs

Vor zwanzig Jahren getraute man sich wegen des Ozonlochs kaum mehr an die Sonne. Inzwischen gibt die Wissenschaft Entwarnung. Durch menschliches Handeln gelang die Wende. Warum wird die Umweltsensation kaum beachtet?

Als man Ende der siebziger Jahre feststellte, dass das Ozon in den Luftschichten der Stratosphäre abnahm, brach Panik aus. Denn die Ozonschicht schützt die Lebewesen auf der Erde vor einem Grossteil der UV-Strahlen der Sonne. Das «Ozonloch» wurde zu einem der brennendsten Themen in den Medien. Wer sich in der Badehose an den Strand legte, um sich zu bräunen, galt als Selbstmordkandidat. Kinder wurden grundsätzlich nur noch mit Kopfbedeckung aus dem Haus gelassen, und die Sonnenschutzfaktoren der Sonnencremes wuchsen ins Astronomische. Als besonders gefährdet galten die Australier, und alle untersuchten plötzlich mikroskopisch genau allfällige Hautveränderungen, weil Hautkrebs offenbar sprunghaft zunahm. Die Vorstellung, eines Tages schutzlos der unbarmherzigen Sonneneinstrahlung ausgesetzt zu sein, ja dereinst vielleicht sogar wie in einem Science-Fiction-Film bei lebendigem Leib zu verbrutzeln, wurde zum kollektiven Alptraum.

Ozonschützer USA

Die Schäden an der Ozonschicht führten Experten unter anderem auf den Einsatz von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) zurück, die vor allem in Kühlschränken und Spraydosen verwendet wurden. Die Produktion dieser Stoffe wurde durch das Montreal-Protokoll stark eingeschränkt, das 1987 auf Drängen der USA verabschiedet wurde. Heute wird nur noch etwa so viel FCKW ausgestossen wie 1960. Diese Massnahme zeitigte tatsächlich rasch Resultate. Das Ozonloch begann sich wieder zu schliessen. Das war allerdings seltsamerweise den Medien kaum eine Meldung wert, die sich vorher in apokalyptischen Szenarien gegenseitig überboten hatten.

Die Wissenschaftler streiten sich darüber, ob die Ozonschicht in zwanzig oder fünfzig Jahren wieder die alte sei. Der Leiter des Forschungsbereichs «Atmosphärische Spurengase und Fernerkundung» am Forschungszentrum Karlsruhe, Herbert Fischer, erklärte: «Auf lange Sicht kann man sagen, das anthropogene [menschengemachte] Ozonproblem ist gelöst. Wie stark der Ozonabbau in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren sein wird, ist aber noch offen.»

Ozonabbau? Ja, denn nachdem man bereits annahm, das Problem sei nun gelöst, schockierten im Jahr 2006 Nasa-Forscher die Öffentlichkeit mit der Meldung, das Ozonloch über dem Südpol sei so gross wie nie zuvor, nämlich 27,45 Millionen Quadratkilometer, was der Fläche der USA und Russlands zusammen entspricht.

Diesen Rückschlag erklärten sich die Wissenschaftler einerseits mit Rekordkältetemperaturen in der Stratosphäre, andererseits damit, dass FCKW offenbar eine längere Lebensdauer hat als ursprünglich angenommen, nämlich etwa vierzig Jahre. Deshalb mussten die Prognosen über das Ozonloch nach oben korrigiert werden: Nach neuesten Schätzungen der Weltwetterorganisation dauert es bis zum Jahr 2065, bis das Ozonloch wieder vollständig verschwunden sein wird. Damit wird die Erfolgsmeldung relativiert, aber trotzdem: Man kann aufatmen. Das Ozonloch ist zwar weiterhin beunruhigend gross, aber es wird die Menschheit nicht vernichten. Auch die angebliche Zunahme von Hautkrebs hat sich als falsch erwiesen. Zwar wurden im Jahr 2001 in den USA doppelt so viele Melanome entdeckt wie 1986. Aber der Anstieg beruht gemäss einer neueren Analyse nicht auf dem Ozonloch, sondern darauf, dass Hautkrebs in immer früheren Stadien entdeckt wird. Womit die Ozon-Angst der achtziger Jahre letztlich zu einer positiven Sensibilisierung und häufigerer Früherkennung geführt hat.

Faktor Sonne

Die vorläufige Schlussfolgerung ist also zwiespältig. Die gute Nachricht: Die Apokalypse konnte noch einmal abgewendet werden. Die schlechte Nachricht: Trotz dem FCKW-Verbot wird nicht einfach alles wieder sofort gut. Der «Heilungsprozess» dauert länger als ursprünglich angenommen, und es gibt weiterhin erstaunliche jährliche Schwankungen. Die Ozonschicht fährt offenbar Achterbahn.

Neben FCKW gibt es eben auch verschiedene andere Ursachen wie natürliche Wetterschwankungen, die den Polarwirbel über der Antarktis beeinflussen; auch Sonnenstürme werden verantwortlich gemacht. Und schliesslich ist der Abbau der Ozonschicht immer nur so gefährlich wie die UV-Strahlung, die von der Sonne ausgeht. Seit rund sechzig Jahren misst man eine Zunahme der Strahlungsintensität der Sonne, wenn auch vor allem in Wellenbereichen, die unsere Erdoberfläche nicht tangieren. Doch auch die UV-Strahlung hat, gemäss Messungen des Max-Planck-Instituts, um ein Prozent zugenommen.

Irgendwie scheint das Haar, an dem das Damoklesschwert hängt, also zu halten, aber wir wissen nicht genau weshalb.

«Komm, lieber Jüngster Tag!»

Warum ist das Ozonloch heute kein Thema mehr? Eigentlich hätte nach den ersten positiven Meldungen ein Jubel der Erleichterung ausbrechen müssen. Fast hat man den Eindruck, dass es ein menschliches Bedürfnis nach Apokalypse gibt.

Ein gutes Beispiel ist der der Bestseller «So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen – Es ist soweit», 1985 veröffentlicht vom Wissenschaftspublizisten Hoimar von Ditfurth. Atomkrieg, Umweltkollaps und Überbevölkerung machte er darin als nicht aufzuhaltende Katastrophe aus, und im Gegensatz zu anderen Weltuntergangspropheten wie Martin Luther oder den Zeugen Jehovas, die nach mehreren erfolglosen Versuchen irgendwann darauf verzichteten, einen Termin für die Apokalypse vorauszusagen, sah von Ditfurth kaum Chancen für «unser Geschlecht, die nächsten beiden Generationen heil zu überstehen». Von Ditfurth bezog sich bei seiner Prophezeiung nicht nur mit dem Buchtitel auf Luther. Er zitierte auch mehrfach dessen Stossgebet «Komm, lieber Jüngster Tag!». Denn darin offenbare sich der «Verheissungscharakter des eschatologischen Begriffs». Das letzte Kapitel widmet der Naturwissenschaftler von Ditfurth denn auch den Aussichten auf das Leben nach dem Tod und offenbart damit eine Triebfeder aller Apokalyptiker: ihre Sehnsucht nach der Katastrophe.

Da wir alle Sünder sind, die für die bevorstehende Apokalypse verantwortlich zeichnen, können wir nur durch Verzicht und Reue der gerechten Bestrafung entgehen. Mit diesem Spiel von Schuld und Opfer funktioniert das Endzeitdenken geradezu religiös. Da stossen dann echte Naturwissenschaftler wie Paul J. Crutzen, der für seine Forschungen über das Ozonloch den Nobelpreis erhielt, mit ihren pragmatischen Vorschlägen nicht auf Begeisterung. Crutzen schlug vor, notfalls Schwefel in die Stratosphäre zu injizieren, denn die gegenwärtige Verminderung der Emissionen führe zu einer Beschleunigung der Erderwärmung.

Solche «geotechnischen Grossexperimente» seien unverantwortlich, heisst es nun überall empört. Doch wenn es wirklich fünf vor zwölf ist, wie es beim Klimawandel behauptet wird, warum dann nicht die unmöglichsten, riskantesten Dinge versuchen, anstatt ein paar Kühlschränke in China auszustöpseln? Was hätten wir zu verlieren? Nur eins: den Glauben, dass der Weltuntergang unser Schicksal oder unsere persönliche Strafe ist. Daran aber darf kein Zweifel aufkommen. Oder hoffen wir und glauben wir gar im Stillen, dass das Pferdehaar schon halten werde, was ja, siehe Ozonloch, durchaus denkbar ist? Dann aber wären unsere Weltuntergangserwartungen der Scharlatanerie überführt.


Ivo Bozic ist Journalist und Mitherausgeber der deutschen Wochenzeitung Jungle World.

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