Donnerhall im Geschichtskosmos

Ein neuer Hollywood-Film besingt die soldatischen Tugenden des griechischen Kriegerstaats Sparta anhand der legendären Schlacht von Thermopylen. Hinter dem realen Phänomen Sparta verbirgt sich allerdings mehr und Interessanteres als frühtotalitäres Kasernentum.

Fünf Tage lang verteidigte der Spartanerkönig Leonidas im August 480 v. Chr. die Thermopylen, den sieben Kilometer langen Engpass an der Schnittstelle zwischen der Mitte und dem Norden Griechenlands, gegen eine Übermacht des persischen Grosskönigs, der sein vom Indus und Nil bis zur Donau reichendes Imperium um das Juwel der damaligen westlichen Welt bereichern wollte. Den Hellenen schien der Orientale wie aus dem «unreinen Schoss der Nacht» (Shakespeare) hervorzutreten. Er führte einen Vermächtnis-Feldzug für seinen Vater Darius I., der zehn Jahre zuvor bei seinem Eroberungsversuch in der Schlacht von Marathon an der hellenischen Hoplitenphalanx (schwerbewaffnete Infanterie) gescheitert war. Der Sohn kam mit über tausend Schiffen und einem Lindwurm von 1,7 Millionen Soldaten (die moderne Forschung lässt ihm noch 170000). Das Delphische Orakel prophezeite den Griechen die Katastrophe.

Beim Anmarsch des Xerxes war Sparta, das sich Lakedaimon nannte, der Militärstaat auf dem fingrigen Peloponnes, die griechische Führungsmacht im lockeren politisch-militärischen Defensivbund der hellenischen Stadtstaaten. König Leonidas wusste also, was er an der strategischen Passstrasse mit seiner 7000 Mann starken, zusammengewürfelten Truppe um den Kern der kampfstarken Spartiaten zu tun hatte: die Perser aufhalten, das griechische Bündnis zusammenhalten und den Weg der athenischen Flotte im nahen Meer für die Formierung eines ersten Riegels gegen den maritimen Vormarsch der Angreifer freihalten. Ein klarer Verteidigungsauftrag mit minimalen Siegeschancen, jedoch von grösster moralischer und politischer Bedeutung.

«300», der Film des amerikanischen Regisseurs Zack Snyder über den Opfergang der letzten, von Toten umlagerten Spartaner, memoriert das heroische Etzel-Gemetzel eines verlorenen, verratenen Haufens Comic-verzerrt, in bildtitanischer Bildungs-Hollywood-Sprache. Inmitten einer Blutsuppe en detail bringt der Streifen zweierlei in Erinnerung: zum einen die mythische Allzeitüberhöhung des Leonidas-Kampfes, der sich als historisches Heldenstück durch alle Generationen, Regime und altsprachlichen Gymnasien zog, schliesslich aus Korrektheitsgründen abgesetzt wurde; zweitens das Phänomen des Staates Sparta in Südgriechenland, hinter dem sich mehr und Interessanteres verbirgt als ein weitläufiges frühtotalitäres Kasernement, das die Grossphilosophen Platon («Staat») und Aristoteles («Politik») zum utopischen Lustsäuseln brachte und die Historiker zur Verzweiflung – denn der Militärstaat war so mit seiner Gegenwart beschäftigt, dass er keinen Chronisten hervorbrachte und im 2. Jahrhundert nach Christus gesichts- und tonlos als römische Provinz endete.

Und doch ein Donnerhall im Geschichtskosmos, ein Exempel für Grösse und Elend, eine Gemeinschaft, wie der britische Universalhistoriker Arnold J. Toynbee schrieb, welche die Vielfalt der menschlichen Natur abgelegt habe, um «Marsmenschen, Kriegsroboter, Monster» zu erzeugen. Ganz im Unterschied zum nur 150 Kilometer entfernten Athen, wo in den Augen glühender Antikeliebhaber akropolische Demokratie nebst Kunstglanz und Weisheit die Welt überstrahlte, sofern man Oligarchie, Sklaverei und den Schierlingsbecher für Sokrates elysisch übersieht. Tatsächlich reduzierte Sparta die Gesellschaft auf Kaste und Spezialisierung, auf den Krüppelbefund einer gehemmten Kultur. Wie – so Toynbee – die Eskimos in Jäger und Hunde zerfielen, die Nomaden in Hirten, Helfer und Vieh, die Osmanen in Hirten, Helfer und Menschenvieh, so die Lakedämonier in dominierendes Militärpersonal, die Spartiaten, in waffenschmiedende, halbfreie Periöken im Umland und in Heloten, die in den Furchen eroberter Feldfluren unter strikter Aufsicht für die Ernährung des Militärapparats schufteten.

Das Bild des hellenischen Superpreussen wurde von den aussenstehenden Historikern und Reportern Herodot, Thukydides, Xenophon und dem Nachkömmling Plutarch gründlich radikalisiert, während es in Wirklichkeit strukturgeschichtlich darüber Auskunft gibt, warum eine Landmacht mit lediglich provisorischem Seeanschluss zur Nachbarschaftsexpansion übergeht. Die Spartaner waren als indogermanische Einwanderer (Dorier) etwa 1000 v. Chr. in die herrlich zerklüftete griechische Landschaft eingezogen wie in eine Traumwelt und hatten dort eine Dörfer- und Stadtsiedlung angelegt. Das Gemeinwesen blühte auf, es gab ein Leben vor dem Militärstaat, begütert und kunstsinnig, lebens- und spielfreudig wie die anderen kulturschöpferischen Poleis unter der Sonne. Die Bevölkerung wuchs, man liest die Einwohnerzahl 40000, eine satte Grösse in damaliger Zeit.

Überfordert von 66 Jahren Krieg

Im Unterschied zu Athen und Korinth verkaufte man die Unterworfenen und Unbrauchbaren nicht auf den Sklavenweltmärkten und betrieb, vom apulischen Tarent abgesehen, in der barbarischen Welt auch keine Kolonisation, deren Tempelzeugnisse wir etwa in Italien vielerorts noch mit Händen berühren können. Auch der Handel kam nicht so recht in Schwung, denn Sparta war ja keine Seemacht. Aus diesen beiden Gründen gebrach es ihm an Ventilen für den demografischen Überschuss, den die fröhlich-fruchtbaren Kommunen des griechischen Archipels erzeugten. Die kaum zu umgehende Abhilfe bestand im territorialen Ausgriff, in der Annexion naheliegender Gebiete, und da bot sich das fruchtbare Messenien im Westen als Beute an. Sparta überzog es mit Krieg, um es zu unterjochen, dessen Menschen zu enteignen und ihre Erträge zu kolonialen Preisen zu kassieren, wie es die anderen Stadtstaaten in Übersee machten.

Eigentlich nichts Ungewöhnliches, wären da nicht der erste sechzehnjährige Krieg gewesen (736–720 v. Chr.) und dann, nach Aufständen der gutgeschienten Messenier, noch ein dreissigjähriger zweiter Krieg (650–620 v. Chr.), die das Leben Spartas für immer in Elend und Eisen banden. «Die Eroberung», so Toynbee, «nahm die Eroberer gefangen, ganz wie die Eskimos von ihrer Eroberung der arktischen Umwelt versklavt wurden.» Unter dem Zwang, die in den Hügeln verschanzte messenische Guerilla niederzukämpfen und in die Rumpfbeuge des Helotentums zu zwingen, veränderte sich der spartanische Staat. Sparta erfuhr durch das Gewaltstück, durch die Überforderung des 66 Jahre währenden Ringens, eine Wesensverwandlung, eine Revolution aller Institutionen. Von der Militarisierung des Lebens, verbunden mit karger Kriegswirtschaft und erkaltenden Beziehungen selbst unter den Nächsten, war schon die Rede.

Das Geheimnis des Militärstaates, in den sich Sparta jetzt verwandelte, heisst Gleichheit in der absoluten Exekutionsform der Eunomia, des schwertscharfen Gesetzesgehorsams. Die verordnete Gleichheit als bleibendes Signum erfasste die Kernbevölkerung der Stadt – die dienstbaren Periöken im Schutzring weniger, die messenischen Heloten als Arbeitsherde. Das «Ethos» betraf die Elite. Den auf sie verteilten Landbesitz, von Unterworfenen bewirtschaftet, zehrte die Armee auf. Die Familiensubstanz auch. Die Knaben kamen mit 7 Jahren in militärische Ausbildungslager und durchliefen bis 22 eine harte Ausbildung bei sauer Brot und ohne Liebe. Wer schwächlich zur Welt kam, wurde in der Landschaft ausgesetzt, um in den Naturkreislauf zurückzukehren. Die militärische Eugenik forderte Prachtkerle. Bevor sie in die Kampfeinheiten eingegliedert wurden, um dort 30 Jahre als Spartiaten zu dienen, zu siegen oder zu sterben, verbrachten sie 2 Jahre Kontrolldienst in den messenischen Stützpunkten mit der Lizenz und der freien Lust zu töten.

Der Soldat durfte heiraten. Zu Hause aber war er im Militärlager, in der Wohn-, Speise- und Wettspiel- und Geredegemeinschaft der Kameraden. Schon als Knabe in homoerotischer Patengemeinschaft erzogen, unter Knute und angeblicher Lebensfreundschaft. Er vegetierte ohne bürgerliche Leistung, der Befehlshand des Staates überlassen. Das männliche Schicksal war härter als das weibliche. Auch die Mädchen wurden zu körperlicher Fitness ausgebildet, besassen als Frauen keine Bürgerrechte, aber sonderbare Privilegien in der praktisch gattenlosen Gesellschaft. Sie leisteten keinen Militärdienst, der Bauch gehörte ihnen im promiskuitiven Vielmännerbetrieb und lesbischen Treiben, sie konnten sogar aufsteigen, an den Olympischen Spielen teilnehmen, konspirieren und die Giftzähne wetzen. Die Folgen blieben nicht aus. Aus dem demografischen Höhenflug wurde ein verheerender Sinkflug. Es kam so weit, dass die Spartiaten ihren Heerbann nicht mehr aufzufüllen vermochten und in der Schlacht die kinderreichen periökischen Waffenschmiede und helotische Bauern in die zweite Reihe stellen mussten.

Wie gesagt, dieses Farbenspektrum des Elends stammt von Beobachtern der Aussenwelt, unter denen sich miese Kolporteure befanden. Was Herodot und Thukydides als Zeitzeugen schrieben, trifft indes im Wesentlichen den Kern: Die Spartaner waren seit ihrer Verwandlung sozialisierte Masse, erfindungs-, reformschwach und altväterlich, wirtschaftsautark und xenophob und dabei doch keineswegs so kriegswild, wie man es einer Militärkaste unterstellt. Noch bemerkenswerter die Staatsverfassung: Sie enthält demokratische Versatzstücke mit einem Anflug von Gewaltenteilung und gewissen Ungleichheiten jenseits des egalitären militärischen Lebens. Der König war nicht absolut – es gab sogar zwei, die sich in Schach hielten. Sie wurden gewählt und gehörten, wie alt auch immer, zur Gerusia, einem Ältestenrat von Männern über sechzig, der auf Stabilität, Sitte und Riten achtete und die wichtigsten politischen Entscheidungen traf. Die Alten galten als vornehm, waren die Gleicheren unter den Gleichen.

Kontrollierte Könige

Die Könige sollten keine Friedensmacht besitzen, waren aber Kriegs- und Feldherren wie der besagte Leonidas. Kontrolliert wurden sie von den fünf Ephoren, einer Kommissar-artigen Regierungsexekutive, zuständig auch für den Höchsten Gerichtshof, dem selbst die Könige unterworfen waren. Das immer mächtiger werdende Ephorat verantwortete Auswärtiges, Justiz, Finanzen und Verwaltung, Sittenaufsicht, Erziehung, Ritualwesen (Opfer), Astronomie, Ausländerkontrolle, Diplomatie, Heeresamt und Heeresorganisation und sprach die jährlich wiederholte Kriegserklärung gegen die Messenier aus. Ephoren amtierten für ein Jahr ohne Wiederwahl, vor ihrem Gremium leistete der König jeden Monat den Schwur, die Gesetze einzuhalten. Ephoren begleiteten den König wie Politruks in den Krieg und konnten ihn, wenn er die Bataille vermasselte, unter Anklage stellen. Den Monarchen bot das gleichzeitige Priesteramt, die Verbindung der gläubigen Gesellschaft zu Zeus und zum Delphischen Orakel, keinerlei privilegierten Schutz. Sie waren einschneidend konstitutionalisiert, zu einer Personen-Diktatur wurde Sparta angesichts solcher checks and balances nie.

Nicht ohne Einfluss, sogar entscheidungsmächtig war die Apella, die Volksversammlung der Spartiaten, nicht heterogen wie die athenische Agora, sondern ein disziplinierter Wehrverband. Sie wurde einberufen, um über Thronfolge, Krieg und Frieden und Militärbefehlshaber, über Gesetze, die Listenwahl der Geronten und Ephoren respektive über deren Absetzung per Akklamation zu befinden, tat das jedoch erst nach eindringlichen «Empfehlungen» der Ephoren. Die Bürger hatten kein Haushaltsrecht, anders als in Athen auch kein Antragsrecht, sie konnten nur ja oder nein sagen zu dem, was ihnen vorgesetzt wurde – aber am Ende galt ihre wie immer gelenkte Entscheidung. Mythischen Ursprungs war die Verfassung, ihr Schöpfer Lykurg eine Sagengestalt, vielleicht gar ein Gott, der mit dem Delphischen Orakel kollaborierte, jenem heiligen Schwefelloch, aus dem die Sprecherin Pythia auf Geheiss einer Priesterhierarchie politisch gezinkte Weistümer und Weissagungen herauszog.

Aber neben der Verfassung in lakonischer, also kurzer, konkreter Sprache stand die Verfassungswirklichkeit, in die sich der Tagesbedarf einschleicht, mithin auch das korrumpierende Element, die gekaufte Legitimation. Für die Wehrtüchtigen, denen das egal war, muss die Volksversammlung mit gewohnter Befehlsausgabe – da Ja, dort Nein – ein Wonneausflug aus dem sturen Militärbetrieb gewesen sein. Dessen Härte war schauerlich und doch hocheffizient. Die spartanische Politik verband die Maschinerie der Phalanx mit einer klugen Diplomatie ihres Einsatzes, der insgesamt auf innere Stabilität, Wahrung des regionalen Friedens, sparsame Kriegführung bemessen war. Manchmal erschienen die Spartiaten auf dem Schlachtfeld zu spät, wie in Marathon 490 v. Chr, manchmal machten sie einfach nicht mit, wie bei der Verteidigung der kleinasiatischen Ionier gegen die Perser, so dass die kopfschüttelnden Athener beim Einfall des Xerxes den Attisch-Delischen Seebund gründen mussten (477 v. Chr.), um die vordere griechische Flanke der Küstenstädte des Ägäischen Meeres gegen den wilden Gott-König zu decken.

Die sprichwörtliche Unterstellung, der Militärstaat Sparta sei ein Aggressionsstaat gewesen, trifft also nicht zu. Die Hegemonie, die er nach der Abwendung der persischen Eroberungsgefahr und dem Zerbrechen der griechischen Verteidigungsallianz im Peloponnesischen Krieg (431–404 v. Chr.) zeitweilig über die Perlenkette der griechische Städte erlangte, beruhte auf wechselnden Koalitionen, Hilferufen nach dem «starken Mann», hauptsächlich aber auf der eigenen Absicherung in der stets gefährdeten Lage einer Macht in binnenländischer Mitte. Der Bund, den Sparta mit den es umgebenden Staaten des Peloponnes schon in der zweiten Hälfte des 6. Jh. v. Chr. gegründet hatte, war dementsprechend ein System von bilateralen Nichtangriffspakten, Militärkoalitionen zum mehrseitigen Vorteil und Schutz, also Dienstleistungshegemonie auf Gegenseitigkeit und zudem Verhinderung von Gegenbündnissen, um im Falle von Helotenaufständen unter den nie ganz integrierten Messeniern, dem wahren Schicksalsvolk Spartas, nicht überraschenden Eingriffen von aussen ausgesetzt zu sein.

Diese Entscheidungen, vor allem aber die Elastizität im Umgang mit den Bundesgenossen, die Berücksichtigung ihrer Souveränität, der Freiheit ihrer Beziehungen, ihrer Innenpolitik und ihres Handels, verrät viel Vernunft im diplomatischen Umgang, gleicht in Elementen der Nato als einem Pakt souveräner Staaten unter dem überlegenen Waffenschutzschild der Vereinigten Staaten als eines «gütigen Hegemons». Dabei verhielten sich die Spartaner klüger als die vielgepriesenen Athener, deren vergleichbarer Attisch-Delischer Bund von vornherein straffer organisiert war, nach kurzer Zeit von der Hegemonie in blanke tyrannische Herrschaft umschlug und zerbrach. Ja, eine Lehre für die Gegenwart, genauso aber ein Revisionsurteil über die spartanische Zeit, in der es nicht ganz so geistlos und brutal zugegangen sein kann, wie es uns die quellenarmen historischen Nachdichtungen in abschreckender Bildersammlung darzustellen suchen – von einigen sehr überlegten neueren Forschungen abgesehen.

Unfähig zur Veränderung

Nur, wenn Sparta aufmarschierte, zitterte die Erde, und das Zittern setzte sich bis in die Heerscharen des Xerxes fort, der 480 v. Chr. mit erdrückender Übermacht den Hellespont (heute Dardanellen genannt) überschritten hatte, um noch im gleichen Jahr in der Seeschlacht von Salamis seine Flotte zu verlieren, ein Jahr später auf der Ebene von Platää bei der Stadt Theben sein Heer. Den Schlag zur See führte der Athener Themistokles, den zu Land die Spartaner unter dem nicht minder genialen Königsvormund Pausanias im Koalitionsheer der Griechen. 60000 Perser gegen 40000 Griechen – erst unter Alexander wurden grössere Heere ins Treffen geführt. 5000 schwergerüstete spartanische Hopliten, um sie eine gleiche Anzahl leichtbewaffneter Heloten, erzwangen die Entscheidung. Die Phalanx hatte wie die moderne Panzerwaffe die Reihen des Feindes aufzusprengen, um seinen Körper blosszulegen. Mit unerschütterlicher Ruhe und dem Druck einer riesigen Walze pressten die hochbeschildeten Spartiaten die persische Ordnung auseinander. Die Spezialisten verrichteten ihre Arbeit. Was wäre aus Europa ohne den spartanischen Militärstaat geworden?

Die Antwort, die in dieser Frage liegt, trifft gewiss zu, versagt uns jedoch die Erklärung, wie Sparta in der folgenden Zeit seinen Ruhm verlieren und von der Mitte des 4. Jh. v. Chr. an in unheimlicher Beständigkeit aus der hegemonialen Rolle stürzen konnte. Die Antwort liegt in der Einseitigkeit des militärischen Lebensmusters, der panischen Abneigung der Geronten und Ephoren gegen jede Veränderung, der eingefressenen Latifundienwirtschaft ohne jede kreative ökonomische Tätigkeit, einer Single-Gesellschaft, der der sittengeschichtlich bekannte hellenische Hang zu Päderastie und Homosexualität und die Scheu vor der Grossfamilie buchstäblich die Menschensubstanz raubten.

Kann es für einen Militärstaat etwas Entsetzlicheres geben, als dass ihm die Soldaten ausgehen? Gesellschaftliche Erstarrung, die reformlose Stabilität entstehen liess, dehnte sich auf die Aussenpolitik und auf die Schlachtfelder aus. Die glücklichere Entwicklung in den benachbarten Poleis, aufkommende Unlust an la-kedämonischer Vorherrschaft, endlich die weltpolitische Heraufkunft Makedoniens mit den zupackenden Königen Philipp II. und Alexander dem Grossen veränderten die Machtverhältnisse. Mitten in der Antike wirkte Sparta plötzlich «antik». Die Schlacht von Leuktra im Juli 371 v. Chr. gegen die Thebaner brachte den Offenbarungseid. Deren Innovation der «schiefen Schlachtordnung», ein einfaches taktisches Manöver, raubte der spartiatischen Panzertruppe die berühmte lineare Durchbruchskraft. Einschneidender noch war, dass die schmetternde Niederlage den Verlust des fruchtbaren Messenien nach sich zog.

Es war die erste schwere Niederlage im militärischen Kerngeschäft, und die Kettenreaktion des Prestigeverlusts und Moralinfarkts führte über Trümmerstufen zum Ende der Bündnisse, der Koalitionsfähigkeit, der Kampfeslust. Sparta beteiligte sich nicht mehr am Abwehrkrieg der Poleis gegen die Makedonier, erhob sich nur kurz gegen Alexander und wurde von diesem 331 v. Chr. bei Magelopolos buchstäblich vom Feld gepustet. Die Sache war erledigt. Während andere griechische Städte ihre Macht auf dem Felde aushauchten, starb das Sparta des Leonidas, nachdem es schon mumifiziert war: Die Eule der Minerva begann ihren Dämmerungsflug. Im zweiten Jahrhundert kamen die römischen Legionen. Es war offenbar an der Zeit.

Hellas und Persien: Machtverhältnisse in der Antike



Herbert Kremp, 78, war von 1969 bis 1985 Chefredaktor der deutschen Tageszeitung Die Welt.

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