Verschleppt im Hindukusch

Unterwegs im afghanischen Hochland gerieten Journalisten der Weltwoche in einen Hinterhalt. Taliban-Krieger fesselten sie, raubten sie aus und zwangen sie niederzuknien. Protokoll einer Entführung.

Unser Ziel liegt auf einer Hochebene 120 Kilometer südlich von Kabul, eine trostlose Gegend, die Einheimische schlicht Dasht – Wüste – nennen. Vor zehn Minuten haben wir die Hauptstrasse verlassen und holpern nun über Schotter und Sand. Es ist ein strahlend schöner Tag. Wie Glimmer gleisst das Sonnenlicht aus dem stahlblauen Himmel. Irgendwo da vorne muss der Wagen sein. Der weisse Toyota Corolla, der uns zum vereinbarten Treffen führen soll. Wir stehen kurz vor Abschluss unserer Recherche. Seit Tagen haben wir auf diesen Moment gewartet.

Wir stellen den Motor ab. Warten. Vier, fünf Minuten. Wir rühren uns nicht. Leise säuselt der Wind um das Auto und schlägt aufs Gemüt.

Endlich, Motorengeräusch. Kein Auto jedoch, sondern Motorradgeknatter. Bevor wir uns umsehen können, stehen sie vor uns. Fünf Taliban, die Augen weit aufgerissen. Aus dem Nichts sind sie aufgetaucht und halten ihre Kalaschnikows an die Autofenster, zerren uns aus dem Wagen, nehmen unsere Telefone ab. Sie fesseln uns mit Tüchern die Hände auf den Rücken und stossen uns zurück ins Auto. Vor Schock wie gelähmt, bringen wir keinen Laut hervor. «Jetzt ist fertig», sagt Fotograf Nathan bloss.

Als die Autotüren ins Schloss fallen, sticht uns zuerst der Geruch herber Körperausdünstung in die Nase. Dann sehen wir in der feucht-heissen Luft die schwitzenden Gesichter der beiden Taliban, die sich auf die Vordersitze gedrängt haben. Der eine hat ein aufgedunsenes Gesicht mit asiatischen Zügen und Hände wie ein Fleischer. Sein Bart kraust ihm eine Faustbreit über die Patronenweste. Er ist sehr mit den Tücken der Fahrtechnik beschäftigt und taucht seinen Kopf tief in die Armaturen. Der andere sieht edel aus, hat eine feingeschnittene Nase und hohe Wangenknochen. Mit seinem wilden Haar und den Kajal-geschwärzten Augenlidern erinnert er an Johnny Depp in «Pirates of the Caribbean», aber ohne die Drolligkeit des Seeräubers aus dem Film.

Die Entführer sind in grosser Eile, uns von diesem Ort wegzuschaffen. Wuchtig tritt der Fahrer in die Pedalen, lässt den Wagen einmal wie ein Geschoss losbrausen, um im nächsten Moment abrupt auf die Bremse zu treten. Dabei schüttelt es uns bei jeder Bodenwelle, dass unsere Köpfe ans Autodach schlagen. Die Taliban haben uns vier – Fahrer Ismael, Fotograf Nathan, Reporter Sami und mich – auf den Rücksitz gezwängt. Ismael wollten sie zuerst in den Kofferraum sperren, was wir durch lautstarken Protest verhindern konnten. Vom Beifahrersitz aus zielt der «Pirat» mit seiner Kalaschnikow auf unsere Köpfe.


Die missliche Situation erscheint uns wie ein zynischer Streich des Schicksals. Bei dem geplanten Treffen hätte uns ein Taliban-Kommandant namens Fazlullah die Kampftechnik der Gotteskämpfer erklären sollen. Wir wollten nicht von aussen berichten, sondern von innen. Wir wollten erfahren, wie Taliban denken, wie sie leben und wie sie untereinander kommunizieren. Nun sind wir aus unerklärlichen Gründen selbst zum Objekt ihrer Gewalt geworden.

Zusammen mit Sami Yousafzai, Korrespondent des US-Nachrichtenmagazins Newsweek, einem der besten Kenner der Region, bemühe ich mich seit Jahren um Kontakte zu den Taliban. Wir sind wiederholt in ihr Machtgebiet eingetaucht. Wir beobachteten, wie sie sich nach ihrer Vertreibung aus Afghanistan im benachbarten Pakistan erholten. Im Herbst 2004 sahen wir, wie sie in der Stadt Quetta erstmals wieder öffentlich auftraten – mit stillschweigender Duldung der pakistanischen Regierung. Wir wurden Zeugen, wie sie nach Afghanistan zurückkehrten, das Volk terrorisierten, Schulen verbrannten.

Anfang dieses Jahres gelang es uns schliesslich, einen Kontakt zu einem hohen Kader herzustellen, zu Mullah Mohammed Sabir, dem Taliban-Gouverneur der Provinz Ghazni und Mitglied der Schura, des höchsten Taliban-Rats. Im März kam es zur ersten Begegnung. Sami ersuchte Sabir, ein Treffen mit seinen Kämpfern zu organisieren. Er versprach nichts. Er wollte zuerst die kommende Sommeroffensive abwarten. «Vielleicht im Herbst vor den Toren Kabuls», waren seine Worte, bevor er sich verabschiedete.


Mit jeder Minute wird die Luft stickiger im Auto, das durch die holprige Steinwüste rast. Hinter uns hören wir zwei Motorräder, auf denen offenbar die anderen drei Taliban folgen. Unsere Gemütsverfassung wechselt alle paar Sekunden. Nach dem ersten Schock sammeln wir uns wieder, versuchen Blickkontakt mit den beiden Entführern aufzunehmen. Wir versuchen aus ihren Augen zu lesen. Eine menschliche Geste zu entziffern oder irgendeine Regung, die etwas Zuversicht gäbe. Doch die beiden lassen nicht in sich blicken.

Der «Fleischer» und der «Pirat» sind kaum älter als zwanzig. Sie sprechen kein Wort, ihre Bewegungen sind ungestüm, ihre dunklen Augen funkeln nervös durch die Gegend. Sami versucht mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Wir seien Journalisten und hätten eine Einladung von Fazlullah, dem lokalen Taliban-Chef, sagt er auf Paschtu. Dem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, kennen die Entführer unseren Gastgeber. Doch sie reagieren nicht. Als sie hören, dass das Treffen von Taliban-Provinzchef Mullah Sabir höchstpersönlich arrangiert worden ist, blicken sie sich kurz an, zeigen sich aber unbeeindruckt.

Wer sind sie? Sind wir in eine Falle getappt? Hat uns gar Mullah Sabir verraten?


Der Kontakt zu Mullah Sabir hatte sich mühsam gestaltet. Nach dem ersten Treffen im März hinterliessen wir mehrere Botschaften bei seinen Mittelsleuten. Doch er meldete sich nicht. Offenbar war er nicht an einem weiteren Treffen interessiert.

Seit diesem Frühling haben die Taliban ihre Macht rasch ausgedehnt. Aus Pakistan kommend, warfen sie immer neue Krieger ins Feld, eroberten Hügelzug um Hügelzug und stiessen tiefer ins Landesinnere vor. In den entlegenen Tälern und Regionen füllten sie ein Vakuum, das von den zu schwach dotierten allierten Streitkräften (40000 Soldaten) verschuldet worden war. Im Sommer rückten sie bis auf fünfzig Kilometer an Kabul heran. Die Macht der Zentralregierung unter Hamid Karzai schmolz zurück auf Städte und Dörfer.

Im Hochsommer gewährte uns Mullah Sabir überraschend einen kurzen Besuch. Er empfing uns gemeinsam mit der Chef-Korrespondentin vom US-Fernsehsender CBS und einer französischen Fotografin in seiner Heimatprovinz Ghazni. In einem Dorf, bloss fünf Kilometer von der Hauptstrasse Kabul–Kandahar gelegen, hatte er rund hundert Kämpfer versammelt. Wilde, ungehobelte Bergler und Bauern, vom Teenager bis zum Grossvater, in bunt zusammengewürfelten Kleidern.

Es fiel auf, dass ein neuer Typ Kämpfer in ihren Reihen war. Es waren nicht mehr die ursprünglichen Taliban, die schwarz betuchten, religiös indoktrinierten Gotteskämpfer, die in den neunziger Jahren aus den Koranschulen heraus die Taliban-Bewegung gegründet hatten. In Sabirs Truppe gab es viele «Dahergelaufene» ohne Koranbildung. Sie schauten aus, als ob sie direkt vom Acker oder von der Strasse rekrutiert worden waren. Der wichtigste gemeinsame Nenner, der die neuen mit den alten Taliban verband, war ihr Widerstand gegen die Invasoren – ein urtümlicher Charakterzug des Paschtunen-Volkes, das in Hunderten von Jahren jeder fremden Macht getrotzt und sich niemandem unterworfen hatte.

Auf offenem Feld führte Mullah Sabir mit seinen Kämpfern ein Gebet durch und liess sie samt Waffen vor der Kamera posieren. «Vor einem Jahr hätten wir dies nicht einmal um Mitternacht gewagt; jetzt tun wir es am helllichten Tag.» Sabirs Botschaft war eindeutig: Seht her, wir sind zurück, und niemand wird uns stoppen. Dann verschwand er mit seiner Kriegerschar, ohne länger mit uns zu sprechen. Es war ein kurzes, bizarres Treffen. Die Bilder, die bei dem Treffen entstanden, gehören zu den wenigen neueren Aufnahmen, die von den Taliban existieren.


Wir fahren über eine Kuppe, der Wagen schlägt auf Sand. Wir stecken kurz fest. Dann greifen die Reifen wieder. Erleichterung bei den Entführern. Sami nutzt den Moment der Entspannung für eine neue Avance. Sami, selber Afghane und Mitglied von einem der grössten Paschtunenstämme, appelliert an die muslimische Tugend. So gehe man nicht mit Glaubensbrüdern und deren Gästen um. «Du wirst uns nicht belehren wollen», fahren sie ihm über den Mund. «Du bist ein Freund der Ungläubigen.» Als Sami fragt, was sie mit uns vorhaben, faucht ihn der «Pirat» kaltschnäuzig an. Was er gesagt hat, erfahren wir nicht. Sami schweigt. Wir sehen jedoch, dass sein Gesicht besorgte Züge annimmt. «Was meint er?», zische ich. – «Ich glaube, die bringen uns in ihr Dorf.» – «Was wollen sie dort?» – «Wahrscheinlich...» – «Harkat makawa! [Schweig!]», fällt ihm der «Pirat» schreiend ins Wort und hält Sami den Gewehrlauf an die Stirn.


Nach Mullah Sabirs Taliban-Parade im Sommer hatten wir mehrmals den Wunsch geäussert, mit einigen seiner Kämpfer länger zu sprechen. Sabir war ein pausbäckiger Bär von einem Mann. Mit seinem rollenden Bariton wirkte er wie ein sanftmütiger Herrscher, doch seine milde Erscheinung täuschte. Seinen Kämpfern gegenüber war er unerbittlich, Verluste im Kampf kümmerten ihn nicht. Er schien sich von nichts und niemandem in seinen Entscheiden beeinflussen zu lassen. Dies liess er auch uns spüren. Wann immer ihm der Moment für ein Treffen richtig erschien, würde er es uns wissen lassen.

Nun war es so weit: Anfang November werde uns eine Gruppe südlich von Ghazni empfangen, beschied uns Mullah Sabir im Herbst. Das Treffen solle im Distrikt Andar, einer Hochburg des Widerstandes, stattfinden.

Ende Oktober brachen wir auf. Um ein detailliertes Bild des afghanischen Widerstandes zu erhalten, besuchten wir zuerst eine Einheit alliierter Truppen, die in der Region stationiert war. Das US-Militär flog uns zur 10th Mountain Division in Gardez in der Provinz Paktia. Im Frühling 2002 war die Provinz Schauplatz der Operation «Anaconda», der letzten Schlacht gegen die Restbestände des gestürzten Taliban-Regimes.

Jetzt waren die Zeloten wieder zurück. Zu sehen waren die Gotteskrieger nicht, aber die Angst vor ihnen war überall in der Bevölkerung zu spüren. Offenbar waren sie in der Lage, jederzeit aus dem Hinterhalt anzugreifen. «Sie sind wie Moskitos», sagte uns ein US-Soldat. «Du hörst sie kaum, doch plötzlich stechen sie zu.»

Unmittelbar vor unserer Ankunft sprengte sich ein Selbstmordattentäter vor dem US-Stützpunkt in die Luft. Es war das 88. Selbstmordattentat seit Jahresbeginn in Afghanistan. Wir fragten den Chef-Wächter im US-Camp, einen Afghanen, der Schulter an Schulter mit den Amerikanern in der Operation «Anaconda» gekämpft hatte, ob er wisse, woher diese Attentäter kämen. Er schüttelte den Kopf: «Jedes Mal, wenn ich einen sehe, ist er zerfetzt.» Er sei jedoch sicher, dass es keine Afghanen seien. «Der vor dem Camp neulich hatte gelbe Haare», sagte er. Er meinte eigentlich blond und wollte damit wohl andeuten, dass diese Terroristen aus dem fernen Ausland kämen. Solche Feigheiten würden Afghanen, die stolze Krieger seien, nicht tun. ›››

Vermutlich wusste er es besser, schämte sich aber für das am Hindukusch junge Phänomen der Suizidattentäter. Auf Fotos, die ein Offizier vom toten Attentäter gemacht hatte, erkannte man deutlich paschtunische Gesichtszüge. Ausser dem Kopf und zwei Unterschenkeln, die in bizarrer Verrenkung auf der Strasse lagen, war sein Körper restlos zerfetzt. Der Kopf war unter dem Kinn sauber abgetrennt, die gewaltige Kraft der Explosion hatte ihn weggesprengt wie einen Deckel von einem Fass; er hatte kaum einen Kratzer, einzig der schwarze Bart war an der Spitze weiss angesengt.

Für Sabir stand fest, dass die meisten Attentäter Afghanen waren. Hunderte hätten sich als Freiwillige gemeldet. Er nannte sie «die neue Wunderwaffe» der Taliban, mit deren Hilfe man bald ganz Afghanistan zurückerobern werde.


Was wollen sie mit uns? Diese Frage bohrt sich in unsere Köpfe. Wenn die Entführer uns bloss zuhörten, wäre es ein Leichtes, unsere Identität und Absicht zu klären. Wir haben alle unsere Pässe und Berufsausweise dabei, ausserdem deutet die Ausrüstung auf unsere Tätigkeit als Journalisten. Aber sofort wird mir klar, wie lächerlich dieser Gedanke ist. Die Entführer scheren sich einen Deut darum.

Würden sie uns erschiessen? Wieder keimt Hoffnung. Denn die hastige Fesselung, die rasche Entführung, das kaltschnäuzige Gebaren deuten eher auf eine gezielte Geiselnahme hin. Solche Fälle sind in Afghanistan jüngst vermehrt vorgekommen. Drei Wochen zuvor war der italienische Fotojournalist Gabriele Torsello im Süden verschleppt worden. Vor zwei Tagen hörten wir im Radio, man habe ihn unversehrt auf einer Strasse in Kandahar gefunden. Der Fall war rätselhaft. Gerüchte über eine hohe Lösegeldsumme wurden von der italienischen Regierung dementiert. Es stellte sich heraus, dass der Fotograf bereits seit längerem zum Islam übergetreten war. Vielleicht hatte ihm das das Leben gerettet.

Bestimmt würden sie uns genau durchsuchen, sobald sie uns in ihr Versteck gebracht hatten. Haben wir irgendetwas dabei, das uns Probleme verschaffen könnte? «Ist deine Kamera sauber?», frage ich den Fotografen. Nathan hatte eine nagelneue Digitalkamera mitgebracht, die ihm der «Pirat» entrissen hat und nun vorne bei dessen Füssen liegt. Zum Glück, so sagt er, habe er alle Bilder der bisherigen Reise im Hotel auf dem Computer gespeichert und vom Memory-Stick gelöscht. Darunter waren viele Aufnahmen von US-Soldaten. Einige davon hätten uns nun in erhebliche Schwierigkeiten gebracht.


Die Mission mit den Amerikanern hatte uns über den 3000 Meter hohen Tara-Pass nach Polialam in der Provinz Logar geführt. Dort unterhält die Armee eine Forward Operations Base (FOB), einen der kleinsten US-Stützpunkte in Afghanistan. 45 Männer und 15 Frauen leben in einem zur Festung umfunktionierten Schulhaus auf engstem Raum. Als wir im Camp ankamen, trafen wir Soldaten, die bereits seit zehn Monaten an der Front waren, ohne einen Tag Heimaturlaub bezogen zu haben. Täglich begaben sie sich auf Mission. Ihr Auftrag stand unter dem Motto: Fight and build – Kämpfen und aufbauen. Dazu gehörten die Renovation von Gebäuden, Aushebung von Brunnen und der Wiederaufbau von zerstörten Mädchenschulen.

«Wir kämpfen hier weder um Land noch um Macht», erklärte uns ein US-Offizier. Es sei ein Kampf um die Gunst des Volkes. «Nur wer die Bevölkerung für sich gewinnt, gewinnt den Krieg.» Das wussten auch die Taliban. Ihre Strategie war ebenso brutal wie erfolgreich. Der US-Offizier erklärte sie so: «Die Taliban wissen, dass die breite Öffentlichkeit sie nicht freiwillig unterstützt. Also versuchen sie die Menschen durch Terror auf ihre Seite zu zwingen. Zuerst töten sie den Nachtwächter einer Schule. Dann erschiessen sie ein paar Polizisten. Dann einen Provinzgouverneur. Mit jedem Mord wächst die Angst der Menschen, und sie gehen zu uns und den afghanischen Behörden auf Distanz. Schliesslich hört der Staat auf zu funktionieren.» Der Kampf um die Bevölkerung, sagte der Offizier, sei frustrierend und ermüdend. «Es ist, als würden wir um eine Frau buhlen, die sich nicht traut, ihren gewalttätigen Ehemann zu verlassen.»

Drei Tage nach unserer Ankunft war eine breitangelegte Jagd auf Taliban angesetzt. Kurz nach Mittag setzte sich ein Tross von US-Panzerwagen in Bewegung, angeführt von vier Toyota-Pick-up-Trucks, randvoll beladen mit afghanischen Polizisten und Soldaten. Niemand ausser den Offizieren wusste, wohin die Fahrt ging. Immer wieder sei es vorgekommen, dass einige seiner Soldaten die Ziele verraten hätten, erklärte der afghanische Geheimdienstoffizier, ein Mann von forscher Natur mit schlohweisser Bürstenfrisur und blauen Äuglein. «Ein afghanischer Soldat verdient zweieinhalb Dollar pro Tag», erklärte er, «die Taliban zahlen das Doppelte.»

Die Afghanen übernahmen das Kommando und stürmten mehrere Höfe, ohne jedoch einen Verdächtigen zu finden. Getrübter Stimmung zog der Konvoi in immer entlegenere Weiler, als plötzlich, ein paar hundert Meter entfernt, eine weisse Gestalt über den Acker rannte und in einem Gehöft verschwand. Drei Minuten später war der Flüchtige gefasst. Die Soldaten hatten ihn, unter einer Burka versteckt, im Frauenzimmer entdeckt und zerrten ihn aus dem Haus. Wie fleissige Bienen schwirrten die afghanischen Geheimagenten durch die Zimmer und konfiszierten verdächtiges Material. «Tod den Christen», stand auf einer Broschüre, die sie unter einem Bett hervorzogen. Und in einer Schatulle fanden sie pakistanische Rupien im Wert von ein paar tausend Dollar. Wild gestikulierend verstieg sich der Verdächtige zu wirren Erklärungen. In seinem weissen Umhang, dem Spitzbart und mit den wässrigen Augen sah er aus wie ein paschtunischer Heiland. Für die afghanischen Sicherheitsdienste bestand kein Zweifel, dass es sich bei ihm um einen Talib handelte. Wie eine Trophäe vor sich herschiebend, brachten sie ihn zu ihren Fahrzeugen. Aus dem Hof drang herzzerreissendes Frauengeflenn. «Wollt ihr denn das ganze Dorf verhaften?», rief ein altes Weib durch die Haustür, als sie den «Heiland», auf einen Pick-up gekettet, abführten.


Wie ein Blitz durchfährt es mich: Auf meiner Digitalkamera, die ich in einer Tasche am Gürtel mitführe, sind Bilder vom gefangenen Talib. Ich hatte mir angewöhnt, Schlüsselfiguren meiner Recherche zu fotografieren. Von der Verhaftungsszene hatte ich gut zehn Bilder gespeichert. Unsere Entführer, die nicht den intelligentesten Eindruck machten, mussten annehmen, wir seien Spione oder steckten mit ihren Feinden, den Amerikanern, unter einer Decke.

Noch etwas, möglicherweise Schlimmeres, fällt mir ein. Auf meinem Memory-Stick befinden sich auch Aufnahmen von unserer Familienreise nach Italien. In den Herbstferien besuchten wir Rom, wo wir zufällig der allwöchentlichen Papstaudienz auf dem Petersplatz beiwohnten. Als Benedikt XVI. in seinem Papstmobil uns passierte, winkte er mir direkt in die Kamera. Stolz habe ich die Aufnahme im Kollegenkreis herumgezeigt. Doch hier, in dieser desolaten Situation, ist das Bild des lächelnden Benedikt eine verhängnisvolle Hypothek. Zumal der Papst nach seinen umstrittenen Bemerkungen über den Islam während seiner Regensburger Rede von Islamisten zum Todfeind erklärt wurde. Solche Verdikte verbreiten sich in Windeseile bis in die entlegensten Täler des Hindukusch.


Auf Märkten in Afghanistan und Pakistan hatten wir ein neues Phänomen beobachtet. Die Taliban hatten begonnen, die arabische Verschwörungspropaganda von der Unterdrückung der Muslime durch den Westen zu kopieren. Immer häufiger kursierten billig produzierte Videos, die die «Erniedrigung» der Taliban dokumentierten: afghanische Soldaten, die mit ihren Gewehren in Leichen von Taliban stocherten. Special Forces, die tote Taliban verbrannten.

In diesen Filmen porträtierten die Taliban ihren Kampf als Teil des grösseren Kampfes der Umma, der islamischen «Globalfamilie». Obwohl der Aufstand der Taliban eigene Wurzeln hat, gewachsen auf einem komplexen Geflecht lokaler Zwiste und Machtkämpfe, suchten die Taliban offensichtlich den Anschluss an internationale Netzwerke. «Die Taliban der neunziger Jahre waren Hinterwäldler und auf ihren Distrikt oder ihre Provinz fokussiert», sagte uns ein hoher Beamter am Obergericht in Kabul. «Jetzt sind sie in der Welt angekommen.»


«Nathan, mach mir meine Fesseln auf», flüstere ich zum Fotografen. Er schaut mich mit grossen Augen an. «Spinnst du!» Ich rücke meine verbundenen Hände zu der kleinen Gürteltasche, ziehe die Kamera heraus, entferne hinter meinem Rücken den Memory-Stick aus der Unterseite des Gehäuses und stosse den flachen Chip zwischen Sitz und Rückenlehne. Die Kamera ist fast wieder in der Tasche, als der «Pirat» meine Bewegungen registriert. Mit blitzschnellem Reflex drückt er mir den Gewehrlauf auf die Brust. Da fällt hinter unserem Auto ein Schuss.

Der «Fleischer» steigt auf die Bremse, der «Pirat» springt aus dem Auto und zielt mit seiner Kalaschnikow in die Richtung, wo der Schuss gefallen ist. Wir ducken uns, so gut es der enge Raum erlaubt, in der Furcht, dass nun eine wilde Schiesserei ausbrechen würde. Doch statt Schüssen vernehmen wir Geschrei, das sich schnell unserem Auto nähert. Ein rund vierzigjähriger Mann kommt angerannt, eine zwergenhafte dickliche Gestalt, mit Knollennase und einem dreckverschmierten Turban. Mit barschen Lauten herrscht er den «Fleischer» an, öffnet unsere Tür und befiehlt uns auszusteigen.

Offensichtlich ist er es, der den Schuss abgefeuert hat. Wahrscheinlich ein Warnschuss, um die Entführer zu stoppen. Einen Moment lang glauben wir, der Mann sei der Gesandte Fazlullahs, unseres Gastgebers, der nun doch noch zu unserer Rettung herbeigeeilt kam. Bestimmt würde er nun die Entführer in die Schranken weisen und uns, wie abgemacht, in sein Dorf geleiten. Bald stellen wir aber fest, dass der Mann der Gruppenchef unserer Entführer sein muss. Der «Pirat» und der «Fleischer» kuschen vor ihm wie Schuljungen. Seinem Gebaren nach zu urteilen, ärgert sich der Alte über das leichtsinnige Verhalten der Jungen.


Unerfahrenheit und leichtsinniges Draufgängertum unter jungen Taliban ist ein verbreitetes Phänomen, das nicht selten hohen Tribut fordert. Dies wurde uns bei einer Begegnung mit Mullah Sabirs Fusssoldaten wenige Tage zuvor bewusst. Es war jenes Treffen in der Region Andar südlich der Stadt Ghazni, das Mullah Sabir für uns organisiert hatte. Zwei seiner Kämpfer – Hamidullah, 23, und Abdulmateen, 22 – empfingen uns in einem verlassenen Haus und führten uns in kleines Dorf. Hamidullah fuhr auf einer roten Kawasaki 125 ccm, über den Tank hatte er ein Schaffell gespannt, mit dem das Motorrad aussah wie ein Stahlross mit Mähne.

Kaum waren wir im Dorf angekommen, strömte die Dorfjugend heran und belagerte die beiden Taliban. Mit Begeisterung lauschten die pubertierenden Jugendlichen, wie die zwei uns über ihr Leben erzählten. Hamidullah erklärte, sie hätten ihre Waffen in den nahen Hügeln versteckt. Jeden Abend teile sich die Gruppe auf, einzeln oder zu zweit versteckten sich die Kämpfer in verschiedenen Häusern. An Betten und Verpflegung fehle es nicht, die Bevölkerung sei froh um ihre Präsenz, den korrupten Behörden traue niemand.

Um Nachwuchs mussten sich die Taliban offensichtlich nicht sorgen. Unter den Jungen genossen sie den Status heroischer Partisanenkrieger. Mancher sagte uns, Taliban zu werden, sei sein höchstes Ziel. Der Kampf gegen die Invasoren war jedoch nur ein Grund der Faszination für die Gotteskrieger. Die Taliban seien für die mittelose Dorfjugend oft der einzige Weg aus der Arbeitslosigkeit, sagte Hamidullah mit überraschender Ehrlichkeit. Man schaue gut zu den Kriegern. Man gebe ihnen Schuhe, Winterjacken und ein gutes Salär.

Das war allerdings nicht die ganze Wahrheit. Offenbar war sogar ein Wettstreit um neue Rekruten entstanden. Wie Jugendliche im Dorf erzählten, buhlten konkurrierende Taliban-Gruppen mit verlockenden Angeboten wie Telefonen und sogar Motorrädern um neue Kämpfer. Die verschiedenen Gruppen beargwöhnten sich und hätten auch schon Kämpfe gegeneinander ausgefochten. Wir waren am andern Ende der Welt, aber die Schilderungen erinnerten spontan an die Bandenkämpfe zwischen Jets und Sharks aus der «West Side Story».

Wir hatten Hamidullah und Abdulmateen ein paar Ausgaben der aktuellen Newsweek mitgebracht, deren Titelgeschichte vom Aufstieg der Taliban handelte. Auf dem Cover war ein Kampfgefährte der beiden abgebildet, ein zwanzigjähriger Talib namens Nasir aus Ghazni. Die Aufnahme stammte vom grossen Taliban-Treffen im Sommer. Die beiden blätterten in dem Heft. Der Anblick ihres Kollegen auf dem Titelbild stimmte sie eigenartig gerührt. «Schau, wie er böse dreinblickt», sagte Hamidullah. «Gott sei ihm gnädig.»

Nun erfuhren wir, dass Nasir, der auf dem Cover martialisch mit einer Panzerfaust posierte, wenige Tage zuvor gestorben war. Die beiden Taliban sprachen nur ungern darüber. «Ein Missgeschick», sagte Hamidullah. Angeblich geschah es, als Nasirs Gruppe einen «Verräter», einen Afghanen der sich bei der lokalen Behörde angedient hatte, liquidieren wollte. Raketen-Mann Nasir und zehn Mitkämpfer lockten ihn in einen Hinterhalt. Als Nasir auf das Auto des «Verräters» zuschritt, zog dieser einen Revolver unter dem Sitz hervor und schoss Nasir in den Hals. Er war auf der Stelle tot. Der Fall war den Taliban äusserst peinlich. Dies umso mehr, als dem «Verräter» sogar die Flucht gelang. Anderen Taliban-Gruppen erzählten sie, Nasir sei im friendly fire gestorben, durch einen unglücklichen Zufall in der Hitze des Gefechts.

Kaum hat der Alte den «Piraten» und den «Fleischer» in den Senkel gestellt, stürmt er zu den anderen Entführern, die hundert Meter hinter uns auf ihren Motorrädern warten. Anders als ihre Kollegen, die betreten neben uns stehen, geben die drei Motorradkämpfer nicht klein bei. Sie begehren auf. Ein heftiger Streit entbrennt. Offensichtlich sind sie sich nicht einig, was mit uns zu geschehen hat.


Mullah Sabir hatte uns vor ein paar Wochen von einem neuen Verhaltenskodex der Taliban erzählt. Diese sogenannte Layeha umfasst dreissig Regeln und war vom obersten Taliban-Führer, dem legendären Mullah Omar, autorisiert worden.* Auffällig waren die vielen Punkte, die sich mit der Disziplinierung der Taliban befassen. Explizit wird darin verboten, Zivilisten auszurauben und Gefangene in Selbstjustiz zu richten. Das Regelbuch, von dem Sabir uns ein Exemplar übergab, zeigt deutlich, dass die Disziplin unter den Taliban zu wünschen übrig liess. Je mehr Macht die Taliban eroberten, desto mehr schien ihre Organisation zu verludern. Sabir bestätigte, dass es in jüngster Zeit vermehrt zu Rivalitäten gekommen sei. Möglicherweise, so vermute ich, ist der Streit, der nun zwischen unseren Entführern tobt, ein Beispiel solcher Verwilderung.


Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden. Der Alte, der uns zuerst wie ein Retter erschienen ist, befiehlt seinen Leuten, unsere Taschen zu leeren. Pässe, Geldbörsen, mehrere hundert Dollar, Digitalkamera, sogar meine Brille, alles wird uns entrissen und auf einen Haufen in den Sand geworfen. Dann schreitet der Alte auf uns zu, zielt mit dem Gewehr auf uns und befiehlt: «Niederknien, in einer Reihe!»

Bis zu diesem Zeitpunkt hat mich die Hoffnung nie verlassen. Doch jetzt lassen die inneren Kräfte nach. So sinnlos kann ein Leben nicht enden, versuche ich mir verzweifelt einzureden. Dabei weiss ich, dass Entführungsfälle oft genauso banal und tragisch verlaufen.

Links neben mir kniet Nathan. Rechts Fahrer Ismael. Er hat sich einen Meter von mir wegbewegt, als ob er glaubte, durch Distanz von den «Ungläubigen» sein Leben etwas zu verlängern.

Mir schiesst durch den Kopf, wie pathetisch solche Momente in Literatur und Film dargestellt werden. Oft haben Todgeweihte noch tiefsinnige Gedanken, sentimentale Erinnerungen oder einen letzten Wunsch. Nichts dergleichen kommt auf. Zu schnell pocht das Herz, zu heftig sind die Adrenalinstösse. Das Einzige, was ich in diesen Momenten der Todesangst verspüre, ist ein extrem trockener Hals, als hätte ich ein halbes Kilo Mehl geschluckt.

Wieder beginnen sie zu streiten. Unerträgliche Minuten verstreichen. Einmal wollen sie uns die Augen verbinden, haben aber kein Tuch.

Ich möchte um Hilfe rufen. Doch weit und breit ist weder Haus noch Mensch. Hier atmet alles Einsamkeit. Was immer jetzt geschehen wird, niemand wird Zeuge sein.

Auf einmal bricht der Boden unter mir ein, unerbittlich holt mich der Gedanke ein, den ich dauernd verdrängt hatte. Der Gedanke an zu Hause, an meine Frau, meine Kinder. Ich erinnere mich, wie meine vierjährige Tochter bei der Abreise fragte, ob ich wieder böse Menschen besuchen gehe. «Nein», log ich sie an, es gebe keine bösen Menschen, nur gute und weniger gute. Würde sie mir je verzeihen?

Jetzt stampft der «Pirat» auf uns zu. Auf Geheiss des Alten klaubt er unsere Dokumente und Papiere aus dem Sand und verfrachtet sie ins Auto. Mehrmals wird der Motor gestartet, dann wieder abgestellt. Die Entführer drängen sich alle zum Auto. Nur der Alte steht noch bei uns. Langsam nähert er sich, das Gewehr im Anschlag. Er geht um uns herum, und plötzlich steht er hinter mir. Mit einem Ruck zerrt er an meiner Fessel. Zwei, drei Handbewegungen, und meine Arme sind frei. Dann befreit er die anderen. Er schreit uns an und bedeutet mit einer wilden Armbewegung, wir sollten davon-rennen.

Wohin? Und wenn sie uns von hinten in den Rücken schiessen? Sofort sind die Bedenken vergessen. Der Instinkt treibt die Beine an. Zuerst zögernd, dann immer schneller rennen wir in die Wüste. Nur Fahrer Ismael bleibt stehen, fleht um sein Auto, es gehöre seinem Onkel, er selbst habe gar nicht hierherfahren wollen, und wäre es nicht wegen seiner Hochzeit, hätte er Kabul nie verlassen. Siebenhundert Dollar fehlten ihm noch zur Heirat, erklärt er den verdutzten Taliban. Würden sie ihm das Auto nun nicht zurückgeben, werde er nie eine Familie gründen können. Den Alten lässt die Klagerei gänzlich unberührt. Mit einer drohenden Geste jagt er Ismael davon.

Als wir sehen, dass auch die Taliban aufbrechen und in die andere Richtung davonfahren, verschnaufen wir kurz. Dann setzen wir in der rasch einsetzenden Dämmerung unseren Lauf fort, Richtung Hauptstrasse, von wo wir am Nachmittag abgezweigt sind. Nach zwanzig Minuten sind wir am Ziel. Schwarzer, grober Asphalt, noch nie hat uns eine Strasse so viel Sicherheit, ja Geborgenheit bedeutet. «Wo die Strasse aufhört, beginnt das Reich der Taliban», hatte uns ein alter Mann in Ghazni gesagt, bevor wir zu unserem Treffen aufgebrochen waren. Kein Satz könnte die Situation in Afghanistan treffender umschreiben.

Das erste Auto, das wir sichten, ist ein Lastwagen. Als der Fahrer erfährt, dass wir von Taliban überfallen worden sind, winkt er ab und fährt eilig weiter. Wenig später erbarmt sich unser ein Geschäftsmann in einem neuen Toyota und bringt uns ins nächste Dorf. «Wir sind Gefangene zweier Übel», sagt er, womit er offensichtlich die Taliban und die Amerikaner meint. Er rollt seinen Ärmel hoch und zeigt uns die Narbe einer Schusswunde. «AK-47 – bum, bum!» Wir zucken zusammen, der Retter lacht ein stoisch-sarkastisches Lachen, wie es nur Paschtunen können, und reicht uns eine Wasserflasche.


Sechs Stunden nach unserer Freilassung haben wir erstmals Kontakt zu Mullah Sabir. Seine Stimmung ist gereizt. Fazlullah habe sich bei ihm nach uns erkundigt. Wo wir denn gewesen seien. Als er von der Entführung erfährt, glüht er vor Zorn. Er betrachtet die Affäre als persönliche Beleidigung und Angriff auf seine Macht. Er werde die Täter persönlich zur Rechenschaft ziehen. Dann hängt er auf.

In den folgenden Tagen erfahren wir bruchstückweise mehr über unseren Fall, die Puzzlesteine fügen sich zu einem Bild: Eine Stunde vor unserer Ankunft hatte unser Gastgeber Fazlullah seine Gruppe über unseren Besuch informiert. Einer seiner Kämpfer benachrichtigte eine konkurrierende Gruppe. Von Geldgier und Leichtsinn getrieben, legte sie sich auf die Lauer. Die Entführer, so bestätigte Sabir, wollten uns als Geiseln nehmen, in der Hoffnung, ein hohes Lösegeld zu erpressen. Als ihr Chef, den sie nicht in ihren Plan eingeweiht hatten, von der Sache erfuhr, raste er ihnen nach. Er wusste, dass ihn eine Entführung in Schwierigkeiten bringen würde, da wir als Gäste den Schutz Fazlullahs genossen, und stoppte das Unterfangen. Der Versuchung, uns auszurauben, konnte der Alte jedoch nicht widerstehen.

Während Nathan und ich in Kabul auf neue Pässe warten, die von der Schweizer Botschaft in Pakistan unbürokratisch rasch ausgestellt und über das lokale Büro der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit ausgehändigt werden, reist Sami nach Quetta zu Sabir, um von ihm die Rückgabe unserer Ausrüstung zu fordern. Die Stadt an der Grenze zu Afghanistan ist dank der Laisser-faire-Haltung der pakistanischen Regierung zu einem Hauptquartier für die Taliban-Führung geworden. Mullah Sabir trifft sich hier mit anderen Kadern zum Kriegsrat und schmiedet Pläne für die kommenden Winterkämpfe.

«Mullah Sabir, wie wollen Sie das Land regieren, wenn Sie Ihre eigenen Leute nicht unter Kontrolle haben?», fragt Sami. «Ihr werdet euer Material zurückbekommen», antwortet Sabir ungehalten. «In ein paar Tagen habt ihr alles wieder. Dafür garantiere ich.»

Mullah Sabir hält Wort. Vier Tage nach unserer Entführung sind das Auto, die gesamte Kameraausrüstung, die Pässe und mein Notizbuch an einem abgemachten Ort abholbereit. Sabir sieht seine Ehre wiederhergestellt. Und er lädt uns sogar zu einem neuen Treffen ein: «Nächstes Jahr in Kabul, so Gott will!» Es ist eine Floskel. Mullah Sabir weiss, dass er dieses Ziel, die Eroberung der Hauptstadt, nicht erreichen wird, solange die alliierten Truppen im Land sind. Er weiss, dass seine Taliban und die Nato-Soldaten dasselbe Schicksal teilen: Beide sind zu stark, um zu verlieren, aber zu schwach, um zu siegen. Doch Sabir setzt auf Zeit: «Der Westen hat die besseren Waffen, aber wir haben den längeren Atem.» Er ist überzeugt, dass der Taliban-Terror den Westen zermürben wird. Irgendwann werde der Druck der Leute im Westen zu gross sein, dann würden die gottlosen Invasoren abziehen. «Dieser Tag», sagt Mullah Sabir, «wird der Tag unseres Sieges sein.»

Wiedererstarkte Taliban

Karte: Helmut Germer

*Layeha, das neue Regelwerk der Taliban, ist auf www.weltwoche.ch/Taliban-Regelbuch veröffentlicht. Die englische Fassung des Regelbuchs kann hier eingesehen werden.

In der Weltwoche Nr. 46.06 erschien ein Interview mit Mullah Sabir. Die englische Fassung des Interviews kann hier eingesehen werden.

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Alex Baur, Redaktor

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