Liebe Johanna Bartholdi

Johanna Bartholdi, Chefin des Schweizer Cafetier-Verbands, macht sich Sorgen, weil jedes zweite Café vor dem Aus steht – und hat eine Schnapsidee.

Jetzt haben auch Sie Ihre Viertelstunde Berühmtheit gehabt. Am Wochenende in aller Leute Munde. Und am Dienstag wieder ausgespuckt. Besser gesagt: ausgespukt. Eine Schnapsidee, sagt der Stammtisch. Sie sind also die Chefin des Schweizer Cafetier-Verbands und machen sich Sorgen, weil jedes zweite Café vor dem Aus steht. Aber anstatt unfähigen Wirten eine humane Aussteigehilfe zu offerieren, propagieren Sie eine Lösung, die nun wirklich dem Fass den Boden ausschlägt. Sie wollen vom Kunden eine Art Eintrittsgebühr verlangen: Fünf Stutz Minimalkasse für jeden Gast, ob er nur einen Espresso säuft oder nur ein Glas Wasser und dazu das Tagblatt liest.

Vergessen haben Sie dabei nur, dass das Aufsuchen einer Kaffeestube nicht obligatorisch ist, also niemand bereit ist, sich auf diese Art abzocken zu lassen. Warum auch? Sollen doch die Cafés, die nicht rentieren, ein- gehen. Es herrscht freier Wettbewerb, und je freier er ist, desto mehr exzellente Lokale schiessen aus dem Boden, wie die Beizenszene Zürich zeigt. «Starbucks» und andere machen übrigens das mit den fünf Franken auf ihre Art schon längst. Nur haben die keinen Verbands-Jammeri nötig, um ihre Kunden vom hohen Kaffeepreis zu überzeugen, sie richten sich dafür auf ein urbanes Publikum aus, das seinen Compi dabeihat. Nur so zum Beispiel.

Wenn ich mir die Lokale, die mangelnden Umsatz beklagen, so ansehe, muss ich sagen: Jede einzelne dieser dumpfen Stuben kann einen positiven Beitrag zur Verbesserung der allgemeinen Qualität leisten: indem sie den Schlüssel abgibt! Seien wir ehrlich: Viele Cafés landauf, landab strahlen die Heimeligkeit eines Fixerstübleins aus. Und riechen auch so. Um Ihnen einen starken Espresso einzuschenken: Ich wünsche mir, dass die diversen Wirte- und Cafetier-Verbände endlich aufhören, die Megatrends (rauchfreie Lokale zum Beispiel) zu verschlafen. Und alles unternehmen, damit der kreative Wettbewerb unter den Cafetiers dazu führt, dass wir immer mehr dynamische, helle, qualitativ wertvolle Cafés kriegen, die zum Beispiel auch wieder mal ein Gipfeli anbieten, das seinen Preis wert ist. Überleben geht über Qualität, nicht über Schutzprämien. Es genügt einfach nicht, sich als Lobby der Hänger zu profilieren. Sonst wird man selbst zum Hänger, gell, Frau Bartholdi.

Mit freundlichen Grüssen
Peter Rothenbühler


Der Autor ist Chefredaktor von Le Matin.

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