Es geschieht am helllichten Tag

Wenn es nicht Werner Ferrari war, wer dann? Vor fünf Monaten wies die Weltwoche auf die Verschleppung im Mordfall Ruth Steinmann hin. Doch es wird weiter getrödelt.

Noch bevor der Münchner Modezar Rudolph Moshammer in seiner Marmorgruft zu ewigem Stillschweigen gebettet wurde, meldete sich der Aargauer Kripo-Chef Urs Winzenried zu Wort. Der Umstand, dass es dank einer DNA-Analyse gelungen war, innert 24 Stunden Moshammer-Mörder zu verhaften, nahm Winzenried zum Anlass, eine Erfassung des genetischen Fingerabdrucks aller Bürger praktisch «von Geburt an» zu fordern. Blick nahm das radikale Postulat, das Winzenried alsbald relativierte, sofort wohlwollend auf.

Gäbe es ein Ranking für die Medienpräsenz von Kantonspolizisten, Urs Winzenried würde unangefochten den ersten Platz belegen. Wo immer ein fachmännisches Zitat zu einem Kriminalfall benötigt wird, lässt sich der Aargauer Chef-Ermittler noch so gerne vernehmen. Im Gegenzug loben ihn Journalisten als «einen der erfolgreichsten Kripo-Chefs der Schweiz» (Blick) oder attestieren ihm «eine besonders gute Nase bei der Aufklärung von Kapitalverbrechen» (Radio DRS).

Winzenrieds Ruhm wird auch immer wieder unwidersprochen mit der Überführung des Kindermörders Werner Ferrari in Zusammenhang gebracht. Und das ist schlechterdings falsch. Winzenried spielte vielmehr eine zwiespältige Rolle im Fall Ferrari.

Zwar stand Urs Winzenried in den achtziger Jahren tatsächlich der «Soko Rebecca» vor, die in der fraglichen Zeit nach vermissten Kindern fahndete. Die Arbeitsgruppe, die nach der am 20. März 1982 in Gettnau ermordeten achtjährigen Rebecca Bieri benannt wurde, setzte sich aus polizeilichen Sachbearbeitern verschiedener Kantone zusammen und suchte auch nach den Opfern von Werner Ferrari. Doch mit der Verhaftung des berüchtigten Kindermörders hatte Winzenried nichts zu tun. Ferrari meldete sich vielmehr am 30. August 1989, vier Tage nach dem Mord an der neunjährigen Fabienne Imhof in Hägendorf, selber telefonisch bei der Polizei. In der Folge liess er sich an seinem Wohnort im solothurnischen Olten widerstandslos verhaften.

«Vorschnelle Täterfixierung»

Bereits drei Jahre zuvor, am 6. Mai 1986, war Werner Ferrari im Kanton Aargau wegen eines Versicherungsbetruges festgenommen und ins Untersuchungsgefängnis von Zofingen überführt worden. Doch wenige Tage später liess man ihn wieder laufen – und dies, obwohl die Kantonspolizei Thurgau in einem Rundschreiben an alle Polizeikommandos Ferrari als den damals gesuchten Kindermörder verdächtigte. Kripo-Chef Winzenried versuchte wohl, einen Haftbefehl gegen Werner Ferrari zu erwirken, doch er blitzte damit «aufgrund strafprozessualer Vorschriften» bei der Jusitz ab.

Nachdem Ferrari drei Jahre später endlich als mutmasslicher Kindermörder festgenommen worden war, legte er in vier Fällen Geständnisse ab. Doch auch dieser Erfolg geht nicht auf das Konto des Aargauer Kripo-Chefs. «Die Klärung der Verbrechen», so der Solothurner Polizeikommandant Martin Jäggi, «war nicht das Ergebnis eines ‹Einzelkämpfers›, sondern das Resultat einer optimalen Teamarbeit.» In der Öffentlichkeit unbekannten Polizeisachbearbeitern wie Kurt Amsler (Kripo Solothurn), Richard Hofstetter (Kripo Luzern) und Xaver Wüst (Kripo Thurgau) gelang mit kriminalistischem Spürsinn und menschlichem Einfühlungsvermögen, Ferrari zu Geständnissen zu bewegen.

Dass Urs Winzenrieds Name dennoch eng mit dem Fall Ferrari verknüpft ist, liegt daran, dass der Kripo-Chef den Kindermörder auch mit einem ungeklärten Verbrechen im Kanton Aargau in Zusammenhang brachte: dem Mord an Ruth Steinmann. Doch Ferrari bestritt diesen Tatvorwurf, im Gegensatz zu den andern, ihm zur Last gelegten Verbrechen, von allem Anfang an stets. Das zwölfjährige Mädchen war am 16. Mai 1980 im aargauischen Würenlos auf dem Heimweg von der Schule entführt, geschändet und erwürgt worden. Nur wenige Minuten nach der Tat fanden die Eltern, die verzweifelt nach ihrer vermissten Tochter gesucht hatten, Ruthlis nackte Leiche in einem Waldstück.

Für Winzenried war der Fall von Anfang an klar. «Ferrari hat noch weitere Kinder getötet», zitierte Blick am 3. Oktober 1991 den Aargauer Kripo-Chef. Und weiter: «Aber nur im Fall Ruth Steinmann haben wir genug Beweise.» Im Rück-blick liegt hier das Schulbeispiel einer «vorschnellen Täterfixierung» vor: Weil sich die Fahnder ihrer Sache zu sicher fühlten, suchten sie nicht weiter – und liessen den wirklichen Täter womöglich laufen.

Wohl gab es eine Reihe von Indizien, die für Ferraris Täterschaft sprachen – aber keinen einzigen Beweis. Die polizeilichen Ermittlungen im Fall Steinmann, die Kripo-Chef Winzenried oblagen, standen von Anfang an unter einem schlechten Stern. So wurde bei Ruths Leiche ein frisch abgebrochenes Aststück sichergestellt, mit dem das Mädchen geschändet worden war. Infolge einer Informationspanne zwischen dem Kriminaltechnischen Dienst der Aargauer Kripo und der Gerichtsmedizin war dem Pathologen, der die Leiche obduzierte, der Fund dieses Aststücks nicht bekannt. Die Verletzungen, die der Mediziner im Genitalbereich des Opfers vorfand, konnte er sich deshalb nicht erklären und deutete in seinem Bericht an, «dass ein möglicher Geschlechtsverkehr versucht worden sein könnte». Diese Fehlinterpretation gehörte zu einer Reihe von Fehlern und Pannen, die im Einzelnen nicht gravierend anmuten, in ihrer Summe die Ermittlungen jedoch in eine Sackgasse führten. So wurde etwa in unmittelbarer Nähe der Leiche ein Schüleretui gefunden – doch es wurde nie abgeklärt, wem das Fundstück gehörte. Polizeisachbearbeiter stellten zwar den Mitschülern von Ruth in Wettingen Fragen, doch das Etui wurde weder ihrem Vater (der Rektor der Schule war) noch den Kolleginnen des Opfers zwecks Identifizierung vorgelegt.

Ebenfalls nahe der Leichenfundstelle konnte der Kriminaltechnische Dienst die Abdrücke von Kinderschuhsohlen fotografisch festhalten. «Die Fussspuren», hielt der Kriminaltechnische Dienst fest, «müssen zu einer Person gehören, die in Richtung Würenlos gerannt ist.» Weil die Spur ebenso wie ein am Tatort gefundener Hosenknopf dem Verbrechen nicht zugeordnet werden konnte, wurde auf weiter gehende Abklärungen verzichtet. Untersucht wurde hingegen mit viel Aufwand der Rest eines alten Spannteppichs, mit dem der Täter das Opfer zugedeckt hatte. Der Teppich musste bereits seit längerer Zeit im Wald gelegen haben und führte nicht weiter.

Unglaubliche Pannenserie

Auf dem Körper der Leiche hatte der Täter zwei entscheidende, unübersehbare Spuren hin-terlassen. Um die linke Brustwarze des Opfers waren scharfe Zahnabdrücke sichtbar – der Mörder musste mit aller Kraft zugebissen haben. Zwecks weiterer Untersuchungen wurde die Brust mit Plastinat abgeformt – aus unerklärlichen Gründen allerdings die falsche Brustseite. Fotoaufnahmen, die der Kriminaltechnische Dienst von der Zahnspur erstellte, erwiesen sich später als praktisch unbrauchbar: Bei der Vergrösserung im Polizeilabor war es zu Unschärfen gekommen.

Erkenntnisse waren auch von der zweiten heissen Spur zu erhoffen: Als man die Leiche des auf dem Rücken liegenden Mädchens umdrehte, konnte auf dem Gesäss ein Fremdhaar sichergestellt werden. Vom Teppich konnte das Haar nicht stammen, weil das Gesäss mit diesem gar nicht in Berührung gekommen sein konnte. Der beigezogene Wissenschaftliche Dienst der Stadtpolizei Zürich stellte in seinem Bericht denn auch fest, dass es sich «um ein Schamhaar handelt, welches dem Täter zugeordnet werden muss».

Zwecks Erstellung einer DNA-Analyse, die damals in der Schweiz noch nicht möglich war, wurde das Haar einem Spezialisten in den USA zugestellt. Dieser liess das Beweisstück fünf Jahre lang unbeachtet liegen und retournierte es schliesslich originalverpackt an das Institut für Rechtsmedizin in Zürich (IRM). Diese für einen Mordfall fast unglaubliche Pannenserie lässt sich nur damit erklären, dass sich die Fahnder derart auf Ferraris Täterschaft festgelegt hatten, dass sie gar nicht mehr ernsthaft weiter forschten. Als Ferrari am 8. Juni 1995 wegen fünffachen Kindermordes – darunter auch die Tat an Ruth Steinmann – vom Bezirksgericht Baden zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt wurde, lag das Resultat der DNA-Analyse trotz Intervention des Verteidigers nicht vor. Erst zwanzig Jahre nach der Tat erlaubten die Aargauer Justizbehörden dem Autor, das immer noch beim IRM lagernde Schamhaar auf eigene Rechnung einer DNA-Analyse zu unterziehen. Das Resultat ist bekannt: Das Haar stammt nicht von Ferrari.

Die Aargauer Strafverfolger gerieten damit in eine verzwickte Lage: Je weiter sie die Ermittlungen vorantrieben, desto mehr wurden sie mit ihren eigenen Fehlern und Unterlassungen konfrontiert. Dies vor allem auch, nachdem das Aargauer Obergericht am 12. Juni 2003 das Urteil im Fall Steinmann «wegen nicht zu unterdrückender Zweifel an Ferraris Täterschaft» aufgehoben und zur Neubeurteilung an das Bezirksgericht zurückgewiesen hatte. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Aargauer Strafverfolger die Ermittlungen mit geradezu trölerischem Desinteresse angingen. Eine mögliche Schlüsselzeugin, die sich Anfang 2000 bei der Opferhilfestelle Aarau gemeldet hatte, wurde bis heute nie einvernommen. Trifft ihre Version zu, fällt Ferrari als Täter faktisch nicht mehr in Betracht.

Gemäss den Aussagen der Zeugin, einer damaligen Schulkameradin von Ruth, soll sie von zwei Männern als Lockvogel missbraucht worden sein, mit dem diese ihr Opfer in den Wald lockten. Die Zeugin konnte den mutmasslichen Haupttäter sogar beim Namen nennen. Weil dieser zwei Jahre zuvor im Kantonsspital Baden an Krebs gestorben war, entschied der für den Fall Steinmann zuständige Staatsanwalt Erich Kuhn jedoch, die Spur nicht weiterzuverfolgen. Die Begründung: gegen Tote könne nicht ermittelt werden. Das ist zwar grundsätzlich richtig. Doch geht es hier um einen Mord, für den ein möglicherweise Unschuldiger verurteilt wurde. Allein das rechtfertigt eine saubere Abklärung. Abgesehen davon hat die Zuger Justiz im Fall Leibacher gezeigt, dass bei Schwerstverbrechen ein Abschluss der Untersuchung trotz dem Tod des Täters auch mit dem Interesse der Hinterbliebenen und der Öffenlichkeit an einer Klärung zu rechtfertigen ist.

Auch der zweite Tatverdächtige, den die Zeugin nannte, ist mittlerweile tot. Der mutmassliche Mittäter, der sich 1983 das Leben nahm und mit Ferrari äusserlich frappante Ähnlichkeiten aufwies, wurde von seinem eigene Schwager schwer belastet. Eine ganze Reihe vorgebrachter Tat- und Tätermerkmale, die seinerzeit gegen Ferrari vorgebracht wurden, passen auch perfekt zu diesem Mann. Deshalb veranlasste das Bezirksgericht auf Antrag von Ferraris Verteidiger Patrick Schaerz vor zwei Jahren eine Exhumierung des Toten zwecks eines DNA-Profilvergleichs mit dem gefundenen Schamhaar. Zudem forderte das Gericht ein Gebissgutachten, das die Frage beantworten sollte, ob der Verstorbene als Verursacher der Bissverletzung von Ruth Steinmanns Brust in Frage kam. Dass die Exhumierung überhaupt zustande kam, ist einem glücklichen Zufall zu verdanken. Zehn Monate waren ungenutzt verstrichen, als Ferraris Verteidiger den Hinweis erhielt, dass das Grab des Verdächtigten nach der reglementarischen Totenruhe von zwanzig Jahren demnächst aufgehoben werden sollte. Auf Intervention des Anwaltes grub man im April 2004 den Toten endlich aus.

Anhaltende seelische Belastung

Das DNA-Profil des Exhumierten lag in-nert Monatsfrist vor und passte nicht zu dem beim Opfer sichergestellten Schamhaar. Das kann freilich auch nicht erstaunen, denn gemäss den Aussagen der Tatzeugin wäre das Schamhaar eher dem ebenfalls verstorbenen Haupttäter zuzuordnen. Die Zeugin will hingegen gesehen haben, dass der mutmassliche Mittäter, den sie womöglich mit Ferrari verwechselte, dem wahrscheinlich bereits toten Opfer in die linke Brust biss.

Ausschlaggebend in diesem Fall ist demnach das Gebissgutachten. Und dieses war bis Ende Juli 2004, als die Weltwoche sich der Sache annahm, noch nicht einmal in Auftrag gegeben. Anfang September 2004 wies die Weltwoche unter dem Titel «Amtlich behinderte Wahrheitsfindung» auf die trölerische Gangart hin, mit der die Aargauer Justiz die Untersuchung vor sich herschob. In einer umgehend einberufenen Pressekonferenz wies Kripo-Chef Urs Winzenried zusammen mit dem Gerichtspräsidenten Guido Näf die Vorwürfe scharf zurück. Neben dem Gebissgutachten habe man nun auch den einen DNA-Abgleich mit den Resten des 1998 an Krebs verstorbenen zweiten Hauptverdächtigen in Auftrag geleitet.

Seither sind fünf Monate verstrichen – ohne dass irgendein Resultat vorläge. «Eine derartige Verfahrensverzögerung», empört sich Ferraris Verteidiger, «habe ich in einem Mordfall noch nie erlebt.» Nachdem er bereits zweimal vergeblich beim Bezirksgericht interveniert habe, will der Anwalt nun eine Aufsichtsbeschwerde einreichen.

Schlicht eine Zumutung ist eine derartige Trölerei vor allem auch gegenüber den Eltern des ermordeten Mädchens. Vater Felix Steinmann, der bis heute nicht an die Version des Gerichtes von 1995 glaubt, ist ob der seit Jahren anhaltenden seelischen Belastung erkrankt. Es ist, als wäre die Zeit für die Familie Steinmann nach der Tat stehen geblieben.

«Nur die Wahrheit könnte diesem Zustand ein Ende bereiten», sagt Felix Steinmann, «oder wenigstens die Gewissheit, dass seitens der Jus-tizbehörden alles unternommen wird, um ihr nahe zu kommen.»

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