Der Erb-Schaden

Von der Tankstelle zum Schloss: Wie der Winterthurer Hugo Erb dank unermüdlichem Fleiss in die Welt der Reichsten gelangt und wegen seiner Sturheit alles wieder verliert.

An einem Spätsommerabend, am 1. September 2001, trafen sich rund 200 Personen aus Wirtschaftsprominenz und Jetset auf Schloss Eugensberg im Thurgau. Die Damen trugen Lang, die Herren Smoking, man bewunderte die Aussicht auf den Bodensee und den riesigen Park mit Mammutbäumen und Goldregenallee; stiess beim Pool und beim Rundtempel mit Champagner (Billecart-Salmon Cuvée brut, 1995) an, die Damen nutzten die breite Freitreppe – eingerahmt von zwei Löwen, die das Erb-Familienwappen halten – für ihre Auftritte.

Christoph Blocher und Gattin Silvia waren geladen, der Kaffeemilliardär Klaus Jacobs und der frühere UBS-Präsident Mathis Cabiallavetta. Der prominente Zürcher Arzt Jon Largiadèr konnte mit dem Schönheitschirurgen Christoph Wolfensberger plaudern, Peter Spälti von der Winterthur-Versicherung mit alt Nationalrat Ernst Mühlemann. Nach der ersten Vorspeise – Hummersalat an Zitronenschaumsauce – hielt Autoimporteur Walter Frey eine Ansprache, nach der zweiten Vorspeise – Steinpilzravioli an Zucchini-Sellerie-Sauce – stand eine weitere von Professor Charles Weissmann, dem berühmten BSE-Forscher, auf dem Programm. Man feierte den 50. Geburtstag von Rolf Erb, der mit einem geschätzten Vermögen von zwei bis drei Milliarden zu den zehn Reichsten des Landes gehörte. Familie Erb war auf dem Höhepunkt ihres Erfolges, reich geworden im Auto- und Kaffeehandel und mit Immobilien. Im Anschluss ans Feuerwerk tanzte Playboy John Schnell eifrig mit den Damen, und Rolf Erb führte seine neue Liebe Daniela Sheridan übers Parkett.

Vater Hugo Erb, 83-jährig, sass still am Tisch. Vielleicht fragte er sich, wer dereinst das Milliardenimperium weiterführen würde. Sein ältester Sohn war bei einem Autounfall gestorben, der in Scheidung lebende Rolf noch immer kinderlos und der querschnittgelähmte Christian würde nie welche haben.

«Hugo Erb wollte ums Verrecken Enkel», sagt Prominenten-Zahnarzt John Schnell, ein Freund von Rolf. «Hier oben werden einmal meine Grosskinder umecheibe», hatte Erb senior schon Anfang der neunziger Jahre einem Kollegen prophezeit, als er die prachtvolle Residenz mit 17 Hektar Land kaufte. Sohn Rolf steckte Millionen in die Renovation des 43-Zimmer-Anwesens mit Louis-XV-Schlafzimmer, Bibliothek, Herrenzimmer und Salon. Vierzig Vergolderinnen und Vergolder sorgten dafür, dass die Armaturen in den Marmorbädern und die Möbel in neuem Goldglanz erstrahlten. Muranoleuchter von 1750 erleuchten die Räume, Antiquitäten aus aller Welt sind zu besichtigen, darunter ein Rosenholzsekretär, der einst Napoleon III. als Arbeitstisch diente. Zum Schluss residierten Rolf Erb und seine Gattin Christina in einem der schönsten Empire-Schlösser Europas. Leider ganz ohne Nachwuchs, obwohl man alles versucht hatte.

Im Frühjahr nach dem glamourösen Fest hatte Hugo Erb seine ersehnten Enkel. Und erst noch Zwillingsbuben. Daniela Sheridan, eine Dame von über fünfzig Jahren, hatte sie geboren. Wie das möglich war, darüber rätselten die feinen Kreise monatelang. Der alte Erb war überglücklich und schenkte Sheridan zur Belohnung den ganzen Schmuck seiner verstorbenen Frau. Endlich war die Nachfolge des Familienunternehmens gesichert. Doch schon Ende Jahr wurde dem Senior klar, dass es nichts mehr weiterzuführen gab.

Marode deutsche Immobilien

Damals, im Winter 2002, hatte der schwer kranke Patron eine Darmoperation hinter sich, Diagnose Krebs. Einer seiner Generaldirektoren besuchte ihn in der Klinik Mammern am Bodensee. Für den Besuch hatte sich der Patient extra in Schale und Krawatte geworfen, wie wenn es um einen Geschäftstermin ginge. Und tatsächlich empfing er den Kadermann mit der Frage, wie viele Autos er am Vortag verkauft habe. «Es war Umsatz hier, Marge dort. Erb tat so, als wenn er noch voll im Geschäft wäre.»

Man sprach auch über die Probleme in Deutschland: das viele Geld, das in marode Immobilien abfloss. Der Manager: «Ich sagte ihm, wir müssen Deutschland abschneiden.» Erb habe geantwortet: «Es ist zu spät. Das ist unser Niedergang.»

Hugo Erb wusste also, dass die Tage seines Imperiums gezählt waren. Ebenso wie seine eigenen. Dennoch oder vielleicht gerade deswegen lud die Familie nur Wochen später zu einer Kreuzfahrt in die Karibik ein. Freunde und Bekannte, darunter Thomas Matter, Chef der Bank Swissfirst, wurden mit dem Privatjet eingeflogen. Es wartete die «Sea Cloud II», ein imposanter Viermaster mit Fünfsterneservice. Die Gäste waren in Suiten untergebracht, man traf sich zum «4 o’clock High Tea» und zum Dinner im vornehmen Speisesaal.

«Hugo Erb lebte auf», erzählt ein Mitreisender. «Man merkte ihm überhaupt nichts an.» Der stolze Grossvater freute sich an den Babys, Nicolas und Alexander, auf deren Namen nach der Rückkehr Schloss Eugensberg sowie zwei Villen in Winterthur und Rüdlingen überschrieben wurden. Auch ein Pfarrer war mit an Bord, für alle Fälle wohl.

Im Juli starb Hugo Erb, Anfang Dezember brach sein Konzern unter einem Schuldenberg von zwei Milliarden Franken zusammen. Das Tragische: die Geschäfte, mit denen die Erb-Gruppe gross geworden war: der Autoimport, die Garagen, die später zugekauften Piatti-Küchen und Ego-Kiefer-Fenster, der Kaffeehandel: alles kerngesund.

Zum Absturz führte eine risikoreiche Beteiligung an einer deutschen Grundstückfirma. 2,5 Milliarden flossen insgesamt aus der Schweiz ab. Wie konnte dies geschehen? Wie passte dies zum hart arbeitenden, soliden Bilderbuchunternehmer, als der Erb weitherum bekannt war?

Stur bis zum Genickbruch

«Hugo Erb war eine Spielernatur. Er liebte das Risiko», sagt ein langjähriger Manager. Und er war stur wie nur etwas. Von einem Entschluss brachte ihn niemand mehr ab, «da sprach man an eine Wand». Diese Eigenschaften führten in Deutschland ins Desaster: Erb setzte zu viel ein und stieg nicht aus. Den gleichen Charakterzügen hatte er aber auch seinen beeindruckenden Aufstieg vom Sohn eines Garagisten zum Multimilliardär zu verdanken.

Zylinderköpfe russen und Öl wechseln, das überliess er seinem Vater. Der Junior hatte Grösseres im Sinn. «Geld verdient man im Verkauf», lautete seine Devise. Es waren die Jahre nach dem Krieg, die Wirtschaft zog an, immer mehr Leute konnten sich ein Auto leisten. Doch es gab kaum Autohändler. Kaufwillige fuhren ins Ausland, um sich direkt ab Werk einen der begehrten «Engländer» oder «Franzosen» zu erstehen. Erb, noch keine dreissig Jahre alt, übernahm 1945 die Ford-Vertretung. Ein gutes Geschäft. Wenig später kam Mercedes dazu. Zur wahren Goldgrube geriet jedoch der Verkauf von Lastwagen, und bald war er einer der grössten Vertreter im Land. In der ganzen Schweiz wurde hektisch gebaut: Autobahnen, der Flughafen in Kloten. Baufirmen brauchten Lastwagen, der Preis war fast egal.

Es war eine Zeit der Euphorie, nicht unähnlich den neunziger Jahren. Einige wollten zu hoch hinaus und stürzten ab. Auch dieses Phänomen beobachtete der junge Erb und wusste es zu nutzen: Firmenkonkurse bedeuten: Es gibt billig Immobilien zu kaufen.

Werden neue Autos am Laufmeter verkauft, steigt logischerweise bald auch die Zahl der Gebrauchtwagen. Erb war der Erste, der ein riesiges Occasionscenter hinstellte. «Er setzte immer alles Geld in neue Grossprojekte», sagt Erb-Manager René Lochmatter. In den siebziger Jahren baute er in Winterthur die grösste Autoausstellung der Schweiz, erstellte daraufhin das modernste und grossflächigste Importzentrum in Härkingen. «Er riskierte viel, und es ging immer gut.» Erbs liebster Spruch: «Stillstand ist Nullstand.» Quasi der Ritterschlag erfolgte, als ihm die Japaner die alleinige Einfuhr der Marke Mitsubishi übertrugen und später die Koreaner Hyundai.

Was ihn masslos ärgerte: wenn Angestellte nicht schalteten und potenzielle Verkaufssituationen nicht instinktiv erkannten, so wie er. Fuhr einer mit einer «alten Schwarte» zum Tanken vor, hatte man dem einen Neuwagen anzudrehen. So gut wie jeder Heizungsmonteur, der ins Haus kam, musste ein Verkaufsgespräch über sich ergehen lassen – «weisch ja nie».

Seine zweite Devise war das Sparen. Repariert wurde erst, wenn’s nicht anders ging. Immer tönte es: «Das kann man billiger machen.» Investitionen in Gebäude – verlorenes Geld. «Er liess alles verlottern», sagt ein Mitarbeiter. Nicht nur intern, auch in der Branche war Erbs Knauserigkeit wohlbekannt. Der ehemalige Chef von BMW Schweiz, Alex Schnurrenberger, wurde nicht selten zu Geschäftsessen ins Restaurant des Einkaufszentrums Töss genötigt, wahrlich keine Feinschmeckeradresse. Der Betonzweckbau nahe der Autobahn war Erb im Zuge seiner Immobilienkäufe günstig zugefallen. «Eine Flasche Wein zum Mittagessen, das gab es schon gar nicht», sagt Schnurrenberger. «Ein halber Liter Offener tat es auch.»

Höchste Zurückhaltung übte Erb bei den Salären seiner Angestellten. Dem Wunsch nach besserer Entlöhnung begegnete er mit schlagenden Argumenten: Hat einer jetzt zu wenig Geld, wird er auch mit mehr Lohn zu wenig haben. Denn dann gibt bloss die Frau mehr aus, oder er macht teure Ferien.

Letzteres machte er, Hugo Erb, nie. Am Morgen sass er um sechs Uhr am Pult, Samstag inklusive, am Sonntag nachmittags. Den Mitarbeitern war er in seinem Arbeitseifer ein unerreichtes Vorbild. Die Kehrseite: «0,0 Prozent Privatleben», sagt ein Freund. Seine Frau – «ein wunderschönes Frauenzimmer» (der Freund) – nahm er nie an Branchenanlässe mit, auch wenn es ausdrücklich hiess: mit Damen. Auf entsprechende Aufforderungen der neugierigen Kollegen sagte er jeweils: «Sie hat sich dran gewöhnt. Da fangen wir nichts Neues mehr an.»

Unsoziale Typen

Das nichtexistente Familienleben blieb bei den drei Söhnen nicht ohne Folgen. «Es waren irgendwie unsozialisierte Typen», erzählt ein ehemaliger Schulkollege von Heinz, dem Ältesten. «Ihre Freundschaften kauften sie sich.» In der Pause ging man verbotenerweise zum Beck, wo Heinz Schoggistengeli an seine Gefolgschaft verteilte. «Tagsüber kümmerte sich niemand um die. In der Wohnung lief ständig der Fernseher, die Mutter war völlig uninteressiert.» Mehr als um die Familie bemühte sich Hugo Erb um wichtige Leute, wobei er mit seiner jovialen und humorvollen Art gut ankam.

Auch wenn die Kontaktnahme nie ohne eine gewisse Berechnung stattfand. «Er fragte sich immer, was bringt der mir», sagt ein ehemaliger Politiker. Nützlich war ihm dabei über Jahre der Zürcher SVP-Nationalrat Hans-Ulrich Graf, der ihn in Bern einführte und etwa mit dem SVP-Präsidenten und Regierungsrat Hans Uhlmann bekannt machte. Dieser fuhr daraufhin mit der geschlossenen SVP-Fraktion auf Schloss Eugensberg, wo sich die tief beeindruckte Reisegruppe von Erb durch den Prachtsitz führen liess.

Die beiden Politiker waren auch Gast, als Erb die «Spendierhosen» anzog, wie es intern überrascht hiess, und er seine Kaderleute zu einer Kreuzfahrt im Mittelmeer einlud. Und erst noch auf einen stolzen Windjammer aus den dreissiger Jahren, die historische «Sea Cloud», einst gebaut für einen Wall-Street-Tycoon, perfekt restauriert bis zu den vergoldeten Wasserhähnen. Allerdings verliess ihn sein Sparinstinkt auch jetzt nicht völlig. Erb charterte das Schiff Ende Saison, zum halben Preis. Worauf man auf dem Weg nach Madeira in einen Herbststurm geriet und allen schlecht wurde.

Gab Erb nach aussen den höflichen Gastgeber, konnte er intern anders. Wer nicht spurte, wurde zusammengestaucht. Manche waren froh um die harte, aber lenkende Hand des Patrons. «Nach einem Treffen mit ihm hatte man immer das Rezept. Ein Händedruck, und man war motiviert.» Auch ein väterliches «Du chunnsch doch nöd drus. Gang jetzt go schaffe» nahm man ihm nicht übel.

Die Söhne litten vermutlich mehr unter ihrem Vater. Vom Erstgeborenen, Heinz, erzählt man sich in Winterthur, er sei, noch in der Schule, einmal aus dem Fenster der elterlichen Wohnung gesprungen und habe sich die Beine gebrochen. Mit 24 Jahren starb er bei einem Autounfall. Ein harter Schlag für den Vater. «Der Beste ist mir gestorben», pflegte er bis an sein Lebensende bedauernd zu sagen, gerne vor Geschäftspartnern, Mitarbeitern und in Gegenwart der beiden verbliebenen Söhne.

Motivation per Handschlag

Rolf, mittlerweile zuständig für den Autoimport, sprach kaum ein Wort, wenn der Vater anwesend war. Was diesen zum Spruch veranlasste: «Rolf ist schon recht, aber er kann nicht reden.» «Kunststück, wenn man andauernd gedemütigt wird», kommentiert ein einstiger Vertrauter der Familie. Freunde von Rolf bezeichnen ihn als scheu und introvertiert, Angestellte als hart arbeitend. Er habe das Autogeschäft tipptopp verstanden.

Eher ins Aggressive entwickelte sich der jüngste Spross. Nach der Querschnittlähmung «mutierte er zu einem hinterhältigen, misstrauischen Wesen. Er glaubte, alle würden ihn betrügen», sagt ein Bekannter. In der Firma war Christian gefürchtet, weil er gerne den Vater imitierte («Fuuli Sieche!»). Einem Journalisten drohte er einmal mit den Kampfhunden, als die Fragen nicht nach seinem Gusto ausfielen. Einen zweifelhaften Ruf geniesst er in der Leichtathletikszene. Vor dem Autounfall war Christian Erb Diskuswerfer und darin mehrfacher Schweizer Meister. In seiner Villa in Rüdlingen befindet sich ein Kraftstudio, das dem Leistungszentrum Magglingen in nichts nachsteht. Hier pumpte er seinen Körper zu Athletenform hoch: 1,82 Meter gross und 100 Kilogramm schwer, praktisch alles Muskeln. Worauf die Medien in ihm den begehrtesten Junggesellen der Schweiz erkannten.

Dem Leichtathletikverband fiel dagegen auf, dass der junge Erb immer in den USA, wo sie’s mit den Dopingkontrollen nicht so streng nehmen, Ausnahmeleistungen erbrachte. In der Schweiz stellte sich jeweils ein markanter Leistungsabfall ein. Nachweisen konnte man ihm nie etwas. Dafür seinen Schützlingen, die er seit dem Unfall als Trainer betreut. Einer wurde wegen Doping lebenslang gesperrt, eine andere für zwei Jahre, dem Dritten gelingen unglaubliche Weitwürfe immer ausser Landes (in der Ukraine und Russland).

Exzentrisch war sein Umgang mit Lieferanten der Erb-Gruppe. Diesen drohte er: Ihr könnt die Zusammenarbeit vergessen, wenn ihr mein Meeting «Weltklasse am Rhein» nicht sponsert. Jährlich trafen sich im Park seiner Villa, in dem professionelle Wurfanlagen stehen, Sportler aus aller Welt. Auch hier schlug er dem Senior nach, der Lieferantenrechnungen aus Prinzip zu spät bezahlte oder Aufträge von einem Autokauf abhängig machte.

Devisenhandel und eine eigene Bank

Hugo Erb hatte stets ein Ding im Sack, das aussah wie ein Pager. Regelmässig warf er einen Blick darauf. «Wofür ist das?», fragte ihn einmal ein Geschäftsfreund. «Ich muss wissen, wo der Dollar steht», war die Antwort. Das Gerät zeigte die US-Währung in Echtzeit an. Erb war ein Selfmade-Devisenhändler, in seinem Büro standen mehrere Reuters-Bildschirme mit Börseninformationen. Täglich kaufte und verkaufte er Summen, wie dies in einer mittleren Bank üblich ist. In guten Jahren verdiente er so Hunderte von Millionen.

Während einiger Jahre besass Erb sogar eine eigene Bank; eine dubiose Angelegenheit, die den Keim barg für den dramatischen Kollaps. 1988 kaufte er das Finanzinstitut EBC (Schweiz) AG, mit Tochtergesellschaften in London und Jersey. Später kam die Bank August Roth hinzu. Was seriös tönt, war es keineswegs. Ein Direktor veruntreute Kundengelder, es gab eine Strafuntersuchung, und generell war das kleine Geldhaus «miserabel geführt, so etwas kann man sich heute nicht mehr vorstellen», heisst es bei der Bank Swissfirst, die den Aktienmantel des maroden Institutes 1999 von Erb übernahm. Ohne den Käufer hätte die eidgenössische Bankenaufsicht eine Zwangsschliessung verfügt.

Was in Erbs Besitz blieb, waren die Büros der EBC in London und Jersey. Geführt vom Deutschen Rainer Kahrmann. «Durch ihn kamen die drei in die Welt der Finanzen hinein, für die sie nicht ausgebildet waren», sagt ein Insider. Der weltläufige Kahrmann hatte – im Gegensatz zu den Winterthurern – studiert und sich auch an der renommierten Manager-Kaderschmiede Insead weitergebildet. «Rolf schwärmte von ihm. Kahrmann war der Rasputin der Familie.» Über sein Büro in London lief ein Grossteil der Geldflüsse, die der Gruppe letztlich zum Verhängnis wurden. Sanierer Hans Ziegler, von den Söhnen nach dem Tod ihres Vaters gerufen, bezeichnete die EBC als «schwarzes Loch».

Kahrmann riet den Schweizern, in Grossbauten im Osten Deutschlands zu investieren. Dort, wo der Kanzler Helmut Kohl «blühende Landschaften» prophezeit hatte. Der Banker hatte bereits an die französische Staatsbank Caisse des Dépôts ein Aktienpaket der Immobiliengesellschaft CBB verkauft, die sogar im fernen Florida Grundstücke besass. Hugo Erb investierte sogleich 200 Millionen. Doch das Engagement kam nicht zum Blühen. Ganz im Gegenteil. Die Franzosen stiessen in Panik ab, Erb, schon immer ein Mann mit guten Nerven, stockte auf. Darüber hinaus garantierte er, für alle künftig anlaufenden Verluste zu bürgen. Ein unglaubliches Risiko. Doch ohne Garantieschein wäre die CBB per sofort pleite gewesen.

Ein Erb war noch nie irgendwo ausgestiegen, schon gar nicht, wenn bereits Millionen investiert waren. Jahr für Jahr häuften sich die Verluste, immer schneller versickerte das Geld, immer mehr musste aus Winterthur herbeigeschafft werden. Zum Schluss täglich eine Million Franken. Kahrmann verwaltete weitere verlustreiche Beteiligungen der Schweizer, etwa eine Stofftier-Importgesellschaft in Hamburg. Zudem gehörten auch Anteile an einem Champagnerhaus und einem Weingut zum plötzlich internationalen Portefeuille.

Wer heute in London anruft, hat einen aufgebrachten Mann am Apparat. «Der Ziegler spielt sich da zum Helden auf, unglaublich. Heftet den Leuten, die ihn riefen, Dreck an. Von welcher Zeitung sind Sie? Weltwoche? Die liest ja kein Schwanz, wenn’s wenigstens der Blick wäre.» Auch im Umgangston ist Kahrmann offenbar den Unternehmern Erb nicht ganz unähnlich.

Einer, der Hugo Erb vor dem deutschen Verderben warnte, ist der heutige Chef der Zürcher Kantonalbank, Hans Vögeli. Er war von 1994 bis 1998 bei Erb unter anderem für die Finanzen zuständig, bevor er im Zwist ging. Seine Warnungen prallten ab. Auch der Wunsch des ehrgeizigen Vögeli, CEO zu werden, wurde nicht erhört. Aus London beobachtete Kahrmann argwöhnisch jeden Schritt seines Widersachers, für den er heute Worte findet, unter denen «Militärkopf» und «Schweizer hoch drei» weitaus die harmlosesten sind.

Gesperrte Privatkonten

Doch Vögeli bekam Recht. Der Konzern ist am Ende, die zweitgrösste Pleite in der Geschichte der Schweizer Wirtschaft. Die Bezirksanwaltschaft ermittelt auf Bilanzbetrug. Den Banken wurden möglicherweise geschönte Bilanzen gezeigt, damit sie weiterhin Kredite sprechen. Rolf Erb sind bereits Privatkonten gesperrt worden. Das Schloss wird wohl irgendwann zwangsversteigert. Die überstürzte Schenkung an die Söhne, so verdächtig kurz vor dem Kollaps, wird kein Nachlassrichter anerkennen.

In den noblen Kreisen von Zürich und St. Moritz wartet man gespannt, ob die neue Freundin, die Mutter seiner Kinder, beim vielleicht bald mittellosen Rolf Erb ausharrt. Bislang war sie bekannt für klug gewählte Beziehungen, etwa mit dem rund zwanzig Jahre älteren, aber sehr wohlhabenden Vermögensverwalter Christoph Grüebler. Von dem sie sich trennte, nachdem sie durch ihren Jetset-Kollegen John Schnell den noch vermögenderen Rolf Erb beim Heliskiing in St. Moritz kennen gelernt hatte. Und ihn darauf, wie Rolfs verbitterte Ehefrau Christina ihren Freundinnen erzählte, nicht mehr aus den Fingern liess.

Davon durfte sich die Gesellschaft überzeugen an einer ausgelassenen «Dollar-Party» auf Eugensberg im August 1997. (Es ging um eine Wette, ob der Dollar steige oder sinke.) Ein eigens aus Israel eingeflogenes Tanzorchester sorgte für Stimmung, wozu die Showgirls in ihren eng anliegenden Stretchkostümen nicht unwesentlich beitrugen. Sogar der gelähmte Christian Erb ruckte auf dem Parkett seinen Rollstuhl im Takt hin und her, umrahmt von satinschimmernden Frauenbeinen und begeistert klatschenden Gästen. Unangenehm fiel den Gästen Daniela Sheridan auf, die in unschicklicher Manier mit ihrem Milliardär tanzte. Die anwesende Gattin kämpfte mit den Tränen und schwor, das werde die Familie teuer zu stehen kommen. Es folgte eine langjährige Kampfscheidung.

Rolf und Christian Erb schotten sich in ihren Villen ab, Freunde bekommen sie kaum mehr zu Gesicht.

Was machten sie und ihr Vater letztlich falsch? Der Autoimport brachte der Familie Geld wie Heu, man war Exklusivlieferant einer Automarke und konnte kaum etwas falsch machen. Solange Erb seine flüssigen Mittel für Geschäfte im eigenen Land einsetzte, Geschäfte, die er verstand, ging alles gut.

Das weltweite Kaffeehandelsnetz, das Hugo Erb Ende der achtziger Jahre der Winterthurer Reinhart-Familie abkaufte, war ein Schritt auf Neuland. Hier hatte er Glück, die Firma war seriös geführt. Doch unter der Ägide von Kahrmann verliess man den bekannten Boden. Immobilien in Ostdeutschland und Florida, irgendwelche Beteiligungen – das war zu weit weg, davon verstand man zu wenig. Und vor allem: Das konnte man nicht kontrollieren.

Die Sachwalter sind an der Arbeit, der Zusammenbruch wird minutiös untersucht, jede Rechnung umgedreht werden. Das einst stolze und verschlossene Unternehmen muss sich entblössen und durchleuchten lassen.

Rudolf Marti: Eugensberg. Ein Schloss und 2500 Jahre Geschichte.
Mit 177 Farbfotos. Huber, 1998. 160 S., Fr. 198.–

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