Der diskrete Charme der Scharia

Tariq Ramadan ist nicht zu fassen: Der Genfer bekennt sich zur Demokratie und predigt die islamistische Revolution in Europa. Für Time ist er ein Top-Intellektueller, für seine Muslimbrüder schlicht: der Heilsbringer. Wie gefährlich ist dieser Schweizer?

Seit mehreren Jahren tobt die mediale Schlacht um den skandalumwitterten Tariq Ramadan, Bürger von Genf, muslimischer Theologe und Prediger. Kaum eine französische Fernsehdiskussion zu Islam und Demokratie, kaum eine Debatte über Schleier und Scharia, bei der nicht der elegante Ramadan im Rampenlicht gestanden hätte. Auch über dem Skandal um die Verteidigung der Steinigung durch den Zürcher Imam von der Rötelstrasse liegt der lange Schatten des Genfer Vordenkers. Imam Youssef Ibram hat sich mit seinen Äusserungen lediglich Tariq Ramadan angeschlossen.

Das vorgeschobene Credo des Westschweizer Islamwissenschaftlers ist der Dialog der Kulturen. Auffällig wird Ramadan aber durch gezielte Provokation und kalkulierte Zweideutigkeit. Und laufend eröffnet er neue Fronten. Für die vom Koran vorgeschriebene Steinigung von Ehebrecherinnen will er im Duell mit Innenminister Nicolas Sarkozy nur ein Moratorium gelten lassen. Um das französische Kopftuchverbot zu bekämpfen, wirft er seine ganze Mobilisierungsmacht in die Wagschale. Um Intellektuelle wie Bernard-Henri Lévy und André Glucksmann zu diskreditieren, mit denen Differenzen zum Palästina-Konflikt bestehen, disqualifiziert er sie als «jüdisch». Seine Stellungnahmen lösen heftige Reaktionen aus. Doch jedes Mal verstärken sich seine Präsenz in den Medien und seine öffentliche Autorität. Ist er nicht der Held der Jugend? Der unverzichtbare Repräsentant des europäischen Islam? Bekennt er sich nicht explizit zur Demokratie?

Über lange Jahre antwortete ein guter Teil der französischen und der Westschweizer Öffentlichkeit ohne Umschweife mit Ja. Ramadan war der Dialog-, der Ansprech-, der Bündnispartner. Nun sind allerdings zwei neue Bücher erschienen, die das Blatt wenden dürften. Der Journalist Lionel Favrot hat «Tariq Ramadan dévoilé» veröffentlicht, die Laizismusspezialistin Caroline Fourest geht in ihrem «Frère Tariq» dem politisch-philosophischen Profil des Genfer Agitators auf den Grund. Besonders Fourests sorgfältig recherchiertes Buch bestätigt auf erdrückende Weise, was Islamwissenschaftler wie Gilles Kepel, Olivier Roy oder Antoine Sfeir dem Publikum schon lange zu vermitteln versuchen: Tariq Ramadan ist ein Wolf im Schafspelz. Die frohe Botschaft des salafistischen Islam, die der Schweizer Gymnasiallehrer von seiner Genfer Basis aus in die Vorstädte Frankreichs und Europas trägt, ist ein Fundamentalismus undemokratischer, intoleranter und radikaler Faktur.

Der Schlüssel zum ideologischen Weltbild Ramadans liegt in seiner Herkunft. Tariq ist der Enkel von Hassan al-Banna, dem Begründer der ägyptischen Muslimbrüderschaft – die Urmatrix des politischen Islamismus. Sowohl die palästinensische Hamas als auch der algerische FIS und Hassan al-Turabi, die heute gestürzte graue Eminenz des sudanesischen Gottesstaates, sind der Brüderschaft eng verbunden. Al-Banna sprach in seiner «Epistel an die Jugend» sein Kurzprogramm aus: «Gott ist unser Ziel. Gottes Bote ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Die Anstrengung ist unser Weg. Der Tod auf dem Weg Gottes ist unser höchster Wunsch.»

Zu radikal für Islamwissenschaftler

Tariq Ramadan hat sein intellektuelles Lebenswerk dem geistigen Erbe des frommen Ahnen verschrieben. Schon in seiner Doktorarbeit, die der «Erneuerung des Islam» durch den bedeutenden Vorfahren gewidmet ist, bekennt er sich ehrfurchtsvoll zu dieser Aufgabe. Sein apologetischer Eifer geht so weit, dass die Doktorarbeit von den Islamwissenschaftlern in Freiburg abgelehnt wurde und er sich begnügen muss mit einer literaturwissenschaftlichen Promotion an der Uni Genf, die nur aufgrund des Lobbyings von Jean Ziegler und seiner Frau, der Genfer Grossrätin Erica Deuber, zustande kommt. Ramadan hat in Publikationen und in Audiokassetten seiner Predigten, die in Frankreich mit einer Auflage von 50000 unter die Leute kommen, immer wieder betont, er verdanke alles dem geistigen Vorbild al-Banna.

Immerhin signalisiert Ramadan eine gewisse Distanz: «Ich situiere Hassan al-Banna in seinem Kontext, seiner Epoche, seiner Gesellschaft, und ich bewerte die Dinge unterschiedlich, sowohl im Bezug auf seine Ziele als auch auf die Mittel, die er anwandte, um sie in die Tat umzusetzen.» Der Wille zur Differenzierung ist löblich. Aber es bleibt ein Problem: Al-Banna ist die höchste geistige Autorität der Mehrheit der islamistischen Terrorgruppen. Er hat aus seinem Willen, das Kalifat neu zu errichten, Europa wieder zu islamisieren und überall die Scharia durchzusetzen, nie einen Hehl gemacht. Wie ein Weltbild, das sich diesen Denker zum höchsten Vorbild nimmt, durch differenzierte Kontextualisierung sich zu einem modernen, demokratischen Islam entwickeln will, bleibt schleierhaft. Gibt es ein halbtotalitäres Denken?

Noch beunruhigender ist die Methode, mit der die «differenzierende» Übernahme des geistigen Erbes vollzogen wird und die im Buch von Caroline Fourest zu plastischer Darstellung kommt – die Methode der Auslassung. Ramadan sagt nie, sein grosser Vorfahre habe geirrt, er begnügt sich damit, gewisse Elemente der Doktrin stiefmütterlich zu behandeln. Er treffe, sagt Ramadan, «eine Auswahl». So behandelt er in seinen Predigten die Etappen, in denen nach al-Banna der Islam wiederhergestellt werden soll. Erste Etappe: «Der islamische Mensch». Zweite Etape: «Die islamische Familie». Eine umfassende und geschlechterspezifische Strukturierung der Privatsphäre wird durch die dritte Etappe abgerundet: «Das islamische Volk». Zu seiner Verwirklichung wird gefordert, dass «unsere Botschaft ins Innere aller Behausungen dringt, dass unsere Stimme an jedem Ort zu hören sei, dass unser Denken sich verbreite in allen Gebieten, Dörfern, Städten, Bezirkshauptstädten, Hauptstädten und Metropolen».

Al-Banna, führt Ramadan aus, erkenne die strategische Bedeutung des Besetzens aller gesellschaftlichen Sphären. Die Muslimbrüder verstehen sich als die Speerspitze einer sozialen Bewegung und nicht als Partei. Die Übernahme staatlicher Macht darf erst erfolgen, nachdem das soziale Gewebe durchdrungen ist. Mit nachhaltigem Erfolg wendet heute die Hamas die bei al-Banna gelernte Lektion an. Ihre «militärische» Schlagkraft beruht weitgehend auf ihrer Verankerung in der Gesellschaft, auf dem Netz von Spitälern und Kindergärten, mit dem sie Palästina überzogen hat.

Allerdings hat das Schema der Machteroberung, das al-Banna darlegt, nicht drei, sondern sieben Etappen. Ramadan führt die letzten vier nicht an. Stufe vier: «Wir wollen eine muslimische Regierung, wir akzeptieren keine Regierung, die nicht auf den Grundlagen des Islam beruht.» Der Gottesstaat wird unausweichlich. Al-Banna war ein Theoretiker des politischen Timings. Erst nachdem die Gesellschaft erobert ist, wird die Regierung übernommen. Sie muss dann islamisch sein. Über Ramadans Vorstellungen von politischem Timing bleiben wir im Ungewissen. Er ruft immer wieder die Hardliner, zahlreich in seinem ideologischen Umfeld, zur Mässigung auf und präsentiert sich dann als «Vermittler» und «Pädagoge». Caroline Fourest unterstreicht jedoch, dass nicht klar ist, ob es dabei um Mässigung geht oder um den Willen, nicht zu schnell vorzupreschen.

Stufe fünf: «Wir wollen alle Teilstücke, die die westliche Politik gezielt gespalten hat und die Gier der Europäer auf Abwege brachte, wieder zum islamischen Vaterland vereinen.» Das pan-islamische Kalifat wird gegen den westlichen Imperialismus wiederhergestellt. Die unverrückbare Zusammengehörigkeit der Muslime hat jedoch ein bemerkenswertes Modell: «So wie das Deutsche Reich sich durchgesetzt hat als Beschützerin all derer, in deren Adern deutsches Blut fliesst, genauso auferlegt der muslimische Glaube jedem Muslim, der dazu fähig ist, jede Person zu beschützen, die den Koran gelernt hat.» Bewunderung für die Nazis war und ist für muslimische Fundamentalisten nichts Aussergewöhnliches. Doch auch unter der Feder eines Hardliners ist die Parallelisierung von Glaubens- und Rassengemeinschaft, von «Drittem Reich» und Kalifat, keine Banalität. Wie soll das Reich durchgesetzt werden, wenn grosse muslimische Minderheiten in Europa leben?

Stufe sechs: «Andalusien, Sizilien, der Balkan, die italienischen Küsten und die Mittelmeerinseln waren allesamt muslimische Mittelmeerkolonien, und sie müssen in den Kreis des Islam zurückkehren.» Die «Rückeroberung» Europas ist nicht nur eine fundamentalistische Obsession, sie ist bei den Nachfahren al-Bannas eine Familienangelegenheit. Tariqs Vater Said Ramadan wurde aufgrund der gnadenlosen Repression der ägyptischen Muslimbruderschaft durch General Nasser zur Emigration gezwungen. Nach Wanderjahren, die ihn auch nach Pakistan brachten, verschlug es ihn nach Saudi-Arabien. Von König Feisal mit üppigen Finanzmitteln versehen, zog er aber weiter und gründete 1961 in Genf das Centre Islamique, das er bis zu seinem Tod 1995 führte – auch nachdem die Saudis ihm den Geldhahn zugedreht hatten und der Ramadan-Clan zum Feind des Königshauses geworden war. Saids Mission: Aufbau eines islamistischen Netzwerkes in Europa. Er war der offizielle europäische Repräsentant der Muslimbrüderschaft.

Schliesslich Stufe sieben: «Wir wollen – nach all dem und mit all dem – unsere islamische Botschaft der ganzen Welt darbringen, die ganze Menschheit erreichen.»

Intellektueller des Jahres

Tariq Ramadans Grossvater war der Theoretiker, sein Vater der Polit-Kommissar einer fundamentalistischen Re-Islamisierung Europas. In gradliniger Fortsetzung der generationenübergreifenden Mission wurde Tariq zum einflussreichsten Prediger der französischen Banlieues. Trotzdem reagiert er auf die ihm immer wieder gestellte Frage, weshalb er für seine Version eines europäischen Islam ausgerechnet den theokratischen Fundamentalismus seines Grossvaters zur Inspirationsquelle nehme, mit ausweichender Aggressivität. Er habe es satt, «in Sippenhaftung genommen zu werden».

Nichts ist unfairer, als jemanden bloss aufgrund seiner Verwandtschaft zu anrüchigen Vorfahren anzugreifen. Kein moderner Europäer will diesem Vorwurf ausgesetzt sein. Bei Ramadan wird der Vorwurf der «Sippenhaf-tung» jedoch grotesk. Er stellt sich als Fackelträger der Familientradition dar. Sein theoretisches und politisches Wirken ist diesem Ziel gewidmet. Nur wenn er aufgefordert wird, sich von der totalitären Theokratie seines Vorfahren zu distanzieren, verwahrt er sich gegen «Sippenhaf-tung». So kann er die Antwort schuldig bleiben.

Ramadan dürfte als genialer PR-Stratege in die Geschichte eingehen. In der Terroristenmetropole Khartoum wird er mit den Ehren, die dem Prinzen einer grossen Dynastie gebühren, empfangen und als «Zukunft des Islam» besungen. Er ist schliesslich der Enkel von Hassan al-Banna. In Paris verwahrt er sich gegen kritische Fragen von seinen Freunden des Monde diplomatique, der Ligue des droits de l’Homme und des Europäischen Sozialforums. Er warnt vor westlicher Arroganz, Vorurteilen, Sippenhaf-tung: Was kann er dafür, zufällig der Enkel von al-Banna zu sein? Die schillernde Selbstdarstellung verfängt bestens: Anno 2000 wurde er von Time zu den Intellektuellen des Jahres gezählt.

Glauben über Vernunft

Angesichts solcher Rollenspiele macht misstrauisch, dass schon al-Banna die Taqiya, die strategische Verstellung gegenüber den «Ungläubigen», als legitimes Mittel des politischen Kampfes gerechtfertigt hat. Wo Ramadan wirklich steht, inwieweit seine genau abgewogenen Positionen seinen Überzeugungen entsprechen und inwieweit sie taktische Zugeständnisse bilden, weiss nur er allein. Unzweifelhaft spielt er eine wichtige Rolle in der Muslimbrüderschaft, obwohl er immer betont, es würde «keine institutionelle Verbindung» bestehen.

Die Muslimbrüderschaft ist seit fünfzig Jahren der wichtigste ideologische Nährboden des islamistischen Terrorismus. Ihr wichtigster Prediger, Scheich al-Qaradawi, legitimiert mit seinen Fatwas Selbstmordattentate. Es gibt Indizien, dass Ramadan direkte Kontakte zu Terroristen unterhalten hat. Er ist in Genf perfekt in ein ultraradikales Milieu integriert. Gut möglich, dass der wendige Rhetoriker, der sich überall zu islamischer Demokratie, islamischem Feminismus und islamischem Laizismus äussert, diesen Begriffen unter Brüdern eine Bedeutung gibt, von der sich sein westliches Publikum nichts träumen liesse.

Unbestreitbar ist der von Ramadan vertretene reformistische Salafismus viel moderner als die buchstabentreue Koranauslegung, die von den radikalsten Vertretern der islamistischen Internationale verfochten wird. Ramadan spricht sich für Menschenrechte, Rechtsstaat und Demokratie aus – solange sie dem Islam nicht in die Quere kommen. Er kämpft engagiert für einen «islamischen Feminismus» – solange sich die Frauen verschleiern und die Gesetze der Züchtigkeit respektieren. Wenn der smarte Medien-Beau mit offenem Hemdkragen vor Publikum doziert, gibt es für Frauen und Männer nicht nur getrennte Sitzreihen, sondern auch getrennte Eingänge. Auch ein Vorwort zu einem Buch zu schreiben, in dem Ohrfeigen als eheliches Züchtigungsmittel empfohlen werden, betrachtete er als unbedenklich. Von seinem deutlich radikaleren Bruder Hani hat sich Tariq Ramadan öffentlich distanziert, aber nach wie vor sitzen beide im Vorstand des Centre Islamique und treten gemeinsam bei Veranstaltungen auf. In absolut jeder Hinsicht stellt Ramadan den Glauben über die Vernunft. Er macht grosse Gesten der Annäherung an das abendländische Umfeld, aber von dem unverhandelbaren Kern der Offenbarung des Propheten weicht er kein Jota ab.

Das zeigt sich deutlich an der Grundfrage der Apostasie. Darf ein Muslim vom Glauben abfallen? In Saudi-Arabien steht darauf die Todesstrafe. Ramadan gesteht die Gewissensfreiheit zögerlich zu. Aber nur solange der Ungläubige sich mit «Würde und Respekt» verhält. Ein Muslim darf seinen Glauben verlieren, aber er darf danach den Islam nicht kritisieren. Der aufgeklärte Demokrat soll schweigen, während die Stimme des salafistischen Islam erstarkt: Das ist präzise die Vorstellung, die sich Ramadan vom interkulturellen Dialog macht. Unter diesen Bedingungen prosperiert die Neubegründung des Islam. «Eine stille Revolution ist im Gang», schreibt Ramadan in «Die Muslime des Okzidents und die Zukunft des Islam». In Europa und in Amerika seien junge Muslime dabei, sich eine «muslimische Persönlichkeit» zu konstruieren, «die schon bald die Mehrzahl ihrer Mitbürger überraschen wird».

Marktlücke gefüllt

Die schlagendste Waffe, mit der garantiert werden soll, dass die Islam-Kritik unterbunden wird, ist der Vorwurf der «Islamophobie». Unter anderem dank Ramadan hat die Begriffshülse Ende der Neunziger den Ideenmarkt der Pariser Globalisierungsgegner erobert. Mit Verspätung ist sie bei den Schweizer Grünen angekommen. Die Pointe des Begriffs ist die Diffamierung von Religionskritik als Rassismus. Unter dem Vorwand des Kampfes gegen Diskriminierung kann jede kritische Debatte über den Islam für illegitim erklärt und gestoppt werden. Über Jahrhunderte musste die europäische Aufklärung streiten für das Recht zur Religionskritik. Diese Errungenschaft scheint nun leichtfertig verscherbelt zu werden.

In gewissem Sinne hat Tariq Ramadan eine Marktlücke gefüllt. Er bietet sich an als Stimme des europäischen Islam. Indem er jedoch zum herausragenden Repräsentanten wurde, hat er liberale Theologen wie Soheib Bencheikh, Grossmufti von Marseille, verdrängt. Das ist nicht im Interesse derer, die das Gespräch suchen. Das Verhältnis, das Europa zu seiner islamischen Minderheit unterhält, ist eine viel zu ernste Angelegenheit, als dass man sie den Erben der Muslimbrüder überlassen dürfte.

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