Wenn nicht Löwe, dann Fuchs

Pilet-Golaz, 1. Folge: Im Juni 1940 überrennt Hitlers Armee Frankreich. Die Schweiz ist militärisch vollständig eingekreist. Aussenminister Pilet-Golaz steht vor einer unlösbar scheinenden Aufgabe: das Überleben seines Landes verhandeln, ohne die totalitäre Übermacht zu reizen.

Pilet-Golaz? War das nicht der Anpasser im Bundesrat, der «Quisling», der sich vor den Nazis duckte? Wenn man Schweizer auf Pilet-Golaz anspricht, kommt ihnen – wenn überhaupt – die «berüchtigte» Radiorede vom 25. Juni 1940 in den Sinn, die, wie wir in der Geschichte der Schweiz und der Schweizer lesen können, von «einer kränklichen Demokratieauffassung und von verschwommenen Ideen über Neuordnung und Anpassung» zeugte. Oder die «peinliche und bedauerliche» Affäre der Audienz, die Pilet als Bundespräsident drei mit den Nationalsozialisten sympathisierenden Frontisten gewährte. Ältere Leute erinnern sich an das Wortspiel «Me sött de Pilet goh la», das vom Nebelspalter und vom Cabaret Cornichon in Umlauf gebracht wurde.

«Als er starb, hatten sich wenig Männer so gründlich überlebt wie er», urteilte Edgar Bonjour über den Waadtländer Magistraten, der in den kritischen Jahren 1940 bis 1944 die Schweizer Aussenpolitik leitete. Mit keinem Bundesrat sind Zeitgenossen und Historiker so schonungslos verfahren wie mit Marcel Pilet-Golaz. Während seiner Amtszeit forderten Politiker aller Lager und Zeitungen aller Schattierungen immer wieder den Rücktritt des Mannes, der, wie die Weltwoche es formulierte, «1940 versagt hat». Als der «untragbare» Bundesrat im November 1944 endlich ging, weinte ihm kaum einer eine Träne nach. «Welch niedrige Freude las ich in gewissen Blicken im Journalistensaal des Bundeshauses, als die Nachricht von der Demission offiziell wurde!», erinnert sich der Schriftsteller Léon Savary.

Die Versuche des Historikers Erwin Bucher und von alt Bundesrat Georges-André Chevallaz, Pilet zu rehabilitieren, sind gescheitert. Zu stark sind immer noch die Emotionen. Als (der 2001 verstorbene) Bucher in den achtziger Jahren seine ersten Artikel über Pilet veröffentlichte, machte er eine enttäuschende Erfahrung: «Es wurde deutlich, dass die Gegner Pilets, welche die öffentliche Meinung beherrschten, nicht bereit waren, sich mit neuen Erkenntnissen auseinander zu setzen, die aus der grossen Fülle zugänglich gewordener Primärquellen gewonnen werden konnten... Es zeigte sich auch, dass eine positivere Darstellung Pilets und seiner Tätigkeit für viele etwas vom letzten war, was ein guter Schweizer unternehmen konnte. Dem Verfasser wurde in einem Zeitungsartikel bedeutet, der hätte Besseres zu tun, als sich mit Pilet-Golaz zu befassen...»

Das negative Bild Pilets ist vom offiziellen Historiker der Schweiz im 2. Weltkrieg, Edgar Bonjour, gestanzt worden: «Mit seinen überspitzten Formulierungen, seiner snobistisch anmutenden Eleganz und seinem schillernden Wesen kam er beim einfachen Bürger nicht an. Dieser fasste kein Herz zu ihm», befand Bonjour: «Vielleicht spürten schon die Zeitgenossen richtig heraus, dass durch Pilets ganze Persönlichkeit eine Ader von Menschenverachtung ging... Er konnte in Momenten des Unmuts seine Umgebung von oben herab behandeln, zynisch über Menschen und Dinge urteilen, ohne zu bedenken, dass er sich damit unnötig Gegner schuf, die mit gleichem Kaltsinn über ihn den Stab brachen.»

Zu diesen Gegnern gehörte auch Bonjour. In einem im letzten März geführten Telefongespräch berichtete mir (die kurz danach verstorbene) Schwiegertochter Pilets, Bonjour habe es dem Bundesrat wohl nie verziehen, dass er ihn herablassend mit «Sie ewiger Bücherwurm» tituliert hatte. Bonjours Abneigung gegen Pilet mag auf die Zeit zurückgehen, als der eben zum Vizedirektor des Bundesarchivs ernannte Historiker voll jugendlichen Schwungs davon träumte, «das Archiv zu lüften, den hintersten Winkel auszukehren, den verschlafenen Geist zu wecken, dem eingerissenen Schlendrian zu wehren». Als er seine Reformpläne dem damals dem Departement des Innern vorstehenden Bundesrat Pilet vortrug, reagierte dieser in «seiner zynisch-geistreichelnden Art: Die Hauptsache sei, dass man von aussen die Räder der Archivmühle sich drehen sehe, was sie mahle, ob sie überhaupt etwas mahle, sei gleichgültig.»

Pilet war ein Schwieriger. Selbst ihm gut gesinnte welsche Journalisten bedauerten, dass er im Umgang mit seinen Mitmenschen Mühe hatte. Er zählte zur Kategorie von Intellektuellen, die «sich gerne in einen Elfenbeinturm zurückziehen, sich eine starre Maske schaffen, einsam meditieren und sich, sei es aus Prinzip oder Veranlagung, hüten, ihre Umgebung zu konsultieren, bevor sie einen Entscheid treffen.»

Marcel Pilet-Golaz war nicht populär, das steht fest. Offen bleibt die Frage, ob der Waadtländer eine beschämende Anpassungspolitik betrieb oder ob er das Land durch diplomatisches Geschick vor dem Schlimmsten bewahrte. Verdient es Pilet, am Schandpfahl der Schweizer Geschichte zu stehen, oder müssten wir ihm – wie ein britischer Diplomat 1944 meinte – ein Denkmal setzen?

Nach Hitlers Überfall auf Polen und der brutalen Aufteilung des Landes Ende September 1939 hatten im Herzen Europas die Waffen vorerst geschwiegen. In den langen Wintertagen der drôle de guerre warteten die dies- und jenseits des Rheins aufmarschierten feindlichen Heere nervös auf den nächsten Akt des Dramas. Die 150000 Schweizer Soldaten, die nach dem Abklingen der ersten akuten Gefahr noch im Dienst standen, waren hauptsächlich mit Bauarbeiten an der Limmatverteidigungsstellung zwischen Sargans und dem Jura beschäftigt. Hitler respektierte vorerst die Neutralität unseres Landes, die er schriftlich garantiert hatte.

Trotzdem ahnt der Chef des Post- und Eisenbahndepartements, Pilet-Golaz, der am Silvester seinen 50. Geburtstag feiert und nach 11 Jahren im Bundesrat zum zweiten Mal das Amt des Bundespräsidenten übernehmen wird, dass im neuen Jahr «die zu leistende Marschstrecke hart, die Strasse schwer, die Dornen am Wege zahlreicher als die bescheidenen Blümchen sein werden». In seine Agenda für 1940 schreibt er: «Alle Grenzen sind heilig. Sie lassen sich nicht diskutieren, sondern nur verteidigen.» Er merkt sich auch noch eine andere Weisheit: «Die Systeme sind Illusion, die Theorien sind Gift.» Patriotismus und Pragmatik sind Leitplanken in seinem Denken und Handeln.

Am 21. Januar stirbt Bundesrat Giuseppe Motta, der zwei Jahrzehnte lang unsere Aussenpolitik bestimmt hat. Die Schweiz ist bestürzt. Das Volk, das Mottas Humanität, Einfachheit und Güte schätzte, hat ihm seine blinde Sympathie für Mussolini und seine Verkennung der aggressiven Absichten Hitlers verziehen. Er war der Landesvater schlechthin. Mit seinem Einsatz für Völkerbund und Frieden hatte er sich auch im Ausland hohes Ansehen erworben. Zum Schluss war Motta das diplomatische Meisterstück geglückt, die beim Eintritt in den Völkerbund aufgegebene absolute Neutralität der Schweiz zurückzugewinnen.

Die Welt nimmt Anteil am Tod Mottas. Hinter seinem Sarg tragen Soldaten die Kränze fremder Staatsoberhäupter, und Diplomaten beider kriegführenden Lager folgen unterschiedslos dem Trauerzug durch die verschneiten Gassen Berns. In seiner Trauerrede in der Dreifaltigkeitskirche lobt Bundespräsident Pilet-Golaz Mottas Idealismus und den Realismus, der seine Tätigkeit geleitet hat: «Kein Spektakel, keine Eclats, auch kein Zaudern. Eine genaue Vision der Bedürfnisse des Landes, eine ausserordentliche Voraussicht der nächsten Entwicklungen. Ein präzises Ziel: die Unabhängigkeit einer geachteten und, wenn möglich, geliebten Schweiz. Der feste Wille, dies zu erreichen. Die unvergleichliche Souplesse der Mittel.» Mit diesen überlegt gewählten Worten definiert Pilet das Idealbild eines Schweizer Aussenministers. Zwar muss Mottas Nachfolger erst gewählt werden, aber im Bundesratskollegium herrscht einhellig die Ansicht, dass Pilet der geeignete Mann für das heikle Aussenministeramt ist.

Die Diplomaten unter den Trauergästen sind von Pilet beeindruckt. Die «ganz französische Ordnung und Klarheit» von Pilets Rede lobend, berichtet der Botschafter Alphand seinem Ministerpräsidenten : «Mit Befriedigung haben wir M. Pilet-Golaz wiederholt betonen hören – es war dies neben seiner Eloge der demokratischen und christlichen Zivilisation der Kern seiner Trauerrede – dass die Politik M. Mottas diejenige des Bundesrats war und dass er selber sie – wenn auch minus das Genie – fortzuführen gedenke.»

Der britische Gesandte David Kelly glaubt, dass Pilet-Golaz, obschon er nicht das internationale Prestige Mottas habe, für das Aussenministeramt weit besser qualifiziert ist als die andern Bundesräte, «unter denen er durch seine Lebhaftigkeit und seine Geselligkeit hervorsticht. Seine natürliche geistige Wachheit und sein Scharfsinn sind durch seine Tätigkeit als erfolgreicher Anwalt entwickelt worden.»

Das Geburtshaus von Marcel Pilet-Golaz steht im Herzen des Waadtländer Marktfleckens Cossonay, neben einer stolzen alten Linde und dem Dorfbrunnen, über dem wir auf zwei elegant beschrifteten Tafeln lesen «Wäsche 20 cts» und «Verbot Gemüse waschen. Busse 1 Fr.». In diesem währschaften Dorf verbringt der kränkliche und nervöse Marcel seine ersten neun Jahre, bevor der Vater, der es bis zum Gerichtspräsidenten und Grossrat bringen wird, mit der Familie nach Lausanne zieht. Der Junge steht unter dem erdrückenden Einfluss einer starken Mutter und kümmert sich rührend um seine einzige Schwester, die schwer krank ist.

Vorschusslorbeeren aus Berlin

Gleicherweise begabt in Latein wie Mathematik, besteht er die Matur mit Bestnote. Es zieht ihn zur Naturwissenschaft, aber auf väterlichen Wunsch studiert er Jurisprudenz. In der Studentenvereinigung Belles-Lettres, deren Mitglieder sich auf ihren romantischen Schöngeist und Nonkonformismus etwas einbilden, pflegt er den dort üblichen ironischen Gesprächsstil. Er liebt die Literatur und spielt leidenschaftlich gerne Theater. Auf der Bühne glänzt er als Harpagon in Molières «Der Geizige». Nach zwei Semestern in Leipzig und einem Jahr als Praktikant bei einem Deputierten der französischen Nationalversammlung, wo er die Redekunst und den Realitätssinn des «Tigers» Clemenceau bewundert, promoviert Pilet mit 23 Jahren zum Dr. iur und heiratet bald darauf Mlle Mathilde Golaz, Tochter eines verstorbenen Regierungsrats. Im Grossen Rat glänzt der junge Jurist mit seinen klaren Exposés zu Steuerfragen und zieht bald als Liebkind der Waadtländer Freisinnigen in den Nationalrat ein. 1928 wird er 39-jährig Nachfolger von Bundesrat Chuard.

Der mit Pilet gut bekannte Philosoph Gonzague de Reynold beschreibt ihn als «gross, hoch auf den Beinen, mit einem ziemlich betonten Profil. Seine Intelligenz war rasch und aufnahmefähig... Er liebte die Diskussion, selbst das Streitgespräch; vielleicht liebte er es, sich sprechen zu hören.» Am 21. März 1940 – Pilet hat soeben sein neues Amt angetreten – kabelt der deutsche Gesandte in Bern, Otto Köcher, der in der Person Mottas die «einzige wirkliche Garantie» für eine «Politik guter Nachbarschaft zu Deutschland» gesehen und nach dessen Tod eine Verschlechterung des deutsch-schweizerischen Verhältnisses befürchtet hatte, erleichtert nach Berlin: «Aufsuchte gestern Bundespräsident Pilet-Golaz, um ihn nach seiner Übernahme des Politischen Departements meine Glückwünsche für gedeihliche Arbeit auszusprechen. Bundespräsident bedankte sich und erklärte, er werde bewährte Linie seines Vorgängers Motta weiter verfolgen. Ich verwies Pilet-Golaz sodann auf unsere bekannten Beschwerden, namentlich auf Haltung schweizerischer Presse. Er meinte, dass er als Welschschweizer deutschen Wünschen gegenüber eher Entgegenkommen zeigen könne als ein deutschschweizerischer Kollege, dem eine derartige Haltung viel leichter verdacht würde.»

Köchers Telegramm zeigt, wie geschickt sich Pilet anstellt, um deutsches Wohlwollen zu erwerben und deutsche Bedenken zu zerstreuen:

«Bundespräsident unterstrich sein Bestreben, schweizerische Neutralität mit allen Mitteln zu wahren. Ich hinwies auf umlaufende Gerüchte, wonach schweizerische Armee gewisse Verabredungen mit Franzosen getroffen habe. Pilet erwiderte darauf sehr nachdrücklich, er habe sich bei Antritt seines Amts als Bundespräsident Anfang Januar sehr genau über bisherige Massnahmen Armeestabes orientieren lassen. Es bestünden keinerlei Verabredungen, gegen die Deutschland irgendwelche Einwendungen erheben könne. Er wolle nicht abstreiten, dass persönliche Beziehungen schweizerischer Offiziere zu französischen Offizieren bestünden. Dasselbe sei jedoch auch auf deutschschweizerischer Seite der Fall, insbesondere gingen Sympathien des schweizerischen Generalstabes vielfach nach deutscher Seite hin. Er nannte in diesem Zusammenhang Oberstkorpskommandant Labhardt und Oberstdivisionär Bandi. Im übrigen betonte Pilet mit grosser Bestimmtheit, dass schweizerische Politik nicht vom Militär, sondern von verfassungsmässig dazu eingesetzter Zivilgewalt gemacht werde... Mitteilungen des Bundespräsidenten trugen Charakter amtlicher Versicherungen, an deren Zuverlässigkeit ich nicht zweifle.»

Köcher, der in Basel zur Schule gegangen war und die Schweiz mochte, war für unser Land eine wichtige Figur. Mit seiner Berichterstattung konnte er die deutsche Politik gegenüber der Schweiz günstig beeinflussen. Wie ein anderer an einer Weichenstelle sitzender Freund der Schweiz, Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, war Köcher kein eingefleischter Nazi, billigte aber als braver Deutscher grundsätzlich Hitlers Aussenpolitik. Pilet war gut beraten, wenn er versuchte, Köchers Vertrauen zu gewinnen.

Die faktische Waffenruhe zwischen den beiden Kriegslagern – und damit auch Pilets Schonzeit – dauert bis zum 9. April 1940, als Deutschland in Norwegen und Dänemark einfällt. Die Vergewaltigung der beiden befreundeten Länder wird in der Schweizer Presse scharf verurteilt. Wie zuvor im finnisch-russischen Krieg nimmt das Schweizervolk leidenschaftlich Partei für die angegriffenen Kleinstaaten. Als Reichsaussenminister Ribbentrop in einem Weissbuch die These vertritt, wonach Deutschland bloss einem alliierten Angriff auf Norwegen zuvorgekommen sei, stösst er bei den Schweizer Zeitungen auf offenen Hohn.

Erbost über die seiner Meinung nach einseitige schweizerische Berichterstattung, zitiert Ribbentrop am 2. Mai den Schweizer Gesandten Hans Frölicher zu sich. Es ist das erste Mal überhaupt (und wird bis kurz vor Kriegsende das einzige Mal bleiben), dass der aufgeblasene Reichsaussenminister sich herablässt, persönlich mit Frölicher zu reden. Ribbentrop weist «sehr ernsthaft darauf hin, dass wir eine weitere Beschimpfung des deutschen Volkes durch die Schweizer Presse nicht mehr hinnehmen, sondern entsprechend dann in der deutschen Presse antworten würden... Ich sagte dem Gesandten noch, dass der Führer gestern ausserordentlich aufgebracht über die Angelegenheit eines neuen Polnischen Gesandten in Bern gewesen sei und bei dieser Gelegenheit sich sehr abfällig über die Schweizer Presse geäussert habe.» Ribbentrop warnt vor den Folgen einer Akkreditierung eines «neuen Gesandten der polnischen Emigranten-Regierung». Erteilt man diesem das Agrément, würde Deutschland sich nicht mehr durch einen Gesandten in Bern vertreten lassen. Mit der Drohung will Berlin den neuen Schweizer Aussenminister auf die Probe stellen. Pilet bewahrt seine Ruhe. Er sucht nach einer Lösung, die Deutschland in Nebensachen entgegenkommt, ohne prinzipiell nachzugeben.

Im Gespräch mit Köcher argumentiert Pilet, für den Bundesrat sei der völkerrechtliche Status vor Kriegsausbruch massgebend. Solange der Krieg daure, unterhalte er weiterhin Beziehungen zu den Staaten, die vor dem 31. August 1939 bestanden hätten, und weigere sich, bis zu einem Friedensschluss inzwischen neu entstandene Staaten anzuerkennen. Falls die Schweiz unter dem Druck von London und Paris ihre Beziehungen zu Dänemark abbräche, könnte sich Deutschland mit Recht beim Bundesrat über einen Mangel an neutraler Haltung beklagen. Frankreich und Grossbritannien dürften es aber ihrerseits auch tun, wenn die Schweiz einen Schritt unternähme, der unter der Voraussetzung erfolge, dass Polen zu existieren aufgehört habe. Pilets logischer Gedankenführung kann Köcher nichts entgegenhalten.

Pilet soll einmal von sich selber gesagt haben, «wenn ich schon nicht ein Löwe sein kann, will ich wenigstens ein Fuchs sein». NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher hat später von Pilets «enormer Verschlagenheit» im Umgang mit den Deutschen gesprochen. Dazu gehörte der vielleicht fragwürdige, aber wirkungsvolle Kniff, den er noch und noch anwendete: Er machte seinen Gegenüber glauben, dass er dessen Ansichten teile. Zu diesem Zweck spottete er schamlos über Leute und Länder, von denen er wusste, dass sein Gesprächspartner sie als Feinde betrachtete.

Am 5. Mai 1940 schreibt Köcher: «Über den bisherigen Gesandten Komarnicki äusserte sich der Bundespräsident sehr abfällig. Noch vor sechs Wochen habe ihm dieser geradezu kindische Ansichten über die europäische Neuordnung dargelegt. Pommern, Westpreussen und Ostpreussen sollten nach dessen Prophezeiung zu Grosspolen kommen, das bis vor die Tore Berlins reichen würde. Der Bundespräsident meinte dazu lachend: Dieses grosspolnische Fantasiegebilde liege ihm noch weniger als die deutschen Weltherrschaftspläne.» Ob man in Berlin Pilets Seitenhieb gegen die «deutschen Weltherrschaftspläne» goutiert hat?

Das Reich schluckt den von Pilet mit der polnischen Exilregierung ausgehandelten Kompromiss: Der neue polnische Vertreter in Bern wird seine Funktionen vorerst nicht als Gesandter, sondern als Chargé d’affaires mit dem Titel eines bevollmächtigten Ministers ausüben. Pilet hat einen Bruch mit Berlin vermieden, ohne die Beziehungen zu der polnischen Exilregierung opfern zu müssen.

Am 10. Mai marschiert Hitler in Belgien, Holland und Luxemburg ein. Der Kampf im Westen ist eröffnet. Man muss damit rechnen, dass auch die Schweiz in den Strudel des Kriegsgeschehens gerissen wird. Der Bundesrat beschliesst die erneute Mobilmachung der Armee. Pilet ruft am Radio das Volk zu Festigkeit und Einigkeit auf. Er warnt vor «fantastischen und heimtückischen Gerüchten»: «Der Nervenkrieg ist der gefährlichste... Wir, wir selber, werden Euch die Wahrheit sagen. Habt Vertrauen in die Behörden. Sie wachen. Sie haben ihrerseits Vertrauen in Euch.» Als Pilet am nächsten Tag Meldungen aus Holland über Aktivitäten der 5. Kolonne erhält, erlässt er unverzüglich eine Präsidialverfügung, die den Ausländern in der Schweiz das Tragen von Waffen verbietet.

Nach dem Krieg schilderte Pilet die damalige Situation seinem Nachfolger Max Petitpierre: «Die Angst war gross bei uns. Sie hatte bestimmte Kreise der Armee erfasst. Alarmierende Gerüchte gingen um, gierig aufgenommen und genährt von ausländischen Agenten. Dienstag, den 14. Mai, hatte ich zu früher Stunde eine Besprechung mit Oberst Masson (Chef des Nachrichtendiensts), den ich in einem Zustand bedenklicher Erregung vorfand. Er war nicht der einzige, leider. Jede Nacht fuhren Hunderte von Automobilisten, wie Umzugswagen beladen, von der Ostschweiz und aus der Basler Region in die welsche Schweiz und transportierten Tausende von Menschen, die sich am Genfersee in grösserer Sicherheit wähnten als in den Alpen: wieder das Vertrauen in die befestigten Linien. Diese Transporte trugen erheblich zur allgemeinen Beunruhigung bei, von der auch Ausländer erfasst wurden. In Bern bereiteten Gesandtschaften ihre Evakuierung vor. Aus den Gärten stiegen – ich habe es mit eignen Augen gesehen – die schwarzen Rauchfahnen der in aller Eile verbrannten Akten auf. Diplomaten riefen mich an, um sich zu verabschieden, und wünschten mir ‹viel Glück›.» Trotz der Panik in einzelnen begüterten Kreisen ist der Widerstandswille bei Behörden und Armee intakt. Alle militärischen Operationen laufen reibungslos ab. Es gibt Soldaten, die Angst haben wie in jeder Armee. Aber alle sind sich einig: Wenn die «Schwaben» kommen, kämpfen wir.

Pilet wie General Guisan waren beide bis an ihr Lebensende davon überzeugt, dass die Deutschen den Durchmarsch durch die Schweiz versucht hätten, wenn ihnen der Stoss durch die Ardennen misslungen wäre. Erst lange nach Kriegsende kam aus, dass unser Nachrichtendienst einem raffinierten Täuschungsmanöver zum Opfer gefallen war. Die nördlich der Grenze stationierte 7. deutsche Armee verfügte statt der vermuteten 23 bis 25 Divisionen lediglich über vier, die aber umfangreiche Truppentransporte vorzugaukeln vermochten. Im Mai 1940 gab es keine deutschen Pläne, die Maginot-Linie südlich durch die Schweiz zu umgehen.

Der Angriff auf die neutralen Staaten Holland, Belgien und Luxemburg löst in der Schweizer Presse einen Sturm der Entrüstung aus. Die NZZ spricht von «der schrankenlosen Gewaltherrschaft, die über Europa entfesselt» wurde. Für das Vaterland ist Hitler der moderne Attila, dem ein «wahnsinnig gewordenes Millionenvolk» zujuble. Unter dem Titel «Neue Kriegsmethoden» schreibt Chefredaktor Ernst Schürch am 13. Mai im Bund: «Deutschland hat seine wehrpflichtigen Staatsangehörigen im neutralen Ausland im allgemeinen nicht eingezogen, insbesondere in den fünf überfallenen Ländern nicht (und auch nicht in der Schweiz). Diese Leute wurden zu Sabotagezwecken in ihren Gastländern benutzt und zu diesem Zweck ausgerüstet, instruiert und mit Ausweisen versehen.» Der Artikel registriert auch das «ungeheure Anschwellen diplomatischer Vertretungen und ihres Apparates». Schürchs gegen die in der Schweiz lebenden Deutschen und gegen die deutsche Gesandtschaft in Bern gerichteten Verdächtigungen empören Berlin, das ohnehin über die alliiertenfreundliche Berichterstattung in der Schweizer Presse aufgebracht ist. Weizsäcker beschwert sich bei Frölicher über die «bodenlosen» Äusserungen im Bund und in anderen Blättern. Dabei handle es sich «nur noch um Akte der Selbstbefriedigung». Die Schweiz werde eines Tages noch zu bezahlen haben, «was ihre Presse zerschlagen» habe.

Zu einem Zeitpunkt, als die weltpolitische Lage auf der Kippe steht, können unsere Behörden das deutsche Missfallen über die schweizerische Presseberichterstattung nicht einfach in den Wind schlagen. Als Köcher bei Pilet vorspricht, soll der Bundespräsident – gemäss Köcher – die Schreibweise der Schweizer Presse «missbilligt» haben. Er habe von den «ausserordentlichen Schwierigkeiten» gesprochen, «die Presse zur Vernunft zu bringen».

Frankreichs Niederlage lässt Pilet kalt

Von Zensur will Pilet jedoch nichts wissen. Als 1933 ein besorgter Eidgenosse ihn als damaligen Postminister auf das nazifreundliche Schmutzblatt Volksbund aufmerksam machte und ein Verbot anregte, antwortete ihm Pilet: «Ich bin überzeugt, dass die grosse Mehrzahl unserer Mitbürger denkt und fühlt wie Sie; das ist die beste Gewähr für die Zukunft.» Die in Frage stehende Zeitung geniesse jedoch wie alle andern den verfassungsmässigen Schutz der Pressefreiheit: «Das Justiz- und Polizeidepartement verfolgt die Entwicklung der Diktaturpresse aufmerksam. Den schweizerischen Überlieferungen getreu werden wir aber von einem Eingreifen absehen, solange nicht offensichtliche und wiederholte Missbräuche vorkommen; das ist eben der Preis des Liberalismus. Ich gestehe, dass er manchmal etwas hoch ist.» An seiner Haltung hat sich nichts geändert. Sowohl Frölicher wie Masson, die eindringlich die Einführung der Zensur fordern, finden beim Bundespräsidenten kein Gehör.

In der zweiten Maihälfte 1940 verfolgt die Schweiz fassungslos das blitzartige Vordringen der deutschen Armeen im Westen. Holland und Belgien kapitulieren, das britische Expeditionsheer entgeht mit knapper Not der Vernichtung und kann sich in Dünkirchen auf die Schiffe retten. Die französische Armee, die man für die stärkste in Europa gehalten hat, wird überrollt. In seiner Kriegsplanung ist General Guisan davon ausgegangen, dass er bei einem allfälligen deutschen Angriff auf die Schweiz mit wirkungsvoller französischer Unterstützung in Basel und im Jura rechnen konnte. Auch er hat sich nicht träumen lassen, dass die französischen Verteidigungslinien innert kürzester Zeit durchbrochen würden.

Doch Pilet bewahrt kaltes Blut. Am 20. Mai schreibt Kelly nach London: «Der Präsident [Pilet] sagte mir, dass er die Gefahr für die Schweiz nicht für unmittelbar halte und dass England gefährdeter sei... Er wiederholte seine Zusicherung, dass die Schweizer kämpfen würden, um ihre Neutralität zu verteidigen, und ich war froh, dies zu hören, da es einige offensichtliche Anzeichen der Demoralisierung gibt...» Am 25. Mai soll Pilet Köcher gesagt haben, dass er «kein Mitgefühl» für die Franzosen habe, da sie ihre Situation selber verschuldet hätten. Man hat diese Aussage Pilets später als Parteinahme für die Deutschen ausgelegt und ihm übel genommen.

Am 3. Juni berichtet Kelly Aussenminister Halifax von Gesprächen, die er mit Professor Carl J. Burckhardt und dem französischen Gesandten Coulondre geführt hat: «Dr. Burckhardt... sagte auch dass der Präsident [Pilet] ihm kürzlich gesagt habe, dass die Schweiz kämpfen werde, auch wenn sie ohne Hilfe gelassen würde, weil ein Land mit solch einer Geschichte sich moralisch nie wieder aufrichten könne, wenn es das Schicksal Dänemarks akzeptieren sollte... Monsieur Coulondre, der auch vom Präsidenten des Bundesrates empfangen wurde, erzählt mir heute... dass es nicht den Hauch eines Zweifels darüber gebe, dass die Schweiz, wenn nötig, ihre Unabhängigkeit verteidigen würde.»

An einer Sitzung der aussenpolitischen Kommission des Nationalrats referiert Pilet am 30. Mai über die internationale Lage der Schweiz. Das bisherige Gleichgewicht in Europa sei zerstört. Die sich in Verteidigung befindende Gruppe habe die Kraft des Angreifers unterschätzt, ihre eigene Widerstandskraft überschätzt. Die Lage Europas und besonders der Schweiz sei gefährdet: Die Beziehungen der Eidgenossenschaft zum Deutschen Reich sei korrekt.

Der Berner Nationalrat Markus Feldmann notiert in sein Tagebuch: «Bundespräsident Pilet sprach sich mit allem Nachdruck gegen die Einführung der Vorzensur aus, verlangte aber ebenso nachdrücklich vermehrte Disziplinierung... Ich stehe unter dem Eindruck, dass Pilet mit absoluter und klarer Konsequenz an der seit Februar eingenommenen Linie festhält und dass er überhaupt seine Obliegenheiten als neuer Chef des Eidgenössischen Politischen Departements mit grosser Umsicht und Sorgfalt erfüllt.»

In den nächsten Tagen verschlimmert sich das Klima zwischen dem Reich und der Schweiz rapid. Die Schweizer Flugwaffe hatte schon im Mai zwei deutsche Bomber, die sich verirrt hatten, angeschossen und zur Notlandung gezwungen. Am 1. Juni verfolgt eine Schweizer Jagdpatrouille eine in dichten Wolken entlang der Grenze fliegende, aus 36 Bombern bestehende deutsche Staffel und schiesst drei Maschinen ab. Die deutschen Flieger, welche die Schweizer Messerschmitt-Jäger zuerst für eigenen Begleitschutz gehalten hatten und überzeugt waren, dass sie sich über französischem Gebiet befanden, «schwören Rache für unsere zu Unrecht abgeschossenen Kameraden». Am 4. Juni kommt es zu regelrechten Luftkämpfen zwischen 28 deutschen Me 110, die nördlich von La Chaux-de-Fonds herausfordernd auf und ab fliegen, und mehreren aufgestiegenen Schweizer Patrouillen. Zwei deutsche und ein Schweizer Flugzeug werden abgeschossen und zahlreiche Maschinen auf beiden Seiten beschädigt.

Luftkrieg wird zur Bewährungsprobe

Berlin nimmt den Zwischenfall derart ernst, dass Ribbentrop, der sich in einem Kommandozug in Frankreich befindet, höchstpersönlich das Protestschreiben redigiert. Am 6. Juni übergibt Köcher Pilet die Note: Der «unvermittelte und ohne Warnung erfolgte» Beschuss zweier deutscher Flugzeuge, die irrtümlich über Schweizer Gebiet gelangt seien, sei «unverständlich und durch nichts zu rechtfertigen». Der am 1. Juni von Schweizer Me 109 angegriffene deutsche Verband habe sich «einwandfrei über französischem Boden» befunden, ebenso der Verband, der am 4. Juni Gegenstand eines «völlig unerwarteten und heraus- fordernden Angriffs» wurde: «Wenn schon das Vorgehen der Schweizer Flieger gegen die beiden zuerst erwähnten, versehentlich über Schweizer Hoheitsgebiet geratenen Flugzeuge von ausgesprochen schlechtem Willen zeugt, so stellen die Angriffe der Schweizer Militärflugzeuge auf deutsche Flugzeuge über französischem Kampfgebiet feindselige Akte dar, die als Handlungen eines neutralen Staates beispiellos sind. Die Reichsregierung erwartet, dass die Schweizer Regierung ihre förmliche Entschuldigung wegen dieser unerhörten Vorkommnisse ausspricht und dass sie den entstehenden Sach- und Personalschaden ersetzt. Im übrigen behält sich die Reichsregierung zur Verhinderung derartiger Angriffsakte alles weitere vor.»

Pilet liest die Note und sagt dann zu Köcher, er sei überrascht und durch den Ton tief betroffen: «Wie kann die Reichsregierung annehmen, dass die Schweiz angesichts der heutigen Kriegslage Deutschland gegenüber neutralitäts-widrige Handlungen oder sogar An- griffe vornimmt?» Laut Köcher soll Pilet darauf «tiefbekümmert» erklärt haben: «Wenn Deutschland etwas anderes mit dieser Note bezweckt, dann sagen Sie es mir bitte, aber auf diese Frage können Sie mir ja keine Antwort geben.» Er legt Köcher nahe, die Note zurückzunehmen, «damit sie nach Aufklärung der offenbar bestehenden Missverständnisse von der Reichsregierung anders gefasst werden könnte» – eine Bitte, die Köcher ausschlägt. Pilet verweist dann auf 97 in letzter Zeit von Deutschland begangene Grenzverletzungen und «auf die unwidersprochene schweizerische Erklärung», wonach der Schweiz das Recht zustehe, sich gegen Verletzungen der schweizerischen Lufthoheit mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. «Ich erwiderte», schreibt Köcher Weizsäcker, «dass ich allerdings tief beeindruckt gewesen sei über die Art und Weise, mit der die Schweiz dieses Recht ausgeübt habe.»

Zwei Tage später übergibt Pilet Köcher die vom Bundesrat genehmigte Antwortnote, in der die Schweiz unter genauen Orts- und Zeitangaben an ihrer Darstellung der Luftkämpfe festhält. Kein einziges schweizerisches Flugzeug habe französischen Luftraum berührt. «Wenn sich die Ereignisse wirklich so zugetragen hätten» wie in der deutschen Note dargestellt, würde der Bundesrat «keinen Augenblick zögern, dem Begehren der Reichsregierung nachzukommen». Man sei indessen in der Lage, der deutschen Regierung «eingehend Aufschlüsse zu erteilen, die die Vorkommnisse in anderem Licht erscheinen» liessen. Im Übrigen sei die Schweiz bereit, die Aufklärung des Tatbestands einem Schiedsgericht zu übertragen.

Vernünftigerweise müsste die Reichsregierung den Schiedsgerichtsvorschlag – paritätisch, mit einem italienischen Vorsitzenden – akzeptieren. Mitten in seiner Unterredung mit Köcher erhält nun aber Pilet telefonisch Nachricht von neuen, diesmal besonders heftigen Luftkämpfen: drei deutsche Flugzeuge abgeschossen, sechs deutsche Flieger tot. Von einer gütlichen Beilegung der Zwischenfälle kann jetzt nicht mehr die Rede sein. Der deutsche Gesandte in Rom hat von den Italienern erfahren, «dass in Payerne, wo ein Militärflugplatz existiert, die Leute den Sieg mit einer grossen Orgie mit Damen, nächtlichem Ball und reichlichem Sektverbrauch gefeiert haben.» Orgie? Damen? Ball? Sekt? Übermütige Flieger haben sich einige «Halbeli» Weissen zu viel genehmigt und ausgelassen mit dem Rösli das Tanzbein geschwungen.

Am nächsten Tag nimmt Hitler das Dossier Schweiz persönlich in die Hand und befiehlt den kommandierenden General des an den Kämpfen beteiligten deutschen Fliegerkorps zwecks mündlichen Vortrags zu sich. Am selben 10. Juni erklärt Italien Frankreich den Krieg.

Göring, der als Oberbefehlshaber der Luftwaffe noch im Frühjahr die Lieferung moderner Messerschmitt-Jäger an die Schweiz bewilligt hat, ist über die Luftkämpfe derart erbost, dass er der Schweiz eine Lehre erteilen will. Zehn eiligst ausgebildete Saboteure sollen die Anlagen von vier Schweizer Militärflugplätzen und die Munitionsfabrik Altdorf in die Luft sprengen. Die Leute, in braunen Haferlschuhen und neuen Zivilkleidern, haben 50 Reichsmark und 500 Franken in der Tasche, im Rucksack säuberlich in hellgraues Papier verpackte Sprengkapseln, eine Pistole mit 60 Schuss Munition, Taschenlampe, Drahtschere, Kompass, eine Karte der Schweiz und eine Tüte mit gemahlenem Pfeffer. Heimlich schleichen sie in der Nacht über die Grenze. Bevor sie Schaden anrichten können, werden sie geschnappt.
Am 14. Juni fällt Paris. Am 17. Juni erreichen die ersten deutschen Soldaten die Schweizer Grenze bei Pontarlier. Am 18. Juni trifft Hitler Mussolini in München. In seinem langen Monolog streift der Führer kurz auch die Schweiz: Sie würde durch einen Gürtel besetzten Gebiets von Frankreich völlig abgeschnitten werden und würde sich dann zu einer «entgegenkommenderen Haltung in der Transitfrage sowie ganz allgemein auch in ihrer politischen Einstellung und ihrer Presse bequemen müssen».

Am 19. Juni überreicht Köcher eine neue, noch schärfere deutsche Note, in der die Reichsregierung die unverzügliche Erfüllung der in ihrer letzten Note gestellten Forderung verlangt. Die Luftkämpfe vom 8. Juni werden als von «Schweizer Flugzeugen in Zusammenwirken mit französischen Flugzeugen unternommenen Angriff» dargestellt und als ein «flagrant feindseliger Akt» bezeichnet. Die Note schliesst mit den vielsagenden Worten: «Ausserdem bringt die Reichsregierung der Schweizer Regierung hiermit zur Kenntnis, dass sie, falls es künftig zu einer Wiederholung solcher Fälle kommen sollte, von schriftlichen Mitteilungen absehen und die deutschen Interessen in anderer Weise wahrnehmen wird.»

Schon ein paar Tage vorher hat Deutschland die für die Schweiz lebenswichtigen Kohlenlieferungen eingestellt. Am 21. Juni treffen sich die Bundesräte Pilet, Minger und Wetter im Nationalratssaal mit der Delegation, die seit Mai zähe Wirtschaftsverhandlungen mit Deutschland führt und der vom deutschen Unterhändler erklärt worden ist, «dass wir schweizerischen Handelsverkehr mit Feindländern künftig als ausgeschlossen betrachten».

Die durch die Abriegelung der Schweiz geschaffene Notlage gebietet, wie Vorortdirektor Heinrich Homberger erklärt, rasches Handeln: «Wir sind zwischen Hammer und Amboss. Nur mit Beweglichkeit können wir den drohenden Schlägen ausweichen.» Bundespräsident Pilet spricht ein klärendes Wort: «Man muss sich jetzt nicht mit dem auseinander setzen, was wir fürchten, und mit dem, was wir hoffen, sondern mit den Tatsachen: Deutschland kann uns drakonische Bedingungen stellen. Es wird sich nicht um eine militärische Invasion handeln, aber sie haben uns bereits die Schlinge um den Hals gelegt. Sie können sie noch weiter zuziehen, indem sie uns nehmen, was wir zum Leben nötig haben. Man muss praktische Lösungen suchen und theoretische Diskussionen vermeiden.»

In der nächsten Ausgabe: – Arrest für den Schriftsteller – Kollektive Depression – Hat die Demokratie versagt ? – Im strategischen Loch – Pilet hält seine «berüchtigte» Radiorede – Hauptmann Ernst schmettert den Helm nieder – Ist der Bundespräsident ein Verräter?


(Infografiken: Helmut Germer)

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag ab 16 Uhr 30

Die Redaktion empfiehlt

Voll auf Kurs

In einem Jahr verlässt Grossbritannien die Europäische Union. Auc...

Von James Delingpole

Mord ohne Mörder

Das Bundesgericht hat Zeljko J. überraschend freigesprochen. Die Vorin...

Von Philipp Gut

Ihre ­Augen sind unergründlich

Ihre Nacktheit nennt sie Kunst, «#MeToo» ist für sie kunst...

Von Matthias Matussek