«Tötet Blocher»

Der Kunst-Marodeur Christoph Schlingensief feiert das Chaos und die Geschmacksverirrung. Ist der Mann verrückt, zynisch oder von einer tiefen Mission beseelt?

Um für sein neuestes Opus «Quiz 3000. Edition Schweiz» zu werben, eine rüpelige Karikatur von TV-Rate-Shows der Sorte «Wer wird Millionär?», hatte sich Christoph Schlingensief bereits am Vortag in Sergeant-Pepper-Uniform auf den Bellevueplatz gestellt. Per Megafon nannte der Brachialartist den Politiker Christoph Blocher einen Menschheitsverbrecher, fragte die verdutzten Passanten nach der prozentualen Verbreitung von Vaginalpilzbefall unter Schweizer Frauen und drohte diffus mit Selbstmordattentätern, die sich um die SVP-Puurezmorge kümmern würden. Anders als in Deutschland, wo ihm der öffentliche Aufruf «Tötet Möllemann» ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wegen «Verdachts auf Volksverhetzung» eingetragen hatte, schien in Zürich niemand Lust zu haben, als amtlicher oder ziviler Laiendarsteller im Schlingensiefschen Martial-Dadaismus zu debütieren. Ausser der SVP: Sie sagte unter Verweis auf des Theatermannes Schwadronistik eine Veranstaltung zu ihrer Asylinitiative wegen der neuen Sicherheitslage ab – jener damit mehr Aufmerksamkeit zuführend, als es die Veranstaltung selbst je vermocht hätte.

Die beiden Quizabende schliesslich waren ausverkauft, viel junges Volk, das sich sonst nie in ein Theater verirrt, besetzte die Ränge. Der Meister kasperte durch das Programm, präsentierte Pseudoexperten, stellte den Kandidaten Fragen wie: «Wie viele deutschstämmige Juden hat die Schweiz an der Grenze zurückgewiesen?» oder: «Was will die SVP mit renitenten Negerbengeln machen?», kaute Rüben und spuckte den Brei ins Publikum, schmiss Patronenhülsen hinterher, dozierte an der Schiefertafel wirr über Produktion und Konsumation, zerschmetterte in jähen Wutausbrüchen Stühle, schrie: «Tötet Blocher», durchbohrte dessen Konterfei und dasjenige Stoibers und Borers, und salbaderte wie ein Maniker, während die beiden Bildschirme über der Bühne Operationsvideos und Juden-erschiessungen und Politikergesichter zeigten.

Grenzdebiles Dämmern

Die Abfolge von Schocks, Nonsens, Pathos und Leerlauf wirkte bald wie ein konstanter, hirnlähmender Lärm, und auch die Musikeinlagen holten einen nicht aus dem Zustand des grenzdebilen Dämmerns. Erst als sich Schlingensief ein Huhn griff («Todesjoker»), das Federvieh nach dem Noch-Verwaltungsratsmitglied des Schauspielhauses Ellen Ringier taufte, damit hinter dem Vorhang verschwand und wieder auftauchte, Gesicht und Anzug blutverschmiert wie Hannibal Lecter, in der Hand einen blutigen Hühnerkopf, den er in eine Mohrrübe bohrte und an der Schiefertafel aufhängte, weckte einen die plötzliche Steigerung der Reizdosis nochmals auf, als habe man aus Versehen eine rohe Hundeniere verschluckt. Die Aufführung schloss mit einer Popkapelle namens Flickwerk (oder «Mutter sucht Schrauben» oder ähnlich). Es waren geistig Behinderte, die mit Langhaarperücken und transparenten rosafarbenen Anzügen ausgestattet worden waren. Der Sänger «Horst Wessel» sang «Heimatland» und «Ich hab ein Püppchen, das quietscht», die Musik tönte wie Zahnweh, und Schlingensief sass daneben und grinste.

Den Theaterkritikerinnen war das Ganze etwas peinlich. Mit interessanter Logik wurde anderntags im Tages-Anzeiger getextet: «Provokative Geschmacklosigkeit im Namen der Kunst nützt im Moment niemandem etwas, schon gar nicht dem Schauspielhaus.» Nützt sie denn in einem halben Jahr? Oder eher in einem ganzen? Seit wann muss Kunst nützen? Und schon gar dem Schauspielhaus? Bisher hat man dies immer genau umgekehrt gesehen.

Schlingensief steht als Film- und Bühnenkünstler seit bald zwei Jahrzehnten für das Prinzip des Chaos, des Nervtötens und der defizitären Geschmacklosigkeit. Wie die ungefilterten, nach aussen gewendeten Nervengewitter eines Autisten, wie die unkontrollierten Zuckungen eines Tourette-Kranken hanswursteln seine Produktionen durch die Kulturszene. Und genau für diese Gonzo- und Legastheniker-Ästhetik wird er von einem Grossteil des Feuilletons gehassliebt. Eine «Sehnsucht nach Authentizität» (NZZ) wurde beim Schöpfer von Filmen wie «Das deutsche Kettensägenmassaker – Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst» erspürt; er stelle die «anarchischen, unbequemen, verdrängten Fragen» (FAZ), dichtete man hochnäsig-servil; er habe «das Theater und vielleicht sogar das Land verändert» (Die Zeit). Und man beschwor die Verwandtschaft zu Regiekollege Christoph Marthaler, der gleichermassen «die Hölle der Stagnation» (NZZ) inszeniere.

Nach dem Auftritt wirkte Schlingensief frisch und aufgeräumt, und in der Kantine des Schiffbaus sprühte er vor listigem Charme. Es ging ihm blendend. Kein Wunder. Volle drei Stunden lang hatte er fies sein dürfen, sich von seiner schlechtesten Seite zeigen, öffentlich das tun, wovon andere höchstens hinter geschlossenen Türen bei ihrem Psychotherapeuten träumen. Und war dafür noch beklatscht worden.

«Herr Schlingensief, was nehmen Sie vom heutigen Abend mit?» – «Ein einziges Bild: dasjenige vom Huhn an der Schiefertafel. Das war von einer unglaublichen Intensität.»

«Das Huhn übernimmt?» – «Genau. Ich liebe auch diese amerikanischen Spielautomaten, wo man den Hebel drücken kann und das Huhn zu tanzen beginnt. Das Huhn ist der Protagonist. Harald Szeemann sammelt übrigens all diese Videoaufnahmen von mir.»

«Brauchen Sie das Publikum?» – «Nein. Überhaupt nicht.»

Kommentare

Die News des Tages aus anderer Sicht.

Montag bis Donnerstag
ab 16 Uhr 30

Die Redaktion empfiehlt

Frieden durch Stärke

Nach dem geglückten Gipfel in Singapur drückt sich die Welt um lo...

Von Urs Gehriger

Indiskrete Einblicke

Ein Referendum will den Einsatz von Sozialdetektiven verhindern. Schon heut...

Von Alex Baur (Text) und Ennio Leanza (Bilder)

Stolz aufs Wallisertiitsch

Der Walliser Dialekt floriert. Gerade bei den Jungen, die ihn pflegen und l...

Von Luzius Theler