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Ausschweifende Ausführungen: Migranten, die von der «Sea-Watch 3» nach Italien gebracht wurden.

Omertà um Captain Rackete

Ausgerechnet das deutsche Rettungsschiff «Sea-Watch 3» brachte vor einem Jahr drei Folterknechte der Schlepper-Mafia von Libyen nach Italien. Die peinliche Nachricht wird systematisch verschwiegen.

Letzte Woche, am 28. Mai, verurteilte ein Gericht in Messina Mohamed Condé (27) aus Guinea sowie die beiden Ägypter Hameda Ahmed (26) und Mahmoud Ashuia (24) wegen Folter, Vergewaltigung und Beteiligung an einer kriminellen Organisation zu je zwanzig Jahren Gefängnis. Die drei Afrikaner wurden für schuldig befunden, als Mitglieder einer libyschen Schlepperbande Migranten systematisch gequält zu haben, um Geldüberweisungen zu erpressen. Wie Staatsanwalt Maurizio de Lucia erklärte, wurde das Urteil im abgekürzten Verfahren unter Ausschluss der Öffentlichkeit aufgrund der Akten gefällt. Im Gegenzug wurde die Strafe für die nicht geständigen Angeklagten um einen Drittel gekürzt.

 

Enthüllung der obersten Giftklasse

 

Die drei Männer waren im letzten August in Messina in einer Flüchtlingsunterkunft verhaftet worden. Gemäss de Lucia wurden die Folterknechte der Schlepper von einem Dutzend Migranten identifiziert, welche die Überfahrt aus Libyen unter anderem auf dem Rettungsschiff «Alex» im Juli geschafft hatten. Gemäss der Gazzetta del Sud hatte die sizilianische Antimafia-Einheit DDA die drei bereits zuvor im Visier gehabt. Während die beiden Ägypter die Opfer in einem von den Schleppern kontrollierten Lager in Zawiya misshandelten, soll Condé die Szenen gefilmt haben. Die Clips wurden den Angehörigen übermittelt, um den Lösegeldforderungen Nachdruck zu verschaffen. Diese brutale Methode ist bekannt und wird auch etwa von Schleppern in Mexiko angewandt.

Wie die bekannte Reporterin Chiara Giannini bereits im letzten September unter Berufung auf Polizeiquellen in der Zeitung Il Giornale berichtete, waren die drei Folterknechte am 29. Juni 2019 mit dem deutsch-niederländischen Rettungsschiff «Sea-Watch 3» von Libyen nach Italien gelangt. Es handelte sich um eine Enthüllung der obersten Giftklasse. Denn die «Sea-Watch 3» sorgte damals weltweit für Schlagzeilen, als Kapitänin Carola Rackete mit vierzig Migranten an Bord eine von Innenminister Matteo Salvini verhängte Blockade durchbrach und die Einfahrt in den Hafen von Lampedusa erzwang. Die einen feierten Rackete als Ikone der Menschlichkeit, andere verwünschten sie als bestenfalls naive Handlangerin skrupelloser Schlepperbanden. Sowohl gegen den im letzten September gestürzten Hardliner Salvini wie auch gegen die Revoluzzerin Rackete wurden Strafuntersuchungen eröffnet.

Gianninis Enthüllung war vor diesem Hintergrund pures Dynamit. Umso erstaunlicher erscheint, dass sie von den etablierten Medien, sowohl in Italien wie auch international, fast unisono ignoriert wurde. Es mag damit zu tun haben, dass Il Giornale – die Zeitung gehört Paolo Berlusconi, dem Bruder des famosen Silvio Berlusconi – als rechtslastig gilt. Doch die Meldung wurde nie dementiert, weder von der Polizei noch von der Staatsanwaltschaft noch von der Regierung und vor allem auch nicht von Sea-Watch. Ein Sprecher der NGO erklärte damals: «Wir können es nicht ausschliessen, aber wir haben keine gesicherten Informationen. Die Leute kommen ohne Pässe.»

Genau hier liegt aber das Problem: Niemand weiss, wer die angeblichen Flüchtlinge wirklich sind, die vor der libyschen Küste eingesammelt werden. Auch wenn man Rackete & Co. nicht unterstellt, dass sie vorsätzlich Verbrecher nach Europa bringen, erstaunt doch die Nonchalance, mit der ebendies in Kauf genommen wird. Immerhin arbeiten die selbsternannten Seenotretter der Schleppermafia in die Hände, indem sie dieser die aufwendige Fahrt übers Mittelmeer abnehmen. Die drei Folterknechte wählten für ihren Transfer nach Italien zweifellos den Weg, der am wenigsten Risiken in sich barg. Es stellt sich daher auch die Frage, ob sie die «Sea-Watch 3», die dank GPS-Tracking für die Schlepper stets einfach zu orten war, für ihren Transfer gezielt ausgesucht hatten.

Acht Monate sind seit Gianninis Enthüllung vergangen. Das sollte auch für Sea-Watch genügen, um den Sachverhalt abzuklären. Selbst wenn man die Identität der Passagiere nicht kannte, hätte man sie anhand des vorhandenen Filmmaterials einfach identifizieren können. Zwei eingebettete Journalisten hatten die ganze Mission der «Sea-Watch 3» nämlich begleitet. Sogar im offiziellen, nach allen Regeln des Persönlichkeitsschutzes geschnittenen Dokumentarfilm sind an mehreren Stellen Gesichtskonturen zu erkennen, die eine frappante Ähnlichkeit mit den Fahndungsbildern der drei Folterknechte aufweisen.

Doch die NGO verweigert jede Stellungnahme zu konkreten Fragen der Weltwoche: Wurde die Affäre intern untersucht? Wurden Lehren gezogen? Statt mit Antworten reagiert die Pressestelle von Sea-Watch mit ausschweifenden Ausführungen über das Flüchtlingselend allgemein. Für die Abklärung von Identitäten sei man nicht zuständig. Man kann es sich leisten, die etablierten Medien scheinen in eine Art kollektive Omertà verfallen zu sein. Man würde ja riskieren, Matteo Salvini in diesem Punkt vielleicht recht geben zu müssen.

In den sozialen Medien kocht der Skandal derweil umso heftiger hoch. Das Schleppergeschäft auf dem Mittelmeer blühte nach Salvinis Abgang schnell wieder auf. Im laufenden Jahr wurden bereits viermal mehr illegale Überfahrten zwischen Libyen und Italien registriert als im Vorjahr. Die Corona-Reisesperren haben in dieser Branche keine Gültigkeit.