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Verfünffachung des Marktes: Unternehmer Poels.
zVg

Digitales Klassenzimmer «Made in Switzerland»

3800 Trainer und über 90 Millionen Franken Umsatz: Die Firma Fast Lane des Zürcher Unternehmers Torsten Poels bietet weltweit berufliche Weiterbildungen an. Zu ihren Partnern und Kunden gehört das Who’s who des Silicon Valley und der Schweizer Wirtschaft.

Am Hauptsitz von Fast Lane in Wallisellen ist es ruhiger als gewöhnlich. Die mit allen Finessen der Technik eingerichteten Schulungsräume sind verwaist. Das heisst aber nichts. Obwohl alles still erscheint, registriert das Unternehmen während der Corona-Krise eine steigende Nachfrage. Es ist in einem Geschäft aktiv, das man bis vor kurzem leicht als Angelegenheit für Spezialisten übersehen konnte: berufliche Weiterbildung für Informatiker, ein guter Teil davon online. Mit der Corona-Krise sind solche Methoden plötzlich überall gefragt. Schulen, Universitäten und Unternehmen mussten notfallmässig vom Frontalunterricht auf das Lernen aus der Distanz umstellen.

Die Computerbranche war naturgemäss ein Pionier bei der Entwicklung des Lernens via Internet. Für Fast Lane ist es seit fast zwei Jahrzehnten tägliche Routine. Der IT-Unternehmer Torsten Poels gründete die Firma im Jahr 2003, als das Internet noch vergleichsweise in den Kinderschuhen steckte. Seit Mitte der achtziger Jahre hatte er in Deutschland ein Ausbildungszentrum für Cisco-Systeme aufgebaut und dieses 1997 sehr gewinnbringend verkauft. «Mit 37 Jahren war ich aber noch zu jung für den Ruhestand.» Also kam Poels in die Schweiz und gründete Fast Lane. Die Ausrichtung war von Anfang an global. «Die Schweiz mit ihren vielen international erfolgreichen Unternehmen war der ideale Ausgangspunkt», so Poels.

 

Digitale Alternativen

 

Mit ihrem Team von rund zehn Personen ist Gloria Gräser seit letztem Sommer für den Schweizer Markt zuständig. Wie hat sich der Ausbildungsalltag durch die Corona-Krise verändert? «Innert dreier Tage haben wir unsere Schulungsräume komplett in den digitalen Raum verlagert», erzählt sie. Das sei reibungslos verlaufen, weil das Unternehmen schon vorher viele rein digitale oder gemischte Kurse angeboten habe. Seit Beginn der Corona-Krise ist sie pausenlos im Einsatz, um ihre Kunden bei diesem Wandel zu begleiten.

Viele Schweizer Firmen nutzten die Zeit, um ihre auf Sparflamme arbeitenden Angestellten weiterzubilden. Vor der Krise, sagt Gräser, seien rund 80 Prozent der Schweizer Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer persönlich zu den Trainings gekommen. Nur 20 Prozent hätten die digitalen Alternativen in Anspruch genommen. «Aber ich denke, dass dieser Anteil nach der Corona-Krise auf mindestens die Hälfte steigt.» Auch Firmengründer Poels ist überzeugt, dass hier eine grosse Zukunft liegt. Viele Teilnehmer hätten jetzt zum ersten Mal erfahren, wie angenehm, intuitiv und effektiv die Systeme für digitales Lernen mittlerweile seien. «Ich erhalte reihenweise begeisterte Zuschriften.»

 

Nestlé, UBS, Roche

 

Das Geschäftsmodell von Fast Lane ist dieses: Das Unternehmen wird von Hardware- und Softwareherstellern dazu befähigt, offizielle Trainings bei Vertriebspartnern (Channel Partnern) durchzuführen. Zu diesen Anbietern gehören die bekannten Branchenriesen Microsoft (von dem Fast Lane im Jahr 2017 zum «Partner of the Year» gekürt wurde), Amazon, Google, Cisco und IBM, aber auch kleinere, spezialisierte Hersteller wie Net App, Red Hat und VM Ware, von denen man als Laie noch kaum etwas gehört hat. Viele dieser Software- und Hardware-Anbieter verlangen, dass sich die Angestellten ihrer Channel Partner wie Swisscom, Sunrise, Netcloud und Spie regelmässig mit Trainings auf den neuesten Stand bringen, also für die Nutzung der Produkte zertifiziert werden. Auch deren Kunden wiederum müssen entsprechende Fähigkeiten aufbauen um die neuen Technologien zu betreiben. Dabei reicht die Palette von einfacher Microsoft-Bürosoftware für alle Mitarbeiter bis hin zu höchst spezialisierten Cloud- oder Security-Anwendungen für die Cracks in den Informatikabteilungen. «Wer heutzutage in der Informatik Karriere machen will, muss sich ständig weiterbilden und regelmässig die neuesten Zertifizierungen der wichtigen Hersteller erwerben», sagt Torsten Poels.

Was macht das Unternehmen einzigartig und besser? «Als Vertragspartner von heute 52 Herstellern sowie mit Tochtergesellschaften in 38 Ländern sind wir inhaltlich und geografisch so breit aufgestellt wie kein anderer Anbieter», bemerkt der Firmengründer. Bei einer Grossbank beispielsweise bestünden die Informatiksysteme aus den Produkten Dutzender Hersteller, und die Mitarbeiter seien über den Erdball verteilt. Um in solchen Fällen die notwendige Weiterbildung aus einer Hand zu beziehen, gebe es in Europa keinen anderen Anbieter als Fast Lane. In der Schweiz zählt das Unternehmen Firmen wie Nestlé, UBS, Roche und die Zürich-Versicherung zu seinen Kunden. Global hat die Firma 3800 Trainer unter Vertrag und schreibt einen Umsatz von 92 Millionen Franken.

Für die Internetausbildungen nutzt Fast Lane fünf bis sechs verschiedene Plattformen für digitale Klassenräume und Videokonferenzen. Dazu hat das Unternehmen eine eigene Lösung für gemischte Trainings und die multimediale Aufzeichnung von Trainingseinheiten entwickelt. «Wir haben Kameras im Einsatz, welche dem Trainer durch den Klassenraum folgen, und Mikrofone, welche sich immer auf die gerade sprechende Person konzentrieren», so Torsten Poels. Dies garantiere eine sehr realistische Klassenraumerfahrung auch für die Teilnehmer in der Ferne. Noch wichtiger für den Ausbildungserfolg seien allerdings die Trainer. Fast Lane verlässt sich ausschliesslich auf Kursleiter mit viel Erfahrung in der Praxis. «Wir stellen nicht einfach einen Studenten vor die Kamera», sagt Poels. Und Gloria Gräser fügt hinzu: «Es ist unerlässlich, dass Dozierende didaktisch richtig ausgebildet sind, um mit den Teilnehmenden auch virtuell zu kommunizieren.»

 

Angebot für Schulen und Universitäten

 

Ihre Erfahrungen in der digitalen Ausbildung stellt Fast Lane auch anderen Bildungsanbietern zur Verfügung, namentlich Schulen und Universitäten. Mit verschiedenen Einrichtungen in den USA, Grossbritannien oder Katar bestehen Partnerschaften, so etwa mit der London School of Economics. Studenten können hier als Bestandteil ihres Informatikstudiums bereits die Hersteller-Zertifizierungen erwerben, die der Goldstandard für eine Karriere in der IT sind. In der Schweiz, sagt Gloria Gräser, stelle man ein wachsendes Interesse von Schulen und Universitäten fest, «aber es gibt auch viele, die damit rechnen, nach der Corona-Krise wieder komplett in den physischen Frontalunterricht zu wechseln».

Weil Fast Lane ständig in Kontakt mit den Herstellern, also dem Who’s who des Silicon Valley, steht, ist die Firma stets am Puls der neuesten IT-Trends und entwickelt die offiziellen Trainings oft in Zusammenarbeit mit den Herstellern. Dieses Wissen teilt das Unternehmen in den Trainings mit seinen Kunden: Die Firmenchefs in der Schweiz können sich damit aus erster Hand über aktuelle Entwicklungen informieren und erhalten Anregungen für die Digitalisierung ihres Geschäfts. Auch hier ist die Corona-Krise der Moment der Wahrheit. «Manche Firmen, die sich für digital sehr innovativ hielten, merken plötzlich, wo noch Lücken in ihrer Digitalstrategie bestehen. Es ist wichtig, daraus zu lernen und diese Lücken zu schliessen», so Gloria Gräser. «Heute ist es für jedes Unternehmen, egal, in welcher Branche, entscheidend, bei der IT stets auf dem neuesten Stand zu sein.»

 

Surfen auf der Ausbildungswelle

 

Hierzulande schreibt das Unternehmen Fast Lane rund 40 Prozent seines Umsatzes mit Microsoft-Zertifizierungen. Den grössten Wachstumsschub sieht Gloria Gräser in den Bereichen Cloud, Sicherheit sowie «digitale Soft Skills». Die drei grossen Cloud-Hersteller Amazon, Google und Microsoft würden ihre Kunden sehr aktiv in die Cloud begleiten, was einen enormen Ausbildungsbedarf auslöse. Auf dieser Ausbildungswelle, die immer grösser wird, surft Fast Lane. Global gesehen, rechnet Unternehmer Torsten Poels mit einer Verfünffachung des Marktes bis 2025.