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Moral ist eine starke Droge: Regisseur Wedel.
Bild: Ursula Düren (Dpa)

Dieter Wedel

Der Star-Regisseur landet auf dem Scheiterhaufen des Sexismus.

Letzte Woche beklagt sich in der deutschen Talkshow «Hart, aber fair» eine Journalistin. Sie ist empört, dass ein Mann sie als «begehrenswerte Frau» bezeichnet habe. Damit fange es an mit diesem Sexismus.

Sind jetzt auch noch die Deutschen verrückt geworden?

Anlass der Diskussion sind die Berichte der Wochenzeitung Die Zeit über den deutschen Film- und Fernsehregisseur Dieter Wedel. Das Wochenblatt zitiert mehrere Frauen. Sie erzählen von sexueller Belästigung. Eine Schauspielerin, Schweizerin, berichtet, Wedel habe versucht, sie zu vergewaltigen. Im Dezember 1980, also vor bald vierzig Jahren.

Der Mann ist, war eine Riesennummer in der Bundesrepublik, Erfolgsregisseur von ­Publikumsschlagern, Bühnenberserker und Frauenschwarm mit immer wieder komplizierten Parallelbeziehungen. Zuletzt wirkte Wedel als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Unter dem Druck der unbewiesenen Anschuldigungen trat er von seinen Funktionen zurück. Er bestreitet alle Vorwürfe.

Klar, man wundert sich, warum die Frauen erst jetzt kommen. Es wirkt wie eine deutsche Kopie des US-Falls um den Filmproduzenten Harvey Weinstein. Eine Frau sagt, Wedel habe sie zu Beginn der neunziger Jahre unter einem Vorwand in seine Suite gelockt. Auch bei Weinstein liessen sich die Frauen auf Begegnungen im Hotel-Schlafzimmer ein. Darf man fragen, weshalb eine Frau, die nichts von einem Mann will, mit ihm in dessen Hotelzimmer steigt?

Egal. Die Zeitungen berichten bei voller ­Namensnennung. Und maximalem Personenschaden. Die Unschuldsvermutung wird ­wortreich beteuert, damit man sie umso wirkungsvoller ausser Kraft setzen kann. Der ­Verdacht genügt, und das Perfide ist: Indem sich alle von Wedel distanzieren, weil sie es im Kesseltreiben mit der Angst zu tun bekommen, bestätigen sie ungewollt die Vorwürfe, von denen niemand weiss, ob sie überhaupt zutreffen.

Und jetzt kriechen aus ihren Höhlen die Wohlgesinnten, die es immer schon gewusst haben wollen. Jeder hat eine Wedel-Anek­dote. Der Regisseur Simon Verhoeven, der ­immerhin einen bekannten Nachnamen hat, sagt in der Süddeutschen Zeitung: «Ich schäme mich für die Mechanismen in meiner Branche, die es diesem Sadisten und brutalen Gewalt­täter ge­stattet haben, jahrzehntelang Frauen zu vergewaltigen und Menschen zu quälen.» Die Mechanismen der Branche.

Ach, bevor wir’s vergessen: Mit Wedel habe Verhoeven nie zusammengearbeitet, ergänzt die Süddeutsche Zeitung. Und Verhoeven führt aus: «Was ich gehört habe, war das, was die meisten in der Branche über ihn gehört haben.» Aber natürlich hat auch Verhoeven das, was er «gehört hat», nicht dann öffentlich gemacht, als er es gehört hat, sondern erst jetzt, nachdem die Zeit geschrieben hat, was für ein übler Kerl ­angeblich dieser Wedel sei.

Vielleicht müsste ­Verhoeven über diese «Mechanismen» auch einmal nachdenken. Es sind die Mechanismen eines Rufmords, an denen Verhoeven selber kräftig dreht. Ein Gerücht produziert das nächste, die Zeitungen kolportieren brühwarm, was einer «gehört hat», und jeder kann sich grösser machen, wenn er den grossen Wedel etwas kleiner macht.

Eigentlich ein Stoff für einen Wedel-Film. Der heute 75-Jährige hatte ein Flair für saftige, immer leicht grössenwahnsinnige, faszinierende Geschichten. In «Der grosse Bellheim» oder «Der Schattenmann» ging es um Aufstieg und Fall, Sex und Begierde, Korruption und den Rausch der Macht. Wobei er immer auch die Delirien zwischen Sex und Gewalt aus­lotete, wie die Pädagogen jetzt betonen. Wedel wird von seinen eigenen Filmen, von seinen Klischees eingeholt.

Die klügsten Sätze bei «Hart, aber fair» sagt die 71-jährige Kieler Rechtsprofessorin ­Monika Frommel, eine immer noch schöne Frau. Oder darf man das jetzt auch nicht mehr sagen? Sie spricht es aus: Der Fall Wedel sei eine fürchterliche Vorverurteilung, ein Rückfall in die Barbarei, ein Scherbengericht. Der Verdacht ersetze das Verfahren. Stimmt. Wer Verjährung sagt, macht sich bereits zum Komplizen. Der Täter ist der Täter, weil mittlerweile alle sagen, er sei der ­Täter.

«Die Gerichtshöfe der Moral kennen keine Prozessordnung.» Das berühmte Zitat stammt vom deutschen Philosophen Hermann Lübbe. Wo der Moralismus zur Raserei ausartet, endet der Rechtsstaat. Zum Beispiel im «Fall Wedel». Oder ist es ein «Fall Zeit»? Dem Journalisten, der die Story herausbrachte, ist es ­etwas unangenehm. Er sagt zur Rechts­professorin: «Aber wollen Sie denn, dass die Skandale nicht mehr aufgedeckt werden?» Von Watergate ist die Rede. Watergate kommt immer, wenn Journalisten nach Luft und ­Argumenten schnappen.

Wedel-Gate? Zeit-Gate? Lübbe hat recht. ­Moral ist eine starke Droge. Was ist berauschender als das Gefühl, sich mit dem Höchsten und Vornehmsten zu verbünden? Wer das Gute auf seiner Seite weiss, schlägt mit einem besseren Gewissen auf die Bösen ein. Gerechtigkeit wäre der Versuch, einer Sache wirklich gerecht zu werden. Selbst-Gerechtigkeit ist das Verhalten von Menschen, die sich anderen gegenüber moralisch überlegen fühlen.

Die Erfinder des Rechtsstaats, Leute wie Montesquieu oder John Locke, wussten das. Sie lebten in einer Zeit, als die Guten und Selbst-Gerechten noch Hexen verbrannten. Dagegen traten die Aufklärer an. Sie forderten Gewaltentrennung. Sie sprachen von der ­Unversehrbarkeit des Einzelnen. Niemand dürfe ohne geregelten Prozess auf den Scheiterhaufen gebunden werden.

Das alles klingt so selbstverständlich, dass sie es bei «Hart, aber fair» nicht mehr hören wollen. Der Moderator lenkt ab, die Rechtswissenschaftlerin wird von den Moralisten angefeindet, weil sie das eigentlich Selbstverständliche betont. Hexenjagden gibt es nicht mehr. Heute haben wir den medialen, den digitalen Pranger. Es war einmal der Rechtsstaat.