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Maximal zehn Jahre dürfen Embryonen gelagert werden: Stickstofftank.
Bild: Daniele Kaehr

Wunschkind aus dem Tiefkühler

Für Paare, bei denen es mit der natürlichen Zeugung nicht klappt, ist die Fortpflanzungsmedizin oft die letzte Hoffnung. Wie Babys im Labor entstehen, zeigt ein Besuch in einem Kinderwunschzentrum.

Männer sind in gynäkologischen Praxen seltene Gäste. Sie betreten dieses ungewohnte Terrain meist nur, wenn die Partnerin schwanger ist und der Arzt / die Ärztin den werdenden Eltern das kleine Wesen mittels Ultraschallgerät zeigen möchte. Nicht so in der Praxis von Michael Singer: Hier trifft man am Empfang oder im Wartezimmer auf viele Pärchen, fast nur auf Pärchen. Denn wer zu Michael Singer kommt, ist in der Regel kinderlos – zumindest zu Beginn – und möchte diesen Zustand beenden. Was den meisten Menschen mühelos gelingt, ihnen teils gar unverhofft in den Schoss fällt, ist für rund jedes fünfte Paar nicht möglich: auf natürlichem Weg ein Kind zu zeugen. Stellt sich nach einem Jahr ungeschütztem Geschlechtsverkehr noch keine Schwangerschaft ein, sprechen Ärzte von Sterilität. Und ist die Frau schon älter als 35 Jahre, läuten aus medizinischer Sicht bereits nach einem halben Jahr vergeblichen Probierens die Alarmglocken.

Was vor vierzig Jahren in Grossbritannien mit der ersten erfolgreichen Befruchtung im Reagenzglas, der In-vitro-Fertilisation, begann, ist mittlerweile medizinischer Alltag, auch in der Schweiz. Rund dreissig Kinderwunschzentren kümmern sich hierzulande um Paare, die gerne Nachwuchs hätten, und sie haben regen Zulauf. 2016 liessen sich in der Schweiz mehr als 6000 Frauen bei der Fortpflanzung helfen, gut 2000 Babys pro Jahr kommen durch künstliche Befruchtung zur Welt. Und stammen damit aus einem Labor, wie Michael Singer eines in seiner Gemein-schaftspraxis in Küsnacht betreibt. «Es läuft sehr gut, wir haben alle schön zu tun», sagt der 58-jährige Arzt auf die Frage, ob nicht langsam zu viele Anbieter auf dem Platz seien. Schaut man sich in seiner grosszügigen Praxis mit Blick über den Zürichsee um, zweifelt man nicht daran, dass das Geschäft floriert.

Samenspende als Auslaufmodell

Fortpflanzungsmediziner müssen ihre Arbeit ungleich häufiger rechtfertigen als andere Ärzte. Mit Techniken, die man vor kurzem noch als Science-Fiction ansah, bestimmen sie im Labor über die Menschwerdung, über das Sein oder Nichtsein von Babys, und bewegen sich damit in einem ethisch schummrigen Bereich. Singer hält diese Sicht auf die Reproduktionsmedizin für viel zu eingeschränkt und sieht sich selber denn auch nicht als Herr über die Reagenzgläser. Es gehe darum, Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch aus einer Gesamtsicht heraus zu helfen, und dazu brauche es nicht immer hochspezialisierte Medizin. «Bei vielen Paaren, die zu uns kommen, reichen einfache Methoden.» Etwa eine Insemination, bei der der Samen des Mannes zu einem Konzentrat aufbereitet und direkt in die Gebärmutterhöhle eingeführt wird. Oder Injektionen, mit denen der Eisprung stimuliert wird. «Doch wenn das nicht reicht und es die In-vitro-Fertilisation braucht, dann mit voller Kraft und ohne schlechtes Gewissen», findet Singer.

In-vitro-Fertilisation heisst, dass die Eizelle dem Körper der Frau entnommen und im Reagenzglas mit dem Samen des Mannes befruchtet wird. Zuvor wird die Frau durch Hormon-einnahme stimuliert, damit gleichzeitig mehrere Eizellen reifen. Singer führt uns durch seine Tagesklinik, in der er die Behandlungen durchführt. «Wir haben hier keine goldenen Wasserhähne, auch nicht irgendwelchen unnötigen Luxus, schliesslich zahlen die Kunden alles aus der eigenen Tasche», erzählt Singer bei unserem Rundgang durch die Räumlichkeiten. Zwischen 6900 und 8800 Franken kostet eine künstliche Befruchtung.

Klappt es nicht beim ersten Versuch, muss das Paar für jeden weiteren Behandlungszyklus zusätzlich 2000 bis 2500 Franken bezahlen. Im hinteren Teil der Tagesklinik, zwischen Kaffee-Ecke und Labor, befindet sich der Raum für die Männer. Während der Partnerin im Behandlungsraum unter einer Kurznarkose die reifen Eizellen abgesaugt werden, soll der Mann den Samen beisteuern. Im kleinen Zimmer stehen ein tiefer Sessel sowie auf der Ablage vorne dran ein Bildschirm und eine Auswahl an Pornofilmen, um die Sache zu erleichtern. Für die Männer sei die Situation nicht einfach, sagt Singer. «Die Frau macht zwar physisch mehr durch, doch der Mann steht unter erheblichem psychischem Druck, Samen zu liefern.» Und wenn das Liefern – trotz Pornofilmen – nicht gelingt? «Dann sagen wir ihm, er solle sich entspannen, vielleicht einen Kaffee trinken. Oder nach Hause gehen, es dort versuchen und den Samen dann sofort in die Praxis bringen. Dass ein Mann gar nichts zustande bringt, kommt so gut wie nie vor.» Und wenn das doch einmal der Fall wäre, würde man die gewonnenen Eizellen der Frau eben tiefgefrieren und zu einem späteren Zeitpunkt befruchten.

Im angrenzenden Laborraum finden die weiblichen und männlichen Keimzellen dann durch die Hand einer Biologin zusammen. Während die Eizelle bei der üblichen In-vitro-Fertilisation mit einem Samentröpfchen im Reagenzglas zusammengebracht wird und, salopp gesagt, das schnellste der vielen hundert Spermien das Rennen macht, bevorzugt Singer eine abgewandelte Methode. Bei dieser sucht sich die Biologin eine einzige vielversprechende Samenzelle aus, sticht dann durch die Haut der Eizelle und injiziert ihr das Spermium. Das Verfahren nennt sich intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). «Es kann vorkommen, dass Spermien eine schlechte Qualität haben und es nicht von alleine schaffen, die Eizelle zu befruchten, was natürlich höchst unerwünscht ist. Deshalb setzen wir auf die ICSI-Methode, ohne Aufpreis.» Auf fremden Spendersamen ist man bei der künstlichen Befruchtung kaum mehr angewiesen. «Wir können heute selbst die kleinsten Sameninseln in den Hoden ausfindig machen, so dass die Männer fast immer mit dem eigenen Erbgut zeugen können.»

Nach der Injektion werden die befruchteten Eizellen ein paar Tage im Brutschrank kultiviert und entwickeln sich zu Mehrzellern, zu Embryonen. Einer von ihnen wird der Frau in die Gebärmutter eingesetzt. Obschon dieser Embryotransfer eine höchst technologische Prozedur ist und so rein gar nichts von einer natürlichen Zeugung hat, von Körperlichkeit und Romantik, versucht Singer, dem Moment eine einzigartige Atmosphäre zu geben und das Paar die Klinikumgebung vergessen zu lassen. «Wir befinden uns dann alle in diesem Behandlungszimmer, das Licht ist gedämpft, die Frau ist auf der Liege, der Mann sitzt an ihrer Seite, die beiden sehen auf dem Ultraschallmonitor, wie ihr Wunschkind in den Körper der Mutter Eingang findet – das ist für das Paar immer ein sehr emotionaler Moment. Und auch für mein Team und mich ist das sehr berührend, denn wir hoffen ja mit den beiden.» Man glaubt ihm das sofort.

Alles oder nichts

Die Visitenkarte jedes Kinderwunsch-zentrums ist die Erfolgsquote. «2016 lagen wir bei 50,4 Prozent pro Versuch, 18 Prozent fielen als Fehlgeburten weg, also waren es etwa 33 Prozent. Damit führten wir die Rangliste der Schweizer Kinderwunschkliniken an», sagt Singer. Mit dem neuen Fortpflanzungsmedizingesetz, das seit September 2017 gilt, hat sich das Vorgehen geändert. Früher durften Reproduk-tionsmediziner nur drei Embryonen erzeugen, die sie der Frau alle aufs Mal einsetzen mussten. Heute können zwölf Embryonen erzeugt werden, nur einer wird jeweils verwendet, die nicht benötigten werden als Reserve eingefroren. Für Singer eine gute Sache: «Die Erfolgsrate pro Versuch ist dadurch zwar leicht tiefer, doch es kommt nicht mehr zu unerwünschten Mehrlingsschwangerschaften.»

Der Arzt führt uns zum Raum, in dem die überzähligen Embryonen in mehreren Tanks mit flüssigem Stickstoff gelagert sind. Vor dem Betreten ziehen wir die Schuhe aus, im dunklen, kühlen Raum rauscht die Lüftung. Singer öffnet einen der Behälter und zieht aus dem Stickstoffrauch mehrere Stäbchen heraus, an denen die Embryonen kleben. Man muss nicht übermässig sensibel sein, um bei diesem Anblick ein mulmiges Gefühl zu bekommen. Wie viele Wunschkinder lagern in den Behältern? «Wohl 300 bis 400», schätzt Singer und versenkt die Stäbchen wieder in den Stickstofftank. Für einen Gutteil der Embryonen ist hier bereits Endstation, sie werden es nie zum Menschen bringen. Denn wird die Frau mit einem anderen Embryo schwanger und plant das Paar kein weiteres Kind, kommen sie nicht zum Zug. Maximal zehn Jahre dürfen Embryonen gelagert werden, nachher muss man sie vernichten. Singer hat damit keine Mühe. «In einem katholischen Weltbild, wo jeder Embryo schon als Mensch mit Rechten gilt, funktioniert das, was wir hier betreiben, natürlich nicht. Doch für mich ist ein Embryo noch kein Mensch. Er kann erst dazu werden, wenn eine Frau ihre empfängnisfähige Gebärmutterschleimhaut zur Verfügung stellt.»

Nun ist die Vorstellung, dass ein Mensch den Anfang seiner Existenz in flüssigem Stickstoff verbringt, und das vielleicht jahrelang, ziemlich gewöhnungsbedürftig. Wie will man wissen, dass dies seiner Entwicklung nicht schadet? «Dieselbe Frage stellte man sich auch bei der In-vitro-Fertilisation oder der Spermieninjektion, doch alle Studien der letzten Jahrzehnte zeigen, dass die so gezeugten Menschen sich positiv entwickeln. Das Gefrieren an sich ist kein Risiko. Zudem gilt das ‹Alles oder nichts›-Gesetz: Wenn der Embryo die ersten drei Monate der Schwangerschaft übersteht, dann kann er nicht grob beschädigt gewesen sein.» Das Auftauen eines tiefgekühlten Embryos ist übrigens so unspektakulär, wie es tönt: Er wird aus dem Tiefkühltank hervorgeholt und auf Raumtemperatur aufgewärmt. Rund drei Stunden braucht es, bis sich das verschrumpelte Zellhäufchen wieder ausdehnt. Dann kommt es in die Gebärmutter.

Leben zu schaffen, ist das eine, Leben zu selektionieren, das andere. Seit einem Jahr dürfen Embryonen vor der Einpflanzung auf Chromosomenstörungen untersucht werden – Präimplantationsdiagnostik (PID) nennt man das. Singer hat sich stark für die neue Methode engagiert und hält sie für unbedingt notwendig. Denn die Morphologie des Embryos – das Aussehen unter dem Mikroskop – sage allein noch wenig darüber aus, ob er entwicklungsfähig sei. Das erfahre man erst durch die PID. Auf dem Computer in seinem Büro zeigt Singer Bilder von drei Embryonen einer vierzigjährigen Frau. «Hier sehen Sie einen wunderschönen Embryo, frisch geschlüpft, wie wir sagen. Leider stellte sich heraus, dass er einen Trisomiefehler hatte. Dasselbe beim zweitschönsten. Nur der dritte wies eine normale Chromosomenzahl auf. Ihn haben wir genommen, und mit ihm ist die Patientin nun schwanger.»

Legitime Notlösung

Die Befürchtung, dass mit der PID bald nicht mehr nur nach medizinischen Kriterien selektioniert wird, sondern auch nach Geschlecht, Intelligenz oder Körpergrösse, hält der Arzt für unbegründet. «Die Schaffung von Designerbabys liegt technisch wie gesellschaftlich noch in ganz weiter Ferne und ist auch im neuen Schweizer Gesetz klar verboten.» Es gebe zwar Paare, die sich erkundigten, ob man das Geschlecht wählen könne. «Doch wir Ärzte erfahren erst nach der zwölften Schwangerschaftswoche, ob es sich um ein Mädchen oder um einen Jungen handelt, eine Selektion nach Geschlecht ist also gar nicht möglich, und das ist gut so.» Doch warum, so könnte man ketzerisch einwenden, soll man bei einer Auswahl zwischen mehreren gleichwertigen Embryonen, die durch medizinisch begründete künstliche Befruchtung erzeugt wurden, nicht dem Wunsch der Eltern entsprechen und zuerst das Mädchen oder den Jungen einpflanzen? Zumal es für den einzelnen Embryo keinen Unterschied macht, ob er wegen eines Chromosomenfehlers oder wegen seines Geschlechts keine Verwendung findet. Singer hätte zwar wenig Probleme damit, aber er versteht die Bedenken, dass dies der Beginn der berühmten schiefen Ebene wäre.

Nicht nur Embryonen lagern in den Tiefkühltanks in Küsnacht, sondern auch unbefruchtete Eizellen von Frauen, die ihre Mutterschaft zeitlich hinausschieben möchten. Es handle sich aber nicht um einen Trend, sagt Singer. «Zu Recht.» Denn wenn eine Frau mit 35 nicht bereit sei für ein Kind, dann werde sie es in der Regel auch mit 45 nicht sein. Der Arzt sieht aber durchaus Fälle, wo dieses sogenannte social freezing eine legitime Notlösung sein kann. Es sei leider gar nicht selten, dass eine Frau im Alter von Mitte dreissig von ihrem Partner verlassen werde, weil sie endlich ein Kind will und er kalte Füsse bekommt. «Für diese Frauen kann es nützlich sein, Eizellen einfrieren zu lassen: Man nimmt ihnen den Zeitdruck weg, und sie können sich unverkrampfter auf eine neue Beziehung einlassen.» Singer, selber Vater von zwei Kindern und seit 32 Jahren verheiratet, hat im Übrigen kein Verständnis für Männer, bei denen der «hedonistische Wunsch nach Ungebundenheit» über dem Kinderwunsch der Partnerin steht. Dafür fühlt er umso mehr mit den Frauen. Er sei durch seine Tätigkeit fast ein bisschen zum Frauenrechtler geworden.

Fundamentaler Neid

Wer leidet stärker unter der ungewollten Kinderlosigkeit, die Frau oder der Mann? «Frauen leiden unmittelbarer, sie haben diese drängende, hormonell codierte Sehnsucht nach einem Kind und würden alles dafür tun», so die Erfahrung des Gynäkologen aus Hunderten von Paargesprächen. Wenn dann noch die Kollegin Nachwuchs erwarte oder die jüngere Schwester, mit der man sich ohnehin nie verstanden habe, könne das zu fundamentalem Neid führen. «Für den muss man sich aber nicht schämen.» Die Männer würden rationaler leiden – nach dem Motto: «Ziel nicht erreicht». «Und sie leiden, weil sie sehen, wie schwer es die Frau nimmt.» Männer hätten ja auch viel länger Zeit für die Fortpflanzung als Frauen und mehr Optionen, ihre Gene zu streuen. Bei einem Mann komme es selten vor, dass er denke: «Ich will mit dieser Frau ein Kind, sonst hat mein Leben keinen Sinn.»

Michael Singer ist von der Sinnhaftigkeit der Fortpflanzungsmedizin absolut überzeugt. Vom Standardeinwand, dass es auf der Welt schon mehr als genug Menschen gebe, hält er gar nichts. «Es gibt für die Schweizerinnen und Schweizer keinen Grund, ihren Kinderwunsch wegen der Überbevölkerung in anderen Ländern zu beerdigen. Das wäre ja eine Kapitulation.» Die Menschen hätten nun einmal das tiefsitzende Bedürfnis, ihre Gene weiterzugeben und etwas in der Welt zurückzulassen. Und dafür seien sie bereit, grösste Mühen und Strapazen auf sich zu nehmen. «Mir tut es weh, wenn man meinen Kinderwunsch-Paaren suggeriert, sie sollten ihr Schicksal akzeptieren, es werde schon sein Gutes haben. Das tönt in meinen Ohren schon fast wie Gottes Wille – und das geht gar nicht.» Wenn man sehe, wie die Eltern ihr Wunschkind liebten und umsorgten: «Wer bin ich denn, zu sagen: ‹Ihr müsst die Kinderlosigkeit eben annehmen›?» Unser Land ist doch reich, schauen Sie nur aus dem Fenster, man darf doch den Reichtum einsetzen für die eigenen Nachkommen.»