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Der Mensch braucht Ordnung und Grenzen.
Bild: Bildmontage Weltwoche

Faustrecht

Die Schweiz verroht, weil sie verludert.

Die Schweiz verroht, weil sie verludert. Für diesen Befund braucht es keine Statistiken. Lebenserfahrung genügt. Vor zwei Wochen schlugen in Genf zwei Maghrebiner aus Frankreich mehrere Frauen spitalreif. Es dauerte Tage, bis sich die Behörden endlich dazu durchringen konnten, ehrliche Angaben über die ihnen längst bekannte Herkunft der Täter zu liefern.

Am letzten Wochenende, an einem lauen schönen Sommerabend, musste in Zürich eine wichtige Verkehrsachse bei einer Spaziermeile am See für rund zwei Stunden gesperrt werden. Grund war eine Strassenschlacht zwischen linksradikalen Hooligans und der Polizei im Gefolge einer Messerstecherei unter Afghanen und/oder Syrern, mutmasslich aus dem Milieu des neuen, prestigiösen städtischen Asylantenheims.

Einmal abgesehen vom Affront, mit welcher Selbstverständlichkeit hier ein Blitzmob lebensgefährlich auf die Ordnungskräfte und die Sanität losging, Steine und gefüllte Glasflaschen werfend, beelendete zusätzlich der Umstand, dass die Krawallverbrecher offenbar auf Sympathien von Mitläufern und Gaffern zählen konnten. Der Angriff auf die Polizei wurde als krankes Volks- und Grölfest inszeniert.

Faustrecht in Zürich, Würgattacken in Bern: Eine ehemalige SP-Stadträtin wurde Anfang Juni nach eigener Aussage von einem Kongolesen am Hals gepackt und bedroht, nachdem sie ihn und seine Freunde gebeten hatte, im Monbijoupark die Musiklautstärke aus den Boxen etwas herunterzuschrauben. Die Anzeige der Erziehungswissenschaftlerin wurde mit der Begründung zurückgewiesen, sie habe dem Schwarzen, weil sie ihn fotografiert habe, möglicherweise einen «Anlass für die Tätlichkeit» geliefert, sie sei also selber schuld.

Die Schweiz verludert. Sie verdreckt. Sie verroht. Und wir schauen zu, scheinen uns damit abzufinden. Letzten Samstag war eine prominente amerikanische Journalistin in der Bundesstadt zu Gast, über dreissig Jahre nach ihrem ersten Besuch. Sie traute ihren Augen nicht, was aus dem idyllischen Bern von einst geworden war. Für sie unfassbar, dass die Behörden die zahllosen Graffitis und Verschandelungen an Brücken und Gebäuden einfach stehenlassen.

Früher wurden wir von unseren Eltern dazu erzogen, immer freundlich grüezi zu sagen. Man traute sich kaum, ein Papierchen auf die Strasse zu werfen. Heute ist das flächendeckende Velostehlen in den Städten ein Kavaliersdelikt. Wieder Bern, aber es könnte auch Zürich oder Genf sein: Die Veloverleihfirma Publibike musste dieser Tage vorübergehend ihren Betrieb einstellen, weil innert Stunden fast die ganze Flotte geklaut worden war. Die Diebe und Veloknacker prahlten wie Helden auf den sozialen Medien.

Warum verludert die Schweiz? Weil es geht. Weil man es zulässt. Weil die Behörden unfähig oder unwillig sind, die öffentliche Ordnung kompromisslos aufrechtzuerhalten. Achtzig Polizisten waren an der Zürcher Seestrasse gegen die Messerstecher und die Hooligans im Einsatz. Es gab exakt eine Verhaftung. Die Polizisten schafften es kaum, an das Messer-Opfer heranzukommen. Der Respekt vor den Ordnungshütern muss gleich null gewesen sein.

Das ist das Schlimmste, ein doppeltes Verbrechen: Jede Attacke auf einen Polizisten ist auch eine Attacke auf die öffentliche Ordnung, auf den Staat, auf uns. Deshalb darf es hier nur eine Devise geben: keine Toleranz und schärfste Strafen. Dass sich das Faustrecht in der Schweiz so austobt wie am letzten Wochenende in Zürich, ist ein gellendes Alarmsignal. Viele scheinen es zu überhören im allgemeinen Getöse und Gebrüll. Die öffentliche Ordnung ist im Begriff, sich aufzulösen.

Persönlich verantwortlich für die lausigen Zustände sind die Sicherheitsdirektoren der Städte und der Stadtkantone. Sie führen die Polizei, sie geben den Ton vor, sie setzen den Rahmen, in dem die Sicherheitskräfte manövrieren müssen. Erschreckend viele Ordnungshüter fühlen sich von der Politik aber im Stich gelassen, den pöbelnden Horden ausgeliefert. Die Polizisten müssen ausbaden, was die Politik anrichtet. Zum Beispiel in der Asyl- und Migrationspolitik.

Mit welcher Eleganz und Eloquenz sich die Verantwortlichen aus der Verantwortung stehlen, macht das Beispiel des freisinnigen Genfer Sicherheitsdirektors Pierre Maudet deutlich. Der Jungstar mit französischem Pass und französischen Neigungen durfte sich nach den Prügelexzessen in seinem Stadtkanton dank gütiger Mithilfe der Medien wie ein neutraler Experte aufspielen. Statt selber hinzustehen, forderte er wohlfeil eine «nationale Plattform gegen Gewalt an Frauen». Drückeberger Maudet möchte die Verantwortung lieber auf den Bund, auf die Berner Zentrale, abschieben.

Die Linken behaupten, mehr Polizei, mehr Härte, mehr Strafe bringen nichts. Unsinn. Vermutlich glauben sie selber nicht daran. Die grüne Zürcher Sicherheitsdirektorin Karin Rykart war im Wahlkampf noch gegen Körperkameras, die den Polizisten die Ermittlungen erleichtern würden. Nach den Nachtkrawallen war sie plötzlich dafür. Ihre Freunde nennen es «Dazulernen». Zutreffender ist das Wort Opportunismus. Wären die rot-grünen Unsicherheitspolitiker von ihren Grundsätzen überzeugt, würden sie diese nicht so rasch über Bord werfen.

Die Schweiz verroht, weil man sie verludern lässt. Die Politik träumt, sozialpsychologisch korrekt, den «ganzheitlichen Ansatz». Man möchte die Ursachen des Verbrechens an «der Wurzel» packen – meistens durch immer teurere, sinnlose Therapieprogramme auf Kosten der noch steuerzahlenden Allgemeinheit. Vernünftiger wäre es, die konkrete Unordnung, die Sauerei auf den Strassen, in den Städten, in den verwahrlosten Quartieren zu beseitigen. Indem der Staat demonstriert, dass er die Verwahrlosung nicht mehr hinnimmt, schreckt er die Vandalen und die Kriminellen ab.

Der Mensch braucht Ordnung und Grenzen. Er muss gelegentlich in Schach gehalten werden. Gewalt und Chaos breiten sich aus, wenn der Staat schwächelt, wenn er sich zurückzieht. Das haben die New Yorker in den siebziger und achtziger Jahren erlebt. Und überwunden. Die damalige Stadtregierung zog unter massivem Protest von links die Schrauben an. Versprayte Züge und Gebäude wurden notfalls über Nacht gereinigt. Jede zerbrochene Fensterscheibe wurde umgehend repariert. Wer keine Sumpfblüten will, muss den Sumpf austrocknen. Immer und immer wieder.