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Innere Ruhe und wahres Glück: Ruinen auf der Hauptinsel Hirta.
Bild: Martin Zwick (Reda, Keystone)

Am Rand der Welt

Mit Flugzeug, Auto und Schiff waren wir eine quälende Unendlichkeit unterwegs, doch plötzlich war alles vorbei. Hunderte von Seevögeln kreisten über den Klippen der vergessenen britischen Inselgruppe St. Kilda. Bald erfuhren wir, dass die letzte Insulanerin vor drei Jahren gestorben war.

Die Reise ist mühsam und auch nicht ganz billig. Um St. Kilda zu erreichen, eine kaum bewohnte Inselgruppe im äussersten Nordwesten Europas, musste ich erst nach Inverness fliegen, von dort aus vier Stunden durch das schottische Hochland bis auf die andere Seite von Skye fahren, einer Insel der Äusseren Hebriden, und am nächsten Tag früh aufstehen, um die grauenhafte vierstündige Überfahrt per Schnellboot zu machen, das uns zum letzten britischen Aussenposten im Atlantik brachte, der quasi auf halbem Weg nach Amerika gelegen ist.

Allein schon die Überfahrt kostet fast die Hälfte eines Flugtickets in die Staaten. Aber das Schiff verbraucht schliesslich eine Menge Treibstoff, zumal wenn das Meer, wie am Tag meiner Reise, bewegt ist und Wind der Stärke 4 weht. «Normalerweise fahren wir nur bis Windstärke 2 oder 3», sagte unser Guide Harvey. Ein anderer Passagier hatte die Reise schon fünfmal gebucht, und jedes Mal war das Schiff wegen schlechten Wetters nicht ausgelaufen. Selbst im schottischen Sommer, der einzigen Jahreszeit, in der St. Kilda zuverlässig angefahren wird, ist das Wetter notorisch unberechenbar. Doch diesmal erwischte es uns auf halber Strecke, als es kein Zurück mehr gab. Für uns bestand keine Gefahr: Unser Schiff war zwar klein, aber robust und stabil wie ein Seenotrettungskreuzer. Dennoch war es nicht besonders angenehm, wenn sich der Bug mit einem dumpfen Aufschlag durch die Wogen bohrte und wir zwölf Passagiere unter Deck in Rettungswesten und wasserdichter Kleidung dasassen, zu nervös, um zu lesen, inmitten von ohrenbetäubendem Maschinenlärm, der jede Unterhaltung unmöglich machte. Der peitschende Regen nahm uns die Sicht, alle hatten die Spucktüte parat, und die Reise schien eine Ewigkeit zu dauern . . .

Doch plötzlich war alles vorbei, und blinzelnd stiegen wir auf das Achterdeck. Es klarte auf, und vor uns erschienen die ersten hochaufragenden Klippen der kleinen Inseln, die den Archipel von St. Kilda bilden. Hunderte von Seevögeln kreisten über uns – Eissturmvögel, Klippenmöwen, Basstölpel, Raubmöwen –, und zu Tausenden hockten sie in den Ritzen und Schlupfwinkeln der nackten Felswände, der sogenannten Stacks.

Auf einem dieser Stacks fand 1840 der letzte Riesenalk Britanniens sein Ende, totgeschlagen von zwei Insulanern, die den Vogel für einen besonders schlimmen Sturm verantwortlich machten, der die Insel in jenem Jahr heimgesucht hatte.

Die wenigen Bewohner von St. Kilda, nie mehr als 180, lebten vor allem von den Seevögeln. Es gab kaum Platz für andere Tiere (höchstens ein paar magere Schafe und ein, zwei Kühe) und nur ein winziges Stückchen Land, auf dem man Gerste und Kartoffeln anbauen konnte, und da sie davor zurückschreckten, im rauen, unberechenbaren Meer auf Fischfang zu gehen, lebten die Insulaner von Basstölpeln und Eissturmvögeln, die sie aus den Felsspalten herausholten.

Verfaultes Vogelfleisch

Auf der Hauptinsel, Hirta, fand ich am Rand eines Felsens, eingegraben im Boden, einen der rostigen Pflöcke, an denen die Insulaner einen Strick befestigten, um sich daran in die Tiefe hinunterzulassen. Auf Hirta gab es den Brauch, dass ein Mann erst dann heiraten durfte, wenn er imstande war, aus Rosshaar einen Strick zu knüpfen, der sein eigenes Körpergewicht tragen konnte. Oft stiegen die Männer nachts am Felsen hinunter, wobei vorher der Wachvogel getötet wurde, der die Kolonie beschützte. Tödliche Unfälle waren nicht ungewöhnlich, aber die Insulaner kannten kein anderes Leben.

Sie ernährten sich hauptsächlich vom Fleisch von Seevögeln und den Eiern, die sie in Torfasche vergruben und monatelang in steinernen Vorratshütten, den cleits, aufbewahrten, um sie schliesslich in verfaultem Zustand zu verzehren. Die Vögel lieferten ausserdem Öl für Lampen und Bettfedern. Alles und jeder stank. 1799 notierte ein Besucher, ein gewisser Henry Brougham: «Ein unerträglicher Gestank liegt in der Luft – eine Mischung aus faulem Fisch, allem möglichen Unrat und stinkenden Seevögeln.»

Doch für die Insulaner war es geradezu paradiesisch. Jahrhundertelang gab es kein Verbrechen. Alle Produkte wurden untereinander geteilt. Nach dem täglichen Morgengebet hielten die erwachsenen Männer ein «Parlament» ab, um die anfallenden Aktivitäten zu besprechen. Jedermann konnte dabei das Wort ergreifen. 1697 schrieb ein Besucher, dass ihm die St. Kildaner «glücklicher erschienen als die meisten Menschen, denn sie sind fast das einzige Volk auf der Welt, das die Süsse wahrer Freiheit spürt».

Orkane und kein Handyempfang

Dieses Unabhängigkeitsgefühl erhielt einen ersten Dämpfer, als im 19. Jahrhundert immer strengere Prediger auftauchten. Bis dahin hatten die Insulaner teils christliche, teils druidische Rituale gepflegt. Doch mit den Pastoren wurde alles anders. Englisch trat an die Stelle des Gälischen, der tägliche Kirchgang war nun obligatorisch, an Sonntagen, wenn der Gottesdienst schon mal drei Stunden dauerte, durfte kein Wort gesprochen werden, die Kinder durften nicht mehr spielen und mussten eine Bibel mit sich herumtragen.

St. Kilda – einen Heiligen dieses Namens gibt es nicht, möglicherweise geht der Name auf das altnordische Wort für «Quelle» zurück – war mehr als 2000 Jahre lang bewohnt, von der Bronzezeit bis 1930, als der letzte noch lebende Insulaner auf eigenen Wunsch evakuiert wurde. Die jungen Leute waren weggezogen, weil sie nicht in dieser Abgeschiedenheit leben wollten, und ohne sie kamen die Alten nicht mehr zurecht.

Aber sie hatten starkes Heimweh. 1972 wurden einige der noch lebenden Insulaner für eine TV-Dokumentation interviewt (die letzte Kildanerin starb 2016). «Das Leben war hart, aber wir kannten nichts anderes. Es war unsere Welt», sagte einer von ihnen in seinem weichen, melodischen Singsang. «Wir hatten eine innere Ruhe, einen Seelenfrieden und eine Lebensart, die ich auf dem Festland nicht finde. Für mich war es Frieden, für mich war es Glück.»

Heute kommen Besucher nach St. Kilda, um etwas von dieser friedlichen Atmosphäre zu erleben. Keine andere britische Insel ist weiter vom Festland entfernt und mühsamer zu erreichen. In den Wintermonaten ist St. Kilda praktisch unzugänglich, wenn an 75 Tagen Orkane mit einer Windgeschwindigkeit von 225 Stundenkilometern toben und sechzehn Meter hohe Wellen schlagen. Aber selbst im Sommer ist die Isolation zu spüren. St. Kilda muss eines der wenigen Touristenziele in Europa, ja auf der ganzen Welt sein, wo es keinen Handyempfang gibt.

Auch das macht die Reise zu etwas Besonderem: Man lebt total im Hier und Jetzt, ohne von einem Smartphone abgelenkt zu werden. Auf der Hinreise war mir so übel, dass ich das nicht recht würdigen konnte. Aber auf der Rückreise staunten wir über die eigentümliche Situation, dass wir vier Stunden lang nichts anderes tun konnten, als auf Deck zu stehen und auf das Meer zu schauen, das ständig eine andere Farbe annahm, von Kobaltblau über Dunkelbraun bis Dunkelgrau, auf die Wellen, die durch Wind und Strömung immer neue Muster auf das Wasser zeichneten. Hin und wieder zeigte sich eine Gruppe von Papageientauchern, ein Schwarm Delfine oder der schimmernde Rücken eines Zwergwals.

Die Hauptinsel Hirta ist nur auf einem kleinen Beiboot zu erreichen, das nach lokaler Vorschrift offen sein muss, damit keine Ratten unbemerkt entkommen und die Seevögel vernichten können. Die Ruinen der Siedlung liegen oberhalb einer schönen, geschützten, halbkreisförmigen Bucht, die von einer hundert Jahre alten Vier-Zoll-Kanone bewacht wird. Sie wurde 1918 dort aufgestellt, nachdem die Siedlung, die während des Ersten Weltkriegs eine Funkstation der Royal Navy beherbergte, von einem deutschen U-Boot beschossen worden war. Kaum war die Kanone unter grossen Mühen installiert, war der Krieg auch schon vorbei.

Raketenfrühwarnstation

Seit mindestens dem 18. Jahrhundert besuchen Touristen die Insel – oft mit verheerenden Folgen für die Insulaner, die wie in einem Kuriositätenkabinett bestaunt wurden. Das Hauptproblem waren Erkrankungen, gegen die die St. Kildaner nicht immun waren. Mehrmals wurde die Bevölkerung durch Cholera oder Pocken mehr oder weniger hinweggerafft. Neue Familien vom Festland zogen nach.

Nach der Niederschlagung des Jakobitenaufstands in der Schlacht von Culloden 1746 kam das Gerücht auf, dass Charles Stuart («Bonnie Prince Charlie») nach St. Kilda geflohen sei. Als ein englischer Expeditionstrupp auf die Insel kam, um der Sache nachzugehen, flüchteten die Insulaner aus Angst, sie hätten es mit Piraten zu tun, in Höhlen im Westen der Insel. Schliesslich wurden sie durch eine List dazu gebracht, ihr Versteck zu verlassen, und es zeigte sich, dass sie noch nie von dem Prinzen gehört hatten, auch nicht vom damaligen König Georg II.

Heute ist die Insel nur noch zeitweilig bewohnt – von einigen Zivilangestellten, die auf der Raketenfrühwarnstation arbeiten, und (im Sommer) von Freiwilligen des National Trust for Scotland, dem St. Kilda gehört und verwaltungstechnisch unterstellt ist. Die Inseln sind einer der wenigen Orte weltweit, die wegen ihrer natürlichen und kulturellen Besonderheit zum Unesco-Welterbe zählen.

Für eine Besichtigung der wichtigsten historischen Sehenswürdigkeiten braucht man nicht mehr als eine Stunde: das aufgegebene Dorf mit der Strasse, der kreisförmig angelegte Friedhof mit seinen kläglichen, kaum behauenen Grabsteinen, das Haus, in dem die bedauernswerte Lady Grange in den 1730ern von ihrem Mann eingesperrt wurde, weil er sich von ihr ausspioniert wähnte, die zahllosen cleits mit intakten grasbeckten Dächern, die Kirche und das Schulzimmer.

Doch es sind weniger die Ruinen, die den Besucher faszinieren, als vielmehr die harsche, ungewohnte Abgeschiedenheit der Inseln und ihrer Flora und Fauna. Ich spürte das besonders, als ich ganz allein auf die höchste Erhebung stieg – der Boden bedeckt von karnivoren Honigtaupflanzen, Heidekraut und purpurrot blühenden Orchideen – und wiederholt von Raubmöwen attackiert wurde, die im Sturzflug herunterschossen. Die Raubmöwe ist ein grosser, brauner, notorisch aggressiver Seevogel, der kleinere Vögel tötet und frisst und grössere angreift, um sich über deren Futter herzumachen. Es war sehr enervierend, wie eine real gewordene Szene aus Alfred Hitchcocks «Die Vögel». Zwei oder drei verfolgten mich, griffen von hinten an, und ich spürte sie durch den Windstoss, mit dem sie über mich hinwegschossen.

Es war gespenstisch, aber magisch. St. Kilda ist das grösste Brutgebiet von Seevögeln in ganz Europa. Der Vogel, der mich schon seit Jahren faszinierte – und den ich während meines Aufenthalts auf der Insel nicht zu sehen bekam –, war der Papageientaucher mit seinem auffälligen, clownhaft orangefarbenen Schnabel.

«Welche Chancen gibt es, einen solchen Vogel zu sehen?», fragte ich unseren Guide, als wir uns am Nachmittag wieder auf den Weg zu unserem Schiff machten. Er sagte, dass es zwar 130 000 Papageientaucherpaare auf St. Kilda gebe, aber es sei einfach Glückssache. «Allerdings . . .» – und in diesem Moment waren sie plötzlich da, vor uns auf dem Wasser. Einige tauchten, andere schwammen unelegant, komisch auf den Wellen, manche flogen über uns hinweg. Papageientaucher können nicht gut fliegen, sie verbringen die meiste Zeit ihres Lebens schwimmend auf dem offenen Meer. Es waren Tausende, mehr als unser Guide je bei einer Überfahrt gesehen hatte.

Vielleicht war es tatsächlich einfach Glück, aber mir erschien St. Kilda wie eine Parallelwelt, in der die normalen Regeln nicht gelten. Mein Gott, das Leben hier muss die Hölle gewesen sein, jedenfalls die meiste Zeit, wenn schlechtes Wetter war. Aber an den seltenen Tagen, wenn schönes Wetter war, stand fest: Dieser Ort ist der Himmel auf Erden.

 

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork.