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Verständigung: Trump mit Putin in Helsinki.
Bild: zVg

Schlimmer als Hitler?

Helsinki: Warum die gellende Polemik historisch falsch ist.

Der angesehene republikanische Senator John McCain nannte es eine der «schlimmsten Selbsterniedrigungen eines US-Präsidenten überhaupt». CNN sprach von der «dunkelsten Stunde der amerikanischen Präsidentschaft». Auf dem Polit-Sender MSNBC erinnerte eine als «Expertin» angekündigte Kommentatorin mit Blick auf den Helsinki-Gipfel an die antijüdischen Pogrome der «Reichskristallnacht» und an den Luftangriff der Japaner auf Pearl Harbor. Auch die Terroranschläge von 9/11 wurden erwähnt. Mit ihren Beispielen wollte sie den Skandal der angeblich russischen Einflussnahme auf den US-Wahlkampf beschreiben. Und Präsident Trump habe sich, anstatt die USA zu schützen, auf die Seite der Angreifer geschlagen. Landesverräter Trump, schlimmer als Hitler?

Enthalten wir uns jeglicher Polemik. Vergessen wir, was ein prominenter rechter Fernsehkommentator auf diese Einschätzungen erwiderte («Psychopathen»). Schauen wir uns, nüchtern und neutral, nur die sachliche Feststellung des respektierten Senators und Vietnamkriegshelden McCain genauer an. Kann man sagen, dass Trumps Auftritt mit Präsident Putin in Helsinki ein «tragischer Fehler», präziser: der «Tiefpunkt» der amerikanischen «Anbiederung an einen Tyrannen» gewesen ist, eine der «beschämendsten Darbietungen der Geschichte»? So formulierte es McCain auf seinem Social-Media-Kanal, zustimmend zitiert, medial beklatscht und auch von linker, von demokratischer Seite freudig bejubelt.

Nein. Das ist Unsinn. Selbst wenn man Trumps Auftritt und ihn persönlich für das Letzte hält: Die historischen Superlative der Verunglimpfung sind falsch, auf irre Weise unberechtigt. Was die Frau auf MSNBC in den Raum stellte, ist zudem eine groteske Verharmlosung jener Ereignisse, auf die sie sich bezieht. Allein bei Pearl Harbor und 9/11 gab es Tausende von Toten. Die schrille Rhetorik sagt wenig bis nichts aus über den Präsidenten, aber sehr viel über den Hass, die Sturheit und das aggressive Rechthabenwollen jener, die von Anfang an gegen Trump gewesen sind, die es bis heute nicht verkraftet haben, dass er legal gewählt wurde, und die ihn nun mit allen Mitteln von seinem Posten wegdrücken wollen, wenn es demokratisch nicht geht, dann halt moralisch-juristisch. Was war Trumps Kapitalverbrechen in Helsinki? Der US-Präsident habe sich zu freundlich, zu unterwürfig benommen, heisst es. Er hätte Putin vor den Kameras in den Senkel stellen sollen für seine angebliche Beeinflussung des letzten US-Wahlkampfs. Die Auseinandersetzung um dieses Thema hat in den USA inzwischen die Dimension eines Religionskriegs.

Aus Distanz darf man festhalten: Ja, vermutlich haben sich die Russen in den amerikanischen Wahlkampf irgendwie eingemischt, so wie sich die Amerikaner seit Jahrzehnten militärisch und politisch ständig in die Politik anderer Staaten einmischen; kürzlich unter Präsident Obama auch durch das Abhören von Kanzlerin Merkels Handy. Grossmächte mischen sich ein, klar. Das aber ist etwas ganz anderes als die von den Trump-Gegnern unterstellte Behauptung, die Russen hätten die Wahlen zugunsten des ungeliebten Amtsinhabers entschieden, als ob so etwas möglich wäre. Das ist pure Innenpolitik, Kampagne, Delegitimierung, Rufmord.

Aber nehmen wir einmal an, Trump hätte sich tatsächlich dezidierter und feindseliger gegenüber Putin verhalten sollen. Ob das klug gewesen wäre und ob ihn seine Kritiker dann nicht genauso heftig angeprangert hätten wie ein paar Tage zuvor, als er gegenüber den Nato-Staaten genau das machte, was man nun bei Putin fordert, nämlich die Leviten zu lesen, bleibe mal dahingestellt. Lassen wir dafür die Kritik stehen, Trump sei seinen Geheimdiensten in den Rücken gefallen.

Doch selbst in diesem Fall: Senator McCain liegt falsch mit seinem Satz, Trump habe die «beschämendste Darbietung der Geschichte» geliefert. Diese Unehre gebührt zweifellos anderen. Zum Beispiel Präsident Franklin Delano Roosevelt, der in Teheran 1943 und Jalta 1945 halb Deutschland und ganz Ostmitteleuropa dem von ihm naiv unterschätzten sowjetischen Tyrannen und Massenmörder Stalin schenkte. Oder John F. Kennedy, der am Wiener Gipfel 1961 so schwach auftrat, dass sich der Sowjetherrscher Nikita Chruschtschow traute, kurz darauf die Berliner Mauer zu bauen und Atomraketen nach Kuba zu schiffen. Um ein Haar hätte es einen dritten Weltkrieg gegeben. Wenn Trump der Unterwürfigste ist, wie ist dann Präsident Gerald Ford einzustufen, der 1975 die sowjetische Oberherrschaft über Osteuropa in Helsinki formell anerkannte? Oder Fords Nachfolger Jimmy Carter, der mit Kremlchef Leonid Breschnjew feuchtwarme Bruderküsse vor den Kameras austauschte?

Die Polemik gegen Trump hat eben kaum sachliche, sondern vor allem politische und persönliche Gründe. McCain ist, zu Recht, gekränkt, dass ihn Trump mehrfach primitiv beleidigte. Die Linken und die Demokraten hassen Trump bis aufs Blut. Ausserdem wollen sie davon ablenken, dass sie selber mit dem sowjetischen Terrorregime gekuschelt haben. Sie behaupten, der Präsident biedere sich bei Putin an, dabei haben sie sich jahrzehntelang bei Putins viel schlimmeren Vorgängern angebiedert, und zwar hemmungslos. Im Übrigen biedert sich Trump nicht bei den Russen an.

Er verschärfte im Gegenteil die Sanktionen, stärkte die amerikanischen Streitkräfte, rüstet die Nato auf und will das militärische Rückgrat etwa der Polen gegen Moskau wieder stählen. Es war Trumps Vorgänger Obama, der den von den USA geplanten Raketenschild in Osteuropa stoppte. Und es war Obama, der die russischen Übergriffe in Georgien und auf der Krim hinnahm, was ihm bei den heutigen Trump-Verächtern nicht den Vorwurf eintrug, Putins «Pudel» zu sein.

Hinter den Zerrbildern wird ein anderes, vertrautes Muster sichtbar: Trump setzt auf Stärke und auf Abschreckung. Das Ziel ist, soweit erkennbar, Verständigung aus einer gefestigten Position. Gegen Nordkoreas Diktator Kim teilte er heftig aus, war aber sofort zu Friedensgesprächen bereit. Bei Putin wählt er, der grossen russischen Geschichte angemessen, respektvollere Töne, ohne aber die Militärkeule aus der Hand zu legen. Ist das so unvernünftig? Von guten Beziehungen zwischen den Atommächten profitiert die ganze Welt.