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Dauerndes Gesprächsangebot: Hassan Rohani in Zürich.
Bild: Peter Klaunzer (Pool via Reuters)

Oase der Verständigung

Je lauter auf der Welt gebrüllt wird, desto wichtiger wird die Schweiz.

Diese Woche war der iranische Präsident Hassan Rohani in Bern. Die Bundesstadt wurde kurzzeitig zur Festung umgebaut. Das Bundeshaus wurde mit Betonsperren und Zäunen abgeriegelt. Parlamentarier mussten durch den Sicherheitscheck, wenn sie ins Hotel «Bellevue» wollten. Mühsam. Was besonders auffiel, war die enorme Freundlichkeit der Berner Polizei. Professionell, dabei schwerbewaffnet, aber äusserst hilfsbereit: Als ob ihnen das ganze Theater, das hier um einen Politikerbesuch veranstaltet wurde, etwas peinlich gewesen wäre.

In den Medien wurden Stimmen laut, die den Staatsbesuch des iranischen Regierungschefs am liebsten unterbunden hätten. Ein Politologe bezeichnete Rohani als «dauerlächelndes Gesicht des Terrors». Ein gewaltsamer Regimewechsel sei zwingend. Von rechts meldeten sich Skeptiker, die es lieber sähen, wenn die Schweiz einem ausgesprochenen Israel-Feind und Islamisten nicht den roten Teppich ausrollte. Handkehrum jubelten die Linken, die Rohani ihrerseits genau dafür schätzen, dass er gegen Israel ist.

Der Staatsbesuch erhielt verschärfte Brisanz vor dem Hintergrund der amerikanischen Iran-Sanktionen. Präsident Trump will die Mullahs mit Boykotten und massiven Beeinträchtigungen in die Knie zwingen. Ziel ist ein neuer Atomvertrag, der besser ist als der alte, den Trump kürzlich aufkündigte. Und wie immer, wenn die Amerikaner etwas wollen, muss die ganze Welt im Gleichschritt folgen. Firmen und Staaten, die mit dem Iran geschäften, soll der Bannstrahl der US-Sanktionen ebenso scharf treffen wie die Perser, die sich seit Chomeinis Staatsstreich Iraner nennen.

Wie soll sich die Schweiz verhalten? War der Rohani-Besuch ein Fehler? Müssen auch wir anfangen, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, immer in der Annahme natürlich, wir seien bei den Guten? Auf keinen Fall. Noch selten war es so wichtig, dass die Schweiz ihre neutrale Position bekräftigt. Wir machen nicht mit in diesem moralischen Hupkonzert, das überall nur «Diktatoren», «Potentaten», «Populisten», «Feinde» und «Terroristen» sieht. Je lauter auf der Welt herumgebrüllt wird, desto notwendiger wird die internationale Gesprächs- und Verständigungsoase Schweiz.

Zivilisation beginnt, wenn die Leute miteinander reden. Der moralische Fortschritt lässt sich auch an der Zahl der Menschen messen, die zum gegenseitigen Nutzen Handel treiben. Die Vorstellung, dass es auf diesem Planeten das «absolut Böse» geben kann, ist genauso falsch und grössenwahnsinnig wie die Idee, dass ein Mensch das «absolut Gute» verkörpern könnte. Das Leben ist ein Knäuel von Grautönen, jederzeit ein Mischmasch von beidem. Aufgepasst bei Moralaposteln jeder Farbe: Wer einen andern zum Teufel erklärt, möchte sich selber zum Engel machen. Neutralität heisst lebenspraktisch, Menschen weder zu verteufeln noch zu vergöttern.

Die Neutralität hat es naturgemäss schwer bei Politikern und Journalisten. Wer selber gerne zu allem seinen Senf abgibt, dem bereitet das neutrale «Stillesitzen», das Maulhalten Mühe. Dabei ist die Neutralität die geschichtlich gewachsene, gelebte Einsicht, dass es sich die politische Schweiz, die Bundeshausschweiz, weder leisten kann noch soll, sich in die internationalen Schlachtordnungen einzureihen, mitzumachen im Konfliktgetöse der anderen. Natürlich steht dahinter immer auch der Blick aufs eigene Portemonnaie. Als armes Land musste die Schweiz mit allen gut auskommen, denn wie jeder Unternehmer weiss, sollte man seine Kunden, auch die möglichen, die zukünftigen, gut behandeln. Neutralität ist eine der wichtigsten Schweizer Wohlstandssäulen.

Neutralität heisst: Wir fangen keine Kriege an. Wir lassen uns nicht in Kriege hineinziehen. Wir halten uns von Umarmungen und Bündnissen fern, die uns auf die eine oder andere Seite drücken könnten. Es ist ein anspruchsvolles Programm. Man muss es glaubwürdig leben und überzeugend erklären können. Neutralität heisst Abstand halten, draussen bleiben. Das braucht Kraft. Die meisten wollen mit dem Strom gehen, mitschwimmen. Der Neutrale hält sich fern.

Nur weil sie neutral ist, kann die Schweiz mit allen im Gespräch bleiben. Sie verteidigt sich nur gegen die, die sie angreifen, betrügen, ausnützen, die ihre Gastfreundschaft missbrauchen. Jeder andere ist unser potenzielle Freund, zumindest ein Gesprächspartner, den wir ernst nehmen, dem wir zugestehen, dass auch seine Sicht ihre Berechtigung und ihre Gründe hat, auch wenn wir sie nicht teilen. Der Basler Historiker Herbert Lüthy sprach von der «Gegenläufigkeit» der Schweiz: Diese Gegenläufigkeit ist die mit der Neutralität verbundene Weigerung, die Welt schwarzweiss zu sehen. Einfühlung. Das macht die Schweiz einzigartig.

Neutralität heisst nicht, dass wir uns mit jedem ins Bett legen, dass wir uns mit allem gemein machen. Aber in der schweizerischen Neutralität steckt die vernünftige, eben bodenständige Lebenserfahrung, dass es keine absolute Wahrheit gibt, dass niemand seinen Standpunkt für allgemeingültig erklären und automatische Zustimmung dafür erwarten darf. Es gibt immer eine andere Sicht, eine andere Sprache, eine andere Meinung, ein anderes Land, und damit müssen wir uns zuerst einmal ernsthaft auseinandersetzen. Der Neutrale wirkt durch Vorbild, nicht durch Belehrung.

Gut, dass Rohani in die Schweiz kam. Gut, dass es die Schweiz gibt. Sie ist das neutralste Land der Welt, die Staatsform der institutionalisierten Gesprächsbereitschaft aller mit allen. Am Schnittpunkt mehrerer Kulturen gelegen, mitten in Europa, selber eine Stammesgesellschaft ungezählter Minderheiten, steht die Schweiz für die Möglichkeit, dass sich die meisten Probleme friedlich lösen lassen, sofern man in offener Atmosphäre miteinander redet. Dieses dauernde Gesprächsangebot an die Welt ist eine der grössten Schweizer Friedensleistungen.