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Gute Bäume, schlechte Bäume: Titelverteidiger Geissler.
Bild: Andreas Schaad (Limex Images)

Meister-Holzer mit Gespür

Eiger, Mönch und Motorsäge: In Brienz wird wettkampfmässig Kleinholz produziert. Timbersports erobert die Schweiz und begeistert das Publikum.

Zur Bildergalerie: Timbersports 2018

Wo gehobelt wird, fliegen Späne. Und wo die besten Sportholzfäller am Werk sind, heulen die Maschinen und krachen die Äxte. «Stihl Timbersports Swiss Championship» heisst die Veranstaltung, die das beschauliche Städtchen Brienz im Berner Oberland aus dem gemächlichen Frühsommer-Rhythmus reisst.

An der Seepromenade kündigt der Klang der Nationalhymne Grosses an. Auf dem Platz zwischen Schiffslandesteg und Wettkampfbühne bleibt keine Fussbreite unbesetzt. Mehr als 2000 Zuschauer sehen das packende Finale, in dem sich der Waadtländer Christophe Geissler und der Zürcher Stephan Hübscher um den Titel duellieren. In der Disziplin «Hot Saw», in der mit einer getunten, 65 kg schweren und 80 PS starken Motorsäge drei Holzscheiben von einem Stamm geschnitten werden müssen, fällt die Entscheidung um den Titel.

Hübscher legt mit der chirurgischen Präzision eines Zahnarztes eine ganz starke Marke vor. Das Publikum hält den Atem an. Geissler, der grosse Favorit, darf sich keinen Patzer leisten. Der Romand behält die Nerven und setzt mit der zweitbesten Zeit den meisterlichen Schlusspunkt hinter seine Performance: «Ich bin glücklich, dass ich in dieser genialen Atmosphäre meinen Titel verteidigen konnte», sagt er überwältigt.

Hochprofessionell und ausgeklügelt

Timbersports wird hochprofessionell betrieben und verfügt über ausgeklügelte Regeln. Um einen fairen Wettkampf zu garantieren, findet zuvor die sogenannte Holz-Auslosung statt. Das Wettkampfholz für die Axt-Disziplinen stammt von belgischen Pappeln aus den Niederlanden, dasjenige für die Säge-Wettkämpfe von Weisskiefern aus der Schweiz. Es wird zur Vorbereitung gewässert und tiefgefroren, damit die Beschaffenheit aller Stämme möglichst identisch ist. Doch Holz ist nicht gleich Holz. So sprechen die Athleten von «guten Bäumen» und «schlechten Bäumen».

Der Mann, der die Hauptverantwortung für den Wettkampfablauf trägt, ist ein ehemaliger Förster, stammt aus den Niederlanden und heisst Bart Jansen: «Weil sich die Niederlande nicht für die Fussball-WM qualifiziert haben, bleibt mir nun viel Zeit», sagt er scherzend.

Der Hintergrund ist: Jansen hat als Partner der Stihl Timbersports Series aus dem sportlichen Wettkampf mit Säge und Beil ein internationales Geschäft gemacht. Mit einer Crew von dreissig Personen tourt er durch ganz Europa. Vor dem Zwischenstopp in Brienz fanden Veranstaltungen in Marseille, Oelde und Kopenhagen statt. Beliebt sind sie auch auf der Insel. «Vor allem in Grossbritannien kommen bis zu 15 000 Zuschauer zu unseren Anlässen», sagt Jansen.

In Brienz sind die Zuschauer hautnah dabei. Die Wettkämpfe finden in sechs Disziplinen unter professionellen Rahmenbedingungen statt. Aus dem Video-Truck wird das Geschehen flächendeckend überwacht: Auf jeden Sportler sind zwei Kameras gerichtet. Der entscheidende Schlag wird mit hundert Bildern pro Sekunde festgehalten.

Vor dem ersten Hieb geht es zu und her wie an einem Boxkampf in Las Vegas. «Athletes, ready!» tönt es aus den Lautsprechern, «stand to your timber.» Dann folgt der Countdown: «Three, two, one – go!»

Und nun wird gehackt und gesägt, dass sich die Balken biegen. Was auf den ersten Blick wie ein profaner Kraftakt aussieht, ist in Wirklichkeit eine technisch hochkomplexe Angelegenheit. In der Königsdisziplin «Springboard», in der die Athleten in über zwei Metern Höhe zur Tat schreiten, siegt Christophe Geissler mit zwei Hundertstelsekunden vor Stephan Hübscher – ein Wimpernschlag mit der Axt.

Ghackets mit Hörnli

Andy Ammann, als Lokalmatador in Brienz ein umjubelter Mann, ist mit 177 Zentimetern und 80 Kilogramm das Leichtgewicht im Feld: «Die grossen Athleten besitzen dank ihren Hebeln Vorteile», sagt Ammann, «mit Technik und Behändigkeit lässt sich aber einiges wettmachen.»

Wie viele seiner Mitstreiter führt der 28-Jährige seinen Sport quasi hauptberuflich aus – er arbeitet in Hasliberg als Forstwart: «Nach den vielen heftigen Stürmen in diesem Jahr war es streng», erzählt er, auf seinen Formstand habe sich das aber positiv ausgewirkt. Den Sinn von Timbersports erklärt Ammann kurz und bündig: «Es geht darum, ein altes Handwerk in zeitgemässer Form darzustellen.»

Die einzelnen Disziplinen lehnen sich eng an die Forstarbeit an: Beim «Standing Block Chop» wird das Fällen eines Baumes simuliert. Beim «Underhand Chop» geht es um das Zerteilen eines bereits gefällten Baums. Handwerkliches Geschick ist bei der Sparte «Single Buck» gefragt. Mit einer zirka zwei Meter langen Handsäge wird eine Holzscheibe von einem horizontal befestigten Block abgesägt.

Lokalmatador Andy Ammann kann nur beim «Standing Block Chop» mit den Besten mithalten. Zum Mittagessen gönnt er sich einen grossen Teller Ghackets mit Hörnli und Apfelmus.Für Stephan Hübscher käme das nicht in Frage. Der 43-jährige Routinier gehört zu den erfolgreichsten Holzsportlern der Schweiz. Während des Wettkampfs ernährt er sich wie andere Spitzensportler: von Riegeln, Früchten, Elektrolytgetränken und Wasser. «Es darf nicht schwer aufliegen.»

Hübscher arbeitet ebenfalls als Forstwart. Nach Brienz ist er mit seinen Kollegen vom Klub «Axemen Nordostschweiz» angereist. Nicht ohne Stolz sagt er: «Der Raum Schaffhausen ist momentan das Zentrum unserer Bewegung.»

«Der Ronaldo unseres Sports»

Ebenfalls aus dieser Gegend, nämlich aus Ramsen, stammt Yolanda Hagmann. Wer die zierliche Brünette trifft, würde sie kaum mit Timbersports in Verbindung bringen: «Ich war früher Eiskunstläuferin», erzählt die 32-Jährige – und verrät mit ihrem englischen Akzent, das da wohl doch noch ein anderer Bezug zum Umgang mit Beil und Säge besteht. Tatsächlich war Hagmann einst mit ihren Eltern ins kanadische Halifax ausgewandert. Dort studierte sie am Nova Scotia Agricultural College Tier- und Pflanzenwissenschaft: «In Kanada ist Holzfällen ein Schulsport», erklärt sie.

Heute ist Yolanda Hagmann die einzige Schweizerin, die wettkampfmässig Holz zerlegt. Bei den Männern ist die Konkurrenz grösser. Dennoch sind die Rollen klar verteilt. An Christophe Geissler kommt seit Jahren niemand vorbei. So darf sich der Förster aus Aigle seit Sonntag achtfacher Schweizer Meister nennen. «Geissler ist der Cristiano Ronaldo unseres Sports», sagen seine Schweizer Kollegen.

Auf der internationalen Bühne steht ihm allerdings seit Jahren der Neuseeländer Jason Wynyard im Weg. Wynyard gehört in seiner Heimat zu den populärsten Sportlern, pflegt engen Kontakt zum früheren Premierminister John Key und bringt zwei Argumente in den Wettkampf, die bei der spitzensportlichen Holzverarbeitung eben doch schlagend sind: Er ist 195 Zentimeter gross und 135 Kilogramm schwer. Wenn er die Szene betritt, wird es dunkel.