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Völkisches Emblem, Triumphsignal der Rache.
Bild: Norbert Barczyk (PressFocus, MB Media, Getty Images), Laurent Gillieron

Hopp Albanien!

Fussball macht blind. Der Doppeladler erreicht den Bundesrat.

Das kam aus tiefstem Herzen, direkt aus dem limbischen System: Kaum hatten die Schweizer Nationalspieler Xhaka und Shaqiri ihre glorreichen Tore gegen den Erbfeind Serbien geschossen, verhakten sie ihre Hände zum mythischen Doppeladler, völkisches Emblem aller Albaner, Wappenzeichen der unverbrüchlichen Stammeszugehörigkeit, in diesem historischen Moment aber vor allem das Triumphsignal einer Demütigung der verhassten Serben, an denen sich die Albaner im Schweiz-Dress fussballerisch für das erlittene Unrecht aus zahllosen Balkankriegen rächten. Sport und Politik wirbelten unentwirrbar durcheinander.

Nein, das war keine harmlose Grussbotschaft an die Verwandten im Kosovo, wie der überforderte Verband im Nachhinein verbreitete. Das war die Fortsetzung des innerjugoslawischen Bruderkriegs unter Schweizer Flagge. Gab es das schon mal? Nach den Toren pflanzten sich die Doppeladler Xhaka und Shaqiri grimassierend, mit glühenden Testosteron-Augen vor der serbischen Fankurve auf, eine kriegerische Urszene wie aus dem Film «Braveheart», kurz bevor die kriegsbemalten Hochlandschotten über die Engländer herfallen. Was immer in diesen Momenten abging: Mit der Schweiz und ihrem Fussball hatte es nichts mehr zu tun.

Oder doch? Waren die Szenen von Kaliningrad nicht gerade das perfekte Sinnbild? Die Migrationspolitik der löchrigen Grenzen hat dazu geführt, dass die einwandernden Volksgruppen immer auch ihre Konflikte von zu Hause in die Schweiz mitnehmen. In Bern gehen Türken und Kurden mit Eisenstangen aufeinander los. In Zürich gibt es innertamilische Strassenschlägereien. Islamisten importieren den heiligen Krieg. Die Schweizer Fussball-Doppeladler heizen mit ihrer Aktion jetzt auch noch den ohnehin schwelenden Unfrieden zwischen Albanern und Serben an. Es passte, dass Captain Stephan Lichtsteiner am Ende ebenfalls solidarisch mit dem Doppeladler jubelte. Was für ein Anblick: Nicht die Schweizer integrieren die Albaner, die Schweizer werden von den Albanern integriert.

Bemerkenswert ist, wie alle jetzt den Vorfall herunterspielen. Natürlich haben sie realisiert, dass gegen Serbien eine Linie überschritten wurde. Etwas ist zerbrochen. Für den Fussballfan gibt es keine brutalere Ohrfeige, als wenn der Nationalspieler, dem er inbrünstig huldigt, im Moment seines grössten Triumphs, dem erfolgreichen Torschuss, eine andere Leibchenfarbe überstreift. Hopp Albanien! Es war, schrieb ein Kommentator auf Facebook, wie wenn Deine Frau beim Orgasmus Jean-Luc ruft, aber Du heisst weder Jean noch Luc. Da half es schon gar nicht, wenn Erfolgsschütze Xhaka im Interview gleich nach dem Match den kapitalen Sieg in erster Linie seiner «Heimat Kosovo» widmete und nicht der Schweiz, die seine Familie als Flüchtlinge einst aufgenommen und seine Laufbahn erst ermöglicht hatte.

An diesem bemerkenswerten Fussballabend in Kaliningrad kam etwas zum Vorschein, was viele Schweizer als Problem empfinden, sich aber nur ungern eingestehen, erst recht nicht jetzt, weil es den Spass an dieser sonst so grossartigen WM vertreiben würde. Viele haben das Gefühl, dass die Schweiz beim Thema Migration und Flüchtlinge über den Tisch gezogen wird, dass zahllose Ausländer, die hierherkommen, vor allem profitieren wollen, aber – und darauf kommt es an – erstaunlich wenig Dankbarkeit zeigen. Auch das politisch verbreitete Märchen, die Wohlstandsmigranten würden nahtlos integriert, zum Beispiel durch den Sport, widerlegt der Doppeladler. Die Integration ist nur ein hauchdünner Firnis. Nicht überall, wo Schweiz draufsteht, ist Schweiz drin.

Was ist ein Schweizer? Was macht den Schweizer aus? Die Frage wird im Mainstream inzwischen als unanständig empfunden. Die Antwort ist einfach: Schweizer ist, wer das Schweizer Bürgerrecht erworben hat und sich mit der Schweiz und ihrer Staatsform identifiziert. So definierte es der grosse freisinnige Schriftsteller Gottfried Keller. Dass nach dem Doppeladler-Jubel die Frage aufkommt, wie sehr sich die schweizalbanischen Fussball-Legionäre wirklich mit dem Land identifizieren, für das sie spielen, ist deshalb nicht Ausdruck von Fremdenhass, sondern eine natürliche Entfremdungsreaktion, die auch jene gehabt haben dürften, die sich jetzt so sehr bemühen, die Debatte abzuwürgen.

Würden die Verbände ihre eigenen Grundwerte und Statuten ernst nehmen, hätten sie die drei Doppeladler nicht nur gebüsst, sondern sperren müssen. Selbstverständlich. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) verbietet «jegliche Diskriminierung von Personengruppen» aufgrund von «ethnischer Herkunft» oder «Politik». Er fordert in seinen Zweckartikeln von den Spielern gar «Neutralität». Der Weltfussballverband Fifa ist gegen politische Manifestationen und gegen Handlungen, die das Publikum provozieren. Genau dies aber durften jetzt fast ungeahndet die antineutralen, antiserbischen albanischen Doppeladler-Provokateure tun. Die seitenlangen Gutmenschen-Broschüren der Fifa gegen «Rassismus und Diskriminierung»? Sie sind das Papier nicht wert, auf das sie gedruckt werden.

Auch die Politik taumelt mit im Doppeladler-Delirium. Grundsätze werden über Bord geschleudert. Aussenminister Ignazio Cassis empfing seinen kosovarischen Amtskollegen und twitterte wenige Stunden vor dem Spiel leichtsinnig, er hoffe, «unsere kosovarischen Spieler» würden der «Nati» helfen, «heute Abend» gegen Serbien zu gewinnen. Selbst nach dem nationalistischen Polit-Kraftakt durch Xhaka und Co. stellte sich Cassis hinter das Schweizer Team, ebenso Sportminister Guy Parmelin. Die Bundesräte decken die Kosovo-Schweizer, die unterm Schweizerkreuz ausländische Politik gegen Serbien betreiben.

Merken sie es wirklich nicht? Die Schweiz steht mit Truppen im Kosovo. Sie hat dafür zu sorgen, dass zwischen Albanern und Serben nicht erneut ein Bürgerkrieg ausbricht. Strengste Neutralität zwischen den Parteien ist Pflicht. Xhaka und Shaqiri haben mehr politisches Gespür als die beiden Bundesräte, die noch immer gegen Serbien jubeln. Hopp Albanien! Fussball macht blind. Hauptsache, die eigene Mannschaft gewinnt und die Stars schiessen ihre Tore.