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Ersatzbankdrücker: Seferovic, Petkovic.
Bild: Laurent Gillieron (Keystone)

Petkovics Balkan-Söldner

Gefährdet der Nationalcoach den Schweizer Fussball?

Die Fussball-WM ist das weltgrösste Spektakel seit dem Abgang der Gladiatoren, eine globale Massentrance der Männer irgendwo zwischen Realitätsflucht, Geld und Patriotismus. Zudem markiert dieser Mega-Anlass einen begrüssenswerten zivilisatorischen Fortschritt, ist Ausdruck einer Verfeinerung der Sitten, denn es müssen nicht mehr Menschen und Tiere abgeschlachtet werden, um die Fans ins Stadion zu locken.

Eishockey ist hart, aber ehrlich. Fussball ist weich, dafür unehrlich. Fussballer foulen verdeckt, feige, aus dem Hinterhalt. Sie lassen sich fallen, auch wenn nichts war. Sie simulieren, spielen die Überempfindlichen, um dann, wenn es niemand mehr sieht, umso rücksichtsloser die Ellbogen auszufahren oder in gegnerische Achillessehnen zu grätschen.

Eine typische Fussballszene war vor ein paar Wochen das nicht geahndete Brutalfoul des spanischen Real-Verteidigers Sergio Ramos am ägyptischen Liverpool-Star Mohamed Salah im Champions-League-Final.

Ramos liess es wie einen Unfall aussehen, aber die Art, wie er bei einem Zweikampf den Arm des Ägypters über der eigenen Hüfte einschraubte, nicht mehr losliess, um dann bei der gemeinsamen Notlandung die volle knochenbrecherische Hebelwirkung in Kauf zu nehmen – das war pure böse Absicht. Weinend musste Salah mit einer üblen Schulterverletzung vom Platz. Real siegte nach dem erfolgreichen chirurgischen Eingriff problemlos.

Das grosse WM-Thema bei Redaktionsschluss ist natürlich der sensationelle 1:1-Sieg der Schweizer im Startmatch gegen den fünffachen Weltmeister Brasilien. Es war ein klassisches Eröffnungsspiel an dieser von Präsident Putin bisher ausgezeichnet organisierten WM der guten Laune: hier der verkrampfte, gelegentlich lendenfaule Favorit, der unbedingt Weltmeister werden muss; auf der anderen Seite der übermotivierte Aussenseiter, der mit Abwehrbeton, Fleiss und Glück einen Punkt holt.

Die Schweizer spielten frech, solid aus dem Reduit ihrer Verteidigung, liessen Baumstämme und Felsbrocken auf die anstürmenden südamerikanischen Ball-Artisten niederregnen. Valon Behrami, «der Krieger», holte den Zauberstürmer Neymar immer wieder mit fröhlicher Grausamkeit von den Beinen. Torschütze Steven Zuber räumte zuerst unsanft einen feingliedrigen Brasilianer weg, ehe er zum glückbringenden Kopfballtreffer abhob.

In die allgemeine Euphorie um die Schweizer, die vielleicht schon heimlich vom WM-Titel träumen, mischen sich allerdings Misstöne. Grund ist die Zusammensetzung des Petkovic-Teams, eine bewährte, erfahrene Veteranentruppe von Auslandsöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner. Da im Fussball nicht die Herkunft, sondern nur die Leibchenfarbe zählt sowie das Resultat, verbietet sich hier die Frage, wie viel Schweiz in dieser Schweizer Mannschaft denn überhaupt noch drinsteckt.

Echten Unmut produziert hingegen der Umstand, dass Petkovic auf seine Russland-Expedition nur einen einzigen Spieler mitnahm, der in der Schweiz sein Geld verdient, den FC-Basel-Verteidiger Michael Lang. Alle anderen im 23-Mann-Kader sind bei nichtschweizerischen Klubs unter Vertrag. Petkovics Auswahl steht somit für die konsequente Nichtanwendung des Inländervorrangs im Fussball. Der Nationalcoach geht so weit, dass er einen Ersatzbankdrücker wie den Mittelstürmer Haris Seferovic (Benfica Lissabon) dem Basler Topskorer dieser Saison, Albian Aejeti, vorzieht. Zu Hause bleiben musste auch der exzellente YB-Verteidiger Kevin Mbabu. Stattdessen setzt Petkovic erneut auf Gelson Fernandes, Auswechselspieler bei Eintracht Frankfurt. Der amtierende Schweizer Meister Young Boys stellt keinen einzigen Nationalspieler. Keinen einzigen.

Ist das schlau? Oder verrückt? Vielleicht hat der Bosnien-Kroate Petkovic eine Vorliebe für seine eingespielte Balkan-Connection. Möglicherweise ist er nicht so risikofreudig. Allenfalls krankt er seit seinem knapp verpassten Meistertitel in Bern an einem YB-Trauma. Sicher haben Spieler bei ihm bessere Karten, die in Italien tätig waren. Das kann man ihm nicht verargen, aber für die Schweizer Klubs ist seine Personalpolitik ein Problem. Hinter den Kulissen brodelt es. Erheblich ist der Ärger über den Nationalcoach mit seiner fast inländerfreien Multikulti-Balkan-Söldner-Truppe.

Während der WM will niemand die Stimmung verderben, deshalb lässt sich keiner zitieren. Ein erfolgreicher Sportchef drückt es am Telefon so aus: Der Schweizer Vereinsfussball lebe davon, dass man junge Spieler ausbilde und möglichst gewinnbringend ans Ausland verkaufe. Damit die Wertschöpfung funktioniere, brauche es die internationalen Bühnen, Champions League, vor allem aber auch die Nationalmannschaft. Indem sich Petkovic mit seinem Team von der Schweiz abnable, störe, ja zerstöre er diese Geld- und Nahrungskette.

Sein Ausländervorrang produziere aber auch Identifikations- und Motivationsprobleme. «Was sage ich einem jungen Spieler, der sieht, dass er in dieser Nationalmannschaft keine Chance hat, solange er in der Schweiz spielt?» Bereits heute würde sich mancher Secondo überlegen, ob er nicht besser gleich für Serbien oder für Nigeria antreten solle, anstatt hinten anzustehen für einen Platz in der Petkovic-Equipe. Ein anderer Sportchef sagt, dass der Nationalcoach mit seiner Schweizmissachtung junge Spieler zu früh ins Ausland vertreibe, wo sie unter Umständen ihr Talent verheizen.

Sägt Petkovic mit seiner Auslandsöldnerpolitik am Geschäftsmodell des Schweizer Fussballs, dem er seinen Lohn verdankt? Wenn er den WM-Viertelfinal erreicht, wird das Gemecker verhallen. Geht es nach dem Brasilien-1:1 abwärts, kommt der Shitstorm. Noch ein letzter Gedanke: Fussball ist nicht nur Geld, sondern auch Gefühl, Identifikation, Heimat. Für die Fans wäre es sicher ein Entgegenkommen, wenn sie ihre Nationalteam-Stars nicht nur auf den Ersatzbänken des Auslands, sondern wieder regelmässiger auf den Fussballplätzen in der Schweiz bewundern könnten.