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Schülertheater in Uttwil.
Bild: Facebook

Die Kinder von Gallipoli

Türkische Schulen in der Schweiz? Ja, aber aufpassen beim Einbürgern.

Willkommen in der Wirklichkeit: Kürzlich berichtete die Sonntagspresse über ein Schülertheater türkischer Erstklässler in Uttwil, Kanton Thurgau. Die Knirpse spielten unter Anleitung ihrer Eltern die Schlacht von Gallipoli nach. Sie posierten als Soldaten, ­Generäle und Leichen. Im Hintergrund prangten Flaggen und ein Bild von Kemal Atatürk, dem Helden jener Schlacht und Gründer der modernen Türkei.

Für alle, die es vergessen haben: Gallipoli, das war der siegreiche heroische Abwehrkampf der Türken im Ersten Weltkrieg gegen eine Übermacht von Briten, Franzosen und Australiern. Winston Churchill, damals Marine­minister, musste in London wegen der Kata­strophe seinen Sessel räumen. Das Ereignis wurde für die Briten zum Trauma, für die ­Türken zum nationalen Heldenmythos, aber in der Realität.

Wie kam es zum Theater? Die Aufführung fand statt im Rahmen des «Unterrichts in ­heimatlicher Sprache und Kultur» (HSK). Damit will die Volksschule «mehrsprachige und multikulturelle Kompetenzen» fördern. Die Kinder sollen ihre Muttersprache, aber auch die Kultur ihrer Herkunftsländer besser kennenlernen. Konkrete Umsetzer sind die Botschaften der betreffenden Staaten oder eben private Trägerschaften wie in Uttwil die Eltern der Gallipoli-Erstklässler.

Klar, die Berufspädagogen reagierten entsetzt. Im durchpazifizierten Schweizer Bildungswesen ist so etwas undenkbar. Ein Lehrer, der mit seiner Primarklasse den Wilhelm Tell oder die Schlacht am Morgarten inszenieren wollte, würde voraussichtlich mit einem ­lebenslangen Berufsverbot bestraft.

Schon zu meiner Zeit, als der Kulturmarxismus in der Pädagogik – Erziehung als Um­erziehung – erst am Anfang stand, wäre so ein Kriegsstück ausgeschlossen gewesen. Vielleicht ein Kurzbesuch in der Waffenkammer des ­Landesmuseums, allenfalls ein Ausflug zur ­Kyburg, sonst aber gab es für uns nur Häkeln, Basteln und Töpfern. Wir Buben hätten natürlich viel lieber mit Karton-Hellebarden und Armbrüsten Theater gespielt, ähnlich wie ­heute die türkischen Kinder von Uttwil.

Doch die Sache mit Gallipoli verkompliziert sich. Wie der Sonntagsblick herausfand, ­könnte die Aufführung im Thurgau nur die harmlose Speerspitze einer türkischen Bildungsoffen­sive in der Schweiz gewesen sein. Ankara plane die Lancierung und Finanzierung sogenannter Wochenendschulen im Ausland.

Die Türkenkinder sollen als freiwillige ­Unterrichtsergänzung türkische Kultur und Religion vermittelt bekommen. Ich gehe ­davon aus, dass die Regierung Erdogan nicht ­unbedingt jene ­abschreckende Diktatoren-­Ver­sion der Türkei ­präsentieren will, die in unseren ­Medien dominiert, sondern eine ­patriotische, ­islamische Erdogan-­Türkei, hinter der übrigens nach wie vor eine Mehrheit der Türken steht.

Türkische Schulen in der Schweiz? Bildungspolitiker von links bis rechts sind besorgt. Un­behagen ist auch im privaten Umkreis spürbar. Soll man das Ganze präventiv verbieten?

Selbst wenn es die Gesetze gäbe: Nein. Es ist kein Verbrechen, wenn die Türkei freiwillige Wochenendschulen in der Schweiz betreibt. Andere Länder machen das auch. Die Schweiz ist zum Glück keine homogene Volksgemeinschaft, sondern ein vielfältiges multikultu­relles Land. Das war sie schon, lange bevor Multikulti zur Chiffre einer ­falschen Zuwanderungspolitik wurde.

Was man aber den Türken klarmachen muss: Ihr dürft eure unterrichtsergänzenden Schulen betreiben, aber die Schweiz muss sie kon­trollieren. Das Thema ist nicht Gesinnungsschnüffelei. Einschreiten müsste die Schweiz dann, und nur dann, wenn an diesen Schulen zu rechtswidrigem Verhalten aufgerufen ­würde.

Was zeigt die ganze Diskussion? Die türkische Regierung ist ganz offensichtlich nicht daran interessiert, dass sich die Auslandtürken in ihren Gaststaaten richtig integrieren oder assimilieren. Im Gegenteil. Mit ihrer geplanten Bildungsoffen­sive will die Türkei dafür sorgen, dass die Türken auch im Ausland Türken bleiben. Sie ­sollen ihre türkische Iden­tität nicht preisgeben.

Klar, dass Nichttürken auf solche Vorgänge kritisch bis ablehnend reagieren. Weil es sich zudem um Muslime handelt, verschärft sich die Furcht vor einer Islamisierung. Sind die Ängste begründet?

Ich würde eher entwarnen. Die Realität ist: Viele Türken, die im Ausland jahrzehntelang gelebt und gearbeitet haben, gehen irgendwann in die Türkei zurück. Die türkische ­Regierung möchte die Heimkehr sozusagen kulturell vorspuren. Erdogan will Türken ­zurück und keine Ausländer, die einmal Türken waren. Das ist der Hintergrund dieser ­Bildungsprogramme.

Es ist somit ein Irrtum, zu glauben, jeder Türke, der in der Schweiz lebt, wolle un­bedingt Schweizer werden und seine türkische Identität abwerfen wie einen alten Rucksack. Viele Türken sind stolze Türken. Sie sind Nationalisten im ursprünglichen Sinn. Sie pflegen ihre Identität, ihre Kultur, ihre Religion auch und gerade im Ausland. Nicht, um ihr Gastland zu unterwandern, sondern einfach deshalb, weil sie ihre Heimat lieben und irgendwann dorthin zurückgehen ­wollen.

Mit diesem Wunsch habe ich genauso wenig ein Problem wie mit der Tatsache, dass es in der Schweiz türkische Schulen geben könnte oder dass türkische Erstklässler mit Holz­gewehren Gallipoli spielen. Vielleicht sollten wir uns diese Türkenkinder von Uttwil sogar zum Vorbild nehmen, um den Schweizer ­Helden von Wilhelm Tell bis Henri Guisan an den Schulen wieder mehr Raum zu geben.

Lasst die Türken Türken sein. Auch in der Schweiz. Was man sich im Zuge dieser ­Debatte aber ernsthaft fragen muss: Kann es sein, dass wir unser Bürgerrecht zu leichtfertig vergeben an Leute, die am Ende gar nicht wirklich Schweizer werden wollen?