Anmelden und lesen
Abonnemente
Theologie der Herrschaft: Marx.
Bild: Bettmann (Getty Images)

Karl Marx

Erfinderisch wird der Geist, wenn er sich die Wirklichkeit zurechtbiegt.

Nein, sorry Freunde, an dieser postumen Heiligsprechung von Karl Marx mache ich nicht mit. Es ist erstaunlich, ja unfassbar, wie einhellig der kommunistische Vordenker aus Trier, geboren vor 200 Jahren, derzeit abgefeiert wird.

Nicht nur linke Blätter sind fasziniert. Auch die bürgerlichen Kollegen gefallen sich in der ­Pose der Karl-Marx-Bejubler. Marx ist Mode, Marx ist sexy. Wer sich auf Marx beruft, kommt an.

Erfinderisch ist der Geist, wenn er sich die Wirklichkeit zurechtbiegt. Das wusste schon Marx. Seine Deuter stehen ihrem Gegenstand in nichts nach.

SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi sieht in Marx einen frühen Skeptiker der «Massen­zuwanderung» und mutmasslichen Gegner ­einer «institutionellen Anbindung der Schweiz an die EU».

CVP-Präsident Gerhard Pfister gibt sich beeindruckt von den marxschen «Analysen». Allerdings überzeuge ihn, typisch CVP, auch das Gegenteil, nämlich die liberale Theorie von Adam Smith.

Während SP-Jungstar Cédric Wermuth den Klassenkämpfer und Kollektivisten Marx zum Verkünder der «individuellen Freiheit» erklärt, macht die Neue Zürcher Zeitung Marx in einem Loblied auf der Titelseite zum «Kapitalismus-­Fan» und «Leistungs-Ethiker», der die schöpferische Kraft des Bürgertums erkannt ­habe.

Mein Marx, dein Marx, Marx ist für uns alle da.

Was aber bringt intelligente Leute dazu, ­einem Theoretiker zu huldigen, der mit all seinen Theorien falsch lag, dessen Grundannahmen sich als Irrtümer herausstellten und der mit seinen Prognosen an der Wirklichkeit vorbeizielte?

Das sind keine Unterstellungen, das sind Tatsachen. Schauen wir uns nur seine wichtigsten Thesen an.

Marx behauptete, die Marktwirtschaft werde zu Massenarmut führen und an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Fehlanzeige. Der Kapitalismus ist bei allen Fehlern und ­Krisen immer noch das beste aller schlechten Systeme zur Erzeugung von Wohlstand.

Marx behauptete, das Bürgertum sei ein Auslaufmodell. Wieder falsch. Das Bürgertum ist nicht perfekt, aber erfolgreich. Die von Marx ­beschriebenen Proletarier verbürgerlichten sich. Selbst die Linke flirtet mit dem bürgerlichen ­Lebensstil.

Marx – auch hier lag er daneben – war ein überzeugter Verfechter der intellektuellen Arroganz. Wenn Arbeiter bei Wahlen nicht so wählten, wie es Marx sich wünschte, irrte nicht Marx, sondern die Arbeiter krankten an einem «falschen Bewusstsein». Ein genialer Schachzug: Die Theorie ist immer richtig, nur die Wirklichkeit kann sich irren. Man versteht jetzt, warum Marx von seinen Zeitgenossen als vulkanische, äusserst selbstbewusste Figur beschrieben wurde.

Marx war überzeugt, dass er die Geschichte wissenschaftlich durchschaut hatte und erklären konnte. Er sah sich im Besitz einer allgemein und absolut gültigen Universalformel menschlichen Handelns. Diese Anmassung verschaffte seinen Schriften einen gewissen «Zauber der Ausschliesslichkeit» (Peter Stadler), aber der ­naive Wissenschaftsglaube von Marx ist Hokus­pokus, Scharlatanerie.

Marx war kein Bewunderer von Bürgertum und Marktwirtschaft. Er wollte beides überwinden, abschaffen, wegpfaden. Er hasste den Wettbewerb, die Konkurrenz. Er sehnte sich nach einer «klassenlosen Gesellschaft», in der alle Widersprüche und Gegensätze aufgehoben sein würden. Die gesellschaftliche Utopie von Marx war eine Art Friedhof, die mit sich selbst identische Herde gegensatzloser Menschen mit gleichgerichteten Interessen.

Marx als Verfechter der «individuellen Freiheit»? Ach was. Marx legte sich für die Idee einer «Diktatur des Proletariats» ins Zeug. Er forderte die Enteignung der Eigentümer und die Entmachtung der Mächtigen. Er war kein Stuben­gelehrter, kein Feuilletonist, er sah sich als Re­volutionär, der sich gegen die geschichtlich gewachsene Welt auflehnte.

Die gefährlichste seiner Verabsolutierungen war wohl seine totale Absage an die Religion. Marx beseitigte Gott, um seine eigene Heilslehre zu begründen. Er versprach den Leuten das Paradies nicht im Himmel, sondern auf Erden. Marx war ein Theologe der Diktatur. Er steht für die Idee der Herrschaft von Menschen über andere Menschen im Namen einer Theorie, die er für die Wahrheit hielt.

Es stimmt. Marx starb, bevor die Marxisten sein Programm umsetzen konnten. Die heutigen Marx-Jubler reden von «Missbrauch», aber sie machen es sich zu leicht. Man sollte eher von «Anwendung» sprechen. Überall dort, wo sich Regierungen auf Marx beriefen, resultierten Knechtschaft, Massenarmut und Tod. Die Forschung spricht von über 100 Mil­lionen Toten.

Man muss sich die Frage stellen, warum sich so viele Killer- und Terror-Regime von den marxschen Lehren angesprochen fühlten. Vielleicht deshalb: Marx lieferte ihnen die Werkzeuge zur Begründung einer von Gott befreiten Herrschaft ohne Rücksicht auf Person und Eigentum. Marxisten reden deshalb so gerne und oft von der Menschheit, weil der Einzelmensch für sie entbehrlich ist.

Ein anderer wichtiger Trumpf: Marx‘ nebulöse Theologie der Herrschaft ist unwiderlegbar. Solange die Leute sich anders verhalten, als es die Theorie vorsieht, herrscht eben das «falsche Bewusstsein», das die Menschen daran hindert, sich theoriegemäss zu verhalten. Konsequent marxianisch gedacht: Die Theorie ist erfolgreich, gerade weil sie in der Praxis keine Erfolge produziert.

Marx ist tot, aber der Marxismus lebt weiter. Die Diktatur des Proletariats ist überwunden, dafür kommt die Diktatur der Bürokraten. Marx bleibt attraktiv für Leute, die es besser wissen, die glauben, dass man die Geschichte steuern, den Wettbewerb lenken und den Menschen notfalls gegen seine eigenen Interessen zum Guten, Wahren und Schönen erziehen kann. Marx, das ist die Tragik des Intellektuellen, der sich masslos überschätzt.