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Sex-Appeal der Rebellion.
Bild: Doors-Sänger Jim Morrison mit Model Donna Mitchell von Alex Waldeck (Condé Nast, Getty Images)

1968

Was es mir brachte.

Was brachte 1968? Ausser einer Eskalation des Vietnamkriegs, der Wahl Richard Nixons zum US-Präsidenten und einer flächendeckenden Ausbreitung des Drogen­konsums, verbunden mit einem erheblichen Popularitätsschub für den Sozialismus, der dann auch die Schweiz in all seinen Schattierungen und abseitigen, ja sektiererischen Ausfächerungen für ein paar Jahre heimsuchte? Möglich, dass alles miteinander zusammenhing und sich wechselseitig bedingte.

Ich war nicht dabei, aber ich kann mich gut erinnern. «1968» war für uns Spätergeborene vor allem die Musik, aber die Musik war mehr als nur eine Aneinanderreihung von Tönen und Akkorden. Es war die Tonspur des Lebens, eine Inspiration, die alles erfasste und mitriss. Für mich waren die Bands der späten sechziger und frühen siebziger Jahre das Grösste: Jethro Tull, The Doors, dann Deep Purple, Steppenwolf. Wenig anfangen konnte und kann ich bis heute mit der sägenden Nasalstimme von Bob Dylan.

Was diese Musik für uns bedeutete, ging über die Musik hinaus. Wir spürten, dass es um Freiheit ging, um den Verstoss gegen das, was wir später Konventionen nannten. Die langen Haare, die gewollte Verlaust­heit der Kleider, selbst der Drogengebrauch hatten ­diesen Reiz der Rebellion, des mutigen Aufstands gegen die falsche Welt der Eltern und Lehrer, auch wenn den Drögelern etwas Abstossendes anhaftete, was damals aber niemand offen zuzugeben sich getraute.

«1968» und das, was wir damit in Verbindung brachten, hatte einen Zauber. Es war der Zauber der Utopie, der Anarchie, wenngleich einer kontrollierten, dosierten, wohlbehüteten Anarchie, denn wir lebten ja alle noch ­sicher unter dem fürsorglichen Schutzschirm der Eltern und Verwandten. Es war ein Schnuppern am Ausnahmezustand, an der Unordnung, die man als Kind natürlich als Befreiung empfindet. Solange die Eltern zahlen.

«1968» bedeutete für uns die Verheissung, dass das Leben immer so sein könnte wie in jenen raren ekstatischen Momenten, wenn uns an einem unverhofften Morgen von der Schulleitung mitgeteilt wurde, dass heute die Lehrerin krank sei. «1968»: Das war das Versprechen auf die Verewigung dieses Zustands – keine Prüfungen, kein Stress, alle tanzen auf den Bänken. Das Leben als bekiffte Endlos-Party zum Delirium-Sound der Doors.

Das sind Erfahrungen, auf die ich nicht verzichten möchte, dieses Schnüffeln an der Utopie, doch irgendwann reifte gegen alle ­Instinkte die Einsicht, dass das Ganze nicht aufgehen würde, dass die verhassten, belächelten konservativen Eltern und Lehrer – die gab es damals noch – am Ende eben doch etwas für sich hatten. Die meisten, wenn auch nicht alle, der 68er-inspirierten Nach-68er machten die Erfahrung, dass die verstaubten Ideale der ­Alten, von denen wir uns zum Teil spielerisch, zum Teil krampfhaft lösen wollten, am Ende überzeugender und lebenstaug­licher waren als der abgehobene Stuss, zu dem wir uns davonträumen wollten.

Bin ich heute deshalb ein «militanter Anti-68er», der hinter die «Errungenschaften dieser Zeit» zurückgehen will, wie mich kürzlich ein Journalist fragte, der noch viel später geboren ist als ich?

Sicher haben die «68er» ihren historischen Rang. Selbstverständlich haben sie den Laden durchgeschüttelt und aufgemischt, zum Teil verheerend, dumm, aber auch produktiv, und ich finde es zusehends amüsant, dass ausgerechnet die Leute, die damals an­traten, mit Witz und Ironie den alten Filz in Kultur, Politik und Gesellschaft auszumisten, dass ausgerechnet diese Revoluzzer aus bestem Haus oder die Nachahmer, die diesen Geist angeblich weitertragen wollen, so empfindlich und schmallippig reagieren, wenn man sie mit ihren eigenen Ansprüchen von ­damals konfrontiert und kritisiert.

Die 68er-Bewegung, von deren Existenz und Anspruch ich erst viel später erfuhr, hat für mich das grosse Verdienst, dass sie mich durch konkrete Erfahrungen von zahlreichen Irrtümern befreite, denen vermutlich jeder Mensch im Laufe seines Lebens irgendwann einmal erliegt.

Das ganze sozialistische Experiment mit ­seinen hochfliegenden Konstruktionsfehlern ist mir nirgends wirksamer ausgetrieben worden als an den unerträglichen Vollversammlungen der gymnasialen Schülerräte. Die todernste, moralisierende, also ab­solut humorlose Wichtigtuerei dieser selbsternannten «Schülervertreter» war, als Karikatur, ein abschreckender Vorgeschmack auf das, was ich heute zum Teil in Bern erlebe, wo es immer noch Politiker gibt, die sich ohne auch nur den Anflug eines Selbstzweifels in den ­gleichen hochtrabenden, arroganten Tonfall des ­anwaltschaftlichen Redens hineinsteigern können. Die grössten Egozentriker sind die, die über die Köpfe der Nichtanwesenden hinweg immer nur über die von ihnen angeblich vertretenen Nichtanwesenden reden.

«1968» hat mir lebenspraktisch vor Augen geführt, dass Utopien schön, aber trügerisch und brandgefährlich sein können. Wie so oft in der Geschichte hat der verbissene Versuch, das Paradies auf Erden zu verwirklichen, bei den Leuten die Einsicht hervorgebracht, dass man so etwas auf keinen Fall anstreben sollte. Das ist Dialektik. Menschen bringen, ohne es zu wollen, das Gegenteil von dem hervor, was sie eigentlich beabsichtigten. Zum Glück ist das so! Auch ich wurde von der Idee geheilt, die Glückszustände, die ich beim Hören eines Jimi-­Hendrix- oder Eric-Clapton-Songs erlebte, zur Richtschnur unserer gesellschaftlichen Ordnung machen zu wollen. «1968» hat mich davor bewahrt, ein politischer 68er zu werden. Dafür bin ich dankbar.

Am Ende ist alles eine Frage der vernünftigen Einstellung. Natürlich hat «1968» kulturell viel bewegt. Die Musik bleibt. Auch die ­Ironie, wie sie ein Woody Allen als Chaplin der siebziger Jahre filmisch umsetzte, ist prägend. Der Zauber der Freiheit, wenn die Lehrerin krank ist, bleibt verführerisch. Dass man ­seinerzeit gegen den Filz und die Verknöcherung antrat, war gut. Sonst würden wir ja von den 68ern nicht mehr reden. Aber alles geht eben an seiner falschen Anwendung und an seinen Übertreibungen zugrunde. Bin ich ein militanter Anti-68er? Nein, aber dank «1968» habe ich ein einigermassen taugliches Gespür dafür bekommen, wo die Musik aufhört und das richtige Leben beginnt.