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Keine Mutter Teresa: Ho Chi Minh.
Bild: zVg

Onkel Ho

Erstaunlich einseitiges Gedenken an den Vietnamkrieg.

Dieser Tage und Wochen erinnern die ­Zeitungen an den Vietnamkrieg, der 1968, also vor fünfzig Jahren, besonders heftig tobte. Dieser grässliche, verlustreiche Bürgerkrieg, in den auch die Weltmächte hineinpfuschten, dauerte insgesamt von 1946 bis 1989. Je nach Schätzungen verloren dabei zwei bis fünf Mil­lionen Vietnamesen das Leben.

Für die Amerikaner, die im Dschungel den Vormarsch des Weltkommunismus zu stoppen hofften, erwies sich der von noblen Vorsätzen getragene Einsatz als Fiasko: Die Supermacht musste 1975 geschlagen, präziser: sieglos abschleichen. Knapp 60 000 G.I.s kehrten in ­Leichensäcken zurück. Zwei US-Regierungen, deren Präsidenten wohl nicht zufällig massive Alkoholprobleme bekamen, implodierten.

Möglicherweise hätte es auch die 68er Be­wegung ohne den Vietnamkrieg nie gegeben. Die Studentendemonstranten in den Grossstädten des Westens machten sich freilich wenig Mühe, den Konflikt und seine Hintergründe zu verstehen. Für sie war klar aus sicherer Distanz: Hier wurde ein armes Drittweltvolk um den liebenswert onkelhaften Asketen-­Anführer Ho Chi Minh von entmenschten US-­Imperialisten ausgeblutet. Die Amerikaner lösten, vor allem in Deutschland, vorübergehend die Deutschen als globale Superschurken ab.

Das ist ungefähr die Sicht, die man heute noch in den zahlreichen Vietnam-Gedenk­artikeln serviert bekommt.

Und sie hat ja auch einiges für sich: Die ­Amerikaner haben tatsächlich gewaltige Fehler gemacht und schreckliche Verbrechen verübt. Mit der ihnen eigenen Mischung aus hochfliegendem Idealismus und stumpfer, effizienter Brutalität nahmen sie einen fadenscheinigen Bootszwischenfall im Südchinesischen Meer 1964 zum Anlass, sich dann auch offiziell mit Bodentruppen, Bombern und Napalm in den Vietnam-Konflikt hineinziehen zu lassen.

Das Land war mit einem Bürgerkrieg zwischen dem kommunistischen Norden und dem von einer korrupten, aber mit dem Westen befreundeten Clique beherrschten Süden bereits ein in Explosion begriffenes Pulverfass. Ohne amerikanische Hilfe hätte sich das Regime in Saigon nie halten können. Umgekehrt waren die freiheitsliebenden Südvietnamesen mehrheitlich gegen die aggressiv und machtvoll vordringenden Nordstaatler, denen die Russen und die Chinesen Geld und Waffen lieferten.

Dass ausgerechnet in Frankreich 1968 die Proteste besonders hochschäumten, war nicht ohne Ironie. Es waren die französischen Kolo­nialisten, die ihren amerikanischen Kollegen den politischen Trümmerhaufen in Südost­asien hinterlassen hatten.

Die Protestler hatten ja recht mit vielem, was sie den Amerikanern vorwarfen. Rückblickend etwas beelendend allerdings ist dieser vielleicht typisch französische Hang zur selbst­glorifizierenden Heuchelei. Die Studenten sahen sich als mutige Rebellen, bedienten aber nur brav das offizielle US-­Bashing ihrer eigenen Staatsführung, die noch so gern auf die Amerikaner einprügeln liess, um von ihrem eigenen kolossalen Versagen in Vietnam abzulenken.

Geschenkt. Die Amerikaner waren naiv, oft inkompetent, und sie handelten zum Teil auch kriminell. Aber eben nicht nur. Das Bild, das man von ihnen zeichnet, wird der Sache nicht gerecht. Es ist einseitig. Es ist zu einseitig negativ gegen die USA und zu einseitig positiv zugunsten der Kommunisten. Die Kommunisten, die Sozialisten kommen zu gut weg. Nicht nur in Vietnam, generell im Kalten Krieg.

Nehmen wir das Gedenkjahr 1968. Es begann mit der brutalen Missachtung eines Waffenstillstands an einem der heiligsten vietname­sischen Familienfeiertage, «Tet», durch die Nordvietnamesen, die selber den Waffenstillstand gefordert hatten. Mit 70 000 Mann überrannten sie die von US- und südvietname­sischen Truppen urlaubsbedingt verwaisten Städte und richteten gewaltige Massaker unter Militärs und Zivilisten an, am schlimmsten in der alten Kaiserstadt Hue.

Von diesen Massakern liest man nichts. Die Zeitungen sind – zu Recht – voll mit anklägerischen Nachrufen auf den kaltblütigen Massenmord der Amerikaner im Bauerndörfchen My Lai vom 16. März 1968. Gemäss Pulitzerpreisträger und Vietnamkenner Stanley Karnow kamen bei dieser schändlichen Gewalt­orgie rund hundert Dorfbewohner ums Leben, ausnahmslos Frauen, Kinder und Alte. Die verantwortlichen Marineoffiziere wurden später verurteilt, wohl aber nicht mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft.

Es ist richtig, dass an diese Schrecken erinnert wird. ­Keine Zeitung allerdings berichtet darüber, dass nur ­wenige Wochen vor My Lai, eben in Hue, die Kommunisten während ihrer 28-tägigen Schreckensherrschaft aufs Fürchterlichste wüteten und gezielt schätzungsweise 3000 bis 6000 Menschen umbrachten. Die Namenslisten der Schlächter waren von «Onkel Ho» und ­seiner Junta monatelang vorbereitet worden. Ho Chi Minh war keine Mutter Teresa.

Wer nur schon im Verdacht stand, mit dem südvietnamesischen Regime zu sympathi­sieren, wurde lebendigen Leibes verbrannt, mit Keulen zu Tode geprügelt oder per Genickschuss hingerichtet, darunter auch Priester und Intellektuelle. ­Sogar Ärzte aus Deutschland wurden ermordet. Bereits 1969 kamen die ersten Massengräber zum Vorschein. Bis heute bezeichnet die Regierung in Hanoi die Massaker von Hue als «Fabrikation» des Westens.

Fast hat man den Eindruck, viele unserer Journalisten sehen es ähnlich. Es gibt hier eine zähe, weltanschauliche Komplizenschaft zwischen den Medien, die solche Verbrechen aus­blenden, und der geschichtsklitternden linken Propaganda der Kommunisten. Irgendwie scheint sich das Feindbild USA bei einigen so tief eingebrannt zu haben, dass man sich die Vorurteile auch durch unbestreitbare Fakten nicht mehr nehmen lassen möchte.

Der Vietnamkrieg war der erste Krieg, der weltweit mit Bildern und Emotionen bis in die Familienstuben hinein geführt wurde. Es war auch ein Krieg, der die ungeheure Manipula­tionskraft der Bilder und der Medien deutlich machte. Was lernen wir daraus? Denke selber, traue niemandem.

 

Aussenminister Kissinger

In «Weltwoche daily» vom 28. März 2018 sage ich mit kritischer ­Absicht gegen die NZZ, dass Henry Kissinger nicht US-Aussenminister unter Richard Nixon war. Das ist falsch. Kurz vor Nixons Rücktritt wurde Kissinger noch Aussenminister. Ich bitte die Zuschauer von «Weltwoche daily» und die NZZ um Entschuldigung! Roger Köppel