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Gerichtshöfe der Moral: Boris Johnson, Theresa May.
Bild: James Veysey (Camera Press, Keystone)

Ozeane des Wahnsinns

Irrer Diplomatenkrieg gegen Russland. Die Schweiz hält sich raus. Gut so.

Die Schweiz ist eine Insel der Vernunft im Ozean des Wahnsinns. Das ist der erste Gedanke, der einen anspringt, wenn man von der konzertierten Strafaktion dieser zwanzig Staaten gegen Russland hört. Sind die Westler verrückt geworden? Was ist los? Haben Theresa May und Boris Johnson, die beiden über­forderten Briten, den Verstand verloren? Sie geben selber zu, dass sie keine letzte Gewissheit über die Vergiftung dieses russischen Ex-Spions und seiner Tochter haben. Trotzdem blasen sie jetzt zum kalten Weltkrieg gegen Putin und den Kreml. Und erstaunlich viele machen mit.

Zur Erinnerung: Die Europäische Union, das ist doch dieser hehre Klub zur Rettung des Abendlandes, dieser institutionelle Friedens­engel, der nicht nur den bösen Nationalstaat und den Krieg abgeschafft hat, sondern zugleich auch noch bei jeder sich bietenden Möglichkeit als letzter Hüter des Rechtsstaats, als ­eiserner Vorhang gegen die Mongolenhorden des Ostens auftritt, die unter ihrem scharfäugigen Herrscher Putin die zivilisatorischen Errungenschaften des Westens zu zertrampeln drohen.

Eine dieser Errungenschaften wäre zum Beispiel der Grundsatz, dass man keine Urteile fällt, bevor die Beweiserhebung abgeschlossen ist. Man fängt auch keine Kriege an, auch keine kalten, ohne eine sachlich einigermassen erd­bebensichere Grundlage, ohne wirklich triftige Motive und Beweise. Es war die EU, die den Rus­sen jahrelang Vorlesungen über den Rechtsstaat gehalten hat, etwa dann, als Putin den Regimekritiker Chodorkowski nach einem fadenscheinigen Verfahren hinter Gitter brachte.

Was haben wir und die Russen uns nicht alles anhören müssen. Die EU ist nicht nur die ­grösste Friedensleistung in der Geschichte der Menschheit, nein, sie hat auch gute Chancen, in die Weltgeschichte einzugehen als der schein­heiligste Heuchlerverein, der jemals das Licht der Welt erblickte, ohne dass dessen Mitglieder übrigens dabei sonderlich rot zu werden scheinen. Wie hohl klingen doch all die Phrasen, laut denen der Westen, laut denen die «Werte­gemeinschaft» Europa so unendlich viel Wert lege auf den Rechtsstaat und die damit einhergehenden Verfahren.

Was diese Werte wert sind, sehen wir jetzt. Schall und Rauch, windiges Geschwätz, pure Doppelmoral. «Plausibel» sei es, dass die ­Russen, dass Putin hinter dem schrecklichen Giftanschlag auf den Ex-Spion und dessen Tochter steckten. Liebe Freunde in Brüssel und in den Metropolen Europas: «Plausibel» reicht nicht. «Plausibel» ist keine rechtsstaatliche ­Kategorie. «Plausibel» kann nie und nimmer der Auslöser einer diplomatischen Kriegserklärung sein, wie wir sie seit dem Untergang der Sowjetunion nicht mehr erlebt haben.

Wenigstens können die pathologischen Trump-Hasser beruhigt werden, die den Putin-­Versteher im Weissen Haus schon immer auf der Latte und im Verdacht hatten, er betreibe eine unheilige Kuschelpolitik gegenüber Moskau. Dass nun auch Washington kätzchenbrav in dieser Marschkolonne der Zwangssolidarität mit London mitmacht, muss für sie doch ein wohltuender Hinweis darauf sein, dass der Präsident, über den sie sich so fürchterlich und meistens grundlos aufregen, am Ende doch nicht wirklich viel zu sagen hat. Trumps respektvolle ­Putin-Politik, wenn es denn jemals eine war, zerschellt gerade am Hartbeton der Feindbilder, die in den USA und in Europa noch immer die Leidenschaften gegen Moskau bündeln.

Noch ein Wort zu den Motiven der Briten. Es fällt auf, dass die regierungsnahe konservative Presse seit Jahren gegen Putin und die Russen einheizt. Dass May und Johnson die Spionage­affäre jetzt zum Anlass nehmen, wissentlich ­einen ­diplomatischen Schauprozess vom Zaun zu reissen, hat aus Sicht dieses Editorials vor allem interne Gründe. Die angeschlagenen, durch ­ihren eigenen Brexit verwirrten Tories scheinen sich an Putin politisch aufrichten, gesundstossen zu wollen. Es geht auch um Ablenkung und Aufplusterung. Die Kriegsfuchtel ist eine mächtige Droge. Sie betäubt und berauscht zugleich.

Bevor wir es vergessen: Keine dieser Konfliktgurgeln weiss, wer hinter dem Gift­anschlag steckt. Zunächst hiess es, der Kampfstoff sei der Tochter des Ex-Spions bei der Ausreise aus Russland eingeflösst worden. Dann plötzlich geisterte die Version herum, man habe die Ventilation des väterlichen Autos vergiftet. Vielleicht wissen die Bescheidwisser mehr, als sie sagen. Aber nach den bis jetzt öffentlich gewordenen Informationen ist der Entscheid, über hundert russische Diplomaten zum Teufel zu jagen, weder nachvollziehbar noch schlau.

Jetzt erst recht werden sich die Russen hinter ihren Leader Putin scharen. Jetzt erst recht ­werden sie sich in ihren Ressentiments und ­Theorien bestätigt fühlen, gemäss denen die ­Regierungen im Westen eine korrupte Bande moralisch verkommener Egozentriker seien, die die Russen nach anderen Massstäben messen würden als sich selber.

Es ist bemerkenswert, wie führende Zeitungen hungrig mitjubeln auf diesen «Gerichts­höfen der Moral». Ohne jeden Beweis und ohne Prozessordnung befeuern sie einen neuen kalten Krieg. Es ist ein deprimierendes Spektakel.

Die Schweiz, der Bundesrat halten sich bis jetzt zum Glück aus diesem Wahnsinn heraus. Das ist ausdrücklich lobenswert. Stellen wir uns nur vor, was los wäre, wenn die Schweiz jetzt EU-Mitglied wäre oder diesen unseligen in­stitutionellen EU-Anbindungsvertrag unterschrieben hätte: Die Neutralität wäre weg, ­perdu, dahin, futsch. Stattdessen müsste sich die kleine, verwundbare Schweiz einreihen in diese Sklavenfront der Rechtsbrecher, Diskriminierer und antirussischen EU-Nationalisten.

Wie konnte man nur jemals auf die Idee kommen, die Schweiz an ein derartiges Politgebilde anschrauben zu wollen, das aus purer Schwäche und Ratlosigkeit heraus mit perfiden und verleumderischen Methoden gegen einen anderen Staat operiert, um von den eigenen Problemen abzulenken. Ohnmacht, die sich zur Übermacht aufbläht, ist gefährlich.

Noch nie war es wichtiger, dass es in diesem Meer des Irr- und Leichtsinns eine Insel der Vernunft, der Demokratie und der weltoffenen Neutralität gibt, in der alle Menschen, die sich an die Gesetze halten, willkommen sind und respektvoll behandelt werden, egal, ob es Russen, Chinesen, Europäer, Afrikaner oder Amerikaner sind. In dieser aufgekratzten Welt der halbstarken Verteufler bleibt die neutrale Schweiz ein Anker der Hoffnung, dass es auch anders geht.