Anmelden und lesen
Abonnemente
«Gutgeöltes Räderwerk»: Putin.
Bild: Gleb Garanich (Reuters)

Putins Punkt der Wahrheit

Im aufgeheizten Weltklima der Allesmeiner und Allesverurteiler macht sich der «Versteher» verdächtig.

Klar, wir verstehen uns. Die russischen Wahlen waren eine «Farce». Die Russen fielen kollektiv auf die «Propaganda» des Kreml herein. Der «Moskauer Machtapparat» ist ein «gutgeöltes Räderwerk», das die ­Wählerinnen und Wähler «auf Linie» brachte. ­Wären die Russen nur so schlau und so intel­ligent und so immun gegen «Propaganda» wie der eben zitierte NZZ-Journalist, sie hätten ­Putin natürlich nie gewählt.

Die gleiche Journalisten-Überheblichkeit hatten wir schon bei Silvio Berlusconi, diesem italienischen Putin-Verschnitt vor Putin. Die Weltpresse von Spiegel, Economist, New York Times, NZZ und Tages-Anzeiger bis hin zum ­ Anzeiger von Uster war sich einig: Dieser extravertierte Italiener ist eine kolossale Fehl­besetzung. Eine Schande. Eine Lachnummer. Er muss weg. Und zwar subito.

Es hagelte Häme und Belehrungen, doch die Italiener, selbstverständlich verdummt durch «Propaganda» und Berlusconis «gutgeöltes» Medienräderwerk, fielen auf dessen «Propa­ganda» herein, nicht aber auf die Gegen-­Propaganda der Medien und wählten ihn trotzdem immer wieder. Sicher war ein Teil des Berlusconi-Erfolgs auch eine nachvoll­zieh­bare Trotzreaktion auf die unablässigen Beleidigungen aus dem Ausland.

Aber man muss gar nicht so weit schauen. Auch in der Schweiz verzweifelten die Journalisten, weil sich die Wählerinnen und Wähler nicht an ihre Wahlempfehlungen hielten. Als die SVP bei den Nationalratswahlen 2003 zum Entsetzen der Zeitungen und der SRG mit 26,6 Prozent einen neuen Rekord aufstellte, kommentierte die NZZ am Sonntag fassungslos, der SVP-Triumph sei nur deshalb möglich geworden, weil die SVP-Wähler das SVP-Programm weder gelesen noch verstanden hätten.

Es war ein denkwürdiger Moment, an dem nicht nur die Volkspartei, sondern auch die Journalisten-Arroganz einem neuen Höhepunkt zustrebte. Eigentlich hätte der NZZ-­Kommentator, immerhin Chefredaktor, ­konsequenterweise die Abschaffung des Parlamentarismus und der Demokratie in der Schweiz fordern müssen. Was bringen Wahlen und Abstimmungen noch, wenn fast dreissig Prozent der Wähler auf «Propaganda» hereinfallen und zu dumm sind, um sich ein mündiges Urteil über die von ihnen gewählte Partei zu bilden? Allerdings wäre wohl auch dieser NZZ-Vorschlag verpufft genauso wie zuvor die fruchtlosen Wahlempfehlungen.

Natürlich ist es immer verdienstvoll, wenn Journalisten ihre höchst persönlichen politischen Vorlieben und Abneigungen zum Mass aller Dinge machen, wenn sie, mit Dürrenmatt, ihren eigenen Fall zur Welt erklären. Es hat gewiss auch einen gewissen Erkenntniswert, wenn die NZZ den Russen oder den Türken den Tarif durchgibt, nachdem sie, unbelehrbar, zum wiederholten Mal «den falschen Präsidenten» gewählt haben. Schon im ­November 2016 wusste die NZZ nach dem überraschenden Wahlausgang: Trump ist «der falsche Präsident». Was denn sonst.

Der frühere US-Politiker Henry Kissinger ­erkannte treffend: Um sich einer Sache absolut sicher zu sein, muss man entweder alles darüber wissen – oder nichts. Aufschlussreicher als diese nichtswissende Absolutsicherheit des Meinens und Urteilens scheint ein anderer ­Ansatz. Vor ein paar Jahren hielt alt Bundesrat Kaspar Villiger eine gute Rede anlässlich der Verleihung des Zürcher Journalistenpreises. Einerseits lobte er die damals relativ neue ­Gratiszeitung 20 Minuten, weil sie «Nachrichten ohne Meinungssauce» bringe. Anderseits forderte er die Journalisten auf, auch und ge­rade bei dem, was man instinktiv ablehne, was man irritierend oder ­sogar abstossend finde, zuerst einmal «den Punkt der Wahrheit» zu suchen.

Punkt der Wahrheit: Natürlich setzt sich ­jeder, der verstehen will, roboterhaft dem Vorwurf aus, er wolle das, was er verstehen will, rechtfertigen, verharmlosen, verherr­lichen oder gar hochjubeln. Im aufgeheizten Nichtwisser- und Allesmeiner-Weltklima ist das Wort «verstehen» zum Schimpfwort geworden. Wenn die Meinungen am schrillsten klirren, macht sich der Versteher verdächtig. Dabei ist das Verstehen die entscheidende Voraussetzung jeder Erkenntnis. Es ist auch eine brauchbare journalistische Methode.

Kürzlich berichtete in Bern ein Schweizer Botschafter von einem Gespräch mit einem chinesischen Spitzenpolitiker über Menschenrechte. Auf die etwas rhetorische Frage des Schweizers, was seine Regierung denn gegen die grossen Menschenrechtsprobleme im Land tue, antwortete der Chinese ehrlich verdutzt: «Welche Probleme?» China habe doch über 600 Millionen Menschen von der totalen ­Armut in einen relativen kleinen Wohlstand geführt. Das sei eine gigantische Verbesserung der Menschenrechte, die der Westen übersehe. Punkt der Wahrheit?

Es gibt immer eine andere Sicht. Bevor wir die Chinesen, die Russen, die Türken, die ­Italiener oder die SVP-Wähler kollektiv für verblendet, für manipuliert, für verführt, für ahnungslos oder für dumm erklären, sollten wir uns die Mühe machen, uns in ihre Welt ­hineinzudenken, die Dinge aus ihrer Sicht zu betrachten, ohne uns diese Sicht deswegen gleich zu eigen zu machen.

Verstehen heisst nicht rechtfertigen, heisst nicht Verzicht auf Urteil oder Meinung. Ein berühmter deutscher Schriftsteller drückte es bei einem Abendessen einmal so aus: «Bevor ich den amerikanischen Präsidenten kritisieren kann, muss ich mich doch zuerst 99,9 Prozent auf sein Denken einlassen.» Viele sind dafür zu faul. Andere haben Angst, sich wirklich in eine Sache oder in eine andere Person hineinzuversetzen, weil sie befürchten, sich im Prozess des Einfühlens abhandenzukommen.

Menschen brauchen Feinde, um sich selber zu spüren, um zu wissen, wer sie sind. Medien sind Feindbildfabriken. Feindbilder sind verführerisch. Sie verbinden. Sie erzeugen ein majestätisches Gefühl. Es tut gut, sich bei den «Guten» über die «Bösen» zu erheben.

Manchmal ist es ein Gebot der Vernunft und damit des Überlebens, die ganz harten Linien zu ziehen zwischen Gut und Böse. Aber eine der interessantesten Aufgaben des Journalismus ist es, Empathie zu schaffen – Verständnis für das Andere, so fremd und abstossend es sich zunächst auch anfühlen mag.