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Eine Gemeinheit

Fall Vincenz oder die journalistische Verwilderung des Rechtsstaats.

Noch ist Vincenz nicht verurteilt, das ist klar. Aber er ist erledigt»: So spricht Hans Geiger, eigentlich hochintelligenter ehemaliger CS-Mann und einst Bankenprofessor an der Universität Zürich. Er fällt ein scharfes Urteil: Vincenz’ Deals seien «nicht nur unanständig», sie seien «rechtlich gar nicht zulässig». Der ehemalige Hochschullehrer und SVP-Politiker ist sicher, dass die «Ermittler» etwas finden werden.

Diese Sätze, in aller Selbstverständlichkeit ­dahingesagt im Blick des Verlagshauses Ringier, bringen die ganze Misere um diese geifernde Hexenjagd gegen den einstigen Überflieger-­Banker Pierin Vincenz auf den Punkt. Das ­Todesurteil ist vollstreckt. Jetzt schauen wir mal, ob sich der Geköpfte auch wirklich etwas hat zuschulden kommen lassen.

Der Skandal dieser Sätze, denen die Medien jetzt kollektiv nachleben, liegt hier: Die Exe­kutionskommandos der Moral halten sich an keine Prozessordnung. Wir leben im Zeitalter des medialen Sofort-Prangers. Die Unschuldsvermutung wird zwar heuchlerisch beteuert, aber das machen die Medien nur, um, juristisch abgesichert, ihre unbewiesenen Vorwürfe noch ungehemmter auszubreiten. Wie Geiger zustimmend sagt: Die Existenz wird vernichtet, bevor der Rechtsstaat wirken kann.

Gewiss: Es stehen schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef und Medienliebling Vincenz im Raum. Er soll sich persönlich bei gewissen Deals seines Arbeitgebers bereichert und seine persönlichen Verflechtungen verschleiert haben. Man bezichtigt ihn, er habe heimlich in die eigenen Taschen gewirtschaftet. Er selber bestreitet alles, und niemand weiss bis jetzt – und am wenigsten wissen es die Jour­nalisten –, was genau gelaufen ist. Egal. Die ­Gerichtshöfe der Moralisierer-Medien kennen ­keine Prozessordnung.

Die Vorverurteiler fühlen sich auf der sicheren Seite, weil auch die Justiz in ihren Untersuchungen heftig zuschlug. Vincenz sitzt in U-Haft, ­seine ehemaligen Kollegen schiessen mit Strafanzeigen gegen ihn. Politiker, die ihm vorher hinterherkrochen, lassen ihn fallen wie ein faules Stück Fleisch. Es gibt Fakten, aber es gibt bis jetzt eben noch nicht die ganze Wahrheit, von einem Strafurteil nicht zu sprechen. Dass die ­Behörden ihren Job tun, daran ist nichts aus­zusetzen. Die Anheizer in den Medien, die ­Geigers und die Ringiers, sind das Problem: Sie ver­halten sich so, als ob es zwischen Urteil und Verfahren keinen Unterschied mehr gebe.

Die strafrechtliche Beurteilung von mutmasslichen Wirtschaftsdelikten ist äusserst schwierig. Was für die einen wie ein himmelschreiender Rechtsbruch aussieht, ist bei genauer Betrachtung oft nichts anderes als ein legales Geschäft unter Freiwilligen. Die Justiz, selbst die grössten Star-Staatsanwälte können sich, jederzeit, kolossal irren: Denken wir nur an den Fall des Zürcher Bankiers Oskar Holenweger, der von der Bundesanwaltschaft acht Jahre lang verfolgt, von den Medien verteufelt, um seine Bank gebracht und schliesslich in allen Punkten freigesprochen wurde. Die Weltwoche stand von Beginn weg recherchierend auf Holenwegers Seite.

Oder nehmen wir einen anderen Fall, bei dem sich das vorverurteilende Getöse in nichts als heisse Luft auflöste: Als der damalige Nationalbank-Präsident Philipp Hildebrand über seine privaten Währungsgeschäfte stürzte, rückte die Zürcher Justiz mit Rollkommandos in der Villa des SVP-Politikers Christoph Blocher ein. Einige Medien waren vorab informiert, man schwelgte gierig in anklägerischen Verschwörungstheorien. Nichts, aber auch gar nichts blieb vom Versuch der Behörden übrig, das offensichtliche Fehlverhalten Hildebrands einer anderen Person anzuhängen. Kleinlaut krebsten die Medien irgendwann zurück, Schuldbewusstsein gleich null.

Zur Erinnerung: Noch ist Vincenz unschuldig. Wie Sie und ich. Und nach wie vor ist im Fall Vincenz eine ganz andere Sicht möglich. Vielleicht waren seine Geschäfte in Ordnung. Vielleicht fanden sie ganz anders statt. Vielleicht hat der angesehene Gutachter Prof. Peter Forst­moser recht, der beim Anblick der Transaktionen vor neun Jahren zwar die Nase rümpfte, aber kein widerrechtliches Verhalten erkennen konnte. Vielleicht liegen seine eingeschüchterten Ex-Kollegen bei Raiffeisen falsch, wenn sie jetzt auf Vincenz feuern, um sich gegen die ­Medienscharfrichter zu panzern.

Viele, die mit ihm geschäftet haben, halten es für unmöglich, dass der extravertierte und ­politisch stets auf dem Mainstream surfende Bündner mit Hang zum Sonnenkönig ein dreckiger Verbrecher ist. Vincenz habe Raiffeisen gross gemacht, wie ein Unternehmer gedacht und auch gehandelt und für viele Mehrwert geschaffen, ja, auch für sich selbst. Noch ist es in der Schweiz nicht verboten, sich als angestellter Topmanager zum eigenen Vorteil an anderen Firmen zu beteiligen. Es ist jetzt die Aufgabe der Justiz herauszufinden, ob Linien überschritten und ­Delikte begangen wurden.

Wir stellen Vincenz keinen Persilschein aus. Es ist auch kein Geheimnis, dass diese Zeitung nicht unbedingt auf dem ­Stapel seiner Lieblingslektüren lag. Die Welt­woche ist für das Bankkundengeheimnis. Vincenz legte sich für dessen Beerdigung ins Zeug. Die Welt­woche machte nicht mit im Gottesdienst um die scheingeniale Ex-Justizministerin ­Eveline Widmer-­Schlumpf. Vincenz war Teil ­ihres politischen Fanklubs. Ungeachtet dessen ist es eine ausgemachte Gemeinheit, wie der Ex-Banker und seine Familie ohne ­Gerichtsurteil jetzt durch den medialen Fleisch­wolf gedreht werden.

Okay, man kann argumentieren: Dafür ­kassieren die Manager doch ihre hohen Löhne. Da müssen sie halt auch den Gegenwind aus­halten, nötigenfalls den unverdienten. Das stimmt. Aber es geht hier nur in zweiter Linie um Vincenz und die Raiffeisen. Es geht um den Rechtsstaat. Rechtsstaat heisst, dass man einen Beschuldigten so lange wie einen Unschul­digen behandelt, bis seine Schuld zweifelsfrei erwiesen ist. Davon sind wir bei Vincenz noch meilenweit entfernt. Rechtsstaat heisst, dass man im Zweifel immer für den Angeklagten Stellung bezieht.

Vor dem Rechtsstaat gab es den Pranger. Wer bei den Mächtigen in Ungnade gefallen war, wurde dem Pöbel zum Frass vorgeworfen, ge­demütigt und vorgeführt. Im Mittelalter galt der Satz des eingangs zitierten Professors: Man wurde erledigt, bevor die Vorwürfe geprüft wurden. Der Rechtsstaat steht für die zivilisatorische Überwindung des Prangers. Die Medien wären eigentlich die Gralshüter der Unschuldsvermutung. Gerade sie müssten den Angeklagten verteidigen, seine Integrität schützen, auch gegen die immer möglichen Irrtümer der Justiz.

So distanzlos, wie sie ihn früher hochgejubelt haben, so distanzlos machen sie ihn jetzt fertig. Der Fall Vincenz steht für die journalistische Verwilderung des Rechtsstaats.