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Lodern der Emotionen

Statt wie die tumben Selbstjustiz-Reisser dramatisiert «Prisoners» mit Intelligenz, wohin das führt: In einen Alptraum. Von Wolfram Knorr

Wie knackt man einen Kindesentführer, der den Mund nicht aufmacht? Der Fall Magnus Gäfgen, der ein Kind gekidnappt ­hatte und unter Androhung von Folter zum Reden gezwungen wurde, erregte vor Jahren in Deutschland die Gemüter. «Rettungsfolter», ein schauerliches Wort, wurde zum Rechtfertigungsbegriff. Darum geht es auch im Psychothriller «Prisoners», dem mit Sicherheit klügsten Film seit langem. Autor ­Aaron Guzikowski und Regisseur Denis Villeneuve («Polytechnique») setzen den Zu­schauer der Ohnmachtssituation aus, weil ­alle Massnahmen der Exekutive ins Leere laufen. Die Verdächtigen schweigen, der Ermittler ist ratlos, und ein Vater rastet aus.

In einem öden Provinzkaff Pennsylvanias feiern die Familien Dover und Birch gemeinsam Thanksgiving, als die jüngsten Mädchen beider Familien plötzlich spurlos verschwinden. Keller Dover (Hugh Jackman), ein handfester, im christlichen Glauben fest verankerter Mann, macht sich sofort auf die Suche und misstraut der Polizei, die nach kurzer Zeit den geistig zurückgebliebenen Alex Jones (Paul Dano) in einem versifften Wohnmobil dingfest macht, aber nach 48 Stunden wieder auf freien Fuss setzen muss.

Für Keller ein Skandal, weil die Mädchen am Wohnmobil gesehen wurden und Jones folglich mit dem Verschwinden etwas zu tun haben muss. Dem verantwortlichen Detektiv ­Loki ­(Jake Gyllenhaal) aber sind die Hände gebunden. Es gibt nicht die geringsten Hinweise auf Jones’ Täterschaft. In ohnmächtiger Wut beschliesst Keller, den Fall selbst in die Hand zu nehmen, Alex Jones zu entführen und zu foltern.

Villeneuves «Prisoners» ist das rigorose Gegenstück zu den hollywoodschen Selbstjustiz-Reissern. Kellers moralische Rechtfertigung für Folter, die nicht nur die Kinder, sondern auch ihn retten soll, drückt wie der bleierne Himmel, aus dem es nur schüttet oder schneit, auf die handelnden und gehandelten Figuren. Alle sind sie Gefangene unter dem granitharten Firmament: Keller in seinem obsessiven Wahn, mit Folter die Wahrheit zu erfahren; Franklin Birch (Terrence Howard), Freund und Vater des anderen Mädchens, in seiner Panik und Angst, Keller behilflich sein zu müssen; die Mütter in ihren Depressionen und Loki, der düstere, undurchsichtige Detektiv mit den trüben, umwölkten Augen und den Tätowierungen am Hals, der sich in der Hinterwelt hoffnungslos deplatziert fühlt. Da köcheln und lodern die Emotionen.

Mit einem bärtig-kantigen Hugh Jackman und einem stacheldrahtigen Jake Gyllenhaal wird einem die Identifikation nicht leichtgemacht. Regisseur Villeneuve und Autor Guzikowski wollen keine Helden, die sicher durch die moralischen und rechtlichen Grauzonen navigieren. Kameramann Roger Deakins («Fargo») liefert dazu das passende morsche, sepiabraune Bild. Das ist psychologisches Kino, wie man es immer seltener zu sehen bekommt. Im Vorfeld gab es um die Produktion Querelen. Zunächst war Bryan Singer («X-Men») als Regisseur und Christian Bale («The Dark Knight») in der Rolle Kellers vorgesehen. Auch Leo­nardo DiCaprio, heisst es, sei involviert gewesen. Wie auch immer, die Lösung mit dem kanadischen Regisseur Villeneuve, mit Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal ist in jedem Fall ein Meisterstück.

Gravity — Der mit Abstand verblüffendste Film der Saison. Er hat kaum eine Story und ist dennoch extrem spannend und hoch emotional. Er verschmilzt radikale Gegensätze und gewinnt genau daraus einen erregenden Thrill und enorme visuelle Effekte. Über dem Globus schwebend, muss Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) am Hubble-Teleskop arbeiten, unterstützt vom Space-Shuttle-Chef Matt Kowalski (George Clooney). In der totalen Stille und Schwerelosigkeit gibt es nur die Dialoge über Funk und das artistische Spiel zur Überwindung der Schwerkraft. Dann aber droht Unheil: Houston befiehlt ihnen die sofortige Rückkehr in die Raumstation ISS, weil Weltraumschrott auf sie zurast. Was der gebürtige mexikanische Regisseur und Autor Alfonso Cuarón («Harry Potter and the Prisoner of Azkaban») daraus macht, ist ganz grosses Kino, und Sandra Bullock war noch nie so gut wie hier. Die Bilder sind von delirierender Suggestivität, und – grotesk – in der Weite des Alls findet ein Kammerspiel statt, zugleich eine Metapher auf Geburt und Menschwerdung! In Luis Buñuels legendärem surrealem Provokationsopus «Un chien andalou» (1929) gibt es die Schockszene, in der ein Auge zersäbelt wird. Cuarón wechselt die Perspektive: Dank seiner 3-D-Version werden dem Zuschauer fast die Augen durch den heranrasenden Schrott aufgeschnitten. Da erreicht das Kino endlich wieder seine überwirkliche Kraft.

Turbo — Die «Glaub an dich und lass dich nicht unterkriegen»-Ideologie der Amis wirkt hier besonders dämlich, von der Story in den Unsinn potenziert: Eine Schnecke eifert einem Formel-1-Rennfahrer nach. Vielleicht finden das Kinder lustig.

Metallica – Through The Never (3-D) — Mit 36 3-D-Kameras wurde das Konzert der ­berühmtesten Heavy-Metal-Band gedreht und, leider, mit einer obskuren fiktiven Story vermurkst. Man wollte keinen blossen Konzertfilm. Aber nur der ist sehenswert. Der Rest Quatsch.

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Kürzlich sah ich «Smokey and the Bandit» mit Burt Reynolds und fand diesen ziemlich beeindruckend, aber als grosser Mime gilt er nicht. Stimmt das? A. W., Zofingen

Der deutsche Titel von «Smokey» lautete «Ein ausgekochtes Schlitzohr» und traf sein Rollenprofil ziemlich perfekt. In zahlreichen Hillbilly-Filmen war er vor allem in den Siebzigern der Action-Hallodri schlechthin. Das prägte sein Image. Dazu passte auch sein hüllenloser Auftritt im Cosmopolitan (1972) als Sexsymbol. Aber Vorsicht! Der Juxbruder war eben nicht nur ein Luftikus. Er konnte, wenn ein Regisseur ihn forderte. Zum Beispiel John Boorman in seinem Hinterwäldlerdrama «Deliverance» (1972); Ted Kotcheff in der Irrsinnskomödie «Switching Channels» (1988) als zynischen TV-Chef oder Paul Thomas Anderson in «Boogie Nights» (1998) als Porno-Produzenten. Da wuchs er mit seinem Image als Bruder Leichtfuss über sich hinaus. Eine Fähigkeit, die viele Hollywood-Mimen besitzen.

Der Journalist und Buchautor gehört zu den renommiertesten Filmkritikern der Schweiz.

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