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Herren-Vergnügen

Es geht hier nicht um das Bein. Das Bein ist bloss der Lockvogel. Und der soll höchstmöglich in die Lüfte fliegen. Was das gute Stück für die Herren Bürger in der ersten ­Reihe noch attraktiver macht – ein Flugbein, gewirbelt, geschwungen, geworfen von einer lasziven Flugente. Le canard, die Ente, hat dieser Gymnastik den Namen geliehen, dem Cancan, bei welchem hochfliegende Beine dazu dienen, unter den weissen Büschel-Wogen des Unterrockes das Eigentliche zu jagen.

Man schreibt das Jahr 1895, Ort des Vergnügens Berlin, die Friedrichstrasse. «Tingletangle» heisst die Lithografie, doch um welchen Tingeltangel in welchem Etablissement es sich handelt, ist ungesichert. Der Wintergarten? Er war um die Jahrhundertwende das berühmteste ­Varieté Berlins und des Kaiserreiches. Und sein berühmtester Besucher 1895, das war wahrscheinlich der Urheber dieses Bildes – Edvard Munch. Ein aufstrebender 32-jähriger Künstler, der sich in Berlin mit zwei Ausstellungen bereits den Ruf eines Provokateurs eingehandelt hatte.

Bilder von Munch sind Baudelaires «Blumen des Bösen». Bilder von Munch sind die Philosophie von Nietzsche, in das Medium ­Malerei übersetzt, das Leiden, die Melancholie, die Nachtseiten der Liebe, die dunklen ­Seiten der Sexualität. So kennen wir ihn – und kennen ihn doch nicht.

Oder, wir entdecken ihn neu. Zum Beispiel in der Munch-Ausstellung im Kunsthaus ­Zürich, die sich seinem grafischen Werk widmet. Der Künstler hatte in Berlin 1894 mit ­ersten Radierungen begonnen. Im darauffolgenden Jahr fertigte er von vielen seiner wichtigsten Motive ­Lithografien an, so die bekannten Sujets «Madonna» und «Vampir» oder dieses hier, «Tingletangle». Toulouse-Lautrec und Manet als Leitsterne. Munch war daran gelegen, mit seiner Kunst ein breites Publikum zu erreichen, deshalb spielten für ihn Vervielfältigungen der Bilder mittels grafischer Verfahren eine zentrale Rolle.

Zentral wiederum ist Zürich für seine ­Kar­riere. Das Kunsthaus Zürich besitzt mit zwölf Bildern die grösste Werkgruppe Munchs ausserhalb Norwegens; und dank seines ­visionären Direktors Wilhelm Wartmann fand hier bereits 1922 die bislang grösste Ausstellung von Munch-Grafiken statt. 150 Jahre alt wäre der Künstler dieses Jahr geworden. Dass er sich nach 1895 nicht nur schönen Beinen widmete in seinem Werk, dafür ist ihm zu danken und zu gratulieren.

Edvard Munch — 150 Grafische Meisterwerke.
Ab 4. Oktober im Kunsthaus Zürich