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Injektion frischen Glamours

Die Kunsthistorikerin Kate Middleton ist die Freundin des englischen Kronprinzen William. Britische Medien stellen Lippenleser an, um ihre Absichten zu ergründen. Trotz Hunderttausender von Google-Eintragungen bleibt die Frau ein Rätsel.

Es gibt eine Menge Dinge, die der sexuellen Erregung von Frauen förderlich sind, aber das beste ist immer noch ein Königsschloss. Wir Mädchen, die «Schneewittchen», «Dornröschen», «Aschenputtel», «Rapunzel» und «Die Schöne und das Tier» mit der Muttermilch eingesogen hatten, entwickelten danach den Wunschtraum, gerettet zu werden von einem Mann, dessen Bankkonto ebenso stattlich sein sollte wie er selbst.

Mit wachsender Reife allerdings liessen wir den Traum, von einem Märchenprinzen im Armani-Anzug hoch zu Ross aufs Königsschloss gebracht zu werden, fahren, um selbst in Jimmy-Choo-Schuhen die Karriereleiter zu erklimmen und uns mit Risikokapital-Portfolios gegen die Drachen dieser Welt zu panzern.

Doch jetzt sind die Märchenfantasien von einst wieder aufgeflackert. Denn es sieht ganz so aus, als werde Kate Middleton, Tochter einer Flight-Attendant und eines Flugoffiziers, den englischen Thronerben ehelichen. Immer wieder hat die Presse darauf hingewiesen, dass Ms Middletons Vorfahren vor vier Generationen noch in der Low-Morsley-Kohlengrube in der Grafschaft Durham geschuftet hatten. Offenbar hat sich der Bergbau-Instinkt auf Kate vererbt, denn die junge Frau ist auf eine Goldader gestossen.

Wie aber angelt man sich einen Prinzen? Wie steigt man vom Fussvolk in die Aristokratie auf? Kennengelernt hatten sich die beiden auf der St Andrews University, doch zusammen abgelichtet wurden sie erstmals in Klosters, und zwar im April 2004. Obschon die Medien Kates Aufstieg von einem Dorf in Berkshire zum Buckingham Palace mit der Akribie von Astrophysikern verfolgen und obschon es über eine Million Google-Treffer zu ihr gibt, ist die Frau nach wie vor ein Rätsel. Kein Zweifel hingegen besteht daran, welch gewaltigen Einfluss sie bereits in Modedingen hat: Als Kate Middleton sich in einem Baumwollkleid, Marke Top Shop, für 40 Pfund zeigte, war dieses Kleid, eine Nanosekunde nachdem ihr Bild in der Presse erschienen war, in Grossbritannien ausverkauft.

Den Schwangerschaftstest bestanden

Die Vorteile, die es den Royals brächte, wenn Kate Middleton Prinz Williams Gemahlin würde, sind offensichtlich: Sie ist populär, hübsch, witzig und clever. Die Mitglieder des Königshauses sind nicht berühmt für atemberaubend hohe Intelligenzquotienten. Unklar ist freilich, ob dies eine Folge der Inzucht ist oder daher rührt, dass die Windsors sich jahrhundertelang die Köpfe an den tiefhängenden Balken ihrer Herrenhäuser angeschlagen haben. Und während Lady Di mit 16 von der Schule ging (der einzige Test, den sie je bestanden hat, war ein Schwangerschaftstest), beendete Kate Middleton ihr Studium an der St Andrews University im Juni 2005 mit einem Abschluss in Kunstgeschichte. Sollte es also Nachwuchs geben, hätte dieser die Chance, im Genpool über den Nichtschwimmerbereich hinauszukommen.

Kate Middleton hat auch Stil und Charisma, etwas, woran es der Königsfamilie seit Dianas Tod gebricht. Patrick Jephson, Lady Dis ehemaliger Privatsekretär, schrieb vor kurzem in der englischen Zeitschrift The Spectator, Kate wäre «eine von der Königsfamilie dringend benötigte Injektion frischen Glamours». Und von der Zeitschrift Hello hört man, dass ein Kate-Middleton-Foto auf dem Umschlag Tausende zusätzlich verkaufter Exemplare bedeutet. Käme es zu einer Verlobung, würden die Verkaufszahlen von Hello um mehr als 100 000 in die Höhe schnellen.

Was aber hätte Kate davon, würde sie per Hochzeit Königliche Hoheit? Margaret, Charles, Andy, Anne: alle geschieden. Royal-Ehen haben keine gute Erfolgsbilanz. Schon nach wenigen Jahren scheinen die Windsors jeweils «Dein ist mein ganzer Hass» zu singen. Warum also sollte Kate sich auf dem Traualtar opfern lassen?

Prinz William ist zweifellos der Renner unter den Prinzen: Er hat Prinzessin Dianas Designer-Gene und einen Thron in Reichweite. Obschon er in Unterhosen mit Nadelstreifen aufgewachsen ist, scheint er eine rebellische Seite zu haben: Der künftige König fährt eine Kawasaki. Doch in vielerlei Hinsicht ist er durchaus traditionell. So mag er gern Tiere – erlegt und präpariert oder auf der Speisekarte. Seinen ersten Hirsch schoss er mit 14, und darauf wurde er «blooded»: Man schmierte ihm Blut des erlegten Tiers auf die Stirn, ein reizender englischer Jägerbrauch.

Freilich, in was für eine Familie würde Ms Middleton da einheiraten: Zehen lutschen, Bulimie, Querbeetgevögel und Nazi-Uniformen am Maskenball – neben den Windsors nehmen sich die Osbournes aus wie Familie Mustermann. Sogar der sich gern ländlich und bodenständig gebende Prinz Charles wurde Anfang der neunziger Jahre beim Telefonieren erwischt: Er gestand seiner Mätresse Camilla Parker Bowles, er wäre gern ihr Tampon. Im Grunde ist das ein sehr passendes Bild für das ganze Leben dieses angehenden Thronfolgers: am richtigen Ort, doch zur falschen Zeit.

Auch wenn William Charme hat und sich auf den ersten Blick mit Leichtigkeit in der Gesellschaft bewegt – für den seelischen Ballast, den er mit sich herumträgt, brauchte er eigentlich einen Gepäckwagen. Die britische «upper class» stellt ihre Hunde über ihre Kinder: Die Vierbeiner dürfen daheimbleiben, die Zweibeiner werden in Edelzwinger namens Eton oder Harrow geschickt. Zwar schilderte Prinz Charles, wie sehr er im Internat gelitten hatte. Doch das hinderte ihn nicht daran, seine eigenen Söhne, William und Harry, zu verschicken.

Wetten auf die Verlobung

Auch dies sollte Ms Middleton bedenken: Für Spontaneität braucht es in königlichen Kreisen eine gebührende Vorwarnung, bereits das öffentliche Tragen zehenfreier Sandalen gilt als Exhibitionismus. Und keinen einzigen Schritt könnte Ms Middleton machen, der nicht von einer Fotografenmeute festgehalten würde – auch an einem jener «bad hair days», wo man statt eines Kopfs einen Pickel aufzuhaben glaubt und seine Spiegel versichern lassen sollte. Bereits jetzt, wo sie noch nicht einmal verlobt ist, kann Ms Middleton keinen Nachtklub mehr ohne Polizeieskorte verlassen. Die hätte den Auftrag, Kate vor den Paparazzi zu schützen, die mit grosskalibrigen Langstreckenwaffen auf der Pirsch sind. Alan Williams, Leiter der Big Picture Agency, bestätigt, dass das Interesse an Middleton gewaltig ist, weshalb sie ein besonders beliebtes Opfer schiessfreudiger Knipser ist.

Und den Medien ist jedes Mittel recht. Als Kate letzten Dezember zu Williams Abschlussparade an der Militärakademie Sandhurst ging, stellte der Fernsehsender ITN einen Lippenleser an, der jedes Wort erhaschen sollte. Der Lippenleser berichtete, Kate habe ihrer Mutter gestanden, sie finde Williams Uniform «sexy». Zehn Jahre nach Prinzessin Dianas Tod, den die Medien durch ihre Aufsässigkeit mit zu verantworten hatten, erörtert man im englischen Parlament Möglichkeiten, Kate Middleton vor den blutgierigen Paparazzi zu schützen. Ironischerweise entschlüpfte ausgerechnet im Lauf dieser parlamentarischen Diskussionen dem königlichen Hoffotografen, Arthur Edwards, die Information, William habe ihm gegenüber «klargemacht, dass er heiraten will».

Das hatte augenblicklich Folgen. Der Buchmacher William Hill nahm ab sofort Wetten an, wann eine Verlobung stattfinden würde, und Woolworth gab in Hinblick auf eine Hochzeit schon einmal Geschirr mit den strahlenden Gesichtern von Kate und William in Auftrag.

Sollte Kate Middleton tatsächlich in die Königsfamilie einheiraten, wird ihr eine Welle von Snobismus entgegenschlagen. In England schauen auch Leute, die kleiner sind als du, auf dich herab. In der Regel kommen nur britische Mädchen mit Doppelnamen an Prinzen heran, indem sie sagen: «Du darfst an meinem Bindestrich rumspielen, wenn ich dafür an deinem darf.» Dass Kate keine «von und zu» ist, bedeutet, dass die Creme der Aristokratie ihr die kalte Schulter zeigen wird. Da tut Kate gut daran, sich in Erinnerung zu rufen, dass Creme so viel wie Sahne bedeutet, und die ist bekanntlich fett und schreit danach, geschlagen zu werden.

Sich in höheren Kreisen zu bewegen, ohne in sie hineingeboren zu sein, ist wie die Teilnahme an einem Gesellschaftsspiel, dessen Regeln man nicht kennt. Gut möglich, dass Kate nach ein paar Monaten ausprobieren wollen könnte, ob sich mit einem antiken Teller Frisbee spielen lässt.

Eine weitere Gefahr des Prinzessinnendaseins ist, dass man auf ein Podest gestellt wird. Dort oben ist man nicht nur einsam und sämtlichen Blicken und scheissenden Tauben ausgesetzt – versuchen Sie mal, auf einem Podest zu vögeln. Wie schwer das ist, musste die arme Prinzessin Diana herausfinden.

Gute Überlebenschancen

Vor fünf Jahren erst gab es Revolverblättertrommelfeuer wegen eines angeblichen E-Mail-Flirts zwischen Britney Spears und Prinz William. Beide waren berühmt, attraktiv und noch zu haben. Beide hatten wunderschönes goldenes Haar. Doch ach, wie rasch war aus der Traum: Nun sind sie beide kahl, die eine in der Reha, der andere ähnelt Papa: Auf einem Foto von den Pferderennen bei Cheltenham trägt Kate einen dreiviertellangen Wollrock, der sich auch gut als Picknickdecke verwenden liesse, und William ein Hahnentrittjackett, Pullover und Krawatte. Die beiden sehen aus wie frühvergreist, und es beschleicht einen das düstere Gefühl, Kate orientiere sich an der bodenständigen, unmodischen Camilla, nicht an Diana, der dynamischen Modekönigin.

Unterm Strich sehen die Überlebenschancen von Kate Middleton gut aus. Sie hat eine widerborstige Ader: Als sie feststellen musste, dass in den traditionellen Studentenklubs, wo man gern einen zwitschert, Frauen nicht erwünscht sind, gründete sie kurzerhand selbst einen. Sie zeigte sich auch nur in Lingerie gekleidet auf einem Laufsteg, um für wohltätige Zwecke Geld zu sammeln. (Das fanden manche unziemlich für die Zukünftige eines Thronfolgers, aber nach all den Skandalen, die die Queen hat über sich ergehen lassen, war sie wahrscheinlich dankbar, dass das Mädchen überhaupt etwas anhatte.)

Es gibt aber auch beunruhigende Anzeichen. Zwar kauft Kate lieber konventionelle Mode als Designer-Teile, doch hat sie eine Leidenschaft für teure Handtaschen, und wenn wir da an Williams Oma denken... Seit dem Abschluss ihres Studiums an der St Andrews University hat Kate Middleton nichts getan, was auf eine eigene Karriere hindeuten würde (zurzeit ist sie Einkäuferin für den Accessoire-Bereich von Jigsaw), sondern scheint darauf zu warten, dass ihr Prinz sie aufs Schloss schleppt. In der englischen Version von «Aschenputtel» wird das Mädchen dank einem Glaspantoffel vom Prinzen erkannt. Doch Glaspantoffeln sind brüchig, und jedes Mädchen tut gut daran, auf eigenen Stilettos zu stehen.

Sollte Kate in Prinz William tatsächlich ihr Alter Ego finden, ist das kein Grund zur Verzweiflung, meine Damen. Es gibt noch massenhaft andere Prinzen: Harry und Andrew in England, in Monaco Albert und Pierre Rainier, Felipe von Spanien, Filiberto von Italien, russische, preussische, bourbonische, hannoversche, luxemburgische – an die zwanzig Prinzen gibt es da draussen auf freier Wildbahn (siehe dazu Kasten links). Nehmen Sie sich Kate zum Vorbild: Die Jagd ist eröffnet. Wer bringt den ersten Hermelinträger zur Strecke?

Denn stellen Sie sich vor, Sie wären Prinzessin: Sie hätten nichts zu tun – und dafür ihr Leben lang Zeit. Sie würden von vorn bis hinten bedient von Höflingen – und, je nach Geschmack, vielleicht auch mal von vorn und von hinten? Sie könnten unter einer Entendaunendecke schlafen oder sich aalen an einem Swimmingpool. Wie die Bläschen in Ihrem Champagnerkelch würde es um Sie herum nur so prickeln von Abenteuern. Und das Beste: Sie kämen auf eine Briefmarke. Tagaus, tagein von Tausenden geleckt zu werden – wenn das kein Traumjob ist.


Aus dem Englischen von Thomas Bodmer

Die in England lebende Australierin Kathy Lette ist Autorin zahlreicher Bestseller. Ihr neuster Roman auf Englisch: «How to Kill your Husband (and other handy household hints)» (Simon & Schuster). Auf Deutsch erschien zuletzt: «Zu gut für diese Welt» (Heyne).

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