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Das Monumentale ist männlich

Frank Miller, der Schöpfer von «300», ist der Maniak unter den Stürmern und Drängern der Comic-Szene.

Es ist ein Fluch mit der Strichkunst. Sie ist so flach und bewegt sich nicht. Wie lässt sich diese Dürftigkeit überwinden? Wie kann man zeichnend ein Drama simulieren, das die Gravitation zum Papier «aufhebt», sie vergessen lässt? Manche Künstler fanden (und finden) ihr Elysium in der Komik oder in einem Wunderland der Possierlichkeiten. Andere aber suchten ungeschlachte Übergrössen. Beide Fraktionen wollten über das bewegte Bild im Kino triumphieren. Seit einigen Jahren allerdings herrscht Unruhe in den Lagern; dem komischen Strip fehlt innovativer Elan, den Heroen, die selbst ins Putzige abrutschten, ein zeitgemässer Schmiss.

Frank Miller, 50, neben Alan Moore, Bill Sienkiewicz, Dave Gibbons der brachialste unter den Revoluzzern, drängte schon früh fort vom Katzentisch des einstigen «Armenkinos». Er wollte mit richtigem Tafelsilber spielen und die übergrossen Helden zum magischen Leuchten bringen, mit ihnen das Firmament der Kästchenstruktur aufreissen, klotzen statt kleckern. Bei Marvel hatte er 1979 mit «Daredevil» seinen Einstand und liftete die mässige Serie gleich zum Renner: Miller, ein Maniac, von Beginn an versessen, die Bastardkunst vom Image eines Zeitungsabfallprodukts zu befreien und in die breite öffentliche Wahrnehmung zu wuchten.

Das Business brauchte sowieso dringend eine Remedur; Kino, Fernsehen und zu guter Letzt das Internet liessen die Superhelden auf einmal aussehen wie Gullivers im Reich der Riesen. Miller, der ungeduldigste Stürmer und Dränger, studierte nicht nur penibel Klassiker wie Will Eisner oder Neal Adams, sondern erkannte auch in den Erzählkonzepten der Mangas eine Frischzellenkur. Mit seiner Batman-Erneuerung – «The Dark Knight Returns» und «Year One» – wurde er so populär, dass er gegen die idiotischen Auflagen der Verlage stänkern und die prestige formats durchsetzen konnte, aufwendige Produktformen wie Breitformat.

Übermenschlich-imperiale Gesten

Korsetts gab’s für ihn nicht mehr. Der Comic, zur Graphic Novel gemendelt, wurde zum Experimentierfeld. «Sin City» (2005), kongenial verfilmt, ist Graphic-Grand-Guignol vom Feinsten. Blut und Tränen fliessen, Knochen krachen, Frauen wimmern im Würgegriff brutaler Gangster – aber alles in rigoroser Schwarzweissmystik à la Série noire. Die Verschattung der Messerschlitzer und Sittenstrolche reisst Millers Monster-Metropolen-Porträt aus dem wortwörtlichen Rahmen und liess manche Fans zu Kunstelogen hinreissen.

Die Morbidezza der Nachtschattengewächse (schon Batman ist davon gezeichnet), mit schön schrillen Effekten versehen, in extremen Perspektiven erfasst, dynamischen Verzerrungen und bizarren Ellipsen unterworfen, verdeckt Millers Neigung zu hypertropher Kraftentladung. Klar, im Superhelden-Revier gibt’s keine Alternativen. Als er allerdings Ende der neunziger Jahre einen antiken Heroenmythos aufgriff, den Kampf von 300 Spartanern gegen eine persische Übermacht an den Thermopylen, lief er dann doch Gefahr, mit seiner breitformatigen Kolossalbilderstory «300» in Denkmalhaftigkeit zu erstarren. Bei aller Distanzierung durch dahinbleichende Farben entpuppt sich Miller als arg von übermenschlich-imperialen Gesten fasziniert, die auf Teufel komm raus in Bann ziehen sollen.

Millers monumentales Ausdrucksverlangen zeigt sich in seiner extremen Rabulistik und einem dampfenden Sippen-und-Horden-Kult. Spartanerkönig Leonidas erhält durch Grösse und Wucht der Darstellungsmittel eine Überlegenheit, damit der Betrachter wie vor griechischen Statuen das «Zwingende» dieser Formzusammenballung empfinden soll. Herrschaft und Würde, ein intensiver Blick, ein mitreissender Befehlsgestus, alles in die Bilder hineingehämmert statt mit ironischem Strich gezeichnet. Im Comic, psychologischen Differenzierungen eher abgeneigt, auch wenn sie sehr wohl darstellbar sind, hat diese blutige Schlachtplatte als aus dem Genre hinausgesprengte Bilderzählung noch ihren Reiz. Jeder Strich und folglich auch die Wortblasen sind grafische Elemente. In einem Film allerdings wird alles Grafische beweglich und der Wortblaseninhalt gesprochen – und schon kippt der Helden-Mummenschanz ins grelle Licht der Bewegung und wird zum Sperrmüllkitsch.

Die Verfilmung von «300», gerade weil sie erstaunlich kongenial die Graphic Novel umsetzte, entlarvt Millers «Jugendtraum», mit Sicherheit als Experiment gedacht, auch als Ausrutscher. 1916 veröffentlichte der Kunsthistoriker Arthur Moeller van den Bruck (1876–1925) das Buch «Der preussische Stil». Darin heisst es: «Monumentalität ist männliche Kunst. [...] Ihre Körper wirken wie Dogmen. In ihr ist der Schritt von Kriegern, die Sprache von Gesetzgebern, die Verachtung des Augenblicks, die Rechenschaft vor der Ewigkeit.» Man könnte fast meinen, er äussert sich über «300». Frank Miller kann das kaum im Sinn gehabt haben. Der Film allerdings wurde zum Riesenhit, und Miller hat erreicht, was er immer wollte: sich raussprengen aus der Enge der Graphic Novel. Man kann gespannt sein, was er, beflügelt durch die bewegten Bilder, demnächst zu Papier bringen wird.

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