Schweizer des Jahres

«Ich kämpfe bis zum Schluss»

Der suspendierte Fifa-Präsident Sepp Blatter hat ein dornenreiches Jahr hinter sich, doch er gibt nicht auf. Sein grösster Wunsch ist es, in Würde von der Bühne abzutreten. 
Der 79-jährige Walliser wird verkannt, sein Idealismus unterschätzt. Sein Erfolg beeindruckt.

Von Roger Köppel

«Wer ist dein bester Berater? Dein Gewissen!»: Sepp Blatter. Bild: Marco Aste

Während sich draussen neblig der Winter ausbreitet, macht es sich der suspendierte Fifa-­Präsident Joseph S. Blatter auf seinem Sofa ­bequem. Die Fenster geben einen fantastischen Blick vom Zürichberg auf die Glarner Alpen frei. Das Haus ­gehört der Fifa, Blatter mietet drei Wohnungen. An den Wänden und in den Regalen ­finden sich private Familienbilder, zwischen mehreren Sport­taschen halb verdeckt ein Blatter-­Gemälde. Auf einem ­Büchergestell entdecken wir die gesammelten Werke des Basler Diplomaten Carl Jacob Burckhardt, eines auch brillanten historischen Schriftstellers.

Blatter hat Gewicht verloren. Anfang ­November musste er notfallmässig ins Spital eingeliefert werden, weil sein Immunsystem zusammengebrochen war. Ausser seinem Herz und dem Hirn hätten nicht mehr allzu viele Organe funktioniert. Die Erkrankung sei mittlerweile gut überstanden. Blatter wirkt federnd, kämpferisch. Er will gegen die aus seiner Sicht ungerechtfertigten Vorwürfe der Fifa-Ethikkommission vorgehen. Mehrfach beteuert er im Gespräch, dass er sich nichts vorzuwerfen habe. Seine Geschäfts­führung während den 17 Jahren als Fifa-Präsident sei immer korrekt gewesen. «Eigentlich müsste man mir ein Diplom überreichen für das, was ich hier erreicht habe.»

Er hat ein schreckliches Jahr hinter sich. Der 79-Jährige wurde auf allen journalistischen Fahndungslisten zum Abschuss freigegeben. Die US-Justiz ging gegen den Verband in ­Stellung. Im Juni kündigte der eben wieder­gewählte Blatter unter Druck ­seinen Rücktritt an. Nach den Sommerferien sprach die hauseigene, von Blatter selber installierte Ethik-Kommission eine superprovisorische Sperre gegen den Präsidenten sowie gegen seinen früheren Mitstreiter und heutigen ­Rivalen Michel Platini aus. Es geht um ­einen mündlichen Arbeitsvertrag, den die Fifa-­Ethiker als dubios erachten. Blatter ­ bestreitet alle Vorwürfe.

In letzter Zeit scheint der Wind etwas zu drehen. Mit einem Fernsehauftritt hat sich Blatter Sympathien erworben. Zeitungen berichten über die Dürftigkeit der Anklage. Das sind neue Töne. Jetzt kämpft er um seine ­Ehre. Er glaubt, die Ethikkommission sei unter öffentlichem Druck eingeknickt. Nach­gerade ­bizarr ist der Umstand, dass die Fifa-­Aufseher Blatter ohne seriöse vorgängige Anhörung vom Platz stellten. Am 17. und 18. Dezember findet nun das erste richtige Hearing in Zürich statt. Danach wird die Kommission entscheiden. Er würde, sagt Blatter, eine definitive Sperre bis vor Bundesgericht bekämpfen.

Blatter hat bis jetzt alle Anfeindungen überlebt. Seine Gegner konnten ihm nie ein Fehlverhalten nachweisen. Das Begleitgetöse trübte freilich den Blick auf die eindrücklichen Leistungen dieses Ausnahmeschweizers, der als ­eine Mischung aus Sonderbotschafter und ­Entwicklungshelfer rastlos um den Planeten tourte. Blatter hat die faktisch bankrotte Fifa seit seiner Amtsübernahme 1998 in einen blühenden Betrieb verwandelt. Heute investiert sie Milliarden in die Fussballförderung. Die Fifa ist eine der grössten NGOs der Welt. Vor 17 Jahren hatte sie 20 Millionen Franken Schulden, heute hat sie 1,5 Milliarden Franken Reserven.

Blatter hat Recht, wenn er die zivilisatorische Kraft des Fussballs beschwört. Das Spiel ist zu einer weltumspannenden gesellschaftsprägenden Ordnung eigener Art geworden. Der Fussball war in der europäischen Geschichte eng verbunden mit der Ablösung des alten Stände­staats. Auf dem Fussballfeld konnten sich die Menschen aus unterschiedlichsten Schichten auf gleicher Augenhöhe im fairen Wettbewerb messen. Man kann den Fussball wie auch das ebenfalls in Grossbritannien wettkampfmässig betriebene Boxen als Ausdruck und Treiber ­jener gesellschaftlichen Modernisierung und Befreiung begreifen, die wesentlich zum Entstehen unserer heutigen Welt beigetragen hat.

Blatter glaubt an die emanzipatorische Kraft des Fussballs. Er ist überzeugt, dass dieser Sport das Beste und Schönste aus den Menschen hervorlockt. Und er hat alles dafür getan, dass der Fussball immer weltumspannender wirken konnte. In unseren Breiten mag es sich um ­blossen Zeitvertreib, um ein Hobby oder um ein Milliardengeschäft handeln. In weniger ent­wickelten Gegenden ist der Fussball eine ­Lebensschule, die, in den Worten Blatters «Hoffnungen und Emotionen liefert in einer Welt, die immer verrückter wird».

In der Schweiz hat Blatter die ihm gebührende Anerkennung für seine eindrück­lichen Entwicklungsleistungen kaum bekommen. Zum einen sah man in ihm eine Art Händeschüttler des internationalen Jetsets, der auf den Ehrentribünen mit den Reichen, den Mächtigen und den Prominenten verkehrte. Auf der anderen Seite dürfte sein bescheidener, oft auch selbstironischer und manchmal clownesk wirkender Berglercharme dazu ­geführt haben, dass man den Betriebswirtschafter und Offizier der Schweizer Armee mit über 1400 Diensttagen gelegentlich unterschätzte. Dass viele Schweizer Medien Blatter im Chor mit seinen britischen und deutschen Kritikern vorverurteilten, ist wohl Teil der ­guteidgenössischen Neidkultur.

Sepp Blatter hätte den Titel «Schweizer des Jahres» seit Jahren verdient. Wir reichen ihn nun informell nach. Blatter wirkt irgendwie auch erleichtert bei unserem Gespräch am ­Zürichberg. Vielleicht hätte er ohne den Knall nie richtig loslassen können. Natürlich schmerzt es ihn, wenn er sieht, wie sich Emporkömmlinge in der Fifa gegen ihn, den Präsidenten, profilieren. Er sieht sich als Opfer einer Intrige und ­bedauert, nicht schon früher zurückgetreten zu sein. Die letzten Monate aber hätten ihm die ­Augen geöffnet. Es gebe wichtigere Dinge. Er wünscht sich, am ausserordentlichen Fifa-­Kongress ­Ende Januar in Würde abzutreten. ­Danach werde er mit seiner Partnerin den wohlverdienten Ruhestand geniessen.

Herr Blatter, gab es in diesem Jahr für Sie auch schöne Erlebnisse?

Schöne Erlebnisse? Dass ich wieder lebe! Und die Wiederwahl als Fifa-Präsident trotz den Attacken ist ein schönes Erlebnis. Es gab ja so etwas wie einen Attentatsversuch.

Dass Sie wieder leben?

Ja, Anfang November hatte ich einen ­gesundheitlichen Zusammenbruch.

Was genau ist passiert?

Plötzlich versagte mein Immunsystem: ein Kollaps. Es war der erste November, ich stand gerade in Visp am Grab meiner ­Eltern.

Sie wurden ohnmächtig?

Zum Glück nicht. Ich konnte kaum mehr ­atmen, nicht mehr gehen, der Blutdruck fiel. Ich war 48 Stunden auf der Intensivstation. Dank meiner Konstitution kam ich durch.

Was war der Grund?

Man weiss es nicht. Ein Virus vielleicht.

Der Druck der letzten Monate?

Es war keine Stressreaktion, kein psychisches Problem. Vielleicht lag es daran, dass ich ­wegen meiner Suspendierung keine Aufgabe mehr hatte, ein Mangel an Adrenalin. (Lacht)

Heute geht es Ihnen . . . ?

Viel besser.

War dieser Zusammenbruch für Sie der dunkelste Moment der Verzweiflung, der Aussichtslosigkeit in diesem ganzen Fifa-­Debakel?

Eigentlich nicht. Der Moment, als es mir, auf gut Walliserdeutsch, den Nuggi raus­gehauen hat, war meine Suspension durch meine Ethikkommission ohne Voranmeldung.

Diese Gremien stellen sich auf den ­Standpunkt, sie würden ihrem Auftrag folgen.

Irrtum. Diese Suspension ist falsch, inhaltlich, aber auch formell. Ich wurde nicht einmal angehört. Es gab wohl eine summarische Untersuchung. Der Vorgang selber aber ist unerklärlich: Der verantwortliche Vorsitzende der rechtsprechenden Kammer, Eckert, war an jenem Tag der Entscheidung am Fifa-Hauptsitz in ­Zürich. Wir ­haben uns noch vor dem Lift gesehen. Ich suchte ihn später, aber man ­sagte mir, er fühle sich nicht wohl und sei bereits auf dem Weg nach München. ­Dabei war der Entscheid, mich zu suspendieren, bereits gefallen, wie wir durch ein leak erfahren ­haben. Tags darauf wurde ich, ohne jemals angehört zu werden, suspendiert. So geht es nicht.

Wie haben Sie auf die Nachricht reagiert?

Ich war in meinem Büro. Wir diskutierten über die Anhörung, die bis dahin noch nicht stattgefunden hatte. Dann kam der Generalsekretär. Wir schalteten den Fernseher ein, die Nachricht war bereits auf ­allen Kanälen. Es war, wie wenn etwas in mir zusammen­gebrochen wäre.

Was genau brach in diesem Moment ­zusammen?

Mein Glaube an die Fifa.

An die Integrität der Fifa?

Ich kann ja ohne falsche Bescheidenheit ­sagen: Es ist ein bisschen meine Fifa, die ich aufgebaut habe in all den Jahren. Ich habe auch die Ethikkommission lanciert. Dass nun dieses Gremium mich suspendiert, den gewählten Präsidenten, ohne ihm vorher etwas zu sagen und ohne ihm vorher das Recht auf eine ordentliche ­Anhörung zu geben, das war ein Schlag, von dem ich mich eigentlich bis heute nicht richtig erholt habe.

Spricht hier die Überheblichkeit des ­Sonnenkönigs? La Fifa, c’est moi?

Man kann darüber scherzen, aber lustig ist es nicht. Die Ethikkommission kann sich doch nicht einfach über den demokra­tischen Entscheid des Kongresses hinwegsetzen und den gewählten Präsidenten suspendieren, unter Umständen sogar lebenslänglich, wie jetzt anscheinend ernsthaft erwogen wird. So ein drastischer Schritt wäre kaum zu begreifen.

Sie könnten das Ganze ja auch triumphierend gegen Ihre Kritiker wenden: «Seht her, die von euch geschmähte Fifa ist so hyperkorrekt, dass sie nicht mal vor dem gewählten Präsidenten zurückschreckt.»

Wenn ich in jenem Moment noch logisch hätte denken können, hätte ich die Sus­pension zurückgewiesen. Diesen Entscheid ­hätte ich nicht annehmen sollen. Aber ich war so entsetzt, erdrückt, gedemütigt, dass ich keine Reaktion zeigte. Ich war nicht einmal traurig, die Tränen kamen mir nicht.

Was passierte nach der Suspendierung?

Ich blieb den Nachmittag über im Büro. Tags darauf hatte ich meinen Platz geräumt. Ich war zu jenem Zeitpunkt bereits sehr isoliert in der Fifa.

Zuvor hatten Sie bereits Ihren Rücktritt angekündigt. War das nicht der Fehler, der erst recht den Appetit der Gegner ­weckte?

Das war die einzige Möglichkeit, die Fifa zu schützen.

Es war wie ein Schuldeingeständnis.

Sicher nicht. Ich habe in meinen vierzig Jahren bei der Fifa weder gegen ethische noch juristische Regeln verstossen. Die Art und Weise, wie aber die Untersuchungskammer der Ethikkommission über das laufende Verfahren kommuniziert, die Höchststrafe gefordert und die öffentliche Vorverurteilung verstärkt hat, ist inakzeptabel.

Wäre es anders herausgekommen, wenn Sie Ihr Amt im Juni nicht zur Verfügung ­gestellt hätten?

Wäre ich nicht auf Distanz gegangen, hätte die US-Justiz nachgeladen. Ich war das Ziel. Und wir kennen das aus US-Prozessen. Der Verdächtige wird abgeschossen, lange bevor seine Unschuld allenfalls fest­gestellt werden kann.

Hatte Sie Angst vor der US-Justiz?

Ich hatte nicht Angst, aber ich war schockiert darüber, wie die Fifa als mafiöse Organisa­tion dargestellt wurde. Und ich wusste, dass Druck von der Fifa genommen würde, wenn ich einen Schritt auf Distanz ginge.

Wie ist dieser Entscheid, Ihr Amt wieder zur Verfügung zu stellen, in Ihnen gereift?

Der Entscheid entstand am Montag, den 1. Juni. Mein Problem ist, dass ich ein zu vertrauensvoller Mensch bin. Ich dachte, wenn ich einen neuen Wahlkongress und Reformen ankündige, entspannt sich die Situa­tion.

Ihre Rede war schlecht, zu defensiv. Ihre Kritiker fühlten sich bestätigt.

Das ist Ihre Meinung.

Hat die Schweiz die Fifa fallengelassen?

Das war mein Eindruck. Dass wir zum Beispiel nichts davon erfahren, wenn die ­Amerikaner im Morgengrauen vor einem Fifa-­Kongress hochrangige Offizielle verhaften, ist dicke Post. Dies umso mehr, als amerikanische Zeitungen bereits bestens vorab informiert waren.

Ist die Schweiz erpressbar?

Sie sind ja jetzt im Nationalrat und können der Sache auf den Grund gehen.

Ihr Schweizbild wurde erschüttert.

Ja, es ist erschüttert. Was habe ich jemals falsch gemacht in der Schweiz? Dem Land gedient mit 1400 Diensttagen? Aber es gibt auch viele schöne Signale. Wenn ich in der Öffentlichkeit unterwegs bin, erhalte ich praktisch nur positive Rückmeldungen. Und Sie glauben es nicht: Die Zürcher Stadtpräsidentin hat mich offiziell zu ­einem Empfang eingeladen.

Jeder Mann muss eine Technik ent­wickeln, um nach Rückschlägen wieder aufzu­stehen. Wie ist das bei Ihnen?

Ich muss so etwas mit mir selber ausmachen. In meiner Position ist man immer auf sich allein gestellt. Wer ist dein bester Berater? Dein Gewissen.

Dein Wissen?

Ja, das Wissen auch – wie das Können und die Erfahrung. Deine Erfahrung. Dann braucht es noch das Quäntchen Glück und den Glauben, dass du es machen wirst. Man muss wissen, ob man jetzt etwas aktiv entscheiden muss oder ob die Zeit die Entscheidung fällt.

Hätte es einen Moment, einen Entscheid gegeben, mit dem die nachfolgende Entwicklung hätte verhindert werden können?

Ich hätte nach der erfolgreichen WM 2014 in Brasilien zurücktreten sollen – wie es meine Familie auch geraten hatte.

Sie beteuern, nichts falsch gemacht zu ­haben. Aber der berühmte Platini-Vertrag mit der Nachzahlung von zwei Millionen Franken, so sagen es Ihre Ankläger, stinke zum Himmel.

Ist das so? Die Kläger werfen mir vor, ich hätte Platini Geld gegeben, nicht um eine Arbeit abzugelten, sondern um etwas zu bekommen. Aber was denn? Mit den Fifa-Präsi­dentenwahlen 2011 hatte es nichts zu tun. Auch gegen den Vorwurf der ungetreuen Geschäftsführung wehre ich mich. Die Zahlung wurde von allen zustän­digen Stellen korrekt verbucht. Gemäss Fifa-­Reglement sind mündliche Verträge zulässig. Ich habe ein Prinzip immer hochgehalten, das mir mein Vater auf den Weg gab: «Nimm nur Geld an, das du selber verdient hast. Bezahle immer deine Schulden.» Die Fifa schuldete Platini ­diese zwei Millionen, so lautete die Abmachung. Es ist selbstverständlich, dass ich diese Schuld begleichen liess.

Die Schuld galt bereits als verjährt.

Man kann das diskutieren, aber auch nach Schweizer Recht bleibt die Schuld bestehen, wenn man sie anerkennt.

Alles lief korrekt?

Ja. Der Platini-Vertrag ging durch die ­Finanzkommission, durch das Exekutivkomitee und durch die Kontrollorgane. Er passierte auch den Kongress. Alles wurde abgesegnet. Platini wandte sich schon 2010 an unsere Finanzabteilung, man möge bitte die alten Schulden be­gleichen – was wir nach unserem Prinzip gemacht haben.

Stehen eigentlich die Kollegen in der Fifa noch hinter Ihnen?

Der interimistische Präsident Issa Hayatou versicherte mir, dass ich nach wie vor Unterstützung geniesse.

War es eine bewusste Strategie von Ihnen, im Weltfussball auf die Kleinen zu setzen?

Ich trat als Entwicklungshelfer in die Fifa ein. Das war meine Berufung. Man muss denen helfen, die es brauchen. Es waren nie nur die Afrikaner, aber die Afrikaner werden mir nie vergessen, dass ich die WM zu ihnen gebracht habe gegen die ­Interessen von anderen. Das Gleiche kann man von den kleinen Verbänden in Asien, in der Karibik, in Ozeanien, aber auch in Europa sagen. Ich ­habe ganz gezielt die Fifa als ­Instrument der globalen Entwicklungshilfe eingesetzt. 150 Verbände sind direkt abhängig von der Fifa.

Wir beobachten hier ein Shakespeare-­Drama mit Machtintrigen, Manövern und versuchtem Königsmord. Haben Sie dazu neue Erkenntnisse gewonnen in den letzten ­Monaten?

Ich habe gelernt, dass bereits seit November 1998 – kurz nach meiner ersten Wahl zum Präsidenten – aktiv gegen mich ge­arbeitet wird. Es sind Dokumente aufgetaucht, die für diesen Zeitraum erste konspirative ­Sitzungen belegen. Man wollte den «unbequemen Blatter» so schnell wie möglich weg­haben.

Abheben im Amt: Ist Ihnen das bei der Fifa jemals passiert?

Ich war der Erste, der den iranischen Prä­sidenten Rohani besuchte. Ich habe mit ­Obama gesprochen, mit Mandela, mit dem chinesischen Präsidenten, aber abgehoben habe ich nie. Ich bin immer am Boden ge­blieben.

Jeder Mensch ist gefährdet.

Ich komme aus einem Milieu, in dem man nicht abhebt. Wir Blatters sind eher die ­lavoratori, die Arbeiter.

Was bleibt von all den Treffen mit dieser ­globalen Elite?

Am Anfang, wenn ich zu einem Staatschef ging, schaute ich von unten nach oben, ­irgendwann waren wir auf Augenhöhe! Der Fussball hat eine enorme Bedeutung ­bekommen, aufgrund seiner Entwicklung, seiner Ausdehnung. Man belächelt das manchmal in den Zeitungen, aber Fussball, Sport, Fairplay, das ist ein ethisches System, das auch in Ländern Massstäbe setzt, die ­vielleicht sonst andere Werte betonen. Der ­Frauenfussball führt weltweit dazu, dass die Rechte der Frauen auf die gleiche Stufe ­gestellt werden wie die der Männer. Was, glauben Sie, bewirkt der seinen Ursprüngen nach britisch-europäische Fussball in der ­arabischen Welt? Ich bin trotzdem kein ­abgehobener Mensch. Ich habe keinen ­Ferrari, ich bin nur Mitinhaber eines Pedalos auf dem Zürichsee.

Jetzt sind nochmals hohe Funktionäre ­verhaftet worden, wieder Amerikaner, ­wieder in der Schweiz. Es sind Bomben­einschläge in Ihrer unmittelbaren Nähe. ­Irgendetwas kann an Ihrer Fifa nicht ­stimmen.

Was nicht stimmt, ist die Wahl der Mitglieder des Exekutivkomitees. Sie werden von den Konföderationen delegiert – aber nicht vom Kongress gewählt. Der Präsident muss mit ­einer Regierung arbeiten, die er nicht selber bestimmen kann. Das nennt man Kohabi­tation. Darum bin ich froh, dass jetzt ein ­Fifa-Integritätscheck eingeführt werden soll.

Keine Selbstkritik? Sie sind der Präsident. Wenn Sie früher auf den Tisch gehauen hätten, wären schon früher Reformen passiert.

Ich wollte die Reformen schon ab 2011 durchsetzen – aber alles war nicht möglich. Es ist jetzt müssig, nach hinten zu schauen.

Sie haben der Harmonie und letztlich der Macht zuliebe zu vieles zu lange geschehen lassen.

Man kann mir vorwerfen, ich sei zu ver­trauensselig und gutgläubig gewesen. Mein Führungsstil ist auf Konsens ausgerichtet. Das ist wahr.

Sind Sie ein Vorausplaner, ein Stratege?

Anders wäre es nicht möglich, einen so gros­sen Verband zu führen – mit 300 Millionen Aktiven. Meine Priorität war immer: Wir wollen durch den Fussball Hoffnungen und Emotionen in eine Welt bringen, die aus den Fugen zu geraten scheint.

Was ist Ihre entscheidende Leistung?

Ein grosser Beitrag war, dass ich die Fifa von einem kleinen Verein mit zwölf Mitarbeitern zu einem Weltunternehmen mit finanziell gesunder Basis geformt habe. Mein grösster Erfolg ist aber die weltweite Entwicklung des Fussballs.

Sie haben ein Jahr lang alle möglichen ­Anfeindungen in den Zeitungen gelesen. Was ist eigentlich Ihre beste Eigenschaft?

Ich bin ein guter Mensch. Ich bin ehrlich und respektvoll.

Kann es einen Blatter ohne Fifa geben?

Es gibt, auch für mich, ein Leben nach der ­Fifa.

Sie wirken wieder sehr lebhaft und präsent, kämpferisch, wie wenn Sie aus ­einem schlechten Traum aufgewacht wären.

Ich bin durch meinen gesundheitlichen Zusammenbruch tatsächlich ein etwas anderer Mensch geworden. Ich habe gesehen, wohin es führen kann mit meinem Zwölf­stunden­tag – sich um alles kümmern, trotzdem ­Schläge abbekommen. Ich habe realisiert, wie wichtig die Gesundheit ist, was andere Menschen bedeuten, dass man auch einmal jemanden umarmen kann. Das gibt mir eine andere Perspektive.

Ihre Tochter Corinne und Ihre Partnerin ­Linda sind die wichtigsten Frauen in ­Ihrem Leben. Was raten sie Ihnen?

Sie raten mir, Ruhe zu bewahren und mich an das zu halten, was im Leben wichtig ist: ­Gesundheit und Liebe.

Was ist Ihr Horizont?

Jetzt kommt der ausserordentliche Kongress. An diesem Kongress muss der alte Präsident abtreten, damit der neue antreten kann. Hier liegt die Absurdität der Ethikkommission, die angeblich ­eine lebenslängliche Sperre ­gegen mich erwägt. Wie kann ich abtreten, wenn ich suspendiert bin? Das geht nicht.

In welcher Gefühlslage fahren Sie in die Weihnachtsferien?

Ich bin in positiver, gehobener Grund­stimmung. Ich spüre, dass sich alles gut ­entwickelt.

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