Die dunklen Seiten 
der Siegerpartei

Sie ist mit Abstand die stärkste politische Macht im Land, und gemäss Prognosen könnte sie bei den Wahlen nochmals zulegen. Doch die SVP offenbart auch erstaunliche Schwächen – taktisch, personell 
und inhaltlich. 

Von Philipp Gut und Florian Schwab

Opportunismus überwuchert die Gesinnung. Illustration: David Boller

Wenn eine Schweizer Partei in der Dauerkritik steht, dann ist es die SVP. Politische Gegner, mächtige Wirtschaftsverbände, Beobachter und Medien sparen nicht mit Attacken und Warnungen. Dabei kritisieren sie die SVP mit Vorliebe in den Bereichen, wo diese besonders stark ist und mit denen sie die Debatten seit Jahren prägt: in der Ausländer- und in der Europa­politik. Das ist legitim und gehört zur politischen Auseinandersetzung. Doch taugt diese Kritik wenig zur Beantwortung der Frage, wo die wahren Schwächen der Erfolgspartei liegen. Denn davon gibt es einige.

Die Gefahren des Erfolgs — Paradoxerweise führt gerade auch der anhaltende Höhenflug zu gewissen Risiken und unerwünschten Nebenwirkungen. Er mache «schlaff und gleichgültig», befürchtet Parteistratege Christoph Blocher. Die SVP, einst als Aussenseiterpartei gestartet, sieht sich heute auch mit dem Pro­blem konfrontiert, dass sie Leute anzieht, die weniger aus Überzeugung denn aus Karrieregründen in die Politik drängen. Opportunismus überwuchert die Gesinnung.

Mehr Staat, weniger Freiheit — Historisch betrachtet hatte die SVP, die aus der Verbindung der Bauern, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) mit den Demokratischen Parteien der Kantone Graubünden und Glarus hervorgegangen ist, zwar durchaus einen radikalliberalen Kern. Doch unter dem Einfluss der dominanten Berner Sektion setzte sie auf Subventionen im ­Agrarsektor, bediente protektionistische Anliegen des Gewerbes und suchte die wohlige Nähe zum Staat. Noch Ende der 1970er Jahre hätte niemand die SVP als liberale Kraft bezeichnet. Doch Blocher hat ihr wieder einen unternehmerischen Geist eingehaucht und sie damit praktisch zu einem Unikum in Europa gemacht: einer konservativen und zugleich wirtschaftsliberalen Partei, die heute oft freisinniger politisiert als der Freisinn.

Ein Selbstläufer ist diese Ausrichtung aber nicht geworden. Nach Darstellung verschiedener Wirtschaftsvertreter in Bern sei es ein ständiger Kampf, die SVP auf dem Pfad wirtschaftspolitischer Tugend zu halten. Der Eindruck in der Öffentlichkeit, viele SVP-Nationalräte neigten von sich aus zu liberalen Positionen, sei falsch, sagt ein Kenner. Die liberalen Ansätze brauchten eine sorgsame Pflege und «therapeutische Arbeit» im Gespräch. Als schwer zu überzeugen gelten die meisten Romands, die drei Tessiner Vertreter, die drei Thurgauer Markus Hausammann, Verena Herzog und Hansjörg Walter, der Schaffhauser Thomas Hurter sowie die Zürcher Ernst Schibli und Hans Fehr. Von Letztgenanntem habe man selten «ein liberales Wort vernommen», so ein Beobachter. Der alte Hang zu mehr Staat bricht sich gelegentlich mit Macht Bahn. Bei einzelnen Vertretern, aber auch bei der Fraktion als Ganzem.

Ein Beispiel, das dies illustrieren mag, ist die staatliche Exportrisikoversicherung. In einem liberalen Staat würde eine solche Dienstleistung von Privaten angeboten – zumal in einem Land wie der Schweiz, das über Versicherungsgesellschaften von Weltruf verfügt. Doch im Parlament wurde diese Grundsatzfrage nicht einmal gestellt und das entsprechende Gesetz Ende letzten Jahres mit kommunistisch anmutenden Mehrheiten durchgewinkt: Der Ständerat stimmte einstimmig dafür, der Nationalrat mit 193 zu 2 Stimmen. Die beiden Nein-Stimmen stammten von Pirmin Schwander und Alfred Heer (beide SVP).

Ein weiteres Exempel: In der Sommersession stimmten 18 SVP-Vertreter für den 350-Millionen-Franken-Beitrag an den Innovationspark Dübendorf – ein planwirtschaftlich angehauchter Versuch, technische Entwicklung zu fördern. Die meisten von ihnen stammten aus der Romandie, aber auch Deutschschweizer wie Heinz Brand (GR), Sylvia Flückiger (AG) und Maximilian Reimann (ebenfalls AG) votierten für den teuren Rahmenkredit. 38 SVP-Parlamentarier entschieden im Sinn des Steuerzahlers und lehnten das Ansinnen ab.

Eine besonders wichtige Abstimmung der letzten Legislatur betraf den nationalen Finanz­ausgleich. Sie kann als Lackmustest für wirtschaftsliberale Überzeugungen angesehen werden: In welchem Umfang sollen die wirtschaftlich leistungsfähigen Kantone den finanzpolitischen Schlendrian in anderen Kantonen unterstützen? Darüber fand in der Sommersession ein Seilziehen zwischen den beiden Kammern statt, das mit einem faulen Kompromiss endete. In der Schlussabstimmung sagten dennoch 19 SVP-Vertreter ja, unter ihnen vor allem solche aus den Empfängerkantonen: die drei Tessiner Rusconi, Quadri und Pantani ebenso wie die beiden Thurgauer Hausammann und Herzog, der Berner Albert Rösti – gegenwärtiger Wahlkampfleiter der SVP Schweiz – und die Aargauerin Flückiger.

Der regulierte Bauer — Die Landwirtschaftspolitik wird aus liberaler Warte oft als der grösste Sündenfall der SVP bezeichnet. Das mag stimmen, doch in seiner Pauschalität zielt der Vorwurf zu kurz. Mit fünf Milliarden Franken ist der Betrag für die Direktzahlungen auch im Kontext der jährlichen Bundesausgaben eher bescheiden – alleine die Prämienverbilligungen für die Krankenkasse verschlingen beinahe dieselbe Summe. Irritierend bleibt allerdings die forsche Anspruchshaltung, mit der sich Bauernvertreter wie die Nationalräte von Siebenthal (BE) und Hausammann (TG) oder der Ständeherr Eberle (ebenfalls TG) vor das Parlament stellen und die hohle Hand machen. Wenn es darum geht, die finanziellen Forderungen der Landwirtschaft zu erfüllen, dann wirkt die SVP häufig wie ein homogener Block. Im Kanton Waadt sind vier von vier SVP-Repräsentanten Bauern. Der Zürcher Ernst Schibli forderte kürzlich den «kostendeckenden Milchpreis». Ausnahmen halten sich in Grenzen: Die Basler Nationalräte Sebastian Frehner und Christian Miesch sowie Jean-François ­Rime (FR), Sylvia Flückiger und Thomas Aeschi (ZG) stimmen gelegentlich gegen protektionistische Massnahmen.

Vergessen scheint der Aufruf des damaligen Justizministers Blocher an der Olma 2004, der «regulierte Bauer» müsse wieder «ein freier Unternehmer» werden. Damals schrien sämtliche Bauernverbände auf. Doch der SVP-Vordenker forderte nicht das Ende aller Unterstützungsleistungen. Sein agrarpolitisches Credo lautet, man könne die Landwirtschaft nicht ganz dem freien Markt aussetzen, aber man solle es so weit als möglich tun. Auch gemessen an diesem differenzierteren Massstab bleibt die SVP allerdings den Beweis schuldig, dass sie konsequent für bäuerliches Unternehmertum eintritt. Die Vorschriften und die Regulierungsdichte haben – auch dank neuen ökologischen Vorschriften und der Zustimmung der übrigen Parteien im Parlament – seit Blochers Weckruf nicht ab-, sondern weiter zugenommen.

Wankelmütiges Personal, kuriose Vor-­stösse — In der Altersvorsorge scheut sich die SVP, Farbe zu bekennen – und manche ihrer Parlamentarier stimmen gegen ökonomisch vernünftige Vorschläge. So wollte die BDP-Frak­tion mit einer Motion eine «automatische Verknüpfung von Rentenalter und Lebens­erwartung» bewerkstelligen – da die Lebens­erwartung Jahr für Jahr steigt, ist es ein finanzpolitisches Harakiri-Rezept, das Rentenalter gleich tief zu belassen. Doch sie biss im Rat auf Granit. Neben der vereinigten Linken und ­einigen CVP-Vertretern lehnte auch die Tessiner SVP-Vertreterin Pantani das Ansinnen ab. Ihr Landsmann Quadri sowie Guy Parmelin (VD) enthielten sich der Stimme. AHV-Themen scheinen allgemein eine schwache Flanke der Tessiner SVP-Delegation zu sein. Bundesrat Alain Berset wollte in der vergangenen Session ein Wahlgeschenk an die Rentner ver­teilen, indem die Mietzinsbeiträge bei den Ergänzungsleistungen angehoben werden sollten. Der Rat lehnte das knapp ab, die beiden Tessiner SVP-Parlamentarier Pantani und Quadri schlugen sich allerdings auf die Seite des SP-Bundesrats.

Als besonders wankelmütig und interven­tionistisch erweist sich die SVP-Vertretung im Ständerat. Alex Kuprecht (SZ) stimmte ja zum Radio- und Fernsehgesetz. Kuprecht und ­Roland Eberle (TG) votierten für die planwirtschaftliche Energiestrategie 2050 sowie für ein Gesetz, das Barzahlungen einschränkt. Dasselbe Duo enthielt sich der Stimme, als der Rat kürzlich über Bersets Projekt einer Mehrwertsteuererhöhung für die AHV befand. Den erwähnten Innovationspark Dübendorf hiess das Gremium geschlossen gut – mit den Stimmen sämtlicher SVP-Vertreter.

Es war eine Kamikaze-Aktion des Freiburger SP-Nationalrats Jean-François Steiert: In der Budgetdebatte für das Jahr 2015, wo es eigentlich darum geht, haushälterisch mit dem Geld des Steuerzahlers umzugehen, verlangte er plötzlich zwölf Millionen Franken mehr für ­Jugend + Sport. Gemeinsam mit Steiert stieg der Zürcher Nationalrat Jürg Stahl neben dem Berner Andreas Aebi als einziger Deutschschweizer SVPler in die Spendierhosen. Die übrigen SVP-Unterstützer, die zu dem knappen 93:90-Ja beitrugen, stammten samt und sonders aus den lateinischen Sprachregionen. Einmal mehr stellten die Tessiner Pantani und Quadri ihren grosszügigen Umgang mit dem Geld anderer Leute unter Beweis. Ebenfalls Ja stimmten die Westschweizer Clottu (NE), Freysinger (VS), Nidegger (GE), Parmelin (VD), Amaudruz (GE), Golay (GE), Grin (VD) und Rime (FR).

Auch andere Volksparteiler sorgen für ihre Klientel und pflegen ihre eigenen politischen Steckenpferde. Andrea Geissbühler fordert regelmässig mehr Steuergeld für Drogenprä­vention und kämpft gegen Psychopharmaka. Thomas Hurter macht sich Sorgen um «Steuerausfälle durch Benzintourismus». Bauern­lobbyist Hausammann fordert öffentliches Geld für die Biogasproduktion im Rahmen 
der Energiewende. Er sitzt überdies im Politiker-­Beirat von Swisscleantech und im Initiativ­komitee der Stromeffizienz-Initiative – erklärtermassen «ein Druckmittel, um Effi­zienz­richtlinien in der Energiestrategie des Bundes zu verankern». Oskar Freysinger will einen staatlich geförderten «Tag der Biene» ausrufen. Der Walliser tickt in Wirtschafts- und Umweltfragen fast so links wie manch ein Sozialdemokrat. Legendär ist seine Motion «Kein Import von Haifischflossen», die mit dem Satz endet, die Schweiz solle mit gutem Beispiel vorangehen und den Import von Haifischflossen verbieten, «denn es lässt sich auch ohne Hai­fisch­flossensuppe sehr gut leben». Da Freysinger sich künftig auf sein Amt als Staatsrat konzentrieren will und nicht mehr antritt, verliert der Etatistenklub in der SVP seine literarisch herausragende Stimme.

Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Windschlüpfige — Bei manchen Mitgliedern der Fraktion entstehen Zweifel an der Rationalität ihres Weltbilds. Lukas Reimann (SG) hat zwar teilweise gar libertäre Züge, verbindet diese aber mit einem Hang zur Verschwörungstheorie. Auch Oskar Freysinger, der vor der Bilderberg-Konferenz warnt, oder der Schwyzer Pirmin Schwander neigen in diese Richtung. Die slowakisch ausgebildete Ärztin Yvette Estermann ist eine überzeugte Impfgegnerin. Und der vormalige Luzerner Nationalrat Josef «Seppi» Kunz glaubte, man könne Krebs mit Petrol heilen.

Auch in einer Partei mit Ecken und Kanten gibt es die Windschlüpfigen, die vor allem ­darauf achten, von allen wohlgelitten zu sein. Zu dieser Kategorie gehören an vorderster ­Stelle der Schaffhauser Ständerat Hannes Germann und, etwas weniger ausgeprägt, der Berner Bauer Andreas Aebi. Man kann das auch positiv ­sehen: Aebis Landsmann Erich von Siebenthal, der für die Holzwirtschaft weibelt, gilt innerhalb der Fraktion als der majorzfähigste Mann. «Politik ist die Kunst, Mehrheiten für die eigenen Anliegen zu gewinnen», lautet denn auch der Wahlspruch auf seiner Homepage.

Sesselkleber und Nobodys — Der Fricktaler Maximilian Reimann ist seit 1987 im Parlament, damals stand die Berliner Mauer noch, und in den USA regierte Ronald Reagan. Reimann stellt noch ab und zu Fragen zu über siebzigjährigen Automobilisten mit Herzschrittmachern und zur Gleichberechtigung beim Senioren-Generalabonnement der Schweizerischen Bundesbahnen. Seit 1991 fahren Roland Borer (ursprünglich Autopartei), Ulrich Giezendanner (dito) und Luzi Stamm nach Bern. Jean-Pierre Graber sitzt bloss noch die Wahl­periode ab, um den bernjurassischen Sitz für seine Tochter warmzuhalten. Aber auch von den nachgerutschten Gregor Rutz (ZH) und Raymond Clottu (NE) hört man bis jetzt wenig. Selbst Parteifreunde bezeichnen die blassen Neulinge als nahezu «inexistent».

Taktisch naiv ins Desaster — Die beiden letzten Bundesratswahlen missrieten der SVP gründlich. Es wäre Augenwischerei, wenn sie diese Misserfolge allein ihren Gegnern in die Schuhe schieben wollte. Bei der Blocher-Abwahl und der verunglückten Kandidatur von Bruno Zuppiger – der Zürcher fiel kurz vor der Wahl aus dem Rennen, nachdem die Weltwoche aufgedeckt hatte, dass er ein ihm anvertrautes Erbe veruntreut hatte – machte sie teilweise grobe Fehler. Nach dem Wahltriumph 2007 mangelte es der Partei und ihrem Bundesrat und Aushängeschild Blocher an Vorsicht und Demut. Sie legte einen ähnlichen Überschwang an den Tag, wie den, der zum Untergang der von ihr vielkritisierten Swissair oder zum UBS-Debakel geführt hatte. Berauscht vom ­Votum der Wähler, dachten die Parteispitzen schlicht nicht daran, dass sich die Verlierer hinter ihrem Rücken zusammenschliessen könnten. Für einmal erwies sich der Gegner als schlauer und durchtriebener.

Auch das Motiv, mit dem Blocher vier Jahre zuvor in den Bundesrat gewählt worden war, durchschaute die SVP zu wenig: Man wählte ihn, um ihn einzubinden und ihn damit seiner Kraft zu berauben. Doch es kam anders: Der vermeintlich Gezähmte setzte sich mit seinen Ideen und Argumenten häufig durch – für seine Widersacher der Grund, ihn wieder aus der Regierung zu entfernen. Hier kommt ein ­Anflug von Machtrausch und Hybris zum Vorschein, ironisch bei einer Partei, die gern das Deutungsmonopol reklamiert über das Erfolgsmodell Schweiz mit seiner vielfach ge­brochenen Machtstruktur.

Bei Zuppiger verfiel die verunsicherte und taktisch schlingernde Partei ins gegenteilige Extrem. Sie stellte einen Kandidaten auf, der den anderen gefiel – und der sich dann prompt als faules Ei erwies. Dass die Kollegen dies jahrelang nicht mitbekommen haben, spricht nicht für die internen Kontrollmechanismen der (Zürcher) SVP. Zuppigers berufliches Vor­leben hätte bei genauerer Prüfung Anlass genug für Stirnrunzeln gegeben.

Unfähig zu Bündnissen — Ein Zug der SVP, der gerade bei jenen bürgerlichen Politikern auf Unverständnis stösst, die sich für einen Schulterschluss mit der Rechtspartei einsetzen, ist ihr Umgang mit potenziellen Partnern. Es sei «extrem schwierig», eine gewisse Brückenfunktion zwischen den beiden Parteien einzunehmen, sagt etwa der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Die SVP erweist sich immer wieder als unwillig oder unfähig, Allianzen zu schmieden und Bündnisse einzugehen. Pfister spricht von «klimatischen» Faktoren, die Auswirkungen auf die konkrete Politik hätten: «Ich verstehe die Attacken auf den Freisinn nicht.» Einen bürgerlicheren Präsidenten, als Philipp Müller es sei, werde die FDP so bald nicht wieder haben. Das zeige, dass der SVP nach wie vor mehr an ihrer eigenen Profilierung gelegen sei als daran, Mehrheiten im Parlament zu finden.

Ähnlich sieht es der ehemalige SP-Präsident Peter Bodenmann: Er hält die SVP für «total isoliert». Wer ernstlich Mehrheiten im Parlament schaffen und wieder einen zweiten Bundesrat stellen wolle, der müsse die anderen pfleglich behandeln und dürfe sie nicht ständig beschimpfen, selbst wenn die Vorwürfe zuträfen. Schweigen im richtigen Moment wäre klüger.

Diese Deutung hat etwas für sich. Denn mit Sprüchen wie «Wir und die anderen», mit ihren zahlreichen Volksinitiativen und mit ihrer Doppelrolle als Regierungs- und Oppositionspartei, die als einzige für die angeblichen oder wirklichen Interessen des Landes einstehe, hievt sich die SVP selbst immer wieder in die Position des Systemrebellen: «Einer gegen alle».

Die Volkspartei braucht sich deshalb nicht zu wundern, dass sie in Majorzwahlen häufig weit hinter ihren sonstigen Erfolgen zurückbleibt. Zwar stellt die SVP etwa in den Kantonen Schwyz und Nidwalden gleich zwei Re­gierungsräte. Aber vor vier Jahren haben Schwergewichte wie Präsident Toni Brunner (SG) den Sprung ins Stöckli spektakulär verfehlt. Es ist der SVP nicht gelungen, die traditionelle Machtbasis von CVP und FDP in der Kleinen Kammer zu knacken.

Fehlende Machtbasis in Verwaltung und staatsnahen Betrieben — Ein weiterer Schwachpunkt, der kaum je diskutiert wird: Die SVP ist trotz ihrer Wählerstärke an vielen wichtigen Schaltstellen nicht vertreten. Bei den Richtern hat sie langsam aufgeholt. In der Verwaltung hätte sie indes kaum Ansprechpersonen, klagt ein SVP-Nationalrat. Das wäre aber umso bedeutender, als manche Beobachter davon ausgehen, dass die wahre Macht in Bern eher in der Bürokratie denn bei Regierung und Parlament zu suchen ist.

In den Führungsgremien der SRG, welche die meinungsbildenden öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender trägt, findet man SVP-Leute ebenfalls kaum. Dasselbe gilt für die Aussenpolitik, welche die Partei doch so wuchtig auf die Agenda setzt, und für das diplomatische Korps. Die Botschafter mit SVP-Parteibuch lassen sich an einer Hand abzählen. Die Mehrheit der Diplomaten neigt gemäss Insidern zu den Sozialdemokraten.

Was macht eigentlich Ueli Maurer? — Zu den Schwächen der SVP zählt nicht zuletzt ihre dünne Präsenz in der Regierung. Natürlich ist sie nur bedingt dafür verantwortlich zu machen, dass sie keinen zweiten Bundesrat stellt und dass die anderen Parteien vorsätzlich und wiederholt die Konkordanz verletzen. Doch auch unter den gegebenen Umständen einer Ein-Mann-Vertretung bleibt die Performance im Bundesrat zwiespältig. Die Frage kommt auf: Was macht eigentlich Ueli Maurer?

Sein wichtigstes Geschäft, die verteidigungsunfähige Armee wieder auf Vordermann zu trimmen, kommt nur schleppend ­voran. Es entsteht der Eindruck, dass Fortschritte an der ­einen Front mit Rückschritten an der anderen erkauft werden. Die Weiterentwicklung der ­Armee (WEA) verkauft das VBS als Stärkung der erlahmten Kräfte. Doch verschiedene ­Milizverbände und hochrangige Offiziere ­sehen es anders. Für sie heisst WEA «weiterer Armeeabbau».

Bei SVP-Bundesrat Maurer vermisst man Hartnäckigkeit und Schwung. Die unsicheren Zeiten – Krieg in Europa und angrenzenden Gebieten, Migrantenwellen, islamistischer Terror – würden geradezu danach schreien, dass der Verteidigungsminister sein Gewicht öffentlichkeitswirksam in die Waagschale würfe. Fehlanzeige. Ausser einer sofort wieder relativierten Intervention zur Neutralität in einem Weltwoche-Interview (Nr. 12/14) war von Maurer in den letzten Jahren wenig zu hören. Letzte Woche irritierte er mit der Aussage, die Schweiz könne locker 50 000 Migranten in ­Zivilschutzbunkern aufnehmen.

Im Regierungsgremium schreibe Maurer zwar munter Mitberichte, doch seine Anliegen bringe er praktisch nie durch, sagen Insider. Seit dem Volks-Ja zur Masseneinwanderungs­initiative sei er noch isolierter als zuvor. Die anderen Bundesräte erlebten Maurer als Janus­kopf: gegen aussen mit dem alten SVP-Image, im Gremium aber als kooperativ bis harmlos. SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga lobte ihn kürzlich für die Zusammenarbeit im Asylbereich. Der Einfluss der grössten Schweizer Partei in der Regierung bleibt marginal.

Das schwierige Erbe Blochers — Die grosse Frage der Zukunft wird sein, was mit der SVP nach dem Abtreten Christoph Blochers passiert. Er ist die Klammer, die die widerstrebenden Segmente zusammenhält. Die Stärke der SVP komme von «der Kraft der Ideen und der Richtigkeit ihrer Positionen», sagt CVP-Mann Pfister. Heute würden deshalb auch viele schwächere Figuren gewählt – gleichsam mitgetragen vom überragenden Geist aus Herrliberg, der den anderen strategisch meist zwei, drei Schritte voraus ist.

Doch was kommt danach? Als Unternehmer, der die Nachfolge in seiner Firma geregelt ­habe, kümmere sich Blocher erstaunlich ­wenig um die künftige Führung der Partei. Er denke zu dynastisch, installiere bloss seine Getreuen, so Pfister. Das könnte zur Hypothek werden: Bei allfälligen Misserfolgen könnte sich die Unzufriedenheit gegen sie wenden.

In der Nach-Blocher-Ära kämen womöglich «die Wünsche der Modernisierungsverlierer» wieder stärker auf die Agenda, sagt Peter Bodenmann. Blocher sei ein double bind-Typ, ­einer, der unterschiedliche Milieus gewinnen könne, vom Zürcher Banker bis zum Berner Bauern. Die grosse Stärke der SVP – ihr einzigartiger ­liberalkonservativer Zuschnitt – könnte also früher oder später auf dem Spiel stehen.

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