Mythos und Wahrheit

In diesem Jahr reiht sich Gedenktag an Gedenktag: Morgarten (1315), Marignano (1515), Wiener Kongress (1815), das Ende des Zweiten Weltkrieges (1945). Die Schweiz ist eine grossartige ­Erzählung – und ohne ihre Mythen nicht zu verstehen.

Von Peter Keller

Wäre Steven Spielberg Schweizer, er hätte ­diesen Stoff schon lange in ein packendes ­Drama verwandelt. Vor fünfhundert Jahren ­erleiden die Eidgenossen bei Marignano eine wüste Schlappe. Die Ereignisse um 1515 böten alles, was sich Hollywood wünscht: saftige ­Geschichten, tragische Helden, jede Menge Action . . . nur kein Happy End. Am Ende krepieren Tausende Tellensöhne auf den Äckern vor Mailand. Kein Grund zum Jubeln – aber ein Anlass zum Nachdenken über die Schweiz und ihren historischen Seelenspeicher.

Was tut sich Anfang des 16. Jahrhunderts? Spanien, Frankreich, die Habsburger, der Papst bekriegen sich in Norditalien. Es geht um die Lombardei und ihr Filetstück Mailand. Mittendrin mischen die Schweizer mit. Sie ­liefern Söldner à discrétion und gerne an den Meistbietenden. Mal kämpfen sie für den ­französischen König, mal gegen ihn. Mal bringen sie die Mailänder Herzöge an die Macht, um sie wieder schmählich im Stich zu lassen.

Der englische Humanist Thomas Morus ­(1478–1535) ätzte, die Eidgenossen würden für ihren Sold zwar mit Eifer und «unerschütterlicher Treue» fechten – aber nur auf Zeit. Schon am nächsten Tag gingen sie zum Feind über, «wenn ihnen dieser höheren Sold bietet».

Das kriegerische Hin und Her beschäftigt auch Niccolò Machiavelli (1469–1527), den kühlen Analytiker der Macht. Mit der Ein­nahme Mailands 1513 hätten die Schweizer ­ihre Maske endgültig fallenlassen, so der italienische Staatstheoretiker, endlich betrieben sie Grossmachtpolitik auf eigene Rechnung. Er sieht in den Eidgenossen Wiedergänger der ­alten Römer und ihrer Bürgersoldaten. Die von Machiavelli bewunderten «Svizzeri» erobern gerade das Eschental mit dem Hauptort Domodossala, sie besetzen die Landschaften von Mendrisio, Balerna, Locarno und Lugano, schlagen bei Novara Frankreich, den ärgsten Rivalen um die Vorherrschaft in Norditalien, und installieren in Mailand mit Massimiliano Sforza einen Marionettenherzog.

Heilsame Niederlage

Wer kann diese entfesselten Alpenkrieger noch stoppen? Als der für seine Knauserigkeit bekannte französische König Ludwig XII. seinen vertraglichen Soldverpflichtungen nicht nachkommt, tauchen die Eidgenossen 1513 vor Dijon auf und ziehen nur gegen ein sattes ­Lösegeld wieder ab: umgerechnet zweieinhalb Tonnen Gold wird den Belagerern zugesichert. Sind hier noch Helden am Werk? Oder bloss geldgierige Raufbolde?

Die Fallhöhe war enorm. Seit zweihundert ­Jahren gelten die Schweizer als unbesiegbar, seit sie in einem ersten Gemetzel bei Morgarten (1315) Herzog Leopold I. und sein habsburgisches Gefolge in die Flucht getrieben hatten. ­Inzwischen kämpfen die Eidgenossen schon lange nicht mehr als Underdogs gegen ihre ­Unterdrücker. Im Gegenteil: Sie mischen selber mit im Konzert der Grossmächte. An ihrer militärischen Schlagkraft kommt keiner vorbei. Nicht einmal Könige und Kaiser. Schweizer Schlachthaufen zertrümmern das Burgunderreich Karls des Kühnen (1476/77) und weisen den deutschen König Maximilian in die Schranken, indem sie den Grenzkrieg am Rhein für sich entscheiden (Schwabenkrieg, 1499).

Und nun der Totalcrash bei Marignano. Der 14. September 1515 wird sich, wenn auch mit Verzögerung, ins kollektive Gedächtnis der Schweiz fressen. Die Unbezwingbaren ziehen ab. Geordnet zwar, aber besiegt durch die ­französischen Truppen und ihre Verbündeten. Über die Bedeutung der Niederlage wird erbittert gestritten: Sind hier die Anfänge einer schweizerischen Selbstbeschränkung angelegt? Oder ist der Mythos Marignano nur eine Konstruktion aus dem 19. Jahrhundert, bis heute als Abschottungspropaganda missbraucht «gegen eine friedliche Souveränitätspartnerschaft mit dem multilateralen Eu­ropa», wie der Historiker Georg Kreis glaubt?

Selbstverständlich fiel die schweizerische Neutralität 1515 nicht einfach vom Himmel. Aber die Wirkungsmacht von Marignano ist mehr als das wissenschaftliche Zusammenkehren von Daten und Fakten. Es gibt eine dritte Dimension. «Für jede Nation verdichtet sich ihre historische Herkunft in erregenden Geschichten, die man erzählt bekommt und weitererzählt», sagt der Literaturwissenschaftler Peter von Matt. «Sie reden vom ­richtigen und vom falschen Handeln.»

Peter von Matt illustriert seine Verteidigung des Mythos anhand der Geschichte von Wilhelm Tell, einer aus Dänemark geklauten ­Sage. Erst bei uns habe das Killermärchen jedoch ­eine Sendung bekommen. «Es teilte dem Volk eine politische Wahrheit mit. Sie lautet: Der Gehorsam im Staat hat seine Grenzen. Untertanengeist darf nie überhandnehmen. Und keine Situation ist so schlimm, dass man nicht doch noch etwas unternehmen kann.Dies aber geschieht immer auf doppelte Weise: durch Einzelne und gemeinsam. Ohne den Eigensinn des Einzelnen wird die Gemeinschaft zur Herde. Ohne das Zusammenspannen mit den andern wird der Einzelne zum Eigenbrötler.» Schiller hat das Stück mit Blick auf die Französische Revolution und seine besetzte Heimat 1804 vollendet. Hitler untersagte die Aufführung des «Tell». Er misstraute dieser Geschichte von Tyrannenmord und Freiheitskampf. Keine schlechte Referenz. Umso mehr verwundert der übellaunige, nicht selten selbstquälerische Umgang mit der Schweiz und ihren Mythen, wie er auch in der aktuellen Debatte hervorbricht.

Die von jüngeren Schriftstellern gegründete Plattform «Kunst und Politik» mochte nicht einmal das Gedenkjahr abwarten, um ihrer versammelten Abscheu öffentlich Ausdruck zu geben. Unter dem Motto «Hurra, verloren! 499 Jahre Marignano» wandten sich verschiedene Autorinnen und Autoren gegen die angebliche Instrumentalisierung der Ereignisse von 1515. «Wir meinen, das ist kein Grund zum Feiern. Weder wurde mit der Niederlage des zerstrittenen Staatenbundes der Mythos der Neutralität begründet, noch bietet sich das grössenwahnsinnige Gemetzel von damals an, um heute damit Wahlkampf zu führen.»

Mit dem Begriff «grössenwahnsinniges Gemetzel» waten die Marignano-Verächter allerdings selber – wenn auch ungewollt – knietief im mythischen Sumpf. Nichts anderes sehen nämlich die Verteidiger der Schweizer Neutralitätstradition in der blutigen Klatsche: eine Strafe, eine heilsame Niederlage, die längst fällige Weichenstellung der Eidgenossenschaft in Richtung Selbstbescheidung.

«Liebhaber des Betrugs»

Und es tut sich ein weiteres, ärgerliches Di­lemma auf für die Marignano-Kritiker: Mit ­jedem Satz, mit jeder Tirade schreiben sie die Geschichte des ach so verhassten Mythos letztlich fort. Wenn sie es, wie Pedro Lenz, in weltläufigem Berndeutsch tun, wirkt dieses Anrennen allerdings fast wieder herzig.

Dabei hat das Motiv der Kritik ein mindestens so langes und schillerndes Vorleben wie der Mythos selbst. Rund um den Schwabenkrieg (1499) sei der Ruf der Schweizer, auf Iso­lation versessene Egoisten zu sein, erstmals schriftlich aufgetaucht. «Ein dauerhaftes Klischee», wie der Bruder-Klaus-Biograf Pirmin Meier anfügt, um dann den deutschen Abt und Humanisten Johannes Trithemius (1462–1516) zu zitieren. Er wolle nicht urteilen, schreibt dieser, ob die Schweizer eine gerechte oder ungerechte Ursache zum Krieg hatten, aber das wolle er sagen und der Nachwelt überliefern, «dass diese Leute übermütig, den Fürsten feind, aufrührerisch und schon seit langem widerspenstig und ungehorsam gegen ihre Herren, von Verachtung gegen andere, von Anmas­sung in sich selbst erfüllt, im Kriege hinterlistig und Liebhaber des Betrugs, im Frieden nie recht beständig sind, dass sie der Gerechtigkeit in dem, was sie von Rechts wegen schuldig wären, nicht nachfragen, namentlich darin, wo es sich um ihre angemasste Freiheit handelt».

Ein wenig schmeichelhaftes, aber vielleicht deswegen umso treffenderes Porträt der alten Eidgenossen und ihrer «angemassten Freiheit». Schon lange seien diese widerspenstig, ungehorsam, den Fürsten feind.

Eine nächste Konstante der Schweiz wird sichtbar – und ein weiterer Jahrestag in diesem so geschichtsträchtigen 2015 drängt sich auf: Bei Morgarten liefern die Eidgenossen die erste ­dokumentierte Auseinandersetzung mit ihrem nachmaligen «Erbfeind» Habsburg. 700 Jahre liegen mittlerweile zwischen diesen Geschehnissen – und reichlich mythischer Nebel. «Wie die Steinböcke» seien die Schwyzer und ihre Helfer von den Hängen gestürzt und hätten die Ritter mitsamt ihren Pferden in den Sumpf des nahen Ägerisees getrieben, wo sie elendiglich versoffen oder mit der Streitaxt erschlagen ­wurden (Johannes von Victring um 1340).

Die Wahrheit ist, wie immer, etwas profaner. Die rebellischen Talbewohner hatten kurz davor das Kloster Einsiedeln geplündert, die armen Mönchlein entführt, ihr Vieh gestohlen, Opferstöcke aufgebrochen, Grenzsteine versetzt. Der nächtliche Überfall auf die ehrwürdige Abtei hatte endgültig deren Schutzmacht Habsburg auf den Plan gerufen. Doch die Straf­expedition Leopolds scheitert – und damit auch ihr eigentlicher Zweck: die kurz zuvor erworbene Landesherrschaft in diesen Gebirgstälern durchzusetzen.

So sieht es auch der Chronist Johannes von Winterthur, der die Aufmüpfigkeit der Schwyzer erstaunlich früh – um 1340 – beim Namen nennt: «In dieser Zeit, im Jahre des Herrn 1315, entzog sich ein Bauernvolk [. . .] dem Gehorsam, den Steuern und den gewohnten Dienstleistungen, die es dem Herzog Lüpoldus schuldete, und rüstete sich zum Widerstand gegen ihn. Da nun Herzog Lüpoldus dies nicht hingehen lassen wollte, sammelte er, in grossem Zorn entbrannt, [. . .] ein Heer [. . .], um jene gegen ihn aufrührerisch gewordenen Gebirgsbewohner zu bekämpfen, auszuplündern und zu unterjochen.»

Zu Recht mahnen Historiker an, es habe zu dieser Zeit haufenweise Bündnisse gegeben ähnlich dem Bundesbrief von 1291. Unmittelbar auf Morgarten folgt denn auch ein zweiter Vertrag. Was neu ist: Der Brief von Brunnen ist in der Sprache des Volkes, Deutsch, geschrieben und exakt datiert. Ganze Passagen aus dem Bundesbrief von 1291 werden übernommen. Erstmals ist von «eitgenozen» die Rede.

Im Wesentlichen sichert das nüchtern gehaltene Dokument den Landfrieden – und damit auch die Vormachtstellung der einheimischen Geschlechter. Trotzdem wird in den Ereignissen um 1300 ein Charakterzug sichtbar, der zweihundert Jahre später dem königstreuen Humanisten Johannes Trithemius aufstösst: das antiautoritäre Verhalten dieser Bergler. Sie überfallen das Kloster Einsiedeln und riskieren damit die Exkommunikation durch den Bischof von Konstanz. Sie stemmen sich gegen die aufstrebenden Adelshäuser. Man wolle «keine fremden Richter», heisst es im Bundesbrief von 1291, sich «nicht beherren lassen» im Brief von Brunnen 1315.

Das Ergebnis zählt

Letztlich siegt am Morgarten der Pöbel über die Edlen. Ein paar Jahrzehnte später wird das eidgenössische Bauernheer die Habsburger Herren sogar auf offenem Felde ein zweites Mal vernichten: 1386 bei Sempach. Das Projekt Selbstbestimmung nimmt Fahrt auf. Die intellektuelle Klasse reagiert mit anhaltender ­Abscheu. Jakob Wimpheling (1450–1528), ­Humanist und Historiker, verfasst 1504 ein schriftliches Gebet zur Bekehrung dieses Schweizervolkes – «aus Erbarmen mit seiner Einfalt», wie er einleitend präzisiert. Möge es endlich die «Herrschaft des unleidlichen Pöbels» ablegen und «wieder zur Einheit des ­heiligen Reiches» und zum «Gehorsam» gegenüber den Königen gebracht werden. Wie die Klagen sich über die Jahrhunderte ähneln: hier das störrische Volk von Isolationisten, da die aufgeklärten Eliten. O du heiliges Reich europäischer Union.

Das Ergebnis zählt. Während ringsherum Monarchien und Reiche untergingen, der ­halbe Kontinent in fürchterlichen Kriegen ­versank, ist die Schweiz einigermassen gut davongekommen. Man könnte auch sagen, sie hat sich durch die Geschichte gemogelt. ­Wa­rum nicht? Das Ergebnis zählt – so wird in der Realpolitik abgerechnet.

Dass die Schweiz allein ihrer Neutralität ­wegen von grösseren Konflikten verschont wurde, wäre vermessen zu behaupten. Die Neutralität jedoch bloss als verlogene Abschottungsmaxime hinzustellen, ist nicht minder naiv. Um nochmals den unverdächtigen Johannes Trithemius zu zitieren: Er mahnt schon vor (!) Marignano die Schweizer zu mehr Zurückhaltung, und zwar ausdrücklich mit dem Hinweis auf Bruder Klaus, den grossen Versöhner im innereidgenössischen Knatsch um die Aufnahme von Freiburg und Solothurn in den Bund (Stanser Verkommnis von 1481). Vieles habe der Obwaldner Eremit den Eidgenossen vorausgesagt, so Trithemius, unter anderem dies: «Wenn ihr in euren Grenzen bleibt, so kann euch niemand überwinden, sondern ihr werdet euern Feinden zu jeder Zeit überlegen und Sieger sein. Wenn ihr aber, von Habsucht und Herrschsucht verführt, euer Regiment nach aussen zu verbreiten anfanget, wird eure Kraft nicht lange währen.» Der Luzerner Geschichtsschreiber Johannes Salat (1498–1561) wird diesen Bruder-Klaus-Ratschlag im berühmten Wort «Machet den Zaun nicht zu weit!» verdichten.

Mythen als Notvorrat in Krisenzeiten

Ein Mythos reift wie ein guter Wein. Das Schweizer Neutralitätsprinzip nahm nach Marignano Gestalt an – ohne deswegen in Weihrauch aufzugehen. Nach der Reforma­tion war die sonst schon notorisch zerstrittene Eidgenossenschaft ohnehin nicht mehr in der Lage, eine gemeinsame aussenpolitische Territorialpolitik zu fahren. Es glich einem Wunder, dass das konfessionell gespaltene Staatengeflecht trotz zweier Glaubensbürgerkriege (Kappel 1529 und 1531) überleben konnte. Die frühen Mythen, der gemeinsame Befreiungskampf lieferten die nötige geistige Klammer – neben einer gehörigen Portion Pragmatismus. Die Eidgenossenschaft war geübt darin, Konflikte auszutarieren. Handfeste gemeinsame Interessen, wie die 1415 eroberte gemeine Herrschaft Aargau, überwogen schliesslich gegenüber dem konfessionellen Hickhack.

Nicht zufällig bildet der Rückgriff auf die Wurzeln der Eidgenossenschaft immer wieder einen mentalen Notvorrat in Krisenzeiten: sei es nach der Reformation, rund um die Gründung des Bundesstaates von 1848 oder vor dem Zweiten Weltkrieg, wo mit der geistigen Landesverteidigung bewusst an die Widerstands­tradition angeknüpft wurde. Sie war der Impfstoff gegen die ideologischen Versuchungen der Zeit – auch wenn verschiedene Schweizer Exponenten mit dem «neuen Europa» der ­Nationalsozialisten sympathisierten.

Dass die Linke heuer vornehmlich das Kriegsende von 1945 begehen will, ist verständlich und auch löblich. Dankbarkeit ist nicht der schlechteste Umgang mit solchen ­Ereignissen. Ehrlich wäre allerdings, in diesem Zusammenhang die Rolle der Neutralität und das psychologische Genie General Gui­sans ebenfalls zu würdigen: Er hat gerade als Romand die einigende Kraft der mythischen Tradition rund um die Willensnation Schweiz erkannt und nicht nur mit dem Rütlirapport weitergeführt. Dass die Verantwortungsträger in dieser Zeit auch Fehler begangen haben, ist klar. Aber mal ehrlich: Wer hätte am Vorabend des Zweiten Weltkrieges auf diesen eingepferchten Kleinstaat mitten in Europa gewettet? Man hüte sich deshalb vor moralistischen Urteilen im Nachgang. Sie sind nicht weniger kleingeistig als die Verklärung der Schweiz, wie sie nach 1945 zeitweilig einsetzte.

Ohne Weihrauch, ohne Ma­sochismus

Die Schweizer Neutralität ist eine Notgeburt: flexibel gegen aussen, überlebenswichtig nach innen. Auf wessen Seite hätte sich die Eidgenossenschaft nach der Reformation denn schlagen sollen, ohne gleichzeitig die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen? Faktisch lieferten die alten Orte ihre Söldnerkontingente nach ganz Europa: zu den katholischen wie den protestantischen Mächten. Neutralität als Geschäftsprinzip.

Ansonsten versuchte die Eidgenossenschaft, sich aus den Auseinandersetzungen weitgehend rauszuhalten. Interessanterweise war es gerade der grosse europäische Konfessionskrieg von 1618–1648, der die katho­lischen und reformierten Orte wieder näher zusammenführte: Im Bemühen um die ­Unversehrtheit und Neutralität des Landes vereinbarten sämtliche Kantone die Aufstellung eines gemeinsamen Heeres unter einem gemeinsamen Kriegsrat (Defensionale von Wil, 1647). Damit war zugleich der Übergang zur bewaffneten Neutralität vollzogen. Die Unabhängigkeit sollte notfalls verteidigt ­werden – um nicht bloss auf den Goodwill ­jeweiliger Grossmächte zu spekulieren, auch wenn diese die immerwährende Neutralität der Schweiz am Wiener Kongress von 1815 ­offiziell anerkannt hatten.

Immer etwas antiautoritär, unzeitgemäss, störrisch. Die Schweiz fuhr nicht schlecht mit dieser Mischung und ihrer fast genetisch verankerten Skepsis gegenüber den ganz grossen Würfen. Marignano liefert stellvertretend den mythischen Steinbruch. Mitten unter den Kriegern befand sich übrigens ein noch unbekannter Glarner Feldprediger: der spätere ­Reformator Huldrych Zwingli.

Unter dem Eindruck des sinnlosen Gemetzels wird er wider die Reisläuferei predigen und Zürich für rund hundert Jahre aus dem Soldgeschäft bannen. Sein wortmächtiges Plädoyer liest sich bis heute frischer als manche der reichlich abgehangenen «Kunst und Politik»-Polemiken, zumal Zwingli mit den eidgenössischen Mythen spielt, indem er diese gegen seine Zeitgenossen richtet. Ihre Vorfahren seien aus ganz anderen Gründen in den Krieg gezogen, stichelt der Zürcher Reformtheologe, «die wollten die fremden Herren nicht in unseren Ländern leiden; und jetzt geleiten wir sie selbst hinein, sofern sie viel Geld haben, und verteilen die Sache so, dass einige das Geld, ­einige aber die Streiche auflesen [. . .].» Das sass. Die alten Eidgenossen kämpften für ihre Freiheit, ihre Enkel ­lassen sich von den Nachfahren der früheren Vögte kaufen.

Was bleibt? Durch die sture Parole «Mythos oder Wahrheit» seien viele markante Überlieferungen aus dem Bewusstsein des Volkes ­vertrieben worden, deren politischer Gehalt wichtig wäre für das Nachdenken über das Land, sagt Peter von Matt. Dieses Jahr bietet ­einige Gelegenheiten, die «beschädigte Erinnerungskultur» wieder zu beleben. Ohne Weihrauch, aber auch ohne Nationalma­sochismus. Mythos und Wahrheit heisst der Ansatz. Denn die Schweiz ist eine grossartige Erzählung.

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