«Schweiz ist Cervelat»

Ein Werkstattbesuch beim Schweizer Schriftsteller Peter Bichsel und ein Gespräch über Fussball, Patriotismus und Gott.

Von Roger Köppel und Nathan Beck (Bilder)

«Solothurn ist überall»: Schriftsteller Bichsel an seinem Schreibtisch in Solothurn. Bild: Nathan Beck

Sein persönlicher Kraftort, erzählt Peter Bichsel am Telefon, sei sein Arbeitszimmer in der Solothurner Altstadt, mittlerweile ­eine Art «Heimatmuseum». Von Bekannten ist mir mitgeteilt worden, dass ich nicht ­unbedingt zu Bichsels Lieblingsjournalisten gehöre, doch der Schriftsteller, auf die ­Gerüchte angesprochen, schmunzelt mit unverwechselbarer Nasalstimme durch den Hörer, ich solle ihn im Restaurant «Kreuz» an der Aare abholen.

Draussen regnet es wie aus Kübeln. Bichsel empfängt mich im Kreuz, jener Solothurner Sehnsuchtsraststätte, die früher von Literaten, Filmfreunden, Rockmusikern und Aussteigern bevölkert wurde. Heute sei es etwas anders, deutet Bichsel an, neues Publikum, freundlich, aber man kenne ihn, den Stammgast seit Jahrzehnten, vermutlich gar nicht mehr. Trotzdem komme er regelmässig. Er trinkt seinen Espresso aus und zahlt.

Wir steigen durch den schmalen Eingang neben einem Modehaus die Treppen hoch. Der Schriftsteller schliesst die Tür auf. Es öffnet sich ein aus der Zeit gefallener Raum voller Bücher, Möbel, Bilder, Fotos, Pflanzen, Collagen, getrockneter Blumen und CDs (Klassik, Jazz, Free Jazz). An den Wänden hängen Ausschnitte aus Bichsels Biografie in Erinnerungsstücken. Nichtsahnend setze ich mich aufs Sofa unter der eingerahmten Originalpfeife Max Frischs. An der Wand gegenüber ist, wie mir der Hausherr berichtet, die offizielle Todesanzeige der Volksrepublik China zum Tod von Mao Zedong aus dem Jahr 1976. Das Scheitern des real existierenden Sozialismus, schrieb Bichsel, habe ihn nicht daran gehindert, Sozialist zu bleiben.

Liest man seine bekanntesten politischen Schriften, vor allem den Suhrkamp-Band «Des Schweizers Schweiz», fällt auf: Bichsels Zeitkritik zielt auf die von ihm als selbstgerecht empfundene Schweiz, auf die «vorschnelle Versöhnung» und den «Verzicht auf grundsätzliche Diskussionen». Seine Dia­gnose einer «Demokratie ohne Diskussion» mit einer Presse, die einfach «den offi­ziellen Standpunkt veröffentlicht», richtete sich ­gegen den bürgerlichen Staat der sechziger und siebziger Jahre. Aber Bichsels Befunde haben ihre Aktualität unabhängig von politischen Zeitströmungen bewahrt.

Bevor wir anfangen, erzählt mir der bald achtzigjährige Dichter eine weitere Anekdote. Eigentlich sei er erst dank der Weltwoche zum richtigen Schriftsteller geworden. Ich wusste von seinen Weltwoche-Kolumnen, aber nichts von solchen Fügungen. Ende der sechziger Jahre, sagt Bichsel, habe er, damals noch vollamtlich Lehrer, bei der Weltwoche ein kurzes Volontariat gemacht. Das habe ihm so gut gefallen, dass er sich gleich darauf für eine Stelle beworben und den Lehrerberuf aufgegeben habe. Das Glück freilich währte nur kurz. Nach wenigen Wochen bekam Bichsel Krach und kündigte wieder. Der Bruch mit der Zeitung habe ihn zum Berufsschriftsteller gemacht.

Heute ist Bichsel, wie Woody Allen 1935 geboren, der Inbegriff des Schweizer Literaten, Grandseigneur und lebende Legende, Ziehsohn von Max Frisch, Bundesratsberater, politisch stets engagiert, aber ausgestattet mit ­einer vermutlich herkunftsmässig bedingten Liebenswürdigkeit, die ihn zu einem genialen, subtilen Erzähler machte. Seine Bücher tragen Titel wie «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen», «Kindergeschichten» oder «Der Busant. Von Trinkern, ­Polizisten und der schönen Magelone». Er schrieb Kurz- und Kürzestgeschichten, Gedichte, einen Roman. Inzwischen sind die Kolumnen, die er für die Schweizer Illustrierte schreibt, sein Hauptwerk. Er hat viele Preise gewonnen, zuletzt den Grossen Schillerpreis.

Herr Bichsel, wenn Sie heute an die Schweiz denken, was beschäftigt Sie?

Noch immer denke ich an das letzte Spiel der Schweizer Nationalmannschaft gegen Argentinien, das so knapp verlorenging. Das Grauenhafteste am Fussball ist, dass er ­einen zum Patrioten macht. Auch ich ­werde zum Patrioten. Das ärgert mich, aber ich kann’s nicht ändern.

Warum ärgert Sie das?

Weil die Schweiz für mich doch etwas anderes wäre als eine Fussballnation. Sie sehen nie so viele Schweizer Fahnen wie während der Weltmeisterschaft. Das darf ja auch so sein, aber der Staatsgedanke verkommt dabei. Ein Staat ist mehr als Fussball. Für die Schweizer Demokratie scheint sich niemand zu interessieren. Diese Entpolitisierung beunruhigt mich. ›››

Abgesehen vom Fussball, was löst das Wort Schweiz bei Ihnen aus?

Ich habe mal intensiv für diese politische Schweiz gearbeitet, zusammen mit Bundesrat Willi Ritschard. Man ging damals davon aus, dies sei der schlechteste Gesamtbundesrat, den wir je hatten. Derartige Gefühle gibt es ja auch heute. Ich zweifle an der Weisheit solcher Meinungen.

Glauben die Schweizer nicht immer, sie leben unter der schlechtesten Regierung aller Zeiten?

Und genau das ist erfreulich: ein Staats­system, das funktioniert auch mit der angeblich schlechtesten Regierung aller Zeiten. Das spricht für diesen Staat. Ich wäre dagegen, aber man könnte einen Analphabeten in den Bundesrat wählen. Es würde an der Qualität der Regierung überhaupt nichts ändern. Zum Glück.

Was ist die grösste Veränderung, die Sie in der Schweizer Politik wahrnehmen?

Als ich in den siebziger und frühen achtziger Jahren dabei war, hatten wir einen verwalteten Staat, und die sieben Bundesräte waren nichts anderes als Repräsentanten dieser Verwaltung. Dieser verwaltete Staat mag langweilig sein, uninteressant für die Presse, aber wir sind gar nicht so schlecht gefahren damit, auch wenn wir uns manchmal das Gegenteil einreden wollen. Heute beobachte ich, nicht nur in der Schweiz, einen Drang nach mehr Regierung. Noch bis vor kurzem hörte ich in Beizen den Spruch: «Wir brauchten in Bern sieben solche wie ihn.» Damit war Christoph Blocher gemeint.

Was umgehend zu einem Krieg aller gegen alle im Bundesrat führen würde?

Die Folge wäre eine Diktatur. Nicht, dass sich Christoph Blocher eine Diktatur wünschte, auf keinen Fall, er ist Demokrat. Aber der Preis, den wir für unsere Freiheit zahlen, ist eben der Verzicht auf eine Regierung, deren Mangel dann allerdings – wie heute – gerne beklagt wird.

Hat sich die Schweiz während Ihres Lebens zum Guten oder zum Schlechten entwickelt?

Altersgemäss – ich bin bald achtzig Jahre alt und am Jammern – würde ich sagen: zum Schlechten. Ich zweifle aber an der Weisheit des Alters und bin da sehr vorsichtig. Es ist nicht mehr so wie früher. Ist es denn wirklich die Politik, die sich verändert hat? Oder quält mich das Rauchverbot in den Kneipen mehr? Vor allem das Beizensterben: Sie sterben ja nicht, weil da bösartiges Kapital dahintersteckte. Sie sterben, weil es keine Beizengänger mehr gibt. Ich bedauere dies. Aber es gibt eine erfreuliche Kehrseite: Es gibt auch deshalb keine Beizengänger mehr, weil die Frau in die Öffentlichkeit getreten ist. Denn es war vorher eine fürchterliche Männergesellschaft in den Beizen nach Feierabend. Als die Frauen in die Beizen kamen, konnten die Männer auch gleich nach Hause gehen.

Hören wir hier doch ein gewisses Bedauern über das Eindringen der Frauen heraus?

Nein, gar nicht. Aber Sie müssen sehen, es gab in der Schweiz bis vor kurzem diese in Anführungszeichen wunderbare Männerbündelei, die ja immer auch etwas Homoerotisches hatte. Das Bundeshaus war der Tempel dieser Männerbündelei, die Fortsetzung der Studentenverbindungen, in der sich alle anfassten, auf die Schultern klopften. Dass die Männer den Frauen in der Schweiz so lange das Stimmrecht verweigerten, hatte mit dieser Männerbündelei zu tun. Es hatte keine politischen Gründe. Es war ein erotisches Problem.

Was freut, was nervt Sie heute an der Schweiz?

Goethe hat mal gesagt, Amerika hat es gut, es hat keine Geschichte. Inzwischen ist die Schweiz im Unterschied zu Amerika ein geschichtsloser Staat. Die Geschichte der modernen Schweiz, die 1848 gegründet wurde, ist uns unbekannt. Sie wird in der Schule nicht gelehrt. Das ist so, als ob sich die Schweiz für alles, was nach 1800 passierte, schämen würde, vielleicht, weil uns die Demokratie vom Ausland aufgedrängt wurde.Verzicht auf Geschichte heisst: Der Staat ist kein Thema mehr.

Ist das so schlimm?

Ein Land kann nur als Staat überleben. Eine Welt ohne Staaten ist für mich durchaus vorstellbar, aber es wäre eine grauenhafte Vorstellung. Es würde zum Faustrecht führen. Eine Welt ohne Nationen hingegen kann ­eine erfreuliche Vorstellung sein für mich. Goethe sagt in den Gesprächen mit Eckermann zur Französischen Revolution: «Man bezeichnet mich ja als Fürstenknecht, aber damit habe ich nichts zu tun, aber sie werden es noch erleben, Eckermann, wir werden Nationen haben.» Goethe gilt gemeinhin als Schriftsteller, der mit der Politik wenig zu schaffen hat. Heute glaube ich, Goethe hatte ein gutes Gespür für die Politik. Er war ein überzeugter Antinationalist. Der Satz: «Ich hasse alles Deutsche», stammt von Goethe. Oder der Satz: «Bei der Ansicht deutscher Gotik wird mir übel.»

Gab es Momente, in denen Sie gesagt hätten: «Ich hasse alles Schweizerische»?

In der Kleinräumigkeit kann diese Art Selbsthass kaum entstehen. Die Schweiz hat auch etwas Liebliches. Schweiz ist für mich auch Brot und Cervelat. Im grossen Raum gibt’s das nicht. Aber ich vermute, man findet nicht mal einen bayerischen Kommunisten, der sagen würde: «Ich hasse alles Bayerische.» Zumindest Weisswurst hat er wohl gern.

Ist es nicht erstaunlich, wie erfolgreich, friedlich und harmlos die Schweiz durch die letzten, in Europa enorm kriegerischen 150 Jahre gekommen ist?

Selbstverständlich denke ich da auch dran rum. Sicher war ich mal ein radikalerer EU-Befürworter, als ich das heute bin. Meine Überzeugung ist geblieben, aber wissen Sie, wenn ich mir selbst nicht immer wieder widerspreche, habe ich etwas falsch gemacht. Ich mag es, mir zu widersprechen. Ich fürchte, dass wir mit unserem Trotz – ich bin selbst ein trotziger Mensch, ich habe Verständnis für Trotz – am Schluss alles opfern, alles verlieren.

Was macht für Sie den Schweizer, was macht die Schweiz aus?

Haben wir eine Eigenart? Ich weiss es nicht, aber ich glaube, eine Eigenart zu spüren. Ich bin jedoch nicht sicher, ob wir diese Eigenart wirklich haben oder ob es sich hier um ein raffiniertes Kalkül handelt. Kalkül: Wir haben immer profitiert von ausländischen Katastrophen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Schweiz ein Auswanderungsland, sie war kein reiches Land. Inzwischen sind wir das. Und wir sind das durch den Krieg und durch die Nachkriegszeit geworden. Die Schweiz war total verliebt in die Nachkriegszeit. Wehe, wenn die zu Ende geht. Die Schweiz versucht dauernd, diese Nachkriegszeit zu verlängern.

Wie sehen Sie das Verhältnis Schweiz–EU?

Die EU trat als Wirtschaftsverbund an, aber eben auch zu einem gewissen Teil als Friedensorganisation. Und dieser Friede war den Eidgenossen nicht so lieb. Friede ja, aber zu Hause. Es gibt in der Schweiz viele führende Leute, die auf Katastrophe setzen. Wenn die EU zusammenbricht, dann haben wir den Vorteil wieder. Das stört mich sehr an der Schweiz, diese Sicherheit, mit der sie auf ausländische Katastrophen setzt. Auf die Dauer kommt es dann wie an der Fussball-WM: Wer dauernd verteidigt und auf die Fehler der andern setzt, verliert zum Schluss.

Eine Stärke und ein Problem der Schweiz: Konkordanz. Man erträgt es nicht, wenn das Einvernehmen gestört wird.

Die voreilige Versöhnung. Wir haben gar keine richtigen Parteien mehr.

Wie meinen Sie das?

Nehmen Sie meine Partei, die Sozialdemokratische Partei. Für sie zählt nur noch die Bundesversammlung. Die Sektionen darben ohne jede Unterstützung. Der letzte Parteipräsident, den wir noch hatten, war Hubacher. Ihm war es wichtig, dass es im Land politische Zellen gibt. Heute haben wir nur noch eine Partei, die weiss der Teufel nicht meine Partei ist, das ist die SVP. Wenn irgendwo drei zusammen eine Sektion gründen, kommt der Toni Brunner und hält vor diesen dreien einen Vortrag. Ich fürchte, dass die Parteien zu Fördervereinen ihrer Fraktion im Bundeshaus verkommen.

Wie konnte es so weit kommen?

Ich bin ja nicht mal ein 68er. Ich war etwas viel Schlimmeres als ein 68er, ich war ein alter Sympathisant der 68er. Sie haben mich zum alten Mann gemacht. Aber Politik war damals noch eine Feier. Es war lustig. Man kam zusammen und hat von Utopien geträumt, die nicht verwirklicht werden mussten, aber vielleicht . . . Es machte Spass. Auch ohne Erfolge in der Bundesversammlung. Wenn die Politik nur noch im Bundeshaus stattfindet, dann ist es keine Politik mehr. Selbstverständlich bin ich für das Bundeshaus, selbstverständlich bin ich dankbar für die Arbeit, die dort geleistet wird.

Haben Sie Sehnsucht nach einer richtigen Opposition?

Wir haben damals auch von Opposition geträumt, aber es gibt in unserem System ­keine Opposition. Eine Opposition im Volk könnte es geben. Eine ausserparlamentarische Opposition.

Die Schweiz erträgt doch letztlich keine Opposition. Wer den Gottesdienst stört – einst die 68er, heute die SVP –, macht sich unmöglich.

Solothurn ist der typischste, weil versöhnlichste Schweizer Kanton. Hier konnten sich sogar die Freisinnigen mit den Katholiken arrangieren. Selbst wenn es in fünfzig Jahren keinen Freisinnigen mehr gibt im Regierungsrat oder im Kantonsrat – werden die Sozialdemokraten an ihrer Parteiversammlung immer noch sagen, man müsse auf die freisinnigen Wähler Rücksicht nehmen. Solothurn bleibt ein freisinniger Kanton, unabhängig davon, ob es die Freisinnigen noch gibt. Also eine Stabilität zum Kotzen. Diese Konsensversessenheit, die Sie ansprechen, hat wohl auch mit unserer Sprache zu tun, vor allem das Schweizerdeutsche ist von ­einer wunderbaren Unverbindlichkeit. Es ist ein Unterschied, ob man sagt: «Ich hasse die Armee» oder: «E ha ­d Armee haut ned so gärn». Unsere Mundart hat eine wunderbare Tendenz zur dauernden Versöhnung.

In der Schweiz müssen alle gut miteinander auskommen, weil man sich nicht aus­weichen kann.

Es ist alles nicht so schlimm, man kann alles so schön wegreden. Gut, eine linke Sozialdemokratin hat ihre Feinde – im Parlament. Aber in Wirklichkeit ist sie befreundet mit ihren Feinden: «Hallo Hans, wie geht’s deinen Kindern? Hat dein Sohn die Abschlussprüfung bestanden?» Die Bundesversammlung ist ein Verein. Das gibt es nun wirklich nirgends auf der Welt. In der Bundesversammlung ist es schön, lustig und bequem. Alle sind so nett. Natürlich ärgert mich das, aber das ist Schweiz.

Sie haben sich mal als «leidenschaftlichen Pessimisten» bezeichnet. Doch wenn alle Pessimisten wären, fügten Sie an, würden Sie Optimist. Ist dieses Gegenläufige Ihr ­Lebensmotto?

Ich hatte das Glück einer pietistischen Jugend. Ich war ein sehr frommer Bub, ich kannte die Bibel auswendig, was ich wohl mit Blocher gemeinsam habe. Ich hatte damals einen tiefen Glauben, heute habe ich das nicht mehr, bin aber immer noch reli­giös. Mein Glaubenssatz lautet: «Ich weiss, dass es keinen Gott gibt, aber ich glaube an ihn.» Ich brauche ihn. Ich brauche ihn für mein Denksystem. Ich brauche ihn, damit mir einer auf die Schultern klopft, wenn ich etwas gut mache, oder der mich kritisiert, wenn ich etwas falsch mache. Wenn mir jemand beweisen würde, dass es Gott gibt, würde ich nicht mehr an ihn glauben. Gott ist für mich als Erfindung eine Realität.

Wie hat Sie nun diese pietistische Jugend geprägt?

Ich habe mir damals angewöhnt, in Minderheiten zu leben. Mein Satz: «Wenn meine Partei, die Sozialdemokraten, 51 Prozent hat, dann trete ich aus.» Mein kindliches und kindisches Frommsein damals, das war im Wissen der Minderheit, im Wissen, dass die Christen eine Minderheit sind.

Je kleiner die Minderheit, desto intensiver der Glaube.

Ich zahle immer noch Kirchensteuern, ohne die Kirchen zu benutzen, aber ich bezahle die Steuern aus Dankbarkeit, weil die Kirche meine einzige Möglichkeit der Emanzipa­tion war.

Emanzipation wovon?

Die Kirche gab mir die Möglichkeit, erwachsen zu werden. Ich hatte wunderbare Eltern. Ich hatte keinen Anlass, mich im Streit von ihnen abzusetzen. Diese Versöhnlichkeit plagte mich schon in der Jugend. Mein Emanzipationsmobil war die Kirche. Das war wohl nicht ihre Absicht. Aber trotzdem zahle ich die Kirchen­steuern gern, denn vielleicht gibt es da draussen auch noch jemanden wie mich, der die Kirche benützen kann als Emanzipationsmaschine. Der wunderbare Satz von Dorothee Sölle: «Christ sein bedeutet das Recht, ein anderer zu werden.» Das war mein Christentum.

Wurden Sie deshalb Sozialdemokrat?

Ja, aber auch ein weiteres Missverständnis machte mich zum Sozialisten: der Western.

Der Western?

Die Gerechtigkeit. Der Gerechte siegt. Hollywood hat diese Filme sicher nicht gemacht, um Sozialisten zu züchten, aber auf mich hatten sie genau diese Wirkung.

Am Schluss siegen die Guten. Glauben Sie noch heute daran? Oder wollen Sie zu den Siegern gehören?

Die moralische Selbstgewissheit ist mir unheimlich. Gehen wir zur Religion zurück. Man bringt mich heute in kein Fussballstadion mehr rein. Dieses üble Kriegsgeschrei halte ich nicht aus. Ich sehe es am Fernsehen. Das sind religiöse Rituale. Im Grunde sind auch alle Kriege religiös. Man erklärt das Vaterland zur Religion, und schon zieht man in den Krieg. Politik ist mitunter säkularisierte Religion – Fundamentalismus.

War die SP für Sie ein Religionsersatz?

Nein. Der Sozialismus hat für uns vorerst als Traum funktioniert. Ich bin nicht mit einer Erlösungshoffnung Sozialdemokrat geworden. Schon den Leuten des Generalstreiks, der zweieinhalb Tage gedauert hat, war klar, dass sie die Umsetzung ihrer ­Forderungen nicht erleben werden.

Wie ordnen Sie den Politiker Blocher ein, der ja so polarisiert wie früher Vertreter Ihrer politischen Richtung?

Es gibt hier etwas Religiöses. Blocher ist ein Missionar. Was mich durchaus auch beeindrucken kann. Er hat eine Mission.

Sie wollten selber Missionar werden.

Er vielleicht auch. Hier liegt etwas Grundsätzliches. Seine Mission ist es, das Vaterland zu retten. Und den grössten Feind des Vaterlandes hat er herausgefunden, so wie der Religiöse in der Apokalypse vom Antichristen spricht: den Staat.

Ist Blocher für Sie ein Problem?

Nein, er ist kein Problem, seine Anhänger sind das Problem. Die Leute, die ihm treu und hörig sind. Was mich hier vor allem stört, ist diese Heiligsprechung unserer Demokratie. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Schweizer Demokratie, die unter ganz anderen Umständen erfunden wurde, etwas veraltet ist. Den Satz «Man kann über alles abstimmen» finde ich sehr gefährlich. Man kann in Deutschland nicht über alles abstimmen. Nicht mal im Parlament, weil es ein unveränderbares Grundgesetz gibt.

Aber die Schweiz...

...überrascht halt auch mich immer wieder mit Vernunftentscheiden. Das ist schon so.

Sie haben den Schriftsteller Max Frisch sehr gut gekannt. Was bleibt von ihm? Was können heutige Generationen von ihm lernen?

Frisch war sehr wichtig für mich, ein väterlicher Freund. Was bleibt von ihm? Ich muss die Frage pessimistisch beantworten: nichts. Literatur und Philosophie sind etwas sehr Aktuelles geworden. Heute zählt die Aktualität, und Frisch ist nicht mehr.

Heute ist es Mode, Frisch kritisch zu sehen.

Ein Thema, das Ihnen gefallen müsste, hat er erfunden: Er hat es fertiggebracht, dass sich junge Autoren um ihn versammelt ­haben. Plötzlich gab es diese Vorstellung ­einer Literatur in der Schweiz. Das war sein Verdienst. Und: Frisch hat ein literarisches Thema erfunden: die Schweiz. Ohne Frisch gäbe es keinen Pedro Lenz, und mich gäbe es auch nicht ohne Frisch. «Stiller» war nicht ein offensichtlich politisches Buch, aber es war eine tapfere Analyse der Schweiz. Dass die Schweiz ein literarisches Thema ist, darauf hat uns Frisch verpflichtet.

Sie waren zwischen 1974 und 1981 Berater und Redenschreiber des legendären SP-Bundesrats Willi Ritschard. Was für eine Erfahrung war das?

Ich war auch sein Beichtvater und fatalerweise sein Freund.

Warum fatalerweise?

Seine Frau hat noch am Telefon von hinten geschrien: «Willi, sag nein!» Sie sagte mir: «Das geht nicht. Willi ist nicht konfliktfähig, das macht ihn kaputt.» Die solothurnische Politik zeichnet sich dadurch aus, ja nichts zu entscheiden. Wenn ein Problem kommt – dann schlecht schlafen und denken: «Es kommt ein Engel, der nimmt das weg.» Aussitzen. Es wurde von Leo Schürmann behauptet, er habe als solothurnischer Oberrichter kein einziges Urteil gefällt. Er habe allen empfohlen, aussergerichtliche Vergleiche zu schliessen. So musste er nicht mal die Akten lesen und hatte nur Freunde. So hat auch Willi politisiert. Solothurn ist überall. Solothurn ist niedlich und schön und ärgerlich. Wir wussten beide, dass uns diese Bundesratszeit in die Resignation treiben würde. Willi war, entgegen seinem Image, kein glücklicher Mensch. Er spielte allerdings wunderbar den einfachen, glücklichen Heizungsmonteur. ­Wäre er so gewesen, wie er gewirkt hat, ­wäre er nie mein Freund gewesen. Mein Freund war der Schweiger Rit­schard, mit dem ich stundenlang auf dem Jura spazierte, ohne dass er auch nur ein Wort ­sagte. Wenn jemand an uns vorbeikam, begrüsste er ihn laut und jovial, fragte ihn aus, um nachher, wenn wir wieder alleine waren, zu schweigen. Der Preis für aktive Politik in der Schweiz heisst mitunter Resignation.

Je höher in der Schweiz ein Politiker steigt, desto weniger kann er regieren.

Das wäre ja ein anarchistisches System. Ich finde es wunderbar. Ich hoffe, dass es noch lange so bleibt.

Ist Ihnen die Schweiz sympathischer oder unsympathischer geworden damals?

Es sind mir in vielem die Augen aufgegangen. Ich habe plötzlich entdeckt, dass es in diesem Staat auch Korruption gibt. Weil der Staat aber als korruptionslos galt, ­durfte sie ja nicht auffallen, und so hatte sie es bequem. Dann die Lächerlichkeit der Geheimnisse in diesem Staat. Willi gab mir Plastiksäcke voller Unterlagen nach Hause, auch sogenannt geheime. Ich las sie durch. Alles lauwarm. «Gib mir das nie mehr», sagte ich zu Willi. Kindischer Blödsinn. Willi wollte zu Beginn seiner Amtszeit einen Bericht über alle Entlassungen in der Schweizer Wirtschaft. Er bekam den Bericht mit dem grossen Stempel «Streng geheim». Das Dossier war sehr unvollständig. Streng geheim war, dass das Departement zu wenig wusste. Der Blick hinter die Kulissen der Politik war eine grosse Enttäuschung, aber auch eine positive. Hinter diesen Kulissen ist gar nichts. Geheimnisse sind nur die Symbole der Macht, also undemokratisch.

Warum schreiben Sie?

Weil ich ein schlechter Fussballer bin.

Sie hätten ja auch Lehrer bleiben können. Wonach streben Sie, wenn Sie schreiben?

Das ist eine falsche Vorstellung, geprägt von Deutschlehrern und Germanisten.

Jeder Autor hat doch eine Botschaft.

Ich habe eine Leidenschaft für Buchstaben. Ohne jede Übertreibung: Das Lernen der Buchstaben in der ersten Klasse bei Fräulein Brotschi in Olten war das grösste Abenteuer meines Lebens. Nichts hat mich mehr beeindruckt. Das Erlebnis war auch religiösen Ursprungs. Ich war buchstabensüchtig, und wir hatten ganz wenig Bücher zu Hause, unter ihnen die Bibel. Lesen ist ein Ritual.

Sie aber sind nicht Leser geblieben, sondern Schriftsteller geworden. Warum?

Die Buchstaben haben mich zum Schriftsteller gemacht. Ich habe mit Buchstaben gespielt, wir hatten Setzkästen in der Schule, damit lernte ich spielen. Mein grosses Glück war die Stadtbibliothek in Olten.

Was war das wichtigste Buch dieser Oltner Anfänge?

Ehrlich: Ich ging in die Stadtbibliothek zu Herrn Wölffli, um Karl May zu holen. Als mich aber Herr Wölffli, der auch Primarlehrer war, fragte, was ich haben wolle, sagte der kleine Snob in mir: «Goethe.» – «Was von Goethe?» Ich antwortete: «Band 1 und 2.» Weil es bei Karl May auch Band 1,2,3, 4 und so weiter gab. Bei Goethe waren es Gedichte, die ich alle gelesen, aber nicht verstanden habe. Ich wollte auch nichts verstehen, ich wollte nur Buchstaben fressen. Ich habe ausschliesslich Gesamtwerke gelesen. Ein letzter Rest des Unverständlichen ist mein geliebter Jean Paul. Ich verstehe ihn nicht. Ich will ihn nicht verstehen. Es ist eine grossartige Unverständlichkeit.

Welche Bücher haben Ihr Leben verändert?

Ach, ich bin nicht ein so leidenschaftlicher Mensch, aber es gibt schon ein paar wichtige Bücher. Goethes «Wanderjahre» ist ­eines meiner Leibbücher, ein Sammelsurium von Frechheiten und Flüchtigkeiten. Das ­möchte ich noch zweimal lesen. Dann alles, was ich so mit 20 und 25 gelesen habe, Faulkner, Hemingway, ein toller Handwerker. Ich habe nie Tagebücher geführt, und die Bücher, die ich in meiner Jugend gelesen habe, sind meine Tagebücher. Nichts erinnert mich so sehr an mich selbst wie die Bücher, die ich gelesen habe. Das ist der Grund, warum ich sie alle nochmals lesen möchte.

Sie haben einmal gesagt, Sie wären am liebsten ein politischer Autor. Das würde man beim Lesen vieler Ihrer bekanntesten Bücher, darunter Kindergeschichten, gar nicht denken.

Ich hatte mal eine Idee, ich könnte im ­Telefonbuch als Berufsbezeichnung hineinschreiben: Sentimentalist. Literatur ist ein sentimentales Gewerbe. Auch ein melancholisches. Trauer ist das höchste der Gefühle. Das Wissen, dass wir endlich sind, das ­Wissen, dass wir sterben, macht uns zu ­Erzählern.

Weil man sich gegen die Vergänglichkeit auflehnen will?

Die Verzweiflung macht uns zu Erzählern. Geschichten sind auch immer besänftigend. Was für einen politischen Autor wiederum ärgerlich ist. Ein Buch über die Erlebnisse im Konzentrationslager kann schön sein und tröstlich.

Hinter allen Katastrophen tröstet Bichsels Augenzwinkern.

Die Literatur an und für sich hat eine Trostfunktion. Selbst der Autor, der aufrütteln will, tröstet, indem er schreibt.

Sucht der Schriftsteller beim Schreiben ­Erlösung, Versöhnung?

Vielleicht am Anfang. Er wird aber sehr schnell merken, dass das nicht funktioniert. In der Psychotherapie hat man die Leute angehalten, Tagebuch zu führen. Mit der ­Folge, dass sie sich häufiger umgebracht haben. Man kann sich die Sorgen nicht vom Leib schreiben. Man schreibt sich alles auf den eigenen Buckel. Da braucht es eine ­unheimlich dicke Haut, dass man das überhaupt erträgt. Und eines Tages, so weit bin ich jetzt dann bald, hat man dann den ­Buckel voll vom Schreiben.

Der Schriftsteller Markus Werner sagte ­einmal, er müsse beim Schreiben im letzten Satz in der Mitte aufhören, damit er am nächsten Tag wieder den Anknüpfungspunkt finde. Den Faden zu verlieren, sei wie Leben oder Untergang. Haben Sie das auch so erlebt?

Hemingway hat das auch empfohlen, immer mitten im Satz aufhören. Ich schätze Markus Werner sehr, ein grosser Autor unserer Zeit. Er ist wirklich einer, der schreiben muss. Ich muss eingestehen: Es muss nicht sein bei mir. Ich muss nicht schreiben. Die Leidenschaft fehlt mir. Ich musste mich immer zum Schreiben zwingen. Und wenn ich nicht den Zwang der Kolumnen kennen würde, gäbe es viel weniger Geschriebenes von mir, eigentlich fast nichts.

Sind Sie durch das Schreiben weiser geworden?

Sicher nicht. Ich bin nicht mal durch das ­Leben weiser geworden. Bildung hat mit Weisheit nichts zu tun. Intelligenz schützt vor Dummheit nicht . . .

Was unterscheidet den heutigen Peter ­Bichsel vom Bichsel früherer Tage?

Ich bin viel schöner geworden.

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