Kommentar

Trittst ab im Morgenrot

Die Rütli-Gesellschaft will eine neue Hymne. Was ihr vorschwebt, ist ein politisch korrektes Lied. Austauschbar wie ein Tempo-Nastüchlein.

Von Peter Keller

Die Frist ist abgelaufen. Über hundert Vorschläge für eine neue Hymne seien ein­gegangen, vermeldete die Schweizerische ­Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) stolz. Nun geht der Wettbewerb in die Endrunde: Bis im Herbst will die selbsternannte Jury eine Auswahl von maximal zehn Titeln präsentieren. Der Sieger wird schliesslich dem Bundesrat unterbreitet – und schon bald soll eine neue Hymne in den Tälern erklingen.

Trittst ab im Morgenrot. Nach Meinung der SGG, Hüterin des Rütli und millionen­schwerer Verein, hat der Schweizerpsalm ausgedient. SGG-Präsident Jean-Daniel Gerber, ein ehemaliger Bundesbeamter, und SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger, ein ehemaliger Jesuitenpater, finden, der jetzige Text sei veraltet und bilde das Land in seiner «politischen und kulturellen Vielfalt» nicht mehr ab.

«Stärkung der Solidarität»

Nun soll eine «zeitgemässe» Variante her – und damit es zu keiner unerwünschten patrio­tischen Fehlzündung kommt, gibt das SGG-Zen­tral­komitee lieber gleich die ideologischen Leitplanken vor: «Als textliche Grundlage für die neue Hymne gelten Inhalt, Sinn und Geist der seit 1999 in Kraft getretenen Präambel der schweizerischen Bundesverfassung.» Die SGG bemühe sich um die «Stärkung der Solidarität», heisst es im Projektbeschrieb weiter, und «um die Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen». Die «moderne Hymne» ­habe ebenfalls «den Zielen der Integration und der Solidarität» zu dienen. Interessant: Die Schweizer Nationalhymne hat also den Vorstellungen der SGG-Spitze zu folgen. Eine ziemlich bizarre Selbsteinschätzung einiger gutbezahlter Vereinsfunktionäre. Nach deren Willen soll nicht mehr die Schweiz besungen werden, sondern der von der SGG definierte internationalistische Zeitgeist.

Tofu in Buchstaben

Was bei solchen Vorgaben herausschauen wird, ist absehbar wie das Wort zum Sonntag: ein politisch korrekt geföhntes Liedchen. Tofu in Buchstaben. Die Einleitung zur Bundes­verfassung liest sich wie ein Bewerbungsschreiben für eine Sozialarbeiterstelle und ist so austauschbar wie ein Tempo-Nastüchlein. Da ist von Frieden und Freiheit die Rede, von «Einheit in der Vielfalt», und pädagogisch leicht angesäuert mahnt der Text das stör­rische Schweizervolk zu mehr «Offenheit ­gegenüber der Welt». Das ist alles schön und nett und furchtbar langweilig.

«Eine zeitgemässe Hymne soll mit mehr Freude und Begeisterung gesungen werden», schreibt die SGG. Die Sprache verrät den Geist. Man tut nur tolerant. Letztlich haben wir es mit einer Befehlsausgabe zu tun: Die Schweizer «sollen» begeistert von Solidarität und ­Integration flöten. Und sind sie nicht willig, droht der Anti-Rassismus-Artikel. Mag sein, dass die bisherige Hymne etwas gar fromm ­daherkommt, aber lieber ein Psalm, der die Herrlichkeit der Schweizer Alpen in Dankbarkeit würdigt, als ein von links oben verordnetes Gesinnungsbekenntnis, wie es die SGG in einem als Wettbewerb getarnten Hymnenputsch zu installieren versucht.

Und wer hat das letzte Wort? Auf einen ­entsprechenden parlamentarischen Vorstoss antwortete der Bundesrat in seiner unnachahmlich verklemmten Art. Er werde eine neue Landeshymne nicht in eigener Kompetenz ­beschliessen und die Räte «konsultieren». Das heisst gar nichts. Man kann auch den Schneemann «konsultieren», sprich: um seine Meinung fragen. Entscheidend ist, wer entscheiden darf. Eine neue Hymne müsste zwingend jenen vorgelegt werden, die sie am Ende zu singen haben: den Schweizer Bürgerinnen und Bürgern.

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