«Der Irak wird auseinanderbrechen»

Mit unvorstellbarer Brutalität wüten die Glaubensterroristen des Isis im Norden des Iraks. Sunnitische Stämme und alte Drahtzieher von Saddam Husseins Baath-Regime haben sich mit ihnen verbündet. In Tikrit nach dem Gewaltsturm.

Von Bruno Schirra

«Zeus des Kosovos»: US-Botschafter Dell. Cartoon: toonpool.com

Steht da wie eingefroren. Stumm und starr und regungslos. Steht so da schon seit Stunden. Das erzählen die Menschen hier in Tikrit. Den rechten Arm nach unten ausgestreckt. Dorthin deutend, wo dieses Etwas noch immer liegt. Dieses Häuflein, das einmal ihr Kind gewesen war, und Tarik, der treue Freund und kurdische Begleiter, Tarik schüttelt langsam und nur traurig noch dazu den Kopf, streicht sich mit der Linken übers Kinn und hebt die Rechte. «Das hier, nur das hier ist die Antwort, die diesen Leuten zu geben ist.» Dann beugt er sich zur Seite, legt die Kalaschnikow zu Boden, hebt das Kind mit sehr viel Zärtlichkeit auf. «Wir müssen es beerdigen», sagt Tarik.

Der schiitischen Lehrerin Zaynab al-Hus­seini ist es in diesen Tagen in der sunnitischen Stadt Tikrit widerfahren, dass man ihr die Seele, die Liebe und das Menschsein aus dem Leib getrieben hat. Zaynab war aus Kerbala, der den Schiiten heiligen Stadt, nach oben, nach Tikrit gefahren. Wollte dort in Tikrit doch nur eine Freundin besuchen. Eine sunnitische – und ja, so etwas gibt es. Freundschaft zwischen Sun­niten und Schiiten. Auch im Irak.

«Das ist nicht mein Gott»

Aber dann ist Zaynab dort oben in Tikrit der heilige Furor Gottes widerfahren. Sie haben ihr das Kind genommen. Das Zweijährige. Sie haben sich das Kind an den Beinen gegriffen, ganz so, wie man sich ein totes Huhn greift. Das Kind dann durch die Luft gewirbelt, seinen Kopf an die Wand gedonnert. Der Kopf ist dann aufgeplatzt, so, wie eine Melone aufplatzt, donnert man die gegen eine Wand. So erzählen das die Menschen hier in Tikrit. In scheuer Angst verharrend und hilflos und mit blassen, sehr bleichen Gesichtern. Sie konnten nichts dagegen tun.

Die das taten, die Männer mit den langen Haaren und mit den noch viel längeren Bärten, rühmten, während sie taten, was sie taten, glaubenstrunken und noch viel mehr glück­selig ihren Gott: «Allahu akbar», Gott ist gross. Dann traten sie mit ihren Füssen das, was einmal ein Kind, ein zwei Jahre altes, gewesen war, achtlos zur Seite. Und dann trieben sie mit Zaynab al-Husseini das, was Männer nun einmal im Krieg so treiben. Mit Frauen. Stunde um Stunde. Gang bang. Massenvergewal­tigung vor aller Augen.

«Das ist nicht mein Gott», sagt Tarik nur hilflos, und da ist ein Beben und Zittern in ihm. Tarik, der all die irakischen Kriege der letzten 35 Jahre durchlitten und als kurdischer Peschmerga gekämpft hat, ist ein Gottesfürchtiger Mensch. Tarik weiss viel zu erzählen über diese Streiter Gottes, die in diesen Tagen über den Irak und seine Menschen, einem alles zerfressenden Heuschreckenschwarm gleich, hergefallen sind. «Die Amerikaner hätten dieses Land niemals verlassen dürfen», meint Tarik und spielt damit auf das an, was 2011 im Westen mit so viel Erleich­terung zur Kenntnis genommen worden war. Den bedingungslosen und sehr plötzlichen Abzug aller amerika­nischen Truppen aus dem Irak.

Eine sehr kurze Schlacht

Tarik, der nicht lesen und nicht schreiben kann, weiss klug zu analysieren. «Die Schiiten haben Öl. Wir Kurden haben Öl. Die Sunniten hier, die haben nur eines: Sand.» Was Tarik nicht weiss, ist, dass er in seiner Analyse fast wortgleich das wiederholt, was ein deutscher Diplomat in zynischer Heiterkeit am Vorabend des Irakkrieges 2002 in Bagdad dem ­Reporter ins Notizbuch prophezeite. «Es wird eine kurze, eine sehr kurze Schlacht sein, die die Amerikaner hier schlagen. Sie werden sie natürlich gewinnen. Den Krieg, den werden sie jedoch verlieren. Die Sunniten hier sitzen nur auf Sand, und wenn die Amerikaner eines schönen Tages den Irak verlassen haben werden, dann wird es hier ein Hauen und Stechen, ein unendliches Morden und Töten geben. Man nennt dies Verteilungskämpfe. Natürlich nur im Namen Gottes.» Die religiös getränkten Verwerfungen innerhalb des Iraks, die zwischen Sunniten und Schiiten, der Hass der Ethnien aufeinander, so wusste der Diplomat an jenem Abend zu parlieren, «all das wird ­irgendwann uns, und zwar bei uns zu Hause, einholen. Cheers.» So sprach der Mann und wusste dabei eine trocken ausgebaute Spätlese zu geniessen.

Im irakischen Vorgarten Europas wird derzeit diese Prophetie Realität. Es ist eine un­heilige Allianz, die, nur scheinbar aus dem Nichts herauskommend, die Menschen des Iraks in ihrem mörderischen Würgegriff hält. Die Killer Gottes aus den Reihen der dschi­hadistischen Internationalen Allahs haben sich mit sunnitischen Stämmen verbündet. Mit dabei: die noch immer vorhandenen Netzwerke des untergegangenen Baath-Regimes von Saddam Hussein.

Issat Ibrahim al-Duri, einer der engsten Getreuen des irakischen Diktators, ist einer der Architekten des fulminanten Siegeszugs der Dschihadisten. Al-Duri, ein säkularer Nationalist, weiss sehr wohl die ethnischen und religiösen Verwerfungen, die den Irak am Beben erhalten, für seine Zwecke zu instrumentalisieren, und scheut sich dabei nicht, ein Bündnis ausgerechnet mit den Glaubensterroristen des Isis (Islamischer Staat im Irak und in Sy­rien) einzugehen. Mit Jubel weiss dies aus dem jordanischen Refugium heraus die Tochter Saddam Husseins zu kommentieren: «Diese Siege sind den Kämpfern meines Vaters zu verdanken und Onkel Issat al-Duri.»

Der irakische Ministerpräsident Nuri al-­Maliki tönt derweil aus Bagdad heraus und ruft zum Widerstand auf, gegen die Geister, die er selber schuf. Der Göttersturm gen Bagdad, den Allahs Streiter entfacht haben, zerreisst das Land am Euphrat. Seine Bevölkerung, die sunnitische wie schiitische, sowieso. Aus sunni­tischer Sicht hat al-Maliki das Land zum «persischen Vasallenstaat degradiert», so sagt dies Abu Hamza im Wüstensand von ­Tikrit, «aber wir, wir wollen keine Sklaven der Perser sein». Tatsächlich ist die neue Ordnungsmacht am Golf, die Islamische Republik Iran, seit Jahr und Tag dabei, ihre Macht­stellung im Irak zu zementieren, und Nuri al-Maliki, so sehen dies zumindest die Menschen hier in Tikrit, ist ihr willfähriger «Lakai». Abu Hamza, der ein ruhiger, vornehm zurück­haltender Mensch ist, hebt in hilfloser Geste die Hände. «Das hier ist nicht nur unsere ­Ka­tastrophe, es wird auch ­eure werden.»

Was im irakischen Wüstensand so blutig daherkommt, hat Folgen für Europa. Mit müder Resignation doziert das Abu Hamza. Der 47 Jahre alte Abu Hamza, der an dieser Stelle nicht mit seinem wahren Namen genannt werden will, ist Mediziner und lebt in Tikrit, der Geburtsstadt von Saddam Hussein. «Ihr habt uns 2003 den Krieg hierhergebracht. Es dauert nicht mehr lange, bis euch der Krieg bei euch zu Hause einholen wird. Mein Land bricht auseinander. Die Schockwellen werden auch euch erreichen. Das hier», und dabei deutet er auf Zaynab al-Husseini und ihr totes Kind, «das hier ist auf lange Zeit unser Alltag. Möge Gott uns verzeihen. Möge Gott uns beistehen.» Langsam, sehr langsam und scheu nähern sich ein paar Frauen, nehmen Zaynab al-Husseini an den Händen und führen sie weg.

Was Abu Hamza mit müder Stimme da beschreibt, treibt westliche Sicherheitsbehörden seit Jahr und Tag mehr als nur um. «Das hier ist mehr als nur ein regionales Problem», so hat das am Vortag der Reise nach Tikrit ein westlicher Sicherheitsbeamter in Bagdad erläutert. «Der Irak wird auseinanderbrechen. In einen schiitischen, einen kurdischen, einen sunnitischen Teil. Hier werden gerade Grenzen vollkommen neu gezogen. Der Isis und all die anderen dschihadistischen Gruppen sind sehr gut aufgestellt. Sie haben Geld, sie haben Waffen, sind gut ausgebildet. Nur wir, wir ­haben keine Antwort darauf.»

Mehr als 2500 europäische Dschihadisten kämpfen in den Reihen des Isis und anderer ­radikalislamischer Terrororganisationen. Junge Menschen, beseelt vom Glaubenswahn – der Strom, so die Erkenntnisse europäischer Geheimdienste, reisst nicht ab. Eine Ent­wicklung, der die Sicherheitsdienste «hilflos gegenüberstehen», so hatte das der Sicherheitsbeamte in Bagdad konstatiert. Die Wege nach Syrien und von dort in den Irak sind leicht. Allahs Terroristen unterhalten in Sy­rien wie im Irak Ausbildungslager, in denen das Handwerk des Terrors unterrichtet wird. In beiden Ländern haben westliche Dienste bis heute dreizehn Ausbildungslager ­lo­kalisiert. Schulen des Terrors, Universi­täten des Todes.

Sturm auf Bagdad

Es ist brütend heiss an diesem Tag in Tikrit, und sie stehen wie verloren da, die Männer und Frauen der Stadt. Allahs Kohorten haben Tikrit verlassen. Sind weitergezogen, um sich zu sammeln. Für ihren Sturm auf Bagdad. Abu Hamza verharrt auf staubiger Strasse wie in sich selbst verloren. Er hebt in müder Bewegung die Hand. «Passt auf», sagt Abu Hamza, «passt bitte auf. Einige von denen, die hier ­waren, haben englisch gesprochen. Einige deutsch, andere französisch.»

Dann schüttelt es Abu Hamza durch, und es beginnt das Weinen, während er schildert, was passierte im gottesfürchtigen Treiben zu ­Tikrit. Der kurdische Tarik habe ihn, den arabischen Sunniten, in den Arm genommen, ihn auf die Wangen geküsst. «Dann sind wir hingegangen. Haben ein Loch in den Sand gebuddelt. Haben das Kind in das Loch gelegt. Danach den Sand in das Loch und auf das Kind draufgeschaufelt. Tarik hat ein kurzes Gebet gesprochen. Danach sind wir gegangen.»

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