MvH trifft

Andreas M. Walker

Heute ein intellektuell anspruchsvolles Gespräch mit dem wissenschaftlichen Pendant zu Mike Shiva.

Von Mark van Huisseling

«Haben Senioren eine Zukunft?»: Walker, 48, früher auf der Bank, jetzt Zukunftsforscher. Bild: Matthias Willi für die Weltwoche

Wie erklären Sie Ihrem 9-Jährigen, was Sie von Beruf machen?» – «Jäh, guet, der Kleine will auch schon wissen, ob der FCB Meister wird, wohin wir in die Ferien gehen und wie viel Sackgeld er bekommt im nächsten Schuljahr . . . Und das sind alles Fragen, bei denen es um die Zukunft geht.» – «Sie haben früher für die UBS gearbeitet, sich dann selbständig gemacht, die Branche gewechselt – haben Sie es kommen sehen, dass es mit den Schweizer Banken in die Hosen geht?» –

«Nein, bei mir waren es familiäre Gründe; ich war damals Vater von zwei Kindern [heute von vier, 9 bis 19 Jahre alt], ich reiste viel, international, und das hat sich nicht vertragen mit der familiären Situation. Also habe ich, wie man als Banker sagt, das Portfolio umgeschichtet und mich für langfristige Werte entschieden.

» – «Interessant, Sie entschieden sich für etwas Sicheres – und verliessen die Bank, um selbständig zu werden . . .» – «Ich habe mich für ­etwas Langfristiges entschieden, nicht für ­etwas Sicheres, für die familiären Werte.»

Andreas Markus Walker, 48, ist Zukunfts­forscher. Er studierte in Basel und Zürich Geografie, Geschichte und Germanistik; in seiner Doktorarbeit befasste er sich mit Methoden der Zukunftsforschung. Vor zehn Jahren gründete er die Strategieberatungsfirma ­Weiterdenken.ch; er hat keine Mitarbeiter. Und ist Co-Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung. Beruflich ist er also so etwas wie das wissenschaftliche ­Gegenstück zu Mike Shiva.

«Wie erforscht man die Zukunft?» – «Es gibt einen Strauss an Methoden, die sich in den letzten fünfzig Jahren entwickelten; in grauen Urzeiten waren wir haarscharf dran an Mike Shiva. Heute ist wichtig, dass wir uns als wissenschaftliche Disziplin qualifizieren. In den 50er, 60er Jahren [des vergangenen Jahrhunderts] hat man an eine lineare Entwicklung ­geglaubt, die Entwicklung hochgerechnet. Dann fing man an zu überlegen: ‹Was, wenn’s anders kommt, wo sind die Sollbruchstellen?› Wir entwickeln Modelle, aber nicht bloss ein Modell, sondern drei, vier Szenarien – das Bankgeheimnis fällt weg oder die EU führt das Bankgeheimnis auch ein . . . Die andere ty­pische Methode sind die sogenannten black swans oder Wildcards, man fragt: ‹Was braucht es, damit ein System kippt?› Man redet von Restrisiko, von Stresstest – das Schlimmste ­aller schlimmen Dinge, wenn das passiert, was heisst das?» – «Ist das, was in der Ukraine passiert im Augenblick, ein black swan – «Wenn’s einen Krieg gibt, kann ein black swan draus werden; Fukushima war ein black swan

Modell Nostradamus

«Wer sind Ihre Kunden?» – «Eigentümer oder Verwaltungsräte von Unternehmen; sehr häufig die sogenannte strategische Ebene, die sich nicht mit dem Produkt der nächsten Saison ­beschäftigt, sondern mit Aspekten für ihn fünf, zehn oder zwanzig Jahren. Firmen, die grosse Beträge investieren wollen, oder auch Ämter, bei denen es um den Gesetzgebungsprozess geht.» – «Wie werden Sie bezahlt – je zutreffender, desto höher das Honorar?» –

«Das wär schön. Nein, ich agiere wie ein Anwalt, pauschal oder im Tagessatz.» – «Fondsmanager haben wahrscheinlich dieselben Modelle wie Sie und sind auch nicht blöd – liegen zur Mehrheit aber falsch, schlagen den Vergleichsindex nicht. Was machen Sie besser?» – «Ähm, ich muss nicht die Genauigkeit von Fondsmanagern haben, mein Kunde fragt nicht: ‹Was haben wir für Wetter in fünfzehn Tagen?› Ich bewege mich faktisch im groben Bereich, ich rechne nicht auf den Franken genau, sondern auf die Million, sag ich jetzt mal. Es geht darum: ‹Steigen wir in einen Markt ein?› Oder: ‹Haben die Senioren eine Zukunft als Zielgruppe?›» – «Sie haben es klüger gemacht, Ihre Prognosen sind, wenn überhaupt, erst in vielen Jahren prüfbar, Modell Nostradamus.» – «Es geht letztlich immer um die Methode. Das ist der Unterschied zwischen dem Propheten und mir: Der Prophet hat einen religiösen Anspruch. Ich helfe dem Kunden, ein Modell zu bauen. Und wir wissen, ein Modell ist so gut, wie die Informationen, die drin sind.»

«Wie wird die Zukunft?» – «Wir konnten noch nie so viel Einfluss auf die Zukunft ­nehmen wie heute; und als Schweizer bin ich zuversichtlich.»

Sein liebstes Restaurant: «Ich springe aus der Reihe, als Vater von vier Kindern – ein Restaurant mit riesigem Kinderspielplatz. Und eins, wenn ich exklusiv mit ­meiner Frau essen gehe.»«Fünfschilling», Binzener Strasse 1, Fischingen, Deutschland, Tel. +49 7628 9423670.«Bad Schauenburg», Schauenburgerstrasse 76, Liestal, Tel. 061 906 27 27.

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