Riklins Tessiner Residenz

Mit günstigen Wohnungen will die Stadt Zürich die Wohnungsnot von Familien mildern. Davon ­profitiert auch CVP-Nationalrätin Kathy Riklin, die am Luganersee eine Zweitwohnung besitzt. ­Bürgerliche Politiker fordern eine neue Vermietungspolitik.

Von Christoph Landolt

Die Möwen kreischen. Still funkelt der Luganersee im Sonnenlicht. Dann und wann pflügt ein Segelschiff durch die Wellen, hin und ­wieder rauscht ein weisses Motorboot vorbei. Hinter dem Haus verläuft ein kleiner Weg, dann geht es steil hinauf durch Pinienwälder und Rebberge zum Monte Brè. Wer hier, in Casta­gnola TI, eine Ferienwohnung mit Seeanstoss sein Eigen nennen darf, steht auf der Sonnenseite des Lebens. Und das nicht nur ­wegen der 260 Sonnentage im Jahr, sondern auch finanziell.

Gemäss dem Immobilien­monitoring der Beratungsfirma Wüest & Partner kostet hier ein Quadratmeter Wohnfläche an attraktiver Lage 12 110 Franken oder mehr.

Eine der Glücklichen, die hier seit 1994 eine Wohnung mit Seeanstoss besitzen, ist eine gewisse Dr. sc. nat. Katharina Riklin. Ein Anruf auf ihre Nummer endet abrupt mit einer ­Unterbrechung des Gesprächs, verrät aber, dass es sich tatsächlich um die bekannte Zürcher ­CVP-Politikerin Kathy Riklin handelt.

Nah am Wasser

Ihren Erstwohnsitz hat die sechzigjährige ­Nationalrätin ebenfalls am Wasser, und zwar direkt am Ufer der Limmat, an der denkmal­geschützten Schipfe, mitten in der Zürcher Altstadt. Hier ist Riklin aber nicht Hausherrin, sondern nur Mieterin. Sie profitiert dabei von den günstigen Konditionen, die ihr die Stadt Zürich gewährt. Gemäss dem Finanzdepartement mietete Riklin ihre «grössere Wohnung mit denkmalpflegerisch wertvollen Räumen» vor zwölf Jahren für lediglich 2650 Franken pro Monat. Heute dürfte die Miete wegen der stark gesunkenen Zinsen bei knapp 2300 Franken liegen, wie der Direktor des Zürcher Hauseigentümerverbands, Albert Leiser, ­vorrechnet. Auf dem freien Markt wäre eine solche Wohnung nicht für unter 4000 Franken zu ­haben. Die Stadt beschenkt Riklin somit Monat für Monat mit einer vierstelligen Summe.

Das alles passiert unter dem Titel «soziale Durchmischung». Wie in vielen anderen ­Städten ist es in Zürich erklärtes Ziel von ­Regierung und Parlament, dass in exklusiven ­Quartieren nicht nur Reiche, sondern auch mittelständische Familien vertreten sind. ­Diese Politik findet im Volk breite Unterstützung. Vor zwei Jahren stimmten die Stadt­zürcher mit einem Ja-Anteil von 75 Prozent für ein Gesetz, das bis 2050 einen Drittel aller Wohnungen in gemeinnützige Hände legen will. CVP-Politikerin Kathy Riklin unterstützt dies: «Ich will nicht, dass Wohnungen von Spekulanten aufgekauft werden.»

Die sozialen Wohltaten des vermietenden Staates kommen aber nicht unbedingt jenen zugute, die es am nötigsten hätten, sondern denen, die eine Stadtwohnung ergattern konnten. So wie eben Profi-Politikerin Kathy Riklin, die im Tessin einen Zweitwohnsitz unterhält und zudem Mitbesitzerin eines Mehrfamilienhauses am noblen Zürichberg ist (Welt­woche Nr. 40/13), für das die Statistiker der Stadt einen Wert von 6,2 Millionen Franken errechnen.

Leutenegger fordert 1:4

Allmählich setzt sich in Zürich die Erkenntnis durch, dass von der Sozialpolitik via Günstigwohnungen oft die Falschen profitieren. Letzte Woche unterstützte der Gemeinderat über­raschend eine FDP-Initiative mit dem Titel «Fairer wohnen bei Vater Staat». Zentrale Forderung ist, dass der Bruttolohn von Leuten in gemeinnützigen Wohnungen das Vierfache der Mietkosten nicht übersteigen darf.

«Wir verlangen von niemandem, dass er ausziehen muss», sagt der Stadtzürcher FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger. «Aber wer eine vom Staat geförderte Wohnung hat und mehr verdient, soll einen höheren Beitrag bezahlen bis hin zur normalen Marktmiete.» Leutenegger, der für das Stadtpräsidium kandidiert, sieht darin ein Gebot der Gerechtigkeit. Leute in gemeinnützigen Wohnungen verdienten in Zürich im Median sogar etwas mehr als Mieter in Privatliegenschaften, sagt er. «Das zeigt, dass ­wir bei der Verteilung von gemeinnützigem Wohnraum ein Fairness­problem haben.»

Massnahmen gegen Zweitwohnungen

Ratskollegin Riklin versteuert gemäss eigenen Angaben ein Einkommen von 130 000 Franken. Hinzu kommen üppige steuerfreie Zusatzleistungen, die bei Nationalräten im Schnitt 57 300 Franken betragen. Sie verdient damit deutlich mehr als das Vierfache ihrer Miete. Dass sie sich eine Immobilie am Luganersee kaufen konnte, beweist, dass sie auch eine höhere Miete verkraften könnte.

Kathy Riklin will nichts von Marktmieten für Besserverdiener wissen. Der Plan der FDP sei eine «wermuthsche Wohnkontrolle, 1:4 statt 1:12», sagt sie. Das ist aussergewöhnlich, denn als Zürcher Lokalpolitikerin forderte ­Riklin früher Massnahmen gegen Zweitwohnungen in der Stadt. Auch heute setzt sie bei der Raumplanungspolitik auf klare Regeln: Sie sitzt im Komitee der Landschaftsinitiative, die Einzonungen von Bauland (so wie einst am Luganersee) verbieten will.

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