«Und die Erde erwärmt sich doch»

Wird es immer wärmer? Stimmt die Behauptung, der Mensch sei am Klimawandel schuld? Der Berner Uniprofessor Thomas Stocker gehört zu den anerkanntesten Klimaforschern der Welt und nimmt im Gespräch ausführlich Stellung.

Von Markus Schär

«Kurze Phase der Temperaturstagnation»: Klimaspezialist Stocker. Bild: Gian Marco Castelberg

Sehnen Sie sich auch nach dem Frühling, Herr Stocker?

Ich finde jede Jahreszeit faszinierend; ich geniesse das Privileg, in einem Land zu ­leben, wo es klare Jahreszeiten gibt. Ich ­arbeitete schon an Orten, wo der Winter ­direkt in den Sommer überging. Dieses Jahr kommt es mir hier auch so vor.

Sie glauben also daran, dass es irgendwann Sommer wird?

Ja, das ist das absolut deutlichste Signal, das wir beobachten. Die klare Abfolge der Jahreszeiten ist gegeben durch die schiefe Stellung der Erdachse im Sonnensystem. So einfach ist das.

Hoffen Sie auf den Sommer, damit Sie ­keine Witze mehr anhören müssen, wann die Klimaerwärmung endlich komme?

Damit kann ich leben. Wir alle sind der Klimaerwärmung ausgesetzt, aber eben auch dem Wettergeschehen. Seine natürlichen Variationen konnten wir in den letzten ­ 130 Jahren mit einem globalen Messnetz beobachten; wir können also die normalen Schwankungen abschätzen. Nicht jeder Frühling ist gleich, er kann unter dem ­Einfluss der Strömungen im Pazifik stehen, also von El Niño (erwärmend) oder La ­Niña (abkühlend), oder auch eines grossen Vulkanausbruchs. Das beeinflusst und ­beeindruckt uns alle im Alltag – also ins­piriert es uns auch zu Witzen.

Wie erklären Sie den Leuten die kälteren Winter der letzten Jahre?

Es gibt in der Schweiz keine lange Serie von kalten Wintern, jeder war anders. Grundsätzlich sage ich den Leuten: «Sie dürfen nicht auf die Temperaturen in ­einem Winter und von einer Station schauen, sondern müssen die vielen Jahre von sehr präzisen Beobachtungen betrachten, wenn Sie den langfristigen Trend erkennen wollen.» Und spezifisch zu diesem Winter gibt es ja Erklärungsansätze in ­ der Wissenschaft.

Einige Kollegen führen die hartnäckigen Bisenlagen gerade auf das Abschmelzen des Eises in der Arktis zurück.

Ja, es gibt Hinweise aus einzelnen Studien – ich würde noch nicht von robustem ­Wissen sprechen –, dass die geringere Eis­bedeckung der Arktis die Statistik ­beeinflusst, wie häufig dort Hochdruck­gebiete auftreten. Diese wirken sich ja stark auf das Witterungsgeschehen in ­unseren Breitengraden aus, wie wir täglich erleben.

Die deutschen Kollegen, die diese Hypo­these entwickelt haben, verkünden sie in den Medien als Wahrheit.

Ich verfolge nicht, was diese Kollegen sagen, und es ist nicht an mir, das zu kommentieren. Klar ist einfach: Wir müssen das Kommunizieren des grossen Problems der Klimaerwärmung rational angehen, also faktenorientiert informieren – dies gilt für alle Beteiligten. Das ist heute eine grosse Her­ausforderung, da alles in die 140 Zeichen eines Tweets passen soll. Bei einem so komplexen Thema geht das nicht: Wir müssen einerseits die Fakten kommunizieren, anderseits aber gerade auch die Unsicher­heiten.

Die Erkenntnis der Kollegen liess sich ­locker vertwittern: «Die kalten Winter kommen von der Klimaerwärmung.»

Das ist die Aussage von ein, zwei Publikationen, aber noch kein wissenschaftlicher Konsens; einen Konsens zu bilden, ist ein harter Job. Wir können beim IPCC nicht jede einzelne Studie von allen Instituten weltweit aufnehmen. Es ist möglich, dass es im kommenden Bericht eine Aussage dazu gibt, wie die Eisbedeckung der Arktis die Statistik von Hochdruckgebieten beeinflusst. Aber vorläufig sind wir da noch am Arbeiten.

Wir Laien hätten einfach lieber Experten, die voraussagen, was kommt, als Experten, die hinterher erklären, warum es nicht so gekommen ist.

Das ist richtig. Deshalb schauen wir beim ­IPCC auch regelmässig zurück: Was haben wir im ersten Bericht von 1990 gesagt, was im zweiten von 1995, im dritten von 2001 und im vierten von 2007? Wir können nachvollziehbar zeigen, dass die Projektionen der mittleren globalen Temperatur bereits 1990 extrem gut lagen. Wir hatten also schon damals die wichtigen Blöcke des Wissens beisammen, um – selbstverständlich innerhalb der Unsicherheiten – die Temperaturentwicklung zuverlässig abzuschätzen. Aber wir behaupteten früher nie und behaupten jetzt nicht, wir könnten die Temperatur in zehn Jahren prophezeien. Eine solche kurzfristige Voraussage ist nicht möglich und wird nie möglich sein. Es gibt den Trend, aber er wird überlagert von kurzfristigen Schwankungen. Das haben wir immer so kommuniziert.

Wir würden die Theorie der kalten Winter eher glauben, wenn sie nicht von denselben Leuten käme, die noch vor zehn Jahren ­sagten, unsere Kinder würden keinen Schnee mehr erleben.

Genau darum halten wir uns beim IPCC mit solchen Aussagen zurück.

Sie betonen, Sie hätten die Temperatur­entwicklung richtig vorausgesagt. Aber genau das ist doch umstritten. Im Entwurf Ihres Berichtes, der im Herbst 2012 in die Begutachtung ging, zeigten Sie selber in einer Grafik, dass die Temperaturen der letzten Jahre tiefer liegen als alle Projek­tionen des IPCC.

Wir sind gegenwärtig am unteren Rand, wenn Sie die letzten zehn Jahre anschauen, aber innerhalb der kommunizierten Un­sicherheiten.

Der allerunsichersten Unsicherheiten.

Genau deswegen geben wir Unsicherheiten an. Aber wir müssen auch schauen: Gab es früher schon Perioden, in denen die globale Temperatur zehn oder fünfzehn Jahre sta­gnierte? Tatsächlich finden Sie mehrere solche Fenster in den letzten hundert Jahren. Das ist also nichts Aussergewöhnliches.

Der IPCC-Vorsitzende Rajendra Pachauri räumte kürzlich ein, bei der Klimaerwärmung gebe es inzwischen siebzehn Jahre Stillstand.

Ich kann nicht vorschreiben, was irgend­welche Kollegen sagen.

Er ist immerhin Ihr Chef.

Meine Funktion ist es, mit dem internationalen Autorenteam den Stand des Wissens zusammenzufassen; daran arbeiten wir im Moment. Aus den Studien zu genau dieser Frage geht hervor: a) ist eine solche Stagna­tion nicht ungewöhnlich, b) werden wir solche Phasen auch in Zukunft sehen, und c) das ist wohl der wichtigste Punkt, gibt es ­inzwischen über hundert Simulationen der Klimaentwicklung mit den neusten Modellen. Die Frage stellt sich also: Sehen wir ­Simulationen, die im Zeitraum zwischen 1998 und 2012 keine starke Erwärmung zeigen? Und solche Simulationen werden wir finden, nicht viele, aber eine oder zwei. Wir leben einfach in einer Realisierung des Klimasystems mit seinem Chaos der natürlichen Variabilität – in der einzigen beobachteten von vielen physikalisch möglichen.

Sie würden also nie sagen, dass wir siebzehn Jahre Stillstand der Klimaerwärmung ­beobachten?

Nein, schon die Assoziation von «siebzehn Jahre» und «Klimaerwärmung» ist falsch. Wenn wir von der Klimaerwärmung reden, meinen wir den langfristigen Trend, den wir in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sehen.

Bei den Temperaturen sehen wir ihn gerade nicht.

Doch, wir erkennen die Signale in allen Komponenten des Klimasystems: an den Eisschilden, die an Masse verlieren; in den Ozeanen, die sich bis in 4000 Meter Tiefe messbar erwärmen; in der Atmosphäre, die sich in den tieferen Schichten erwärmt und oberhalb von 15 Kilometern abkühlt, also den Fingerabdruck des CO2 zeigt. Die Last der Evidenz von 130 Jahren Beobachtungen und Prozessverständnis wiegt so schwer, dass es mehr braucht als ein paar Jahre ­Sta­gnation, um ein solches in sich schlüssiges Gebäude zu zerstören.

Was würde es denn brauchen, dass Sie einen Stillstand der Klimaerwärmung einräumen?

Sie wollen einfach eine Jahreszahl.

Nein, nur eine Grössenordnung: Reden wir von zehn oder von fünfzig Jahren?

Galileo sagte einst: «Und sie [die Erde] dreht sich doch.» Wir können sagen: «Und sie erwärmt sich doch.» Alle Indikatoren, die ich Ihnen genannt habe, deuten zusammen auf eine schlüssige Erklärung: Das CO2 ist verantwortlich für die Erwärmung. Ein Thema, das wir im neuen Bericht auch ansprechen, ist aber die Klimasensitivität.

Also die Frage, wie stark die Temperatur steigt, wenn sich der CO2-Anteil in der Atmosphäre (vorindustriell rund 280, heute gegen 400 Teilchen pro Million) verdoppelt.

Im letzten Bericht von 2007 kamen wir auf einen Wert von 2 bis 4,5 Grad. Die Frage stellt sich jetzt: Geben die letzten fünfzehn Jahre ­einen Hinweis darauf, dass die Klimasensitivität eher im unteren Bereich liegt? Diese Diskussion läuft in der Wissenschaft, auch mit skeptischen Kollegen – da kann ich Sie beruhigen.

Kürzlich erklärte der TV-Meteorologe auf dem Dach, weshalb sich das Wetter vom nächsten Wochenende nicht voraussagen lasse.

Jawohl, und ich sagte meiner Frau: «Das hat er ausgezeichnet gemacht.» Die Meteoro­logen müssen den Zuschauern auch die ­methodischen Herausforderungen bei der Wettervorhersage vor Augen führen.

Wir können also das Wetter am nächsten Wochenende nicht voraussagen, wohl aber das Klima im Jahr 2100?

Das ist korrekt. Aber Sie müssen bei Ihrer Aussage ganz präzis sein: Wie wir nicht wissen, wie das Wetter in zehn Tagen ist, wissen wir auch nicht, wie es am 14. April 2100 sein wird. Aber wir können sagen: Falls die Menschheit bis dahin weiter so viel Treib­hausgase in die Atmosphäre entlässt, wird es generell in ­einer gewissen Spanne wärmer werden. Das schwer prognostizierbare ­Chaos des Wettergeschehens findet immer noch statt, aber innerhalb anderer Grenzen und mit ziemlich anderen Häufigkeiten.

Schieben Sie Ihre Voraussagen nicht einfach so weit hinaus, damit wir alle nicht mehr ­erfahren, ob sie tatsächlich eintreffen?

Merci für diese Frage, das ist eine super ­Steilvorlage. Ich kann Sie auf das Inhaltsverzeichnis unseres Berichts verweisen. Wir sagten 2009, wir hätten gerne ein Kapitel, das in die nähere Zukunft schaut, also Wettervorhersage und Klimaprojektionen zusammenbringt. Es heisst: Near-term climate change and predictability. «Voraussagbarkeit» ist das entscheidende Wort. Dieser Zweig der Klimaforschung ist noch relativ jung. Wir können nicht sagen, wie warm oder wie nass zum Beispiel das Jahr 2025 sein wird. Im Zeithorizont bis zirka 2035 müssen wir die verschiedensten Faktoren abschätzen: Was beeinflusst die Unsicherheiten, und wie gross sind sie?

Dann müssen wir bis 2035 warten, um zu überprüfen, ob Sie recht bekommen?

Nein. Wie gesagt, beurteilen wir beim IPCC seit 1990 Klimaprojektionen, und diese sind bis heute messbar eingetreten. Wenn Sie mich fragen: Falls es mir vergönnt ist, das Jahr 2035 geistig fit zu erleben, werde ich zurückblicken auf eine kurze Phase der Temperaturstagnation, zu der eine Kombination von verschiedenen Effekten führte – falls nicht bis dann ein grosser Vulkan ausbricht.

Der Konsens des IPCC beruht darauf, dass das menschengemachte CO2 als Treibhausgas zur Klimaerwärmung führt. Aber dieser Zusammenhang lässt sich nur für die letzten 150 Jahre beobachten.

Schauen Sie das Plakat zu unseren Messungen am Eis aus der Antarktis über die letzten 800 000 Jahre an: Wenn das keine Korrelation zwischen Temperatur und CO2 ist! Der CO2-Gehalt, den wir im Eis messen können, war in Warmzeiten hoch und in Eiszeiten niedrig.

Doch die CO2-Werte stiegen nach den Temperaturen an, das CO2 kann also nicht die Erwärmung verursacht haben.

Über das Nachhinken der CO2-Werte ­haben wir mehrmals berichtet. Allerdings muss ich aufgrund neuerer Studien wohl langsam umdenken – doch nicht in die Richtung, die Sie gerne hätten: Die Stu­dien zeigen, dass CO2-Werte und Temperaturen gleichzeitig stiegen. Getrieben wird die Abfolge von Warm- und Eiszeiten über 100 000 Jahre aber von den Zyklen, die der Geophysiker Milankovic 1920 beschrieb: Es kommt auf die Stellung und Schiefe der Erdachse und auf die Umlaufbahn um die Sonne an.

Eben. Können wir mit dem Einfluss der Sonne die Klimazyklen nicht viel besser erklären?

Das gilt für die vorindustrielle Zeit, als der CO2-Anteil mehr als 30 Prozent geringer war als heute: Wir brauchen die Sonne immer als Teil der Erklärung – da haben wir keine Differenz. Aber die letzten fünfzig bis siebzig Jahre, vor allem auch die räumliche Ausprägung der Erwärmung, können wir ohne menschengemachte Faktoren nicht mehr schlüssig erklären. Warum stieg die Temperatur im 20. Jahrhundert um 0,8 Grad? Das ist ohne CO2 nicht zu begründen.

Es gibt eine banale Erklärung: Bis ins 19. Jahrhundert herrschte eine Kleine Eiszeit, um 1860 erreichten die Gletscher einen Höchststand. Da ist es doch ganz normal, dass es wieder etwas wärmer wurde.

Das gilt tatsächlich für die Gletscher ein Stück weit. Aber es erklärt nicht, wie schnell sie in den letzten dreissig, vierzig Jahren abschmolzen und wie stark die Erwärmung seit Beginn des 20. Jahrhunderts war.

In der Römerzeit, als Hannibal mit Elefanten über die Alpen zog, gab es noch weniger Gletscher.

Ja, aber wir müssen uns fragen: Was war denn anders vor 2200 Jahren? Da kommt schon die Sonne ins Spiel: Aufgrund der ­Neigung der Erdachse gab es damals im Sommer mehr Sonneneinstrahlung, etwa ­10 Watt pro Quadratmeter. Es ist offensichtlich, dass es da wärmer war.

Wird es Ihnen nicht mulmig, wenn die ­Astrophysiker sagen, dass die Sonne derzeit so schwächelt wie in der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts?

Nein, denn die Voraussage der Sonnenaktivität ist heute noch nicht möglich, da fehlen leider genaue Daten und Modelle. Aber wir können auch nicht ausschliessen, dass eine solche Phase bereits begonnen hat. Sie wird jedoch wieder einmal enden – in der Zwischenzeit steigt der CO2-Gehalt aber weiter, das würde nachher zu einer umso stärkeren Erwärmung führen.

Kommen wir zum Grundsätzlichen. Der Soziologe Gerhard Schulze sagt: «Wissenschaft ist eine Veranstaltung der organisierten Skepsis.»

Das habe ich so noch nie gehört.

In der Klimaforschung ist «Skepsis» ein Schimpfwort.

Der Begriff «Klimaskeptiker» wird oft verwendet, das ist so. Aber die Skepsis ist die treibende Kraft der Wissenschaft. Auch wir fragen: Ist das wirklich so? Haben wir das tatsächlich verstanden? Da unterscheidet sich die Klimaforschung überhaupt nicht von den anderen Wissenschaften.

Ihr Kollege Hans von Storch sagt aber in ­seinem aktuellen Buch «Die Klimafalle», die Klimaforscher hätten nicht genug über die Falsifikation nachgedacht, also das ­Widerlegen von Hypothesen, das allein eine Wissenschaft weiterbringt.

Das ist seine Sichtweise. Als wir damit begannen, die Klimaentwicklung der letzten fünfzig Jahre zu erforschen, arbeiteten wir doch gerade falsifizierend, indem wir alle möglichen Erklärungen testeten. Wir hätten auch zum Ergebnis kommen können: Die Erwärmung kommt zu 90 Prozent von der Sonne und zu 10 Prozent vom CO2. Aber alle Berechnungen zeigten das Gegenteil.

War Ihr Ergebnis nicht schon in den Auftrag eingebaut, den das IPCC 1989 bekam?

Nein, der Auftrag lautete, offen und umfassend über den Stand des Wissens zur anthropogenen Klimaveränderung zu berichten.

Eben: Dass die Klimaveränderung menschengemacht ist, stand von Anfang an fest.

Überhaupt nicht. Millionen von Messdaten und das physikalische Verständnis bilden das Fundament dieser Aussage.

Hans von Storch sagt auch: «Die Debatte dar­über, dass wir uns irren könnten, ist ­tabuisiert.» Fragen Sie sich das nie?

Die Debatte über die Periode der geringen Erwärmung kam ja vor etwa drei Jahren auf. Im IPCC wird sie nicht tabuisiert, sondern eine Gruppe sichtet und beurteilt die publizierten wissenschaftlichen Studien – ­also nicht irgendwelche Blogposts oder Traktate – zu dieser Frage: Wie oft gab es in der Vergangenheit ähnliche Phasen der Stagnation? Wie wahrscheinlich sind sie in der Zukunft? Und welche Erklärungen gibt es dafür? Daraus machen wir im Bericht eine Box von drei, vier Seiten, also eine Gesamtschau zu diesem wichtigen Thema.

Was sind die Hauptaussagen Ihres Berichts?

Das kann ich heute der Weltwoche ebenso wenig sagen wie der New York Times.

Anders gefragt: Welche Reaktionen erwarten Sie in der Politik?

Das ist schwierig vorauszusagen. Die Klimaproblematik, das ist meine persönliche Einschätzung, steht derzeit sicher nicht zuoberst auf der Agenda, aber sie ist eng verknüpft mit der Energie- und der Ressourcenpolitik. Wir können nur hoffen, dass die Klimapolitik wieder explizit zurück auf die Agenda kommt: Viele Entscheide, die wir jetzt fällen, etwa über die Energiesysteme, wirken auf Jahrzehnte hinaus – der Bericht soll deshalb einen ­Beitrag leisten, damit wir sie in Kenntnis aller Tatsachen treffen.

Schon unzählige Male in den letzten Jahrzehnten sagten Klimaforscher, wenn bis zu einem bestimmten Datum nichts geschehe, sei es zu spät. Diese Daten sind ­alle verfallen, ohne dass etwas geschah.

Mit solchen Aussagen muss man extrem vorsichtig sein. Aber es gibt beim Klimawandel in der Tat Entwicklungen, die ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr umkehrbar sind. Ich schrieb deshalb letztes Jahr einen Artikel über «The Closing Door of Climate Targets»: Es fehlt die Erkenntnis, dass gewisse Klimaziele, zum Beispiel die Erwärmung unter 2 Grad zu halten, bald nicht mehr zu erreichen sind. Wir rasen in einem Auto auf die Wand zu und geben noch Gas, obwohl wir wissen, dass der Bremsweg kaum mehr reicht.

Das heisst: Die Menschheit begeht kollektiven Suizid.

Nein, aber die Anpassung an den Klimawandel und seine Auswirkungen wird sehr viel Geld kosten, also Ressourcen fordern, die wir sinnvoller hätten einsetzen können. Und sie wird zu Konflikten um diese Ressourcen führen.

Sie machen trotzdem keinen depressiven Eindruck.

Nein, wenn ich depressiv wäre, würde das meine Fähigkeit beeinträchtigen, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu verbreiten. Sollte ich in die innere Emigration ­gehen und nicht mehr über das Problem reden? Das mache ich nicht: Das Problem ist da, es ist eines der grössten der Menschheit, und wir haben die Wahl, wie gross es sein wird. Darüber will ich informieren.

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