Umwelt

Unter der Käseglocke

Die Schweiz führt ihren Streit um den Atomausstieg fernab der globalen Realität.

Von Markus Schär

«Den amerikanischen Energie-Koloss entfesseln» heisst eine kürzlich veröffentlichte Studie des Manhattan Insti­tute. Die USA erleben derzeit tatsächlich eine Energiewende mit «dramatischen ökonomischen Auswirkungen» – dies aufgrund einer technischen Revolution: In den letzten Jahren ist es gelungen, ­tiefe Schieferschichten zu erschliessen und mit einer als «Fracking» bezeichneten Technik aufzusprengen, um darin enthaltenes Gas zu fördern. Experten rechnen mit Vorräten für mehrere hundert Jahre. Allein bis 2020 erwarten die Analysten des Finanzgiganten Citi wegen der Gasförderung ein zusätzliches Wirtschaftswachstum von 2 bis 3 Prozent, über drei Millionen neue Jobs und eine Verringerung des US-Defizits in der Leistungs­bilanz um 2,4 Prozent. Denn die USA ­sollen sich bis 2030 vom grössten Konsumenten zum grössten Exporteur von Treibstoff entwickeln.

Das hat kolossale Konsequenzen – von der Geopolitik bis zur US-Wirtschaft: Das günstige Gas, das im Verbrauch ein Zehntel von Erdöl kostet, könnte zu einer Reindustrialisierung der USA führen. Und ­allein von der Gasindustrie erwartet das Manhattan Institute in den nächsten zwanzig Jahren sieben Bil­lionen Dollar Wertschöpfung. Das Wort «Klima» kommt übrigens in der Studie nicht vor – zu Recht: Dank dem Ersatz von Kohle durch Gas ­haben die USA ihren CO2-Ausstoss bereits unter den Stand von 1990 gesenkt – also das Ziel des Kioto-Protokolls übertroffen, das sie nie unterzeichnet haben.

230 Milliarden Euro für 2 Prozent Strom

Die energiehungrige Welt bleibt auf Kohlenwasserstoffe angewiesen – auch wenn das Verbrennen CO2 erzeugt, das gemäss Konsens innerhalb des Klima­rates ­IPCC die Erde erwärmt. Das gilt selbst für das ­ökologisch vermeintlich vorbildliche Deutschland, das 230 Milliarden Euro in die Solarenergie gesteckt hat und damit ­gerade mal 2 Prozent seines Bedarfs deckt. «Was hätte man mit diesem Geld bei der Gasförderung machen können, wo die Deutschen wieder nur die Probleme sehen?», fragte Wolfgang Reitzle, CEO des Gasgiganten ­Linde, kürzlich an einem Symposium. Um die Industrie mit sicherer, günstiger Energie versorgen zu können, baut Deutschland derzeit 23 Kohlekraftwerke. Weltweit reichen die Kohlereserven für tausend Jahre, sagt ETH-Rektor ­Lino Guzzella: «Die Chinesen und die Inder werden sie verbrennen – und das ist ihr ­gutes Recht.»

Seit der Klimakonferenz in Kopenhagen von 2009 machen die Chinesen und Inder klar, dass sie sich nicht einschränken lassen. Und sie stellen den Konsens innerhalb des von Amerikanern und Europäern beherrschten IPCC in Frage. «Es braucht viel mehr Forschung, um offene Fragen zu ­klären», schrieben führende chinesische Klimaforscher in einer Studie von 2011. Und Chefunterhändler Xie Zhenhua sagte gar an Kon­ferenzen: «Es gibt alternative Positionen, die den Klimawandel auf ­na­türliche Prozesse zurückführen. Wir müssen offen bleiben.»

Bei der letzten Umweltkonferenz in Rio im Juni war das Klima denn auch kaum ein Thema. IPCC-Chef Rajendra Pach­auri ruft deshalb seine Leute zum Aktivismus auf: «Vergesst die Regierungen, wendet euch direkt an die Menschen!» Von den sieben Milliarden Menschen leben allerdings fünf Mil­liarden noch in Armut. Und um sich ­daraus herauszuarbeiten, brauchen sie: Energie.

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