Irland? Vergessen Sie es!

Von der Fussball-EM haben sich die Iren schnell verabschiedet. Dafür erfreuten sich die Reporter an den rotgesichtigen irischen Fans, die «The Fields of Athenry» grölten. Von kaum einem Land Europas gibt es so viele Klischees, die so falsch sind wie diejenigen von der Grünen Insel. Eine Richtigstellung.

Von Antje Joel

Irland? Vergessen Sie es! Vergessen Sie, was Sie je in einem rosenmäuligen Reiseführer über die Grüne Insel gelesen haben. Die Grüne Insel? Also bitte, die an gefühlten 353 Tagen ­alles beherrschende Farbe auf diesem Landklecks weit draussen im Atlantik ist Grau! Vergessen Sie, was Sie sich (mit Hilfe des rosenmäuligen Reise­führers und anderer irrer Geschichtenerzähler) über den Klecks zurecht­geträumt haben: dass es dort zwar meistens regnet. Aber dass der Regen in Irland romantisch ist. Dass die Menschen hier draussen noch freundlich, stets fröhlich und über jedes gewohnte Mass hilfsbereit sind. Ursprünglich irgendwie. Sozusagen naturbelassen. Und dass die Iren nicht zuletzt dieser schönen Naturbelassenheit wegen fast alle wahnsinnig musikalisch sind: Fiedelspielen, Blechflöteblasen, Bodhranschlagen, Riverdancen, das liegt den Iren im Blut. Wie das Geschichten­erzählen und das Guinness-Saufen. Oder? Vergessen Sie es. Alles Quatsch. ­Ausser das mit dem Saufen natürlich.

Mehr Geld für Bier als für Bildung

Die Kinder des Papstes, schreibt der irische Wirtschaftswissenschaftler David McWilliams in seinem gleichnamigen Bestseller, geben pro Kopf jährlich rund 1584 Euro für Alkohol aus. Da hält keine Nation auf der Welt mit. Allein für Starkbiere geben die Iren 1,6 Milliarden Euro im Jahr aus. Das sind 20 Prozent des weltweiten Marktes. Und 400 Millionen Euro mehr, als der Staat für die Erziehung und Bildung der Grundschulkinder des Landes pro Jahr ­übrig hat. Das ist zu merken. Von der ersten Grundschule, die zwei meiner Kinder in ­Irland besuchten, kamen sie oft in höchster Not heim. Sie brachten es in ihren zwei Jahren dort nicht ein einziges Mal über sich, die Schulklos zu ­benutzen. Die waren so renovierungsbedürftig wie das ganze Gebäude. Als in unserem ersten Winter die Temperaturen ein wenig in den ­Minusbereich fielen, blieb die Schule, wie die meisten im Land, zwei Wochen geschlossen. Sie hatten das Geld für die Heizung nicht. Oder sie erkannten die Schulhäuser endlich als unbeheizbar. Kommt ja aufs selbe raus. Gefroren hatten die Kinder schon vorher.

Wozu braucht Irland auch Schulen? Dieses Land, in dem das Saufen als ehrenhaft gilt. In dem mein 65-jähriger Vermieter sich wie ein Student damit brüsten kann, auch am vergangenen Wochenende seine drei Söhne wieder unter den Tisch gesoffen zu haben. Wozu Bildung für eine Nation, die es geschafft hat, dass die ganze Welt das für drollig hält. Für heimelig, originell. Für liebenswert. Irgendwie. Wozu Bildung, wenn sich mit diesem Ruf Mil­lionen Touristen anlocken lassen und sich Geld mit dem Verkauf von T-Shirts mit aufgedruckten Guinness-Gläsern und Sprüchen wie «Wenn Sie den Träger dieses ­T-Shirts finden, tragen Sie ihn bitte zurück in den nächsten Pub» machen lässt? Auch die Kinder haben das begriffen: Laut Statistik ist jedes dritte irische Teenagermädchen wenigstens zehnmal im Jahr stockbesoffen. Würden die Statistiker den Schweizern und Deutschen solche Zahlen, ­ihre eigenen Länder betreffend, um die Ohren hauen, schämten sie sich in Grund und Boden. Die Iren aber sind die Knuddelalkoholiker ­Europas. Als während der EM neulich Tausende rotgesichtiger irischer Fussballfans im Stadion von Posen den Hungersnot-Klassiker «The Fields of ­Athenry» grölten, während ihre Mannschaft ein um das andere Tor an die Spanier verlor, schäumte die deutsche Presse vor Rührung: «Danke, Irland! Das waren die schönsten ­Minuten der EM!» Na dann.

Und was ist mit der vielgepriesenen Freundlichkeit der Iren? Ihrem allseits gerühmten warmen Willkommen den Fremden gegenüber? Ernsthaft? Haben Sie vergessen, dass ­Irland eine (zumeist graue) Insel ist? Weit, sehr weit draussen im Atlantik. Abgeschottet vom Rest der Welt. Denken Sie an die versteckten Völklein im Amazonasdelta. Wenn bei denen plötzlich Vertreter anderer Kulturen hereinschneien, bittet das Völklein die Fremden mit offenem Herzen auf «Tee und Kekse» ­herein? Doch höchstens um die Herein­geschneiten auf deren eigene Verdaulich- ­respektive Verwertbarkeit abzu(s)ch(m)ecken. Na eben. In diesem Sinne: Das irische Synonym für «deutsch» ist «naiv». Hat mir ein Ire erzählt. Wenn ein Ire «Deutsche» hört, hört er: «Extraleicht übers Ohr zu hauen!» Ich weiss nicht, was das irische Synonym für «Schweizer» ist, aber wenn ich manchen Schweizer so froh verträumt über die Insel flanieren sehe, sehe ich keinen vernünftigen Grund zu der Annahme, dass es sich von dem für die Deutschen sehr unterscheidet.

Sorry, Schweizer. Ihr müsst das nicht persönlich nehmen. Es ist einfach nur so, dass die Iren jeden, der nicht in ­Irland geboren und auf­gewachsen ist, für ein bisschen blöde halten. Also, für blöd genug, um von ihnen übers Ohr gehauen zu werden. Er ist ja schon mal blöde genug, zu glauben, dass die Iren freundlich und hilfsbereit sind. Das verschafft ihnen ­einen enormen Vorteil.

Neulich, als ich mit einem irischen Freund in einem dieser schrecklich finsteren Pubs sass, in die mich in Deutschland keine zehn Pferde gebracht hätten, sprachen wir drüber. Wie die Iren alle anderen und sich gegenseitig immer, bei jeder Gelegenheit versuchen, zu bescheis­sen. Und dass darum kein Ire dem anderen traut. Nicht im Geringsten. Obwohl (oder auch weil) sie sich doch alle kennen. Und wie diese fortwährende, sich gegenseitige Bescheisserei eine Atmosphäre weit von der legendären ­Entspanntheit der Iren schafft. Nämlich: ein Allzeit-auf-der-Hut-Sein. «Das ist so anstrengend», sagte ich. «Kein bisschen entspannend.» – «Eben», sagte der Freund, «auch darum bin ich ja damals nach Neuseeland gegangen.» Und zwar: Vor dem kurzlebigen Wirtschaftsaufschwung und dann -absturz, von dem die Iren heute behaupten, dass er (zusammen mit den Briten natürlich) ihre einst so gemütliche Insel zu jenem Ganoven-Eldorado verdarb. Als habe es nicht vor Briten und Geld und dann dem ­erneuten Mangel an Geld schon ein gewisses Arschlochpotenzial gegeben. Der Freund blieb drei Monate auf der anderen Seite der Welt. Dann hatte er, nicht zuletzt über dem Loblied, das die Neuseeländer auf die Grüne Insel sangen, die Wirklichkeit weitgehend vergessen. Die Iren sind keine Kapazitäten in Integration.

Alles ist schön

«Bereicherung durch fremde Kulturen» ist ein Konzept, bei dessen Erwähnung der Ire «Bahnhof» versteht. Auch das muss niemanden überraschen. Irland ist klein. Mit einer ­Population von knapp fünf Millionen. Weite Teile der Bevölkerung weisen eine Zahnfehlstellung auf, die mir ein Besitzer dieser Fehlstellung einmal als «Inzestfolge» erklärte. Zu Demonstrationszwecken warf er den Kopf in den Nacken, riss den Mund auf und zeigte auf seinen nagetierhaft engen Oberkiefer. Der Mann war Wissenschaftler, er musste es wissen. Er sagte noch, jungen Paaren werde seit ein paar Jahren von der Regierung geraten, sich vor einer möglichen Heirat einem Gentest zu unterziehen. Um die weitere Ausbreitung der Fehlstellung zu unterbinden.

Allein, um eine erfolgreiche Erweiterung des irischen Genpools darf man sich sorgen. Klassenkameraden meines 16-jährigen Sohnes kichern, wenn sie auf Schulbuchseiten einen Menschen mit schwarzer Hautfarbe sehen. Ein polnischer Schüler wurde jüngst von einer irischen Mitschülerin «Ausländer-Bastard» genannt. «Fette Kuh!», schoss der Pole zurück. Einer von beiden wurde rausgeschmissen. ­Raten Sie mal, wer. Eine irische Bekannte hat ­Babys aus Russland adoptiert. Mittlerweile sind es zwei junge Teenager mit fast ausschliesslich irischer Geschichte und klangreinem irischen Akzent. Und doch, seit die Mitschüler Wind bekamen, dass die beiden nicht «reine Iren» sind, machen sie den «Russen-Ärschen» das Leben zur Hölle. Ihrer irischen Mutter natürlich auch. Wenn das so weitergeht, werden die Iren in ferner Zukunft trotz guten Zuredens des Familienministeriums wie Kaninchen aussehen. Macht nix. Wir anderen, Blöden, finden auch das dann noch schön.

Alles, was Irland ist, ist schön. Und romantisch. Irgendwie. Alkoholismus, enge, kurvige und mit Schlaglöchern perforierte Strassen, der Regen, die Tatsache, dass siebzig Prozent der Bevölkerung über vierzig kaum noch ­Zähne im Mund haben oder kaninchenhaft eng nebeneinander. Und natürlich! Die komische Musik. Diddel di diddel di dainden da, diddeldidaindenda – ja, das geht in die Beine. Und wenn man es lange genug hört, schlägt’s einem auch aufs Gehirn. Natürlich, es gibt ganz anders klingende irische Sänger und Bands: Imelda May, Cathy Davey, Jerry Fish & The Mudbug Club. Doch die sind jenseits von Irland kaum einem bekannt. Stattdessen scheint es eine globale Vereinbarung darüber zu geben, traditionell irische Musik prima zu finden. Ich gehe jede Wette ein, dass die leidenschaftlichen Lieb­haber dieser ewig gleich gefiedelt-geflöteten jigs and reels keine glühenden Verfechter der eigenen Volksmusik sind. Die finden sie sicher dröge und spiessig. Das ist sie ja auch. Die Iren aber haben das Kunststück fertiggebracht, ihr Psycho-Gediddel in die ganze Welt hinauszukatapultieren und zu etablieren. So wie die Irish pubs. In diesen barock-hölzernen Katakomben forcierter Geselligkeit von Zürich Zentrum bis Berlin Mitte ist Spiessbürgertum plötzlich en vogue. Warum?

Warum will man den Iren mehr nachsehen, als man bereit ist, anderen nachzusehen? Muss man doch nicht. Muss weder die verstaubte Geselligkeit, die sie exportieren, verklären noch ihre kaputten Strassen und Zähne, und auch nicht das Saufen und den Regen. Schon gar nicht ihren enervierenden Hang zu Bescheis­sereien. Zu viel Nachsicht mit Menschen zu haben, bedeutet: sie nicht ernst zu nehmen. Bedeutet: sie so zu sehen, wie wir sie gerne ­hätten. Statt so, wie sie tatsächlich sind. Verklärung mag den Verklärten gefallen. Zur Entwicklung verhilft sie ihnen nicht.

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